Requiem

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Ein toter Ritter auf der Suche nach seiner Identität: In einer trostlosen, toten Welt, bevölkert von Dämonen und Monstern, sucht ein gefallener Krieger nach seiner letzten Ruhestätte. Eine vorbeiziehende gemeine Wanderkrähe erweckt in dem Verstorbenen eine ferne Erinnerung an sein verflossenes menschliches Dasein. Beseelt vom Bedürfnis, mehr über sich selbst zu erfahren, folgt er dem Flug der Krähe durch die garstigen und gefährlichen Totenlande. Es liegt eine lange Reise vor ihm, aber mit jedem Schritt werden ihm Bruchstücke aus seiner früheren Existenz bewusst. Doch ein streitsüchtiger Ziegendämon hat sich an seine Versen geheftet, fest entschlossen, den Suchenden zum Duell herauszufordern. (Verlagstext)

Nach seinem Debütalbum Lila, in dem Mitringer die phantastischen Abenteuer eines kleines Mädchens schildert, hat er in Requiem einen toten Ritter als Helden gewählt. Der ist auf der Suche nach Ereignissen aus seinem erloschenen Leben, um festzustellen, ob er eine bedeutende Persönlichkeit, oder einfach nur ein langweiliger Durchschnittsmensch gewesen ist. Fredrick – ein Bekannter aus seinem früheren Leben, den er dabei trifft – mahnt ihn zwar, keine schlafenden Hunde zu wecken und rät: Ich weiß, du hast hohe Erwartungen an dich selbst, aber versuch nicht zu streng zu dir zu sein. Schließlich warst du auch nur ein Mensch. Aber Menschen sind eitel und neugierig, und so zieht unser Ritter weiter.

Auf den überwiegend schwarzweiß gezeichneten Seiten – Farbe gibt es nur in den kurzen Episoden, in denen Erinnerungen aus dem vergangenen Leben auftauchen – muss sich der tote Krieger mit allerlei Monstern und Fabelwesen rumschlagen. Manche sind hilfreich, andere nicht. Ganz allerliebst ist hier der Basilisk mit den Scheinwerferaugen. Anklänge an Joann Sfar sind nicht zu übersehen, aber die Landschaften sind angenehm bizarr gezeichnet, das Layout abwechslungsreich, und so ist alles vorhanden, was man für einen Fantasy braucht, der nicht immer logisch zu lesen, aber grafisch interessant gestaltet ist. Und wie bei Lila ist auch das Cover dieses Albums besonders hübsch geworden.

Albert Mitringer: Requiem
186 Seiten, gebunden, 25,- Euro, Zwerchfell, ISBN 978-3-943547-54-2
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Verwandlung

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Nein, es geht hier nicht um Gregor Samsa, diese tragische Figur aus Kafkas Erzählung Die Verwandlung. Hier geht es um eine weniger bekannte Novelle der Frankenstein-Autorin Mary Shelley: Ein ausgestoßener, mittelloser, junger Mann wird Zeuge eines Schiffsunglücks an der Küste der Riviera. Aus dem Wrack rettet sich nur ein missgestalteter Zwerg mit einer Seekiste. Der junge Mann klagt ihm sein Leid und der Zwerg bietet ihm einen seltsamen Tausch an: Wenn er für drei Tage die schöne Gestalt des jungen Mannes annehmen darf, so bekommt dieser zur Belohnung den Schatz, der sich in der Seekiste befindet. Der junge Mann willigt ein, doch nach drei Tagen ist der Zwerg noch nicht zurückgekehrt. Im Körper des Zwergs folgt er dessen Spur und stößt auf immer mehr Vorzeichen einer nahenden Katastrophe … (Verlagstext)

Was man in seiner Verzweiflung so alles annimmt. Dabei weiß doch jeder, der Märchenbücher oder Börsennachrichten liest, dass großzügige Angebote immer böse enden. Doch die Verzweiflung lässt den jungen Dandy zu jedem Strohhalm greifen, denn er ist verliebt – und was (für ihn) schlimmer ist: Er ist ruiniert. Als Erbe eines reichen Vaters hatte er viel Geld. Doch das Lotterleben in den Pariser Bars hat mehr gekostet, als er am Ende aufbringen konnte. Und ohne Kohle braucht er sich bei der Dame seines Herzens nicht blicken lassen – und bei ihrem Vater schon gar nicht.

Die freischaffende Illustratorin Lara Swiontek hat mit dieser Graphic Novel ihre Diplomarbeit an der Hochschule Wismar abgelegt. Sie gibt den Bildern viel Raum, strukturiert die Geschichte gut, geht angenehm sparsam mit Text um und zeichnet den Zwerg so zerknittert, dass man die Leiden des jungen Mannes nachvollziehen kann. Dazu entwickelt sie viele grafische Ideen, zieht Bilder auch mal über zwei Seiten und hält sich nicht an die konventionelle Panelaufteilung. Die Geschichte ist weder so schaurig wie Frankenstein und steckt lange nicht so voller Verzweiflung wie die von Kafka, wird aber spannend erzählt und liest sich sehr flüssig. Und die abwechslungsreiche Grafik macht Lust auf weitere Comics von dieser Zeichnerin.

Lara Swiontek, Mary Shelley: Verwandlung
192 Seiten, gebunden, 26,- Euro, avant, ISBN 978-3-96445-061-6
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Bartleby, der Schreiber + Moby Dick

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Zwei starke Adaptionen von Geschichten des US-Autors Herman Melville (1819 – 1891). In einem Büro an der Wall Street wird ein junger Mann als Schreibhilfe eingestellt. Sein Name ist Bartleby, und als gewissenhafter, strebsamer und unermüdlicher Angestellter ist er beliebt bei Arbeitgeber und Kollegen gleichermaßen. Doch aus heiterem Himmel verweigert Bartleby sich jeder weiteren Arbeit mit der höflichen Begründung: »Ich möchte lieber nicht«. Und er weigert sich nicht nur zu arbeiten, schon bald verlässt er auch das Büro nicht mehr… (Verlagstext).

Warum weigert er sich? Melville schrieb diese Geschichte als eine Art Parabel auf einen expandierenden Kapitalismus, der Menschen lediglich auf ihre gewinnbringenden Funktionen degradiert. So beginnt das Album auch mit einem Auszug aus Henry David Thoreaus Essay Pflicht zum Ungehorsam: Die Masse der Menschen dient dem Staat, nicht jedoch in erster Linie als Menschen, sondern als Maschinen… Bartleby will sich dieser reinen Funktionalität verweigern. Nicht wild und gewalttätig, sondern ruhig, aber entschlossen.

Die grafische Umsetzung übernimmt hier José Luis Munuera, der nicht nur Spirou-Alben bebildert, sondern auch den ebenso schönen wie schaurigen Fantasy Das Zeichen des Mondes in Szene gesetzt hat. Im vorliegenden Album zeigt er wieder seine Vorliebe für großzügige Seitenaufteilungen und große Figuren. Und weil in diesem Album viel spazieren gegangen wird, gibt es auch schöne Stadtansichten von New York. Für Literatur- und Comicfans gleichermaßen interessant.

José Luis Munuera, Herman Melville: Bartleby, der Schreiber
Aus dem Französischen von Tanja Krämling
72 Seiten, gebunden, 18,- Euro, Splitter, ISBN 978-3-96792-168-7
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Melvilles Moby Dick scheint ein Lieblingsbuch von Comiczeichnern zu sein. Es gibt Adaptionen von Pierre Alary, von Christophe Chabouté und – eine ausführlichere – von Isaac Wens. Jetzt also auch Bill Sienkiewicz, und es dürfte keine Überraschung sein, dass das die abgefahrenste von allen ist (wobei die anderen auch nicht schlecht sind). Die Geschichte ist bekannt: Kapitän Ahab jagt den großen Wal, der ihm vor Jahren ein Bein abgebissen hat. Und wo ist hier der Unterschied zu den anderen Adaptionen?

Mit seiner Fassung von Melvilles Meisterwerk »Moby Dick« beweist der legendäre Comic-Künstler Bill Sienkiewicz seinerseits eine unerreichte Meisterschaft der Neunten Kunst. Scheinbar spielerisch oszilliert er zwischen Karikatur und Realismus, zwischen Montagetechnik und Schraffur und verleiht seiner Reduktion des literarischen Stoffes einen unwiderstehlichen Sog. Soweit der Verlagstext, dem man inhaltlich rundum zustimmen kann (von dem verschwenderischen Umgang mit Adjektiven einmal abgesehen).

Wobei der mit diversen Preisen geehrte Sienkiewicz kein Comiczeichner im eigentlichen Sinne ist – er ist mehr Illustrator. So gibt es in diesem Album keinerlei Interaktion zwischen den Figuren, weder Sprechblasen, noch Panels. Es gibt einen erzählenden Fließtext, der in kleinen Happen in, über, unter und zwischen die Illustrationen gelegt wird, mit denen der US-Amerikaner die Geschichte bebildert. Diese Illustrationen sind es, die den Reiz dieses Albums ausmachen. Im Grunde könnten die meisten von ihnen für sich alleine stehen. Klasse konzipiert und stark layoutet, und zusammen mit den anderen Adaptionen ein Beispiel dafür, wie unterschiedlich man literarische Vorlagen grafisch interpretieren kann, ohne dass eine schlechter wäre als die andere.

Bill Sienkiewicz, Herman Melville: Moby Dick
Aus dem amerikanischen Englisch von Gerlinde Althoff
48 Seiten, gebunden, 16,- Euro, Splitter, ISBN 978-3-96792-167-0
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