Simón Radowitzky

comotto-radowitzkyVerlagstext: Sein turbulentes Leben (1891–1956) beginnt in einem russischen Schtetl, wo ihn die Kinderarbeit und die antisemitischen Pogrome durch Kosaken radikalisieren. Nach der gescheiterten Revolution 1905 flüchtet er nach Argentinien und findet bald Anschluss an die starke anarchistische Bewegung dort. Bei einer Demonstration am 1. Mai 1909 werden 100 Arbeiter erschossen und Simon Radowitzky beschließt, sich mit einer Bombe am Einsatzleiter Oberst Falcon zu rächen. Es folgen turbulente Zeiten, mit einem langen Aufenthalt als Gefangener in Ushuaia (Patagonien), der Teilnahme an der Spanischen Revolution ab 1936 und der erneuten Flucht nach Mexiko, wo er 1956 stirbt.

Anfang des 20. Jahrhunderts war in Europa einiges durcheinander. Erster Weltkrieg, Russische Revolution, Spanischer Bürgerkrieg, Zweiter Weltkrieg, und allerorten Pogrome gegen Juden. Simón Radowitzky war Jude und Anarchist, wobei er es mit der Religion nicht so hatte. Sein Vater erzog ihn streng gläubig, doch als dem jungen Simón ein Buch des russischen Anarchisten Pjotr Kropotkin in die Hände fällt, kann er damit mehr anfangen als mit der Tora. Dazu kommt die Erfahrung, dass er sich schon als Kind gegen die Schergen des Zaren wehren muss. So beginnt seine – oft unfreiwillige – Flucht durch mehrere Länder und durch die Freiheitskämpfe der damaligen Zeit.

Solche Biografien sind interessant, weil sich in ihnen nicht nur individuelles, sondern das gesellschaftliche Leben einer ganzen Epoche spiegelt. Autor Agustín Comotto erzählt das sehr geschickt. Er entwickelt Spannung durch Verschachtelung der Zeitebenen, ohne dass der Leser dabei die Linie verliert. Und die eher durchschnittlichen Schwarzweiß-Bilder werden immer da richtig stark, wo sie durch Rottöne zusätzlich Atmosphäre bekommen. Eine spannend und lebensnah erzählte Geschichte über einen Menschen, der in wirren Zeiten eine klare Linie verfolgt, frei adaptiert nach Augustin Souchys Erzählung Ein Leben für ein Ideal.

Agustín Comotto: Simón Radowitzky – Vom Schtetl zum Freiheitskämpfer
280 Seiten, gebunden, 26,- Euro, bahoe, ISBN 978-3-903290-06-8

Werbeanzeigen

Nada

cabanes-nadaVerlagstext: Eine sechsköpfige, linksextreme Terrorgruppe, die zu Beginn der 70er Jahre in Paris einen wagemutigen Plan fasst: Sie werden den amerikanischen Botschafter kidnappen. Während er ein einschlägiges Rotlicht-Etablissement besucht, schlagen sie zu. Und es läuft wie am Schnürchen. Doch die Probleme fangen damit erst an, denn sofort beginnt eine gnadenlose Jagd auf die »Anarchisten«. Und das bestenfalls brüchige Bündnis der sechs Aktivisten droht unter dem Druck zu zerbersten. Max Cabanes ist durch seinen unverwechselbaren, expressiven Stil in Frankreich ein echter Star der Comicszene und auch hierzulande schon seit seinen (leicht frivolen) Kindheits- und Jugenderinnerungen in »Herzklopfen« ein Begriff. »Nada«, seine dritte Adaption eines Werkes von Krimi-Romancier Jean-Patrick Manchette (1974 von Claude Chabrol auch schon verfilmt), ist ein neuerliches Beispiel für Cabanes‘ Kunstfertigkeit, nun endlich im angemessenen Großformat – ein packender Noir-Thriller, der seinesgleichen sucht.

Erfreulich, dass es ein Album von Cabanes mal wieder nach Deutschland geschafft hat. Der Mann kann ebenso gut erzählen wie zeichnen und hat seinen Stil seit Herzklopfen und Die Zeit der Halbstarken, die in den 1990er Jahren bei Carlsen erschienen sind, weiterentwickelt. Weniger glatt und figurativ wie in den genannten Bänden (und die waren schon klasse), zu einem mehr gescribbelten Strich mit viel Dynamik – so kommt Nada rüber. Und das passt.

Die Story lebt von den Widersprüchen, die durch die unterschiedlichen politischen Ansichten der Entführer entstehen, und von Kommissar Zufall, der ihrem Plan fett in die Suppe spuckt. Für Action ist gesorgt, Anleihen an die typischen französischen Noir-Filme gibt es reichlich, die Dialoge halten sich nicht mit Nebensächlichkeiten auf – ein fetziges und klasse gezeichnetes Album mit originellen Schluss. Das einzige, was nervt, sind die gelegentlich etwas hölzern wirkenden Erzähltexte.

Max Cabanes, Jean-Patrick Manchette, Doug Headline: Nada
192 Seiten, gebunden, 35,- Euro, Splitter, ISBN: 978-3-96219-296-9
> Leseprobe

Hawking

myrick-hawkingVerlagstext: Sein Leben und sein Werk faszinieren bis heute Millionen: Stephen Hawking hat es wie niemand zuvor vermocht, unsere Phantasie über die Entstehung des Universums und über unseren Platz darin zu entflammen… Die preisgekrönten Autoren dieser Graphic Novel erzählen seine Geschichte, von der Kindheit bis zum Ende seines Lebens: In ihrer brillant gezeichneten Bildergeschichte bringen sie uns das Menschheitsgenie nahe. Für diese besonderen Einblicke in Stephen Hawkings Welt haben Ottaviani und Myrick jahrelang recherchiert und unter anderem Tausende von Fotos an Originalschauplätzen gemacht, um ihre Zeichnungen und Texte authentisch zu gestalten. Dies ist ein Buch für junge und erwachsene Leser, für alle, die den großen Menschen und Wissenschaftler in einer neuen Perspektive kennen lernen möchten.

Stephen Hawking war faszinierend. Nicht nur der Physiker, sondern vor allem der Mensch, dieses Skelett mit ein paar Klamotten drumrum und einem Hirn, das dem der meisten von uns weit überlegen war – dieser Gegensatz aus körperlichem Zerfall und geistiger Brillanz war es, der viele dazu animiert hat, seine Bücher zu kaufen. Um nach 20 Seiten Lektüre frustriert festzustellen, dass es tatsächlich zu anstrengend ist, ihm geistig zu folgen. Wonach das Buch größtenteils ungelesen im Regal verstaubte.

Das wird auch mit diesem Comic passieren. Man erfährt das ein oder andere Detail aus Hawkings Leben. Hawking kommt sympathisch rüber, ist selbstkritisch, kann Fehler eingestehen und über sich selber lachen. Hauptsächlich erleben wir ihn aber in Diskussionen mit Freunden und Kollegen. In Diskussionen über Strahlung und Unschärferelationen, Quanten und Ereignishorizonte, Antiteilchen und Entropie… Das hat seine Berechtigung, schließlich bestand Hawkings Leben (auch seine Freizeit) genau daraus. Aber: siehe oben.

Man kann es natürlich auch quer lesen. Die wissenschaftlichen Seiten überfliegen. Es ist bewundernswert, wie er mit seiner sich ständig verschlimmernden Krankheit umging und immer wieder Lösungen entwickelte, um trotz allem weiter arbeiten zu können. Falls ihr also seine Kurze Geschichte der Zeit ohnehin schon im Regal stehen habt: Diese Comicbiographie macht sich daneben hervorragend.

Leland Myrick, Jim Ottaviani: Hawking
304 Seiten, gebunden, 26,- Euro, Rowohlt, ISBN: 9783-498-001360