Der ferne schöne Klang

Das ist ein Album für die Freunde kontemplativer Lektüre. Der Verlag schreibt: Der Kartäusermönch Bruder William hat den Großteil seines Lebens in tiefem Schweigen und klösterlichem Seelenfrieden verbracht. Als seine Tante Elise stirbt, muss er zur Testa­mentseröffung nach Paris und wird unvermittelt mit den Anderen und ihrem Alltag, aber auch mit seinen eigenen Gewissheiten konfrontiert. Sollte es doch eine lebenswerte Welt jenseits der Klostermauern geben..?

Eine rein rhetorische Frage, logischerweise. Natürlich gibt es jede Menge Leben in Paris. Was unseren Mönch zunächst etwas verwirrt. Und anstrengt. Er hat im Kloster ein Schweigegelübde abgelegt. Vor 25 Jahren. Seitdem hat er nur noch das Nötigste gesprochen, ansonsten 21 Stunden täglich auf der Zelle verbracht. Aber auf Reisen muss man kommunizieren. Da ist die Frau, die er im Zug kennenlernt. Sie sitzt ihm gegenüber. Eine gut aussehende Frau. Sie hat allerdings nur noch ein halbes Jahr zu leben. Sagt ihr Arzt. Und dann, in Paris, ist die Familie wieder da. Oder zumindest die Mitglieder, die noch am Leben sind.

Zep schickt seinen Mönch in die Großstadt, liefert dabei aber keine Knalleffekte – hier stehen die leisen Töne im Vordergrund. Natürlich gibt es Versuchungen. Von leckerem Erdbeereis bis zu der jungen Frau aus dem Zug, die er wieder trifft. Wird er zurück in sein Kloster gehen und für den Rest seines Lebens in Schweigen versinken? Zep hat seine Geschichte mit ähnlich weichen Strichen gezeichnet wie schon seinen Öko-Thriller The End. In dem passiert zwar mehr, aber Der ferne schöne Klang ist auch ohne besondere Action (oder vielleicht gerade deswegen?) schön anzusehen und sehr angenehm zu lesen.

Zep: Der ferne schöne Klang
80 Seiten, gebunden, 19,80 Euro, Schreiber & Leser, ISBN 978-3-96582-060-9
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Will Eisner – Graphic Novel Godfather

Ein – noch dazu zweifacher! – Eisner-Preisträger schreibt über Eisner. Verlagstext: Kaum jemand hat den Comic so sehr geprägt wie der amerikanische Autor und Zeichner Will Eisner! Fast 70 Jahre lang arbeitete er in dem Medium, von seinen Anfängen während des Comic-Hefte-Booms Ende der 1930er Jahre, bis zu seinem eigenen stilprägenden Charakter „The Spirit“, der von 1940–1952 als Zeitungsbeilage erschien und die Grenzen des Erzählens mit Bildern immer wieder neu auslotete. Filmische Schnitte, ungewöhnliche Perspektiven, überraschende Seitenkompositionen, nie gesehene Verbindungen von Text und Bild – mit „The Spirit“ wandte sich Eisner vornehmlich an ein erwachsenes Publikum und verfolgte literarische Ambitionen… Mit Ein Vertrag mit Gott legt er 1978 seine erste Graphic Novel vor und begründet damit ein neues literarisches Genre. Es folgen knapp zwanzig weitere Titel, darunter die autobiografisch inspirierten Werke The Dreamer und Zum Herzen des Sturms sowie 2005, kurz vor seinem Tod, Das Komplott – Die wahre Geschichte der Protokolle der Weisen von Zion in der er die Entstehung dieser antisemitischen Fälschung zum Thema macht. Eisner erhielt zahlreiche internationale Preise…

Das ist schon spannend: Kunsthistoriker Alexander Braun, der in den vergangenen Jahren diverse Ausstellungen rund um das Thema Comic in die Kunsthallen gebracht hat – u.a. Winsor McCays Little Nemo und Pioniere des Comic – schreibt jetzt über Will Eisner. Den nach dem Godfather of Graphic Novel benannten Preis hat er selber bereits zweimal erhalten (für seine Arbeit an den Gesamtausgaben von Krazy Kat und Little Nemo). In dem jetzt erschienenen, fast 400 Seiten dicken Buch, das mit zahlreichen – oft ganzseitigen, auch vierfarbigen – Illustrationen angereichert ist, gibt er einen umfangreichen Überblick über Leben und Werk des Zeichners, der immer wieder das Leben und Überleben in den weniger noblen Vierteln New Yorks auf die Seiten gebracht hat. Das Buch dient als Begleitband einer Ausstellung, die noch bis Ende Juni im Dortmunder schauraum zu sehen ist (und 2022 während des Comicsalons in Erlangen).

Braun liefert hier nicht nur einen Überblick über den Lebensweg Eisners, sondern kümmert sich vor allem um dessen Werk und seine Entstehung. Angefangen vom Spirit, der für Eisner – mit Unterbrechungen – über Jahrzehnte ein riesiger Comicspielplatz war, auf dem er seine grafischen Experimente durchführen und so dem Medium – das in den 1930er Jahren in der öffentlichen Meinung knapp vor der Prostitution residierte, also so ziemlich das Hinterletzte war, mit dem man sich beschäftigen konnte – immer neue Aspekte abgewann. Die Ergebnisse seiner Experimentierfreudigkeit sind bekannt – einige Titel sind oben aufgezählt.

Am interessantesten in Brauns Ausführungen finde ich die Art, wie er Leben und Werk zusammenbringt. Eisner unterhielt sich gerne über Themen rund um das Medium Comic – über sein Privatleben wussten die meisten wenig bis nichts. So war lange nicht klar, dass Eisner in der Titelstory von Ein Vertrag mit Gott auch den Tod seiner Tochter verarbeitete, von der die meisten seiner Freunde nicht einmal wussten, dass sie existiert hatte. Die persönlichen Hintergründe, die Braun aus Eisners Geschichten herausarbeitet, eröffnen neue Sichtweisen auf den Inhalt vieler Alben. Und natürlich macht dieses Buch Laune, das ein oder andere davon wieder in die Hand zu nehmen, denn eins ist mal klar: Eisners Comics gehören auch 15 Jahre nach seinem Tod zum Besten, was dieses Medium zu bieten hat.

Alexander Braun: Will Eisner – Graphic Novel Godfahrer
384 Seiten, gebunden, 39,- Euro, avant, ISBN 978-3-96445-050-0
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Sex Pistols

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Die Sex Pistols waren eine schräge Truppe, die den eingeschlafenen Rock-Zirkus der 1970er Jahre gehörig aufmischten. Hier kommt sowas wie ihre Biografie. Verlagstext: Wilde, skandalträchtige Mucke gepaart mit Drogenexzessen, Schimpfkanonaden gegen das Publikum und Auftrittsverboten allerorten. In den 1970ern erschüttert eine Revolte die Musikszene, wie es sie davor noch nicht gegeben hat. Vier Chaoten zeigen dem britischen Establishment den blanken Hintern. Und wie! Skandal-Hits wie „Anarchy In The UK“ oder „God Save The Queen“ werden für immer unvergessen bleiben und die Sex Pistols sollten zu einer der wichtigsten und einflussreichsten Bands der Musikgeschichte und der Punkbewegung werden. Diese – von Jim McCarthy rasant erzählte und von Steve Parkhouse wunderbar lebhaft illustrierte – Graphic Novel erzählt ihre Geschichte, den rasanten Aufstieg und den noch rasanteren Fall …

Schon wieder so ein Comic, der mit einem dieser abgefuckten, sich selbst beweihräuchernden Vorworte um die Ecke kommt, um dem verfickten Leser gleich auf den ersten Seiten klar zu machen, wie beschissen genial die ganze Scheiße damals war. (Falls euch mein Vokabular irritiert – ich versuche, mich den Dialogen des Comics anzupassen, die hauptsächlich darin bestehen, so oft wie möglich die Worte fuck, Fotze, verpisst, abgewichst und ähnliche Geistreichigkeiten auf die Seiten zu bringen – wohl um der Sache möglichst viel Authentizität zu verleihen.)

Viel Inhalt ist da tatsächlich nicht – auf Wikipedia erfährt man mehr über die Band. Im Grunde werden hier nur ein paar typische Episoden hintereinander geklatscht, und fertig ist das Album. Auf die Charaktere der Musiker oder ihre persönliche Entwicklung wird nur fragmentarisch eingegangen. Auf ihre musikalischen Vorstellungen (soweit sie welche hatten) und die entsprechenden Differenzen untereinander auch nicht größer.

Wer also mehr über die Sex Pistols wissen will, als bereits allerorten kolportiert worden ist (ihr Equipment haben sie von anderen Bands geklaut, Drogenexzesse, Knast, und ja, Musik haben sie gelegentlich auch gespielt, wenn die Konzerte gerade mal nicht verboten und die Plattenverträge nicht wieder gekündigt waren), wird in diesem Album wenig erfahren. Dafür schmeißt Steve Parkhouse seine Bilder gelegentlich so rotzig über die Seiten, wie die Band damals gespielt hat, was dazu führt, dass das Album sich liest, wie ein Sex-Pistols-Song klingt. Womit die Sache wieder rund wäre. Ja, warum nicht – kann man mal so machen.

Steve Parkhouse, Jim McCarthy: Sex Pistols – Die Graphic Novel
100 Seiten, gebunden, 19,- Euro, Panini, ISBN 9783741621727