Die schönen Momente

jim-die-schoenen-momenteJim ist ein starker Erzähler, aber von diesem Album hatte ich eigentlich nicht mehr viel erwartet. Seine letzten Comics drehten sich mehr oder weniger immer nur um die Frage, wo denn die schönen Tage geblieben sind, und ob man es mit der ein oder anderen Frau nicht nicht besser getroffen hätte, als mit der, für die man sich schließlich entschieden hat. Da kamen bei seinem neuen Band mit dem Titel Die schönen Momente keine großen Hoffnungen auf ein Themenwechsel mehr auf – vor allem, wenn der Inhalt auf der Coverrückseite auch noch mit Satz In dem Moment, in dem er uns durch die Finger rinnt, erkennen wir, dass es ein schöner war charakterisiert wird. Da schwingt schon wieder die Vergänglichkeit und die Wehmut mit, und das Gejammer über verpasste Gelegenheiten linst gleich um die Ecke.

Ein Irrtum – erfreulicherweise. Denn dieser Kurzgeschichtenband beschäftigt sich zwar mit Augenblicken, an die man manchmal auch etwas wehmütig zurückdenkt, aber hier geht es weniger um männliche Midlife-Crisis, sondern um ganz normale Augenblicke, schöne Erinnerungen – und um die Vergänglichkeit der Zeit. Ein Kindergeburtstag, den man zu einem tollen Erlebnis machen wollte, ohne an die Konsequenzen zu denken. Ein verrückter Freund, den man nur aus dem Internet kennt. Eine schräge Wette mit einem Vater. Die Liebeserklärung an die eigene Mutter, die zu großer Konfusion bei der Empfängerin führt (eine der witzigsten Geschichten in dem Band), und ja, auch die Erinnerung an eine Frau ist Thema, aber Jim nervt hier nicht mit der Frage, was gewesen wäre, wenn, und gejammert wird auch nicht.

Ein wirklich schönes Album, und, wie Jim im Anhang schreibt, ein bisschen bittersüß, denn das Schöne existiert erst im Rückblick, nicht in dem Moment selbst. Es ist also ein Buch über den Schweif des Kometen, nicht über den Kometen selbst. Auch die Zeichnungen sind diesmal von ihm selbst.

Jim: Die schönen Momente
136 Seiten 136, gebunden, 24,80n Euro, Splitter, ISBN 978-3-95839-319-6
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Hopfen und Malz

valles-hopfen-und-malzDas ist eine Serie für Freunde von Hopfengetränken und Fortsetzungsdramen à la Dallas oder Denver Clan. Jean van Hamme (Das Teleskop, Thorgal, Die große Macht des kleinen Schninkel) hat die Geschichte der Braukunst in Comicform gegossen und daraus eine unterhaltsame Serie gebastelt.

Alles beginnt im Jahr 1854 in Belgien. Nachdem die Mutter von Charles, der wie sein Bruder den ganzen Tag für einen Hungerlohn in der Brauerei von Alfred de Ruiter schuftet, gestorben ist, flüchtet Charles aus dem Ort. Er will weg aus dem Kaff, in dem sein großer Bruder ihn zusätzlich zu dem Brauereijob auch noch an den Schmied vermieten will, um mehr Geld in die Familienkasse zu bekommen. Das Geld wird dringend gebraucht, aber Charles möchte sein Glück lieber in einem Kloster versuchen. Dort lebt ein Cousin seiner verstorbenen Mutter.

Als Novize gibt Charles allerdings kein gutes Bild ab. Das Bier, das die Mönche brauen, interessiert ihn schon eher. Vor allem, weil sie eine besonders würzige Hefe benutzen. Auch die schöne Adrienne, die er am See trifft, scheint mehr zu bieten zu haben, als die sauertöpfischen Klosterbrüder. Also klaut er die Hefe aus dem Kloster und versucht, damit im Dorf sein eigenes Bier zu brauen. Das weckt den Neid von de Ruiter, und so entwickelt sich eine Geschichte, in der Charles, um Karriere zu machen, auch vor Intrigen und Verrat nicht zurückschreckt. Vor dem Hintergrund der ökonomischen und technischen Entwicklung in Europa wird die Geschichte der Braukunst und der europäischen Brauereien bis zum Jahr 1997 erzählt. Jeder neue Band beginnt dabei 20 Jahre später, als der vorige geendet hat.

Die siebenbändige Reihe (plus einem Ergänzungsband) ist ab 1994 bei comicplus+ in Softcover-Ausgaben erschienen. Jetzt legt comicplus+ die Reihe in drei Hardcoverbänden als Gesamtausgabe mit zusätzlichen Hintergrundinformationen (und auf jeweils 1000 Exemplare limitiert) neu auf. Band 1 ist bereits erschienen, Band 2 ist für Dezember angekündigt, Band 3 noch nicht terminiert.

Francis Vallès, Jean van Hamme: Hopfen und Malz (Gesamtausgabe)
3 Bände à 128 Seiten, gebunden, jeweils 34,- Euro, comicplus+
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Insel der Frauen

morice-insel-der-frauenIm Grunde ist es eine interessante Ausgangslage: Zu Beginn des Ersten Weltkriegs werden auf einer abgelegenen bretonischen Insel alle Männer zwischen 20 und 50 Jahren von der Armee eingezogen. Zurück bleiben nur Frauen, Kinder und alte Männer. Und Maël – ein gut aussehender junger Mann, der nicht eingezogen wird, weil er einen Klumpfuß hat und deshalb kriegsuntauglich ist. Und da auf der Insel jetzt ein Postbote fehlt, wird Maël kurzerhand zum Briefträger befördert. Er düst mit seinem Fahrrad von Haus zu Haus. Durch die Einsamkeit auf den abgelegenen Höfen entsteht bei den Frauen Gesprächsbedarf, und so macht Maël hier und da eine Pause, um ein bisschen zu plaudern. Auch das im Laufe der Monate – der Krieg zieht sich und will nicht enden – entstehende Bedürfnis nach Zärtlichkeit kann er stillen, und irgendwann kommt die Erotik dazu. So weit, so oberflächlich, aber durchaus unterhaltsam.

Doch dann wollte Quella-Guyot (Tatort Tahiti) unbedingt auch die Grausamkeit des Krieges thematisieren, und lässt Maël deshalb bei seinen Damenbesuchen die Briefe vorlesen, die die Männer ihren Frauen von der Front schreiben. Einsamkeit kann schrecklich sein, und das Bedürfnis nach Zärtlichkeit und Nähe will auch befriedigt werden, aber dass eine Frau freudig mit jemandem in die Kiste springt, wenn sie gerade Kriegsprosa mit allen möglichen Gemetzeln vorgelesen bekommen hat und um die Todesgefahr weiß, in der sich ihr Mann an der Front befindet, darf bezweifelt werden. So macht sich Quella-Guyot die Geschichte selbst kaputt, indem er versucht, ihr eine Tiefe zu geben, die einfach nicht passt.

Dazu kommt eine Sprache, die mit ihren in sich verdrehten und verschlungenen Satzwendungen wohl an den geschmeidigen Stil der großen französischen Romanciers wie Flaubert oder Stendhal erinnern soll, hier aber nur krampfhaft gestelzt wirkt, und in der deutschen Übersetzung endgültig Selbstmord begeht: Neben seiner Würde und seiner Männlichkeit entdeckt er auch die Fleischeslust, den Geschmack von Haut und zärtlichen Bissen, die Anstrengungen, leichte und heftige Berührungen, was die männlichen Geschöpfe antreibt, warum sie sich gegenseitig bekämpfen.

Da ist also einiges daneben gegangen, und es ist lediglich der überraschende Schluss, der diese Geschichte noch halbwegs rausreißt. Allerdings ist es bis dahin ein langer – und grammatikalisch oft schmerzhafter – Weg. Schade – die sehenswerten Zeichnungen hätten eine bessere Story verdient gehabt.

Sébastien Morice, Didier Quella-Guyot: Insel der Frauen
128 Seiten, gebunden, 19,80 Euro, Splitter, ISBN 978-3-95839-332-5
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