Bei mir zuhause

stulin-bei-mir-zuhauseIhr voriges Album The Right Here Right Now Thing hatte ich als frisch, spritzig und lebensfroh charakterisiert. Exakt das beschriebt auch ihr neues Werk – wobei sie in diesem Fall neben den spitzigen Gurkenscheiben auch mal in weniger appetitliche Dinge beißen muss. Was da aber in der Natur der Sache liegt. Verlagstext: Wie fühlt es sich an, in den späten Zehnerjahren des 21. Jahrhunderts auf der Welt zu sein? Auf diese Frage gibt es 7 Milliarden Antworten und eine davon ist die Graphic Novel von Paulina Stulin… Liebeskummer, Fressflashs, Philosophie und Psychedelika – es geht ums Banale und ums große Ganze, um Hedonismus und politisches Aufbegehren, um Achselhaare und AfD. „Bei mir zuhause“ ist ein Erfahrungbericht übers Menschsein in all seiner Peinlichkeit und Erhabenheit, erzählt aus einer radikalen Egoperspektive… Mal albern, mal ernst, aber immer aufrichtig… auf der Suche nach einem besseren Leben scheiternd und triumphierend zwischen Minderwertigkeitsgefühl und Größenwahn…

Es gibt wunderbare Szenen in diesem Album: Der Blonde, den sie abschleppt, dann aber doch sausen lässt, weil er nicht in der Lage ist, coole Musik aufzulegen und sie statt dessen mit von idiotischer Werbung regelmäßig unterbrochenem Mainstream-Müll aus dem Radio berieseln will. Die Party, auf der sie sich mit einem Typen anlegt, der nicht begreift, wie rassistisch sein Gelaber ist (gar nicht davon zu reden, wie elegant sie AfD-Flugis zu entsorgen weiß). Der widerwillige Versuch, ihre langsam auseinanderdriftenden Körperkonturen wieder in Form zu bringen, weil das in Widerspruch zu ihrem feministischen Selbstverständnis steht: Schade, dass Abnehmen unter diesen Umständen automatisch den Charakter von Unterordnung hat.

Die Zeichnungen wirken im Gegensatz zu ihrem vorigen Album grobflächiger, massiger, was mir weniger gefällt, aber es passt zum Thema. Das Thema ist ihr Leben, und Leben ist selten filigran. Alle paar Seiten zaubert Stulin dem Leser ein sattes Grinsen ins Gesicht, weil sie Situationen beschreibt, die typisch für diese Welt (und einen selber) sind. Ich war nicht gut drauf, als ich das Album angfing und hatte so gar keine Lust auf einen 600-Seiten-Wälzer, aber am Ende war meine Laune glänzend und ich dachte: Wow – you made my day, Paulina! Das muss nicht jedem so gehen, aber wer authentische Geschichten mag, wer nacherleben will, welche Themen unser Leben in den letzten Jahren bestimmt haben (und wie man damit umgehen kann – oder eben nicht): Ist zwar teuer, aber macht Spaß.

Paulina Stulin: Bei mir zuhause
600 Seiten, gebunden, 35,- Euro, Jaja, ISBN 978-3-948904-00-5
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Ausnahmezustand

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Der New Yorker Zeichner James Sturm, der u.a. bei Art Spiegelmans Magazin RAW mitgearbeitet hat, ist hierzulande durch sein Album Markttag bekannt geworden. In Ausnahmezustand beschreibt er den Alltag eines Menschen, dessen Leben gerade vielen Veränderungen unterworfen ist. Verlagstext: Wie konnte das passieren? Diese Frage beschäftigt 2016 nach der Präsidentschaftswahl in den USA nicht nur die halbe Welt, sondern auch Mark, der mit dem Zerfall seiner Beziehung fertig werden muss. Zwischen Trauer und Wut, zwischen Lähmung und dem Versuch, sein Leben neu aufzustellen, erlebt der zweifache Vater zärtliche Momente mit seinen Kindern – Vorfreude auf den Weihnachtsmorgen, Kekse nach einem nächtlichen Wutanfall. Hoffnung bleibt bestehen, obwohl die Zeit stillzustehen scheint.

Mark hatte sich am Anfang der Wahlkampagne 2006 mit seiner Frau für Bernie Sanders engagiert – gegen Donald Trump. Als Sanders aus dem Rennen war, unterstützte seine Frau Hillary Clinton. Was James auch heute noch nicht versteht: Klar, Trump ist ein Arschloch auf zwei Beinen, aber Hillary ist einfach derselbe alte Mist nochmal.

Inzwischen sind sie nicht mehr zusammen, die Trennung läuft, die Formalitäten müssen über die Bühne gebracht, die Kids versorgt werden. Dazwischen nervt sein Geschäftspartner Mick, der sich erstens selten auf der Baustelle sehen lässt, und zweitens mit ausstehenden Zahlungen nicht rüberkommt. Und dann ist da noch das Problem mit seinen Eltern.

Im Grunde also alltägliche Situationen, mit denen Mark sich rumschlagen muss. Aber klasse erzählt, und die schwarzweiß gezeichneten Menschen sind mit ihren Tierköpfen eine Nummer für sich. Die Mimik der Kids ist zum Knutschen. Eine starke, kontemplativ erzählte Geschichte, die nie langweilig wird.

James Sturm: Ausnahmezustand
216 Seiten, gebunden, 34,- Euro, Reprodukt, ISBN 978-3-95640-231-9
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Isadora

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Mal wieder eine Biografie über eine interessante Frau. Diesmal die über die Tänzerin Isadora Duncan, die Anfang des 20. Jahrhunderts die europäische Kunstszene aufmischte. Verlagstext: Wie Pablo Picasso trifft auch die Amerikanerin Isadora Duncan zur Zeit der Weltausstellung von 1900 in Paris ein. Dort entdeckt sie die Skulpturen von Auguste Rodin – eine Offenbarung! Sie, die an das Schönheitsideal der Griechen glaubt, möchte nun Leidenschaft kennenlernen, wie Rodin sie in Marmor schlug. Vor allem Ekstase. Isadora Duncan entwickelt einen eigenen Tanzstil und feiert mit Anfang zwanzig erste künstlerische Erfolge in London. Später gilt sie als Wegbereiterin des modernen sinfonischen Ausdruckstanzes, entwickelt ein neues Körper- und Bewegungsempfinden und versucht, klassische Konzertmusik tänzerisch umsetzen, indem sie den Tanz der Antike wiederaufleben lässt. Nach “Pablo” widmen sich Autorin Julie Birmant und Zeichner Clément Oubrerie mit “Isadora” nun einer weiteren prägenden Persönlichkeit des frühen Zwanzigsten Jahrhunderts.

Ein Comic über eine Tänzerin, da fällt einem automatisch das kultige Album Polina ein, in dem Bastien Vivès die Geschichte einer jungen Ballerina erzählt. Ganz so stark wie Vivès ist Julie Birmant als Szenaristin allerdings nicht. Es ist ähnlich wie beispielsweise in den Biografien über Basquiat oder Kusama: Wenn man bereits halbwegs mit dem Werk der Künstlerin vertraut ist und die einzelnen Stationen ihres Lebens einzuordnen weiß, kommt es prima. Wenn nicht, hängen manche Szenen etwas in der Luft.

Was echt klasse ist, sind die Zeichnungen von Clément Oubrerie, der außer dem Leben von Pablo Picasso auch das von Jugendlichen an der Elfenbeinküste in dem Mehrteiler Aya in Szene gesetzt hat. Schon alleine die Motive auf dem Vorder- und Rückseitencover von Isadora sind super. Bewegung mit Schwung und Eleganz, Bewegung als hingebungsvoller Rausch – das kann er. Wer sich schon länger für das Leben dieser Tänzerin (oder für Tanz im Allgemeinen) interessiert, findet hier eine stark gezeichnete Geschichte dazu.

Clément Oubrerie, Julie Birmant: Isadora
140 Seiten, gebunden, 24,- Euro, Reprodukt, ISBN 978-3-95640-232-6
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