Tomboy

jef-tomboyWenn die Story nicht immer so bescheuert wäre! Dann wäre es wirklich großes Kino, was Jef hier wieder abliefert. Aber müssen Ballerstorys immer doof sein? Haben die Hauptfiguren so oft einen aufs Hirn bekommen, dass das sogar auf ihre Schöpfer abgefärbt hat? Dabei sind solche Geschichten ohnehin reduziert genug: Auftragskiller wird schwer aufgemischt, Killer schwört finstere Rache, Killer ballert sich über vermutete Handlanger zum Auftraggeber durch, Showdown, Abspann. Es ist die immergleiche Geschichte – nur die Variationen unterscheiden sich. Das kann man machen, das kann auch gut werden, aber in diesem Fall summieren sich die unlogischen Handlungsweisen, und wenn der Bad Boy am Ende sogar noch zum Schutzengel missbrauchter Frauen mutiert, ist auch der letzte Rest Glaubwürdigkeit dahin.

Matz und Jef haben bereits mit Querschläger ein Drehbuch von Walter Hill (Driver, Getaway, The Warriers, Chatos Land) als Comic adaptiert. Ähnliches Thema, aber nicht ganz so krude, und eine rundum geniale grafische Umsetzung. Die Grafik überzeugt auch diesmal mit ihren herrlich coolen Bildern, die einen sofort in die typische Film-Noir-Atmosphäre der alten Hollywoodstreifen reinziehen. Der pure Genuss. Und wirklich grottenschade, wenn so viel grafisches Talent in so einer krampfhaft konstruierten Story untergeht. Wer sich daran allerdings nicht stört und einfach nur einen coolen Streifen sehen will: zugreifen. Von den Zeichnungen kommt man so schnell nicht los. Die spielen in einer eigenen Liga.

Jef, Walter Hill, Matz: Tomboy
128 Seiten, gebunden, 24,80 Euro, Splitter, ISBN 978-3-95839-414-8
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Die schwarzen Moore

bec-schwarze-mooreLa Peur (Die Angst) heißt eine von zwei Contes fantastiques, die Guy de Maupassant in den 1880er Jahren geschrieben hat. Die Geschichte steht in der Tradition unheimlicher Erzählungen, in denen vor allem psychologische Elemente überwiegen. Etwa in der Art, wie sie E.T.A Hoffmann, Gaultier, H.P. Lovecraft oder E.A. Poe geschrieben haben. Das Grauen muss nicht realer Natur sein – in der Regel wird es durch die Einbildung verursacht, dass etwas Schreckliches passieren könnte, und gerade diese Ungewissheit treibt die Fantasie immer tiefer in die finstersten Abgründe menschlicher Ängste.

In dieser Adaption geht es um den Fotografen Antoine, der in der weiten Hochebene von Aubrac viele fantastische Motive für seine neue Fotoserie findet. Die karge Landschaft, die düsteren Moore und die aufsteigenden Nebel zaubern wunderbar geheimnisvolle Atmosphären. Leider wird es dabei immer später, und auf der Suche nach einem Nachtlager gerät er auf einen alten, abgelegenen Hof, der von dem mürrischen Baptist und dessen Tochter bewohnt wird. Baptist hat keinen Bock auf Besucher, und seine Tochter überwacht er aus seltsamen Gründen wie ein Kettenhund. Von denen hat er übrigens zwei, und mit ihnen ist nicht zu spaßen.

Im Laufe der Nacht nimmt das Unheil dann seinen Lauf, denn vor vielen Jahren hat Baptiste genau in dieser Nacht etwas getan, das dazu führt, das vor der von Baptiste fest verriegelten Haustür Geräusche laut werden, die – aber das wird hier nicht verraten. Die Story ist nicht kompliziert aufgebaut, der Leser kann sich schnell einen Reim auf Geschehnisse und Ausgang der Story machen. Die düsteren Zeichnungen transportieren sie aber sehr treffend.

Christophe Bec: Die schwarzen Moore
64 Seiten, gebunden, 15,80 Euro, Splitter, ISBN 978-3-95839-427-8
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Kalon und Tonio

silla-kalon-und-tonioEs gibt viele Möglichkeiten, Selbstmord zu begehen: Man kann sich vor den Zug werfen, vom Hochhaus springen, Gift schlucken, sich eine Kugel in den Kopf jagen oder sich mit einem Stein am Bein im Meer versenken. Hat man alles schon gehört. Dass aber jemand in den Krokodilbau des örtlichen Zoos eindringt, um sich von den Viechern verspeisen zu lassen – das ist neu. Oder ein Irrtum? Sicher ist jedenfalls, dass das Wasser im Becken blutrot ist, und eine Strickleiter von der Kuppel des Baus bis zum Becken runterbaumelt. Vom Eindringling gibt es keine Spur mehr, weshalb alle Krokodile getötet werden sollen, um zu sehen, ob man in ihren Innereien noch Reste findet, mit denen er identifizieren werden könnte. Das wiederum ruft Tierschützer auf den Plan, die es ungerecht finden, dass die Krokodile getötet werden sollen. Schließlich ist es nicht deren Schuld, wenn sich ihnen jemand freiwillig als Futter andient.

Die Philosophin Kalon und der Automechaniker Tonio finden die Geschichte so spannend, dass sie mehr darüber wissen wollen – wodurch sie in eine ziemlich abgefahrene Kriminalgeschichte hineinschlittern. Was Silke Rehberg und Lambert Wiesing – alias Sillá – hier abliefern, ist eine fein gedrechselte Story, deren überraschender Plot die Vorlage zu einem perfekten Mord liefert. Die Zeichnungen wiederum erinnern – vor allem in der Kolorierung – an Altmeister Hugo Pratt (Corto Maltese), und ein bisschen Schultheiss ist auch dabei. Das wirkt sehr spritzig und frisch, und auch das elegante Ambiente, in dem sich die Hauptfiguren bewegen, kann sich sehen lassen. Ein originelles Album, das erzählerisch wie optisch überzeugt, und von dem man auch eine auf 44 Exemplare limitierte Sonderausgabe mit von den Autoren signiertem Exlibris erwerben kann (39,95 Euro).

Sillá: Kalon und Tonio – Krokodile verstehen
88 Seiten, gebunden, 22,95 Euro, Kult Comics, ISBN 978-3-9817960-8-7
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