Love addict

shamdi-love-addictNein, mit Kafka und dessen Romanfragment Das Schloss hat dieser Comic nichts zu tun – auch, wenn der in Israel geborene Zeichner Koren Shadmi die Hauptfigur in diesem Album ebenfalls K. nennt. Vielleicht deshalb, weil es manchmal tatsächlich etwas kafkaesk wirkt, wenn K. sich mit einer der vielen Frau trifft, die er in dem Online-Datingportal Lovebug kennenlernt.

Am Anfang der Story wird K. gerade von seiner Freundin verlassen. Weshalb, verrät uns Shamdi nicht. Jetzt hockt K. mit Freunden in einer Bar und kommt sich wie der größte Loser vor. Sein Kumpel Brian will das nicht länger mit ansehen und meldet K. bei Lovebug an. K. ist unsicher, doch nach den ersten Dates ändert sich das schnell. Und so beginnt ein munterer Reigen rund um Sex und Dates, an dem K. zunehmend Gefallen findet – und sich mehr und mehr darin verliert.

Diesen Reigen bringt Shamdi – wenn auch überspitzt und gegen Schluss etwas langatmig – treffend rüber. Das Ende – gerade mal drei Seiten – bricht dagegen sehr plötzlich über den Leser herein. Hier wäre Raum gewesen, das Erlebte tiefer zu reflektieren, statt sich in ein absehbares Rosamunde Pilcher-Finish zu flüchten. Das ist, im Gegensatz zu den vielen Dates, nicht unrealistisch, wirkt aber wie zwei Stunden vor dem Abgabetermin noch schnell drangeklebt. Dafür gibt es einige Situationskomik, und die Zeichnungen illustrieren die Geschichte sehr anschaulich. Ein Album, das sich locker runterliest und mehr unterhaltsamen als tiefsinnigen Charakter hat.

PS: Die Geschichte ist nach Jahreszeiten gegliedert. Nach dem Winter steht auf Seite 79 plötzlich Herbst. Das hat nichts damit zu tun, dass Shamdi seine Geschichte etwa rückwärts erzählen würde – es ist schlicht ein Tippfehler und müsste Frühling heißen.

Koren Shadmi: Love addict
224 Seiten, 24,99 Euro, EGN, ISBN: 978-3-7704-5524-9
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Ein Ozean der Liebe

panaccione-ozean-der-liebeWenn man in Frankreich eine Buchhandlung betritt, bekommt man leuchtende Augen: Im Gegensatz zu deutschen Läden präsentieren dort meterlange Regale die neuesten Comicalben, und man macht sich schon Sorgen um das für den Abend geplante Vier-Gänge-Menü in diesem netten Restaurant, denn wenn man alle Comics kaufen würde, die einem gefallen, würde die Kohle am Abend bestenfalls noch für eine Tüte Pommes mit Majo reichen. Da ist es fast ein Segen, wenn eine sinnvolle Lektüre aufgrund mangelhafter Französischkenntnisse ohnehin nicht möglich ist, und so entscheidet man sich für die sparsame Variante: Einen der seltenen Comics, die ganz ohne Sprache auskommen. In meinem Fall war das Un Océan d´ Amour.

Jetzt gibt es dieses Album bei Splitter in deutscher Übersetzung – was aber nur den Titel und den Rückseitentext betrifft, denn Szenarist Wilfried Lupano (Alim der Gerber, Die alten Knacker, Azimut) lässt seine famose Geschichte, wie bereits erwähnt, von Grégory Panaccione ganz ohne Worte illustrieren. Der bebildert die Irrungen und Wirrungen eines Fischers und seiner Frau in einem fast karikativen Stil. Vor allem der alte Fischer ist einfach klasse.

Mit von der Partie sind (unter anderem): Ölsardinen in der Dose. Eine aus Pfannkuchen lesende Wahrsagerin. Eine wegweisende Heiligenstatue. Eine umweltbewusste Möwe. Ein explodierender Öltanker. Ein Piratenschiff und ein Luxusliner. Karl Lagerfeld und gehäkelte Deckchen. Fidel Castro und Che Guevara. Eine liebende Frau und ein verlorener Mann. Schicksalhafte Begegnungen und dramatische Wendungen. Also im Grunde alles, was man zu einer leicht schrägen, unterhaltsamen Geschichte braucht.

Mehr soll hier nicht verraten werden. Dieser Ozean der Liebe ist eine vergnügliche Lektüre für jedes Alter. Viel Spaß dabei.

Grégory Panaccione, Wilfrid Lupano: Ein Ozean der Liebe
224 Seiten, gebunden, 29,80 Euro, Splitter, ISBN 978-3-95839-231-1
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Shame

bolton-shameWillkommen im Reich der Magie. Hier gibt es Hexen (gute und böse), Zaubergärten (verwunschene), Dämonen (ziemlich finstere), Schattengestalten (düstere), Helden (unbedarfte) und allerlei andere Wesen, die sich im Kampf des Bösen gegen das Gute ein Stelldichein geben.

Das Gute, das ist alte Mutter Tugend. Sie hilft Kranken und Gebrechlichen, indem sie sie mit ihren Kräften heilt. Sie ist allseits beliebt und hat nur einen Wunsch: eine Tochter. Ohne Mann ist das allerdings schwierig – vor allem in ihrem Alter. Doch ihr Wunsch öffnet eine Pforte der Finsternis, und die nutzt der Dämon Spott, um Tugend mit dem Samen des Bösen zu schwängern, auf dass sie die Tochter Shame gebäre, die Spott helfen soll, die Weltherrschaft zu erringen.

Die Story ist tatsächlich so schablonenhaft, wie hier beschrieben, und sie wird im Laufe der Geschichte nicht besser. Auch die Dialoge sind teilweise hölzern bis zur Peinlichkeit. Schade, dass Fantasycomis – im Gegensatz zur Genre-Bezeichnung – inhaltlich oft so fantasielos und stereotyp daher kommen.

Aber die Zeichnungen! Der Splitter-Verlag beschreibt sie so: John Bolton, mehrfach nominierter Preisträger des Eisner-Awards, ist bereits zu Lebzeiten eine Legende, eine Ikone der Phantastik. Sein unverwechselbarer und zugleich ungemein variabler Stil deckt vom Fotorealismus bis zum abstrakten Schwarzweiß-Spiel die gesamte Palette des Comics ab. Dem kann man nur zustimmen.

Was Bolton hier an seltsamen Kreaturen, spindeldürren Monstern, sinnlichen Heldinnen und morbiden Gestalten über die Seiten springen lässt, ist einzigartig. Oft wirken seine Motive wie Standbilder, die seltsam teilnahmslos vor gemalten Hintergründen posieren, ohne wirklich mit ihnen zu interagieren – mehr Collage als Zeichnung. Ein Layout, in dem einiges an Ideen und Kreativität zusammenkommt.

Im Grunde ist Shame auch mehr Märchen, als Fantasy. Sicher kein Album für Leser geistreicher Unterhaltung. Aber für Freunde von eigenwilligem Artwork gibt es hier einiges zu sehen. Echt abgefahren.

John Bolton, Lovern Kindzierski: Shame – Tochter des Bösen
184 Seiten, gebunden, 29,80 Euro, Splitter, ISBN 978-3-95839-217-5
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