Ich habe Abel getötet

sorel-abelEs gibt Alben, auf die freut man sich lange im voraus. Vor allem, wenn ein so tolles Team wie Guillaume Sorel und Serge Le Tendre als Zeichner und Texter angekündigt sind. Dass Le Tendre klasse Geschichten erzählen kann, hat er im Vogel der Zeit bewiesen. Und wie stark Sorel düstere Stories bebildert, hat man unter anderem in Appartement 23 und Die letzten Tage von Stefan Zweig gesehen.

In diesem Fall hält sich die Begeisterung allerdings in Grenzen. Sorels Zeichnungen sind nach wie vor sehenswert, reißen aber die völlig konstruiert wirkende Geschichte auch nicht mehr raus. Es geht nicht um Kain und Abel im Urzustand, sondern darum, dass der Mörder als Strafe von Jahwe sozusagen eine Art ewiges Leben aufgebrummt bekommen hat – und damit sehr unzufrieden ist. Aber wie kommt man aus dieser Ewigkeitsnummer Nummer wieder raus? Die Einfälle sind wenig originell (und werden zudem sehr hölzern erzählt), und bereits in der Mitte des Albums ahnt man, wie es enden wird. Schade drum – das können die besser.

Guillaume Sorel, Serge Le Tendre: Ich habe Abel getötet
64 Seiten, gebunden, 15,80 Euro, Splitter, ISBN 978-3-95839-448-3
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Der Unterwasser-Schweißer

lemire-unterwasserschweisserDer Hinstorff-Verlag publiziert mit Vorliebe Bücher über maritime Themen. Das gilt auch für die Graphic Novels, die dort erscheinen. Nachdem die Rostocker in dem Bereich bisher vor allem Newcomer wie Kristina Gehrmann (Eisland) oder Till Lenecke (Störtebecker) verlegt haben, haben sie sich mit Jeff Lemire (Essex County, Descender) jetzt ein Comic-Schwergewicht geangelt.

Auf die Idee zu dieser Geschichte kam Lemire, als ihm ein Freund von dem seltenen Beruf des Unterwasser-Schweißers erzählte: Dieser gefährliche Job hat mich fortan beschäftigt und Bilder in meinem Kopf entstehen lassen, erzählt er in einem Interview mit dem Verlag. Die Idee für eine Geschichte wuchs dann um diese Vorstellungen herum… Jacks Leben spiegelt meine Biografie wider. Meine Frau und ich dachten übers Kinderkriegen nach und das hat bei mir definitiv Ängste geschürt, die in den „Schweißer“ eingeflossen sind. Es war sozusagen meine Art, diese Gefühle zu verarbeiten. Während des Zeichnens am Buch kam dann unser Sohn zur Welt – und alle Ängste lösten sich in Luft auf. Die Geschichte des Buches änderte sich sogar…

In dem Album, das 2012 zu Kanadas Nr. 1 Graphic Novel und von der New York Times im gleichen Jahr unter die besten zehn Comics Nordamerikas gewählt wurde, schlägt sich Jack, jung und werdender Vater, aber nicht nur mit der Frage rum, wie viel Zeit er mit seiner schwangeren Frau verbringen soll oder muss. Viel stärker beschäftigt ihn die Beziehung zu seinem eigenen Vater. Das kommt glücklicherweise nicht als pädagogische Beziehungsberatung daher, sondern liest sich sehr spannend. Dabei verschachtelt Lemire die Zeitebenen so geschickt, dass man oft nicht weiß, was gestern und heute, oder, weil viel unter Wasser spielt, wo oben und unten ist. Spannung ist also garantiert, und seine eigenwilligen Schwarzweiß-Zeichnungen – ähnlich stark wie in Essex County – sind schon alleine das Geld für das Album wert.

Jeff Lemire: Der Unterwasser-Schweißer
224 Seiten, schwarzweiß, 18,99 Euro, Hinstorff, ISBN 9783356020854

Der letzte Ansturm

tardi-der-letzte-ansturmTardi und der Erste Weltkrieg: Kein anderer hat so viele Alben über diese Gemetzel gezeichnet wie der Franzose: Elender Krieg, Soldat Varlot, StalagIIB, Grabenkrieg – und jetzt wieder ein Comic zu dem Thema.

In Der letzte Ansturm wird keine Geschichte erzählt, die einen Anfang und ein Ende oder überhaupt irgendeine Handlung hätte. Tardi lässt einen Sanitätssoldaten zwischen den Toten, Verwundeten und Sterbenden umherirren, lässt ihn durch Bombentrichter, Gräben, Schlamm, zerschossene Ruinen und dutzendfach von Granaten umgepflügte Landschaften waten. Er hängt seinen Gedanken nach. Über die vielen Afrikaner aus den Kolonien, die von der französischen Regierung als Kanonenfutter an der Front verheizt werden. Über Industriebosse in Deutschland und Frankreich, die sich an den Waffen und dem Giftgas eine goldene Nase verdienen: Dass kein Ende des Krieges abzusehen war, hatte auch damit zu tun, dass es noch große Mengen von Gas und Material gab, die man nicht umsonst hergestellt hatte. Das macht streckenweise richtig wütend – vor allem, wenn man überlegt, das wir inzwischen auch hierzulande wieder soweit sind, Krieg als legitimes Mittel der Außenpolitik anzusehen.

Tardis Szenen sind düster, die Bilder bieten wenig Abwechslung, sind aber, wie immer bei ihm, stark gezeichnet und bringen den Volk- und Vaterlands-Irr-Sinn erschreckend klar rüber. Beigelegt ist eine CD mit Antikriegsliedern. Auch, wenn sie nicht schlecht klingt – ohne wäre auch okay gewesen.

Dominique Granges Version von „Petits Morts du Mois d’Août“. Die Zeichnungen sind Illustration des Textes und stammen nicht aus dem Album.

Jacques Tardi, Dominique Grange: Der letzte Ansturm
112 Seiten, gebunden, 32,- Euro, Edition Moderne, ISBN 978-3-03731-158-5
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