Wytches

jock-wytchesSailor Rook ist ein Teenager, mit dem etwas nicht stimmt. In der Schule wird sie so gemobbt, dass ihre Eltern sogar umziehen, damit sie wechseln kann. Doch auch da hört der Ärger nicht auf. Sailor scheint etwas an sich zu haben, mit dem manche nicht klarkommen. Ihre Schulkameradin Annie provoziert Sailor so stark, dass es zum Showdown im Wald kommt. Am Ende ist Annie tot. Oder verschwunden. Oder beides zusammen. Sailor behauptet, damit nichts zu tun zu haben.

Die Frage ist: Was genau ist da passiert? Gab es wirklich diese Wesen, die Annie geholt haben, wie Sailor behauptet, oder bildet sie sich das nur ein – vielleicht, um eine eigene Schuld zu verdrängen? Als Sailor ebenfalls verschwindet, macht sich ihr Vater auf die Suche. Und findet Dinge, die er in seinen finstersten Alpträumen nicht erwartet hätte – obwohl er als Comiczeichner über genügend Fantasie verfügt.

Scott Snyder (American Vampire) geht in diesem Album wieder einmal der Frage nach, wen oder was man bereit wäre zu opfern, wenn man im Gegenzug dafür mehr oder weniger unsterblich würde. Mark Simpson (The Losers) packt die Geschichte in düstere Bilder, die durch die eigenwillige Kolorierung von Matt Hollingsworth (Preacher) genau die zwielichtige Atmosphäre bekommen, die eine abgedrehte Horrorstory braucht. Inhaltlich nicht neu, aber spannend geschrieben und grafisch beeindruckend.

Jock (Mark Simpson), Matt Hollingsworth, Scott Snyder: Wytches
192 Seiten, gebunden, 24,80 Euro, Splitter, ISBN 978-3-95839-291-5
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Wie ich Kurt Cobain getötet habe

otero-kurt-cobainKurt Cobain, Sänger und Gitarrist der Kultband Nirvana, wurde im April 1994 tot aufgefunden. Als Todesursache diagnostizierte man eine fette Überdosis Heroin in Verbindung mit einem Schuss aus seiner Browning Auto-5 in den Kopf. Offizielle Version: Selbstmord. Der schwer magenkranke Star soll seinem Leben mit 27 Jahren freiwillig ein Ende gesetzt haben. Das wird von vielen seiner Anhänger bezweifelt. Spekulationen, seine Ehefrau Courtney Love, Sängerin der Band Hole, habe nachgeholfen und statt dem von Heroin weggedämmerten Musiker selber den Abzug gedrückt, konnten aber nie erhärtet werden. Diese Zweifel werden in dem Album auch nicht thematisiert.

Nicolas Otero erzählt Cobains Geschichte von den ersten Versuchen als Musiker bis zu dessen Tod. Dazu schlüpft er in die Rolle von Boddah – das Alter Ego Cobains, das in dessen Leben immer dann herhalten musste, wenn es darum ging, die Verantwortung für Dinge zu übernehmen, die nicht ganz den gesellschaftlichen Normen entsprachen. Zum Beispiel für die Antwort auf die Frage, wer Tötet eure Eltern! an die Schulwand gesprüht hat.

Otero schildert Cobain als depressives, zerrissenes Wesen, das in der Musikerin Courtney Love seine kongeniale Ergänzung findet: Ich wusste, sie würde ein Teil seines Lebens werden. Sie waren der zerbrochene Spiegel des jeweils Anderen. Sie lebten nach dem Motto Sex & Drugs & Rock ´n Roll und ließen dabei kaum etwas aus. Die – meist schwarzweiße – Umsetzung der Geschichte passt sich exakt dem Lebensstil der beiden an: wild, punkig, dynamischer Strich – gelegentlich auch etwas chaotisch. Grafisch ein starkes Album, inhaltlich schrammt es manchmal knapp an einer Jammerstory über verkannte Genies vorbei. Aber das lässt sich bei solchen Figuren selten vermeiden. Kommt mit Nevermind als Soundtrack im Hintergrund bestimmt richtig gut.

Nicolas Otero: Der Roman von Boddah – Wie ich Kurt Cobain getötet habe
152 Seiten, gebunden, 24,80 Euro, Splitter, ISBN 978-3-95839-290-8
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Berliner Mythen

kleist-berliner-mythenEin neues Album von Reinhard Kleist ist immer Grund zur Freude. Wobei die ein- bis achtseitigen Geschichten dieses Bandes nicht neu, sondern zwischen 2013 und 2015 im Berliner Stadtmagazin zitty publiziert worden sind. Die Idee, die ihnen zugrunde liegt, ist so originell wie unterhaltsam: Weshalb, dachten sich Michael Groenewald und Lutz Göllner, weshalb soll man nicht mal die Geschichten erzählen, die einfach zum Mythos einer Stadt gehören. Die typisch für diese Stadt und untrennbar mit ihr verbundenen sind. Wobei das mit solchen Geschichten ja immer so eine Sache ist: Je weiter sie zurückliegen, desto schwerer sind Dichtung und Wahrheit voneinander zu unterscheiden.

Macht aber nix, denn es geht ja um Mythen, nicht um exakte Geschichtsschreibung. Also Vorhang auf für Marlene Dietrich, David Bowie, die Einstürzenden Neubauten, Zarentochter Anastasia, räuberische Zwillinge, clevere Kinder, Rosinenbomber, CIA-Spione und musizierende Geister. Von Aufbau und Erzählstruktur erinnern die Geschichten entfernt an Eisners Spirit: klein, kompakt, pointiert, und überall menschelt es es sehr.

Das macht Spaß zu lesen, wenn die geschwätzigen Vorworte nicht wären, die man meinte jeder einzelnen der 17 Geschichten voranstellen zu müssen. Nichts dagegen, die Hintergründe zu erläutern und die geschilderten Mythen in den jeweils dazugehörigen historischen Kontext einzubinden – aber muss man dabei unbedingt die Pointe verraten? Das killt jegliche Spannung und ist echt nervig. Davon abgesehen ist es ein schönes Album geworden. Man kann die Vorworte ja auch erst nach den Geschichten lesen.

Reinhard Kleist: Berliner Mythen
96 Seiten, 14,99 Euro, Carlsen, ISBN 978-3-551-72815-9
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