Urban Sketchbook

koch-urban-scetchbookFremde Skizzenbücher zu durchblättern ist faszinierend: da sind verschiedene Stile, Farbpaletten, Herangehensweisen. Manche zeichnen schnell und locker, andere filigran und detailverliebt. Beobachten auf eine ganz eigene Art und Weise. Sebastian Koch versammelt Skizzenbuchseiten von 40 herausragenden Künstlerinnen und Künstlern, darunter Illustratoren, Architekten und Comiczeichner. Sie alle gehen dem Gedanken des Urban Sketching folgend auf die Straße und zeichnen. Immer vor Ort, nach direkter Beobachtung. Sie zeigen die Welt, Zeichnung für Zeichnung, schreibt der Verlag.

Urban Sketching entwickelte sich Anfang des Jahrhunderts über ein Online-Forum, das der in Seattle lebende Illustrator Gabriel Campanario ins Leben rief. Es ging darum, urbane Motive zu zeichnen, und zwar live, vor Ort, ohne einen Anspruch auf Perfektion. Die Idee entwickelte sich schnell über die Landesgrenzen hinaus weiter, und so entstanden rund um den Globus Bücher, in denen die Skizzen gesammelt und publiziert wurden.

In Deutschland hat sich Sebastian Koch der Sache angenommen, und Arbeiten von 40 Künstler/innen aus Hamburg, Bremen, Stralsund, Berlin, Köln, Kassel, Weimar, Düsseldorf und Leipzig versammelt. Mit dabei sind unter anderem Mawil, Wittek und Felix Scheinberger (mit Skizzen aus seinem tollen Hamburg-Buch). In diesem ersten Band ist also Norddeutschland vertreten – die Kollegen aus dem Süden kann man dann in einem zweiten Band bewundern.

Das Schöne an Skizzenbüchern ist, dass man darin die Handschrift des Künstlers unverfälscht genießen kann. Nichts ist perfekt, alles ist lebendig, alles fließt. Die Unfertigkeit der Motive erzählt mehr Geschichten, als viele der oft austauschbaren Szenarien, mit denen Comics heutzutage ausgestattet werden. Wer selber zeichnet oder an grafischen Arbeiten interessiert ist, wird hier eine Fülle von Anregungen finden – und viele klassische Motive aus den Städten der Künstler. Das alles ist ebenso sparsam wie stilvoll layoutet, und sehr schön in einem handlichen kleinen Hardcover-Band verarbeitet. Wenn es etwas zu kritisieren gibt, dann das Papier, das nicht verhindert, dass die Zeichnungen auf der Rückseite manchmal leicht durchscheinen. Aber das ist bei echten Skizzenbüchern auch oft der Fall. Ein wunderschönes Buch – und auch als Geschenk erste Wahl.

Sebastian Koch (Hg.): Urban Sketchbook – Band 1
180 Seiten, gebunden, 25,- Euro, jüli Verlag, ISBN 978 3 945584 00 2
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Lila

mitringer-lilaAlbert Mitringers Debüt ist mutig: Ganz ohne Text erzählt Lila die Geschichte eines kleinen Mädchens, das sich eines Tages aufmacht, das Weltall zu erkunden. Auf ihren Reisen zu fremden Planeten, die von seltsamen Wesen bevölkert werden, gerät Lila in so manch brenzlige Situation. Doch mit ihren beiden Freunden, einem Außerirdischen und einem kleinen Jungen, übersteht sie jedes Abenteuer, schreibt der Verlag. „Lila“ ist dabei nicht nur Comic, sondern bietet gleichzeitig intime Einblicke in den Schaffensprozess eines jungen Künstlers: Über ganze vier Jahre hinweg zeichnete sich Mitringer mit Bleistift, Buntstift, Kugelschreiber, Tusche und Aquarell durch uns unbekannte Welten.

Mitringer, Jahrgang 1991, studiert in Wien Grafik und Werbung an der Universität für Angewandte Kunst. Er behauptet, er verkleide sich in seiner Freizeit als Schaf und vergewaltige Wölfe. Gewalttätig kommt sein Debütalbum allerdings nicht daher. Natürlich gibt es Kämpfe mit Monstern, Robotern und allerlei finsteren Gestalten. Durch die quirlige Farbigkeit dieses Bandes und die kindliche Sicht der Dinge wird das allerdings sehr relativiert.

Da das Album ohne Text auskommt, ist assoziatives Denken von Vorteil, wenn man der Story folgen will, aber nicht immer entwickelt sich die Handlung schlüssig aus den Bildern. Die wiederum sind ausgesprochen abwechslungsreich. Schöne Seiten, wirre Seiten, starke Mimik und Panels, die man gerne öfter ansieht. Und wenn es eine Top 10 für die schönsten Cover des Jahres geben würde – das von Lila wäre dabei. Eine fantasievolle Flucht aus dem Alltag.

Albert Mitringer: Lila
96 Seiten, gebunden, 26,- Euro, Luftschacht, ISBN 978-3-903081-18-5
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Deutsche Comicforschung 2018

sackmann-comicforschung-2018Der Verlag schreibt: Das Standardwerk zur Erforschung der Bild-Erzählung im deutschen Sprachraum. Diesmal unter anderem mit Beiträgen zu Franz Jüttner, zu den Comics der Grünen Post, zum Verlag Steinsberg (Der Papagei) und zu den Anfängen des Carlsen Verlags. In mehrjähriger Arbeit haben der Herausgeber Eckart Sackmann und seine Mitarbeiter ein wissenschaftliches Kompendium der deutschsprachigen Comicliteratur geschaffen, wie man es in dieser Anschaulichkeit in keinem anderen Land findet. Auf über 1800 Seiten mit rund 4000 zumeist farbigen Abbildungen bieten die bisher erschienenen 13 Bände umfassende Informationen über den deutschsprachigen Comic. Während des Münchener Comicfestivals Ende Mai 2017 erhielt die Reihe „Deutsche Comicforschung“ in der Kategorie „Beste Sekundärliteratur“ den PENG!-Preis zugesprochen.

Diesen Preis hat die Arbeit an den bisher erschienenen Bänden auch verdient. Die aktuelle Ausgabe bringt ebenfalls wieder viele informative Beiträge. Interessant sind neben der Geschichte über die Anfänge des Carlsen-Verlags die historischen Zusammenhänge, in die die Autoren die Arbeit der in ihren Artikeln vorgestellten Zeichner stellen. Dabei wird deutlich, dass auch Comics – oder Bildergeschichten allgemein – immer im Kontext der aktuellen politischen Entwicklung zu sehen sind. Auch die, die vorgeben, unpolitisch zu sein.

Die Reihe ist für den Herausgeber allerdings ein Minusgeschäft. Rund 40.000 Euro, rechnet Sackmann im einleitenden Beitrag der aktuellen Ausgabe vor, habe er im Laufe der Jahre reingesteckt, und das betrifft nur die finanzielle Seite – Arbeitszeit nicht mitgerechnet. Dabei ist er selbst inzwischen in einem Alter, in dem die bunten Bilder nicht mehr im Mittelpunkt stehen, wie er schreibt. Weshalb er sich aus dem Projekt zurückziehen und es in kompetente Hände übergeben möchte. Bewerbungen werden entgegen genommen. Derweil arbeitet das Team bereits an der nächsten Ausgabe.

Eckart Sackmann (Hg.): Deutsche Comicforschung 2018
144 Seiten, gebunden, 39,- Euro, comicplus+, ISBN 978-3-89474-299-7
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