Leichte Beute

prado-leichte-beuteMiguelanxo Prado ist ein vielseitiger Künstler. Der mit so ziemlich allen wichtigen Comic-Preisen ausgezeichnete Spanier hat so unterschiedliche Alben vorgelegt wie De Profundis (Fantasy), Peter und der Wolf (Adaption), Berührungen (Erotik), Der tägliche Wahn (Satire) und sein wunderschönes Ardalén, in dem sich alles um das Thema Identität und Erinnerung dreht.

Sein neues Album Leichte Beute ist ein Krimi, komplett in Schwarzweiß gehalten. Prado setzt sich darin mit den Auswirkungen von Investmentbanking und spekulativen Immobilien-Geschäften auseinander, die in den USA und Europa dazu geführt haben, dass viele Menschen finanziell ruiniert wurden, teilweise sogar ihre Wohnungen verloren.

Die Banker kassierten dagegen fette Boni und machten sich damit sehr unbeliebt. So ist es kein Wunder, dass Kommissarin Tabares und Kommissar Sortillo den Tod eines Mitarbeiters der Banco Ovejero aufklären müssen. Wahrscheinlich wurde er vergiftet. Doch bevor sie auch nur halbwegs alle Fakten beisammen haben, trifft es den nächsten: José Manuel de la Villa wird von einem Auto angefahren und stirbt im Krankenhaus. Die Kommissare hoffen, das es sich um einen Unfall handelt. Ansonsten müssten sie von einem Serientäter oder Terroristen ausgehen. Keine angenehme Vorstellung.

Prado erzählt hier eine Geschichte der Rache und präsentiert einen Plot, den man so nicht erwartet. Das ist ebenso originell wie politisch unkorrekt und erfrischend zu lesen. Seine Figuren mit ihren vom Leben gezeichneten Gesichtern kommen wie immer absolut authentisch rüber. Nur das lieblose Schreibmaschinen-Lettering passt nicht wirklich zu den gefühlvollen Bleistift-Zeichnungen.

Miguelanxo Prado: Leichte Beute
96 SW-Seiten, HC, 18,- Euro, Carlsen, ISBN 978-3-551-73428-0
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Ar-Men

lepage-ar-menDie Alben von Lepage haben mir schon immer gefallen. Vor allem, nachdem sie nicht mehr in kleinem Book-, sondern in großem Splitter-Format erscheinen. Seine Reportagen über seine Reisen in die Antarktis (Reise zum Kerguelen-Archipel, Weiß wie der Mond) waren nicht nur spannend zu lesen, sondern auch pure Augenweiden. Und sein Ausflug nach Tschernobyl hat zwar nicht mehr viel Sinn gemacht, aber die Bilder waren auch hier erstklassig (Ein Frühling in Tschernobyl). Daneben waren es natürlich auch die ungewöhnlichen und unwirtlichen Orte, die die Faszination seiner Alben ausgemacht haben.

Ar-Men ist ein ödes Stück Fels, und ein ziemlich kleines dazu. Es liegt weit vor der bretonischen Küste in der Nähe der Île de Sein. Das bisschen Gestein wäre nicht der Rede wert, stünde darauf nicht ein 29 Meter hoher Leuchtturm, der zu den abgelegensten und unzugänglichsten Leuchttürmen der Welt zählt. Nachdem vor der Küste immer wieder Schiffe an den Riffen zerschellt waren und Sturmfluten das nahe gelegene Dorf überflutet hatten, wurde sein Bau 1867 beschlossen, um passierenden Schiffen Licht und Orientierung zu geben. Bis zu seiner Fertigstellung auf dem glitschigen und algenverschmierten Stück Stein vergingen fast 15 Jahre.

Lepage schildert in diesem Album die Entstehung des Leuchtturms und macht das wie immer sehr geschickt: Er lässt einen Leuchtturmwärter erzählen, setzt Rückblenden ein, integriert Mythen und Geschichten und lässt vor allem seine großartigen Bilder sprechen. Wie er das Licht in die Wellen und den Leuchtturm zaubert, das ist einfach vom Feinsten. Die unterschiedlichen Erzählebenen trennt er durch unterschiedliche Kolorierungen, oft auch durch unterschiedliche Zeichenstile. Und neben den tollen Bildern gibt es die Geschichte eines Mannes, der sich in diesen abgelegenen Turm zurückgezogen hat, um zu sich selbst zu finden. Schön wie immer.

Emmanuel Lepage: Ar-Men
96 Seiten, HC, 19,80 Euro, Splitter, ISBN 978-3-96219-130-6
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Azrayen + Quintett

lax-azrayen1954 startete der militärische Arm der Front de Libération Nationale (FLN) den bewaffneten Aufstand gegen die französische Kolonialherrschaft. Der Algerienkrieg begann. Die FLN kämpfte für die Unabhängigkeit und verübte dazu auch Attentate. Die Franzosen massakrierten aus Rache ganze Dörfer. Und irgendwann verschwand eine komplette Einheit französischer Soldaten in den unwegsamen Bergen der Kabylei. Es gab keinen Kontakt mehr zu ihnen – und damit zwei mögliche Szenarien: Sie hatten sich in den Bergen verirrt, oder sie waren tot. Letzteres schien am wahrscheinlichsten, denn wenn sie sich verirrt hätten, hätten sie zumindest per Funk noch eine Verbindung herstellen können.

Um Klarheit zu bekommen, wird ein Suchtrupp losgeschickt. Keine leichte Aufgabe, denn die Unterscheidung von Freund und Feind ist in diesem unwegsamen Gelände nicht einfach, und die Dorfbewohner erweisen sich als wenig gesprächig. Dazu kommt, dass Hauptmann Valera dem zwielichtigen Tirard, der ihm als Guide zugewiesen wurde, nicht traut. Und dann ist da noch die Frau, die früher mit dem Anführer der verschwundenen Truppe zusammen war. Welche Interessen verfolgt sie?

Max-und-Moritz-Preisträger Frank Giroud (Galkiddek) erzählt die Geschichte gewohnt routiniert und verarbeitet auf sehr freie Weise Kriegserlebnisse seines Vaters. Lax (Hot Rock, Ein Mann namens Cervantes) bringt die Atmosphäre der Bergdörfer schön auf die Seiten. Dass er Landschaften kann, hat er schon in seinem wunderbaren Cervantes gezeigt. Irritierend sind gelegentlich seine sandfarbenen Kolorierungen, die Hitze und Sonne implizieren, obwohl es in den Bergen empfindsam kalt ist. Comicplus+ hat diese Hardcoverausgabe auf 1000 Exemplare limitiert.

Lax, Frank Giroud: Azrayen (Gesamtausgabe)
144 Seiten, limitiert, HC, 34,- Euro, comicplus+, ISBN 978-3-89474-304-8
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bonin-quintettDer Verlag schriebt: Mazedonien, im Kriegsjahr 1916. Auf einem Militärflugplatz führt das Schicksal vier Menschen zusammen. In ihrer Erinnerung werden sie später die Zeit ganz unterschiedlich beschreiben, doch keiner erfasst, was sich in jenen Tagen wirklich abgespielt hat. Eine eindrucksvolle Studie über das Wesen von Wahrnehmung und Wahrheit. Auf 700 Exemplare limitierte dreibändige Gesamtausgabe.

Und zwar der erste von insgesamt drei Bänden, um genau zu sein. Was an dieser Reihe besonders gefällt, ist, dass zwar alle sechs Bände (je zwei pro Gesamtausgabe) von Giroud geschrieben, aber jeder von einem anderen Zeichner zu Papier gebracht wurde. Im vorliegenden ersten Band teilen sich Cyril Bonin (Wer Wind sät) und Paul Gillon die Arbeit. Das sorgt für Abwechslung, und wird später noch durch Steve Cuzor, Jean-Charles Kraehn und Giancarlo Alessandrini ergänzt. Da manche Figuren in mehreren Bänden vorkommen, müssen sie dann auch von wechselnden Künstlern gezeichnet und interpretiert werden. Das gibt ihnen eine zusätzliche Note.

Cyril Bonin, Paul Gillon, Frank Giroud: Quintett (GA Band 1)
144 Seiten, limtiert, HC, 34,- Euro, comicplus+, ISBN 978-3-89474-303-1
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