Stern

maffre-totengraeberWenn man Dutzende von Kilometern in öden und staubigen Landschaften hinter sich bringt, nur um am Ziel seiner Reise auf einen Grabstein pinkeln zu können, muss man einen guten Grund dafür haben. Ich kannte Charles Bening gut und glauben Sie mir, er verdient es bis zum letzten Tropfen, erzählt James Colquitt dem erstaunten Totengräber Elijah Stern, während er sich die Hose zuknöpft. So eine Entgleisung ist nicht meine Art, aber das musste sein.

Stein verzichtet darauf, Colquitt dem Sheriff zu melden. Der hat ohnehin anderes zu tun. Charles Bening, dessen Grab da gerade geschändet wurde, ist am Vortag ausgerechnet im lokalen Freudenhaus verstorben. Aber niemand weiß, wie. Mindy, die junge Prostituierte, die ihn leblos mit dem Rücken auf dem Bett liegend gefunden hat, war so schockiert, dass sie sich erstmal mit einer Dosis Laudanum ins Reich der Träume verabschiedet hat. Aber Bening war ein stadtbekannter Säufer – da scheint es plausibel, dass das Herz irgendwann keinen Bock mehr hatte.

Paradoxerweise ist Benings Frau Ehrenmitglied im Abstinenzlerverband. Sie hat eine sehr ungewöhnliche Bitte an Stern. Bevor ihr Mann beerdigt wird, soll Stern ihm Organe entnehmen. Und dann ist da noch dieses Massaker, das 1863, also 19 Jahre vor Beginn dieser Geschichte, in Kansas stattgefunden hat. Stern war dabei. Colquitt auch. Da ist noch eine Rechnung offen.

Die Mischung aus Western und Krimi wird von Julien (Bilder) und Frédéric (Story) Maffre lakonisch in Szene gesetzt. Klasse sind die, wie Splitter treffend schreibt, in staubig-trockenen Erdtönen gehaltenen Zeichnungen. Aber die Grafik arbeitet die unterschiedlichen Charaktere auch ohne Farbe prima raus. Das käme auch als Film gut. Der Band ist in sich abgeschlossen, ein weiterer angekündigt.

Julien und Frédéric Maffre: Stern 1: Der Totengräber, der Tramp und der Mörder
64 Seiten, gebunden, 15,80 Euro, Splitter, ISBN 978-3-95839-324-0
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Zorngebete

avril-zorngebeteDie sechzehnjährige Jbara lebt in einem öden Dorf im Maghreb. Sie lutscht an ihrem Lieblingsjoghurt, während der tumbe Hirte, der gelegentlich dort vorbeikommt, sie von hinten vergewaltigt. Sie redet sich ein, es sei ihr egal – immerhin bekomme sie dafür den Joghurt umsonst. Und das sei doch mehr, als man in diesem Ort am Ende der Welt erwarten könne.

Wenn sie nicht gerade Schafe hütet, muss sich Jbara mit ihren Eltern rumschlagen. Auch keine Freude. Zur Eintönigkeit des Dorflebens kommen die Regeln der Religion mit ihren sinnlosen und unbarmherzigen Vorschriften. Jbara diskutiert das oft mit Allah, aber Allah antwortet nicht. Bis ihr eines Tages ein Koffer vor die Füße fällt – direkt vom Dach eines Reisebusses, der an der Landstraße vorbeibrettert. Darin befinden sich schicke Klamotten, etwas Geld und allerlei westliche Accessoires. Also hatte Allah doch ein Einsehen. Weshalb es für Jbara nicht mehr ganz so hart ist, als ihre Eltern sie verstoßen. Sie ist von dem Hirten schwanger. Um Schande von der Familie abzuwenden, muss sie das Dorf verlassen. Sie nimmt den nächsten Bus und wandelt sich in der Stadt von Jabra zu Scheherazade.

Aber nein, das wird keine Hollywoodstory im Stil von Pretty Woman. Sondern die Geschichte eines Mädchens, für das es in ihrer islamischen Gesellschaft immer nur einen Platz gibt: den unter dem Mann. Ob in der Küche oder im Bett. Eddy Simon hat hier Saphia Azzeddines gleichnamigen Roman als Comic adaptiert, und Marie Avril hat das Szenario in weiche, gefühlvolle Bildern gepackt. Ein schönes Album, aber eine traurige und deprimierende Geschichte, weil auch das, was Jbara als Ausweg und eigene Entscheidung sieht, am Ende nur eine Modifikation der Rolle ist, die die Männerwelt ihr zugedacht hat.

Marie Avril, Eddy Simon: Zorngebete
88 Seiten, 18,80 Euro, Splitter, ISBN 978-3-95839-298-4
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Der Beeinflussungsapparat

neufeld-beeinflussungsapparatWie funktioniert Journalismus? Wie werden Meinungen gemacht? Wie reagieren Leser darauf? Wie entstehen Vorurteile, und wie kann man sie wieder abbauen? Solchen und ähnlichen Fragen geht die US-Radioreporterin Brooke Gladstone in diesem Album nach. Sie schildert die Entwicklung von Meinungsmache und Public Relations von ihrer Entstehung – bereits die Maya-Fürsten hatten ihre PR-Schreiber – bis zur Gegenwart. Da sie in den USA lebt, beschäftigt sich der Hauptteil des Albums mit der US-Presse und den Entwicklungen, denen sie im Laufe der Zeit – nicht zuletzt durch präsidiale Dekrete und die Gesetzgebung – unterworfen war.

Vieles davon lässt sich verallgemeinern. Unter anderem deshalb, weil Gladstone auch grundsätzliche Verhaltensstrukturen von Lesern auseinandernimmt. Wir hängen nämlich sehr an unseren (Vor)urteilen und legen sie selbst dann nur selten ab, wenn wir triftige Argumente dagegen geliefert bekommen. Gladstone erklärt, wie das Gehirn Informationen verarbeitet und welche Informationen von Zeitungen bevorzugt gedruckt werden. Und weshalb. Am Schluss ihrer Ausführungen geht sie darauf ein, wie das Internet, in dem sich viele Blogger als Reporter fühlen, unsere Lese- und Informationsgewohnheiten verändert.

Natürlich geht es auch um Manipulation und Zensur und die Frage, ob es so etwas wie objektive Berichterstattung überhaupt gibt. Hier gibt es Beispiele aus der Politik. Der Einfluss der Wirtschaft wird auch erwähnt, hätte aber in Zeiten, in denen immer mehr Blätter schließen und Medienkonzerne täglich mächtiger werden, mehr Platz verdient. Presse ist nicht einfach so und grundsätzlich, sondern immer nur so frei, wie ihre Sponsoren sie lassen.

Nicht alles, was Gladstone beschreibt, ist neu. Insgesamt präsentiert sie aber eine solche Fülle medienspezifischer Informationen, dass selbst erfahrene Journalisten noch Neues darin entdecken können. Weil der Schwerpunkt auf der US-Presse liegt, gibt CORRECT!V-Geschäftsführer David Schraven im Anhang einen Überblick über die Entwicklung der Presse in deutschen Landen von 1605 bis heute.

Josh Neufeld, Brooke Gladstone: Der Beeinflussungsapparat
Wie Massenmedien funktionieren, wie sie unsere Gesellschaft manipulieren und wie wir dazu beitragen
200 Seiten, monochrom, gebunden, 20,- Euro, CORRECT!V, ISBN 9783981740004
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