Im Schatten des Krieges

glidden-schatten-des-kriegesDie US-Zeichnerin Sarah Glidden reist mit befreundeten Journalisten über die Türkei in den Irak und von dort weiter nach Syrien. Wir schrieben das Jahr 2010. Die Revolten in den arabischen Staaten haben noch nicht stattgefunden, in Syrien tobt noch kein Bürgerkrieg. Es geht bei der Reise um irakische Flüchtlinge und um die Wirkung, die der Krieg gegen den Irak auf die dortige Bevölkerung hatte. Und um die Frage, was guter Journalismus ist.

Das Ergebnis sind – eher magere – Gespräche mit Kurden, mit einem Iraker, der über vielerlei Wege in die USA geflohen und dort unter dem Verdacht, Kontakte zu Islamisten zu haben, wieder ausgewiesen wurde, und es gibt gegen Ende des Albums Gespräche mit irakischen Flüchtlingen. Dieser letzte Teil ist noch am interessantesten – der Rest bietet halbwegs informierten Lesern wenig Neues.

Die Zeichnungen sind – wie schon in Gliddens Album Israel verstehen – sauber, aber langweilig. Auch die Motive bieten wenig Abwechslung: Meist sitzen ein paar Leute zusammen und reden. Sich durch diese 300 Seiten zu lesen, ist Arbeit. Hätte sie die Story um die Hälfte gekürzt, wäre dem Leser viel Leerlauf erspart geblieben, denn im Grunde ist es mehr ein Album über ihre Recherche, als über das Schicksal von Flüchtlingen geworden.

Während Israel verstehen noch mit interessanten Infos aufzuwarten wusste, ist der Informationsgehalt dieses Albums dünn, und die Story kommt auch nicht richtig in Fahrt. Vielleicht wäre diese Reise in einem reinen Sachbuch besser darzustellen gewesen – als Comic taugt es nicht wirklich.

Sarah Glidden: Im Schatten des Krieges – Reportagen aus Syrien, dem Irak und der Türkei
304 Seiten, 29,- Euro, Reprodukt, ISBN 978-3-95640-101-5
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Die Leichtigkeit

meurisse-die-leichtigkeitDie Karikaturistin Catherine Meurisse, die seit vielen Jahren für Charlie Hebdo arbeitet, entkommt dem Attentat auf Charlie Hebdo nur, weil sie an diesem Morgen im Januar 2015 für die Redaktionssitzung zu spät dran ist. Viele ihrer Kollegen und Freunde werden bei dem Anschlag aus dem Leben gerissen. Sie selbst sucht seitdem nach einem Umgang mit der Tragödie und einem neuen Zugang zu ihrem Leben. Meurisse sucht in der Schönheit der Natur und der Künste nach anderen Bildern, macht sich nach Italien auf und beginnt langsam, zu ihrer eigenen Leichtigkeit zurückzufinden. Mit „Die Leichtigkeit“ hat Catherine Meurisse ein intensives und sehr persönliches Buch geschaffen, das ihrer Trauer Raum gibt und zugleich eine Ermutigung ist, sich die Schönheit des Lebens zurückzuerobern. Soweit der Verlagstext.

Anschläge wie der auf die Redaktion von Charlie Hebdo reißen einen immer wieder aus der satten Selbstzufriedenheit des Metropolenlebens. Was für die Attentäter in deren Heimat Alltag ist – in Kabul, Bagdad oder Tripoli passiert sowas zweimal die Woche – führt hierzulande immer dazu, dass die Europäer sich ganz entrüstet fragen, weshalb man ihnen das antut. Wo sie doch im Grunde nette Menschen sind und nur ein bisschen Spaß haben wollen. Mit solch einem Weltbild ist man von Verständnis natürlich meilenweit entfernt.

Als Betroffene, deren Kollegen erschossen in den Redaktionsräumen liegen, nutzen einem solche allgemeinen Betrachtungen allerdings wenig. Irgendwie muss man die Bilder verarbeiten, irgendwie den Sinn im Leben und seinen Optimismus wiederfinden – und die Leichtigkeit ist natürlich auch dahin. Als Zeichnerin kann man sein emotionales Durcheinander grafisch verarbeiten. Aber muss man das Ergebnis auch als Comic auf den Markt bringen?

Art Spiegelman hat das mit Im Schatten keiner Türme nach dem Anschlag auf das World Trade Center getan – und einen Comic abgeliefert, den wohl niemand je gedruckt hätte, wenn Spiegelman nicht weltberühmt wäre. Meurisses Leichtigkeit ist dagegen durchaus lesbar, und die Zeichnungen sind ohnehin klasse. Aber würde es dieses Album nicht geben – es würde kaum jemandem fehlen. Eher ein Comic für Leser, die mit der französischen Kultur  – Stendhal, Baudelaire + Co, auf die Meurisse sich seitenlang bezieht – und der daraus resultierenden Mentalität aufgewachsen sind.

Catherine Meurisse: Die Leichtigkeit
144 Seiten, gebunden, 19,99 Euro, Carlsen, ISBN 978-3-551-73424-2
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Deutsche Comicforschung 2017

sackmann-comicforschung-2017Alle Jahre wieder erscheint seit 2005 zum Jahresende ein neuer Band von Eckart Sackmanns Comicforschung. Diesmal unter anderem mit Artikeln über Rinaldo Rinaldini als Comic-Held, über die aus der Kaiserzeit stammende antisemitische Bildergeschichte Das Lied vom Levi und über Comics als Propagandamedium (Gaby, das Atommädchen und Die spannendste Geschichte unserer Zeit – ein Wahl-Comic aus der Zeit, als Adenauer sich Sorgen um seine Wiederwahl machen musste).

Daneben gibt es einen Rückblick auf den ersten Comic-Congress 1973 in Berlin – also lange vor Erlangen – und Rückblicke auf die Arbeiten von heute eher unbekannten Comicmachern wie Lothar Meggendorfer, Johannes Thiel, Gerhard Brinkmann und Kurt Ludwig Schmidt. Neben Sackmann sind Julian Auringer, Harald Kiehn, Dr. Helmut Kronthaler und Holger Vallingaals als Autoren vertreten.

Interessant ist auch der Artikel über die Publikationsgeschichte von Asterix. Wobei man hier eher von einem Leidensweg reden muss, denn die ersten in Deutschland publizierten Asterix-Abenteuer waren teilweise gekürzt, und was die Übersetzung angeht haben sie im Laufe der Jahre viele Änderungen über sich ergehen lassen müssen (von der geänderten Kolorierung und dem Lettering ganz zu schweigen). In diesem Artikel wird deutlich, wie sehr Kunst verwurstet und vermarktet wird, ohne auf die Ursprungsideen der Künstler Rücksicht zu nehmen.

Ergänzt wird der Band wie immer mit einer Vielzahl farbiger Abbildungen aus den besprochenen Frühwerken. Der Wahl-Comic aus der Adenauer-Zeit ist komplett abgedruckt. Wer sich für die gesellschaftliche, politische und ökonomische Geschichte von Comics in deutschen Landen interessiert, findet in dieser Reihe reichlich sauber und aufwändig recherchierten Lesestoff.

Eckart Sackmann (Hg.): Die Deutsche Comicforschung Band 13 (2017)
144 Seiten, gebunden, 39,- Euro, comicplus+, ISBN 978-3-89474-293-5
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