I kill Giants

niimura-i-kill-giantsZwei Monate hatte Splitter das Erscheinen dieses Albums verschoben. Jetzt ist es da – und es ist einfach gigantisch. Manga goes Punk, so könnte man es beschreiben, und das gilt für die fetzigen Zeichnungen ebenso wie für die rotzfreche Barbara, der es wichtiger ist, sich auf ihren Kampf mit den Riesen vorzubereiten, als beim Berufsinfotag für Schüler der 5. Klasse dem Referenten zuzuhören. Sie sucht keinen Job – sie hat schon einen: Ich suche Riesen. Ich jage Riesen. Ich töte Riesen. So definiert Barbara es gegenüber ihrer Lehrerin, die sie direkt zur Schulpsychologin schickt.

Natürlich die völlig falsche Adresse. Barbara meint es ernst und ist in etwa so freundlich wie die kleine Razorblade von den Minettos Desperados. Die Story, die anfangs als reine Fantasygeschichte für Teenies daherkommt, nimmt Seite für Seite mehr Fahrt auf und entpuppt sich schließlich als Psychothriller erster Güte. Die Zeichnungen kommen frisch und dynamisch rüber, ohne sich um irgendwelche Stilrichtungen zu kümmern. Auch die Dialoge haben Tempo – und den trockenen Sarkasmus der Hauptdarstellerin. Was Joe Kelly und Ken Niimura hier liefern, ist wirklich großes Kino.

Ob man das von der Filmadaption auch behaupten kann, möchte ich bezweifeln. Zumindest der Trailer wirkt im Vergleich zum Album wie ein Kindergeburtstag. Wahrscheinlich war es die falsche Entscheidung, ihn vom Harry Potter-Team drehen zu lassen. Harry Potter ist ein netter Fantasy. I kill Giants ist nackter Existenzkampf.

Ken Niimura, Joe Kelly: I Kill Giants
240 SW-Seiten, gebunden, 29,80 Euro, Splitter, ISBN: 978-3-96219-189-4
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Daytripper

moon-daytripperDieses Album ist erstmals 2013 bei Panini erschienen, jetzt erlebt es eine Neuedition im gleichen Verlag. Verlagstext: Welches sind die wichtigsten Tage Ihres Leben? Dies ist die Geschichte von Brás de Olivia Domingos, Spross eines weltberühmten brasilianischen Autors. Er träumt davon, selbst Schriftsteller zu werden und wartet auf den Tag, an dem sein Leben endlich beginnt. Aber würde er es überhaupt bemerken? Eine Graphic Novel, die in den leisen Momenten die großen Fragen des Lebens stellt.

Brás ist noch nicht der berühmte Schriftsteller, der er gerne wäre. Zunächst ist er als Journalist ausschließlich damit beschäftigt ist, Nachrufe auf verstorbene Prominente zu schreiben. Bei so viel Beschäftigung mit dem Tod kann man schon ins Grübeln kommen. Nämlich darüber, was im Leben überhaupt wichtig ist: Die Beziehung? Die Karriere? Die Geburt eines Kindes? Irgendwas ganz anderes? Auf jeden Fall, das wird hier sehr deutlich, ist jeder Tag entscheidend, denn jeder kann der letzte sein. Und das exerzieren Fábio Moon und Gabriel Bá an ihrer Hauptfigur eindrucksvoll durch.

Die Zeichnungen bringen viel südamerikanische Atmosphäre auf die Seiten. Der Stil erinnert an den von Terry Moore, und auch die Kolorierung kann sich sehen lassen. Ob Großstadtdschungel oder lockeres Landleben, Moon und Bá treffen immer den richtigen (Farb)ton. Ein Comic für Freunde kontemplativer Geschichten – mit dem Eisner-, dem Harvey- und dem Eagle-Award ausgezeichnet.

Fábio Moon & Gabriel Bá: Daytripper (Neue Edition)
276 Seiten, gebunden, 29,- Euro, Panini, ISBN 9783741607660

Die Spinne von Maschhad

neyestani-die-spinne-von-maschadVerlagstext: Ein Blick in die Abgründe im Iran, wo Said Hanai, genannt die „Spinne von Maschhad“, als selbsternannter Kämpfer gegen die Dekadenz sechzehn Prostituierte ermordete. Basierend auf einem Dokumentarfilm erzählt Mana Neyestani die Geschichte von Said Hanai, der in der Heiligen Stadt Maschhad sechzehn, zum Teil drogenabhängige Prostituierte zu sich nach Hause lockte und dort ermordete. Nebst dem Mörder und seinen Angehörigen kommt auch der Richter zu Wort, der Said zum Tode verurteilte.

Ja, das tut er. Aber echte Spannung will keine aufkommen. Der Täter ist bekannt, die Taten sind bekannt, da könnten bestenfalls noch die Motive für unerwartete Wendungen sorgen. Tun sie aber nicht. Das Motiv ist religiöser Wahn, der Täter ein islamistischer Fanatiker, der den Koran exakt so auslegt, wie die iranischen Mullahs es auch tun. Soweit ist also alles okay, aber auch in Diktaturen wird ordentlich gemetzelt – der Vollzug von Todesurteilen liegt in der Hand der Staatsorgane, nicht in der von selbsternannten Vollstreckern.

Man kann aus solchem Stoff eine spannende Geschichte basteln, wie es etwa Isabel Kreitz und Peer Meter in ihrem Album über den Hamburger Massenmörder Haarmann tun. Das kriegt Neyestani aber nicht hin. Seinen Iranischer Albtraum fand ich klasse, das neue Album dagegen bringt wenig Neues und ist über weite Strecken einfach langweilig. In welche „Abgründe im Iran“ (Verlagstext) man da blicken soll, erschließt sich mir nicht. Durchgeknallte Irre gibt es überall.

Mana Neyestani: Die Spinne von Maschhad
164 Seiten, 22,- Euro, Edition Moderne, ISBN 978-3-03731-177-6
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