Trotz allem… Liebe

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Eine absolut ungewöhnliche Lovestory. Der Verlag schreibt: Dies ist die Geschichte einer Liebe zwischen zwei Menschen. Einer in Rückblenden erzählten Liebe, vom Rendezvous am Lebensabend, so unendlich vertraut und verständnisvoll, bis hin zur ersten Begegnung im Sturm der Leidenschaft. Selten waren zwei Menschen so unterschiedlich wie Ana und Zeno – sie zielstrebig, ehrgeizig, charismatisch, Bürgermeisterin und Mutter, er ein Träumer, ein Freigeist, Buchhändler und ewiger Student, verführerisch und geheimnisvoll. Und doch teilen sie das stärkste Band, das zwei Menschen einen kann. Mit mühelos elegantem Strich, leichtherzigem Ton und beseelt von einem tiefen Verständnis für das, was zwei Menschen über Jahrzehnte miteinander verbindet…

Und genau so ist es: mühelos eleganter Strich und leichter Ton. Was bei solch einer Geschichte nicht einfach ist. Viele Menschen erliegen immer noch dem Irrtum, für eine gute und dauerhafte Beziehung sei es ausreichend, sich zu lieben. Großer Fehler. Jemanden anzuschmachten und / oder abgefahrenen Sex zusammen zu haben, heißt noch lange nicht, dass man auch zusammen leben kann. Man merkt es oft zu spät und zerfleischt sich gegenseitig in sinnlosen Vorwürfen.

Zeno, der Mann in dieser Geschichte, kennt sich aus. Er liebt den Sternenhimmel und weiß: Erde und Mond umkreisen sich seit Jahrhunderten und können ohne einander nicht sein. Aber er weiß eben auch: Würden sie ihrer Sehnsucht nachgeben und sich berühren käme es zu einer Katastrophe. Trotzdem lässt ihn der Gedanke an Ana nicht los. Und sie der an ihn auch nicht. So umkreisen sie einander seit Jahren in sicherem Abstand.

Da Zeno an einer Doktorarbeit schreibt, mit der er beweisen möchte, dass Zeit auch rückwärts laufen kann, erzählt Lafebre seine Geschichte von hinten nach vorne. Er fängt mit dem 20. Kapitel an und arbeitet sich langsam bis Kapitel eins durch. Das ist eine originelle Idee, noch dazu mit so viel Humor gezeichnet, wie man das auch von seiner Lydie kennt. Ein Album für Romantiker. Nicht ohne Tiefgang und très français.

Jordi Lafebre: Trotz allem… Liebe
Aus dem Französischen von Anne Bergen
152 Seiten, gebunden, 29,80 Euro, Splitter, ISBN 978-3-96792-136-6
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The Artist: Ode an die Feder

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Der Artist in Nöten: Alles, was mir lieb und teuer / dieses Übermaß an Dingen / wird mir langsam ungeheuer / Wohlstand stutzte mir die Schwingen. Im Leben von The Artist hat sich vieles verändert. Er ist jetzt maximal erfolgreich, hat Museumsausstellungen und ist wohlhabend, kurz: Er hat alles, was er sich immer gewünscht hat. Und doch ist sein Leben ein einziges Drama, denn er ist eben immer noch ein weinerlicher, sensibler Künstler. Er fühlt sich vom Kunstmarkt ausgenommen, seine Liebe verlässt ihn und er trauert seiner Schaffenszeit in Armut hinterher. Ein Dasein zwischen Größenwahn und Nervenzusammenbruch – was könnte dieser Existenz gerechter werden als eine große dramatische Oper? Anna Haifisch erzählt in Liedern und Gedichten vom kometenhaften Aufstieg und tiefen Fall von The Artist. (Verlagstext)

Es gibt Comics, mit denen kann man nichts anfangen. Man findet keinen Zugang zu ihnen. Findet sie schlecht gezeichnet oder umständlich erzählt oder inhaltsleer und im Grunde völlig überflüssig. Aber irgendwie… irgendwie… man weiß nicht warum, irgendwie… haben sie etwas, das einen nicht loslässt. So geht es mir mit Anna Haifischs Artist – einem Möchtegern-Künstler mit hohem Selbstzweifel-Faktor, dessen Geschichte als Satire auf den Kulturbetrieb gedacht ist. Allzu viel Satire kann ich darin nicht entdecken – schon gar keine pointierte.

Aber dieser Vogel! Dieses seltsam dürre Vieh! Wie Haifisch ihn mit wenigen Strichen zeichnet und dabei immer den exakten Ausdruck trifft. Vor allem nackt ist er Kult. Auch wenn die Story für meinen Geschmack wenig hergibt – das Flattervieh ist einfach klasse. Schon alleine die Seite, auf der er den Maulwurf erschießen will.

In diesem – inzwischen dritten – Band (eine Vogeloper in drei Akten) kommen auch noch Reime dazu, die in ihrer Struktur unwillkürlich an die schrägen Verse eines Edward Gorey erinnern. Das ergibt alles in allem zwar auch nicht mehr Sinn, macht aber stellenweise richtig Spaß. Ein Album für Freunde von eher schräger Kunst.

Anna Haifisch: The Artist – Ode an die Feder
Aus dem Englischen von Marcel Beyer
128 Seiten, gebunden, 24,- Euro, Reprodukt, ISBN 978-3-95640-220-3
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Ein Sack voll Murmeln

Die Geschichte von zwei Kindern, die 1941 aus dem von den Nazis besetzten Frankreich fliehen mussten. Der Verlag schreibt: Die Memoiren „Ein Sack voll Murmeln“ erschienen 1975, wurden in zwanzig Sprachen übersetzt, zweimal verfilmt und sind längst zum literarischen Klassiker geworden. Darin erzählt Joseph Joffo (1931–2018) von seinen Erinnerungen als jüdisches Kind in Paris während der deutschen Besatzung und seiner Flucht gemeinsam mit seinem Bruder. Die Stärke seiner Geschichte liegt in der Offenheit und dem Pragmatismus des kindlichen Blicks, den er damals auf die täglichen Ereignisse dieser seltsamen und schrecklichen Zeit hatte. Ein Klassiker, adaptiert als packendes und einfühlsames Comic von Kris und Vincent Bailly.

Von Autor Kris liegen bei bahoe schon die Alben Nacht über Brest und Ein Match für Algerien vor. Immer geht es um den Widerstand gegen Besetzungsmächte. In dem Algerien-Album gründen elf Fußballer der französischen Ligue 1 im Jahr 1958 einen algerischen Fußballverein, um mit ihren Spielen für die Unabhängigkeit Algeriens zu demonstrieren. In dem Brest-Album dreht sich alles darum, ein U-Boot der republikanischen Truppen, das im Herbst 1937 während des Spanischen Bürgerkriegs im Hafen von Brest repariert werden muss, gegen Francos Faschisten zu verteidigen, die es in einer Geheimaktion übernehmen wollen.

Der aktuelle Band Ein Sack voll Murmeln wiederum erzählt von zwei jungen Brüdern, die quer durch das von Hitlertruppen besetzte Frankreich in den freien Teil der Republik flüchten müssen. Ohne richtige Pässe und Nazischnüfflern an allen Bahnhöfen und wichtigen Straßenverbindungen ist das lebensgefährlich. Da die Romanvorlage später von einem der – inzwischen erwachsenen – Kinder selber geschrieben wurde, weiß man, dass sie es geschafft haben – was die Spannung dieses Albums logischerweise reduziert. Gut herausgearbeitet wird, dass sie sich ständig auf neue, veränderte Situationen einstellen mussten, die manche Planung komplett über den Haufen warf und viel Improvisation und Geistesgegenwart erforderte. Ein prima gezeichnetes Album, das den Eisner Award in der Kategorie Best Reality-Based Work abgeräumt hat.

Vincent Bailly, Kris, Joseph Joffo: Ein Sack voll Murmeln
Aus dem Französischen von Richard Steurer-Boulard
128 Seiten, gebunden, 24,- Euro, bahoe, ISBN 978-3-903290-62-4
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