Geschichten aus dem Grandhotel

loos-grandhotel„Flucht und Asyl“ lautete das Thema, mit dem sich im Sommersemester 2015 Studierende der Fakultät für Gestaltung an der Hochschule Augsburg beschäftigten. Recherchiert wurde im Augsburger Grandhotel Cosmopolis, wo Flüchtlingsarbeit erfolgreich neuartige Wege geht. Dort fanden im offenen Cafébereich alle Begegnungen statt, aus denen die Geschichten dieses Heftes entstanden.

Neben den Flüchtlingen kamen auch Ehrenamtliche sowie Besucher mit und ohne Migrationshintergund zu Wort. Auch die Studierenden selbst begannen, ihre persönlichen Wahrnehmungen des Projekts zu reflektieren und aufzuzeichnen. So entstanden 8 vielschichtige Comicreportagen, locker verbunden durch mehrere fiktionale Sequenzen, die Inhalte ergänzen, Lokalkolorit hinzufügen und Augsburgs historische Verknüpfungen zum Thema Krieg und Religionsfrieden anklingen lassen. Der Ton der Erzählungen wechselt zwischen heiter und ernst – ganz wie das Leben …

Diesem Verlagstext gibt es eigentlich nicht mehr viel hinzuzufügen. Die Vielfalt der Zeichenstile, die Unterschiedlichkeit der Flüchtlinge und ihrer Geschichten, die Mischung aus Idealismus und Improvisation, mit der die Unterstützer zu Werke gehen – all das kommt gut rüber, macht dieses Album lebendig und bringt exakt die bunte und wuselige Atmosphäre auf die Seiten, die in einer Flüchtlingsunterkunft herrscht. Ein gelungenes Projekt, das nicht nur Fluchtmotive und den Irrsinn, den Menschen einander antun, trefflich reflektiert, sondern auch Ansätze zeigt, um Ängste und Grenzen im Durcheinander der Kulturen zu überwinden.

Mike Loos (Hrsg.): Geschichten aus dem Grandhotel
96 Seiten, 12,80 Euro, Wißner-Verlag, ISBN 978-3-95786-000-2

Esmera

vince-esmeraBislang kennt man Zep nur als Zeichner mittelmäßiger Cartoonbände, sowie als Schöpfer von Titeuf – eines Jungen, der sich mit Eltern, Lehrern und Geschwistern rumschlagen muss. Auch mit seiner Angebeteten hat Titeuf jede Menge Probleme. Eine humoristische Serie, die sich zwar langsam totläuft, deren erste Bände aber durchaus treffend und spaßig sind.

Esmera ist anders. Es ist eine erotische Fantasie, deren grafische Umsetzung leicht an der Grenze zur Pornografie verläuft – wenn man, wie die Gesetzesbürokratie es tut, Pornografie u.a. als Abbildung eines männlichen Geschlechtsteils in einem Erektionswinkel von mindestens 45 Grad definiert. An Erektionen mangelt es in diesem Album nicht, und deren Stabilität geht weit über 45 Grad hinaus. Für lustvollen Sex ist also gesorgt, und das ist im Grunde auch das, worum es in diesem Album hauptsächlich geht.

Trotzdem ist es kein Porno, denn erstens sind die gefühlvollen Zeichnungen von Vince in keinster Weise platt oder vulgär, und zweitens hat Zep eine witzige Ausgangssituation zur Grundlage seiner Geschichte gemacht: Die junge Esmera wächst in einer Mädchenschule auf, in der die Nonnen den Kindern einprägen, dass die Engel alles sehen. Auch das, was unter der Bettdecke passiert. Trotzdem möchte Esmera – inzwischen bald 18 Jahre alt – ihre Jungfräulichkeit verlieren. Diese Erfahrung ist zwar im wahrsten Sinne des Wortes schnell gemacht, doch dann entdeckt sie, dass sie Sex sowohl als Frau, wie auch als Mann genießen kann. Was Vor-, aber auch Nachteile hat.

Eine frivole Fingerübung, durchaus mit Hintergedanken – so charakterisiert der Splitter-Verlag dieses Album. Kann man so sehen. Ein Comic für Freunde lockerer erotischer Erzählungen.

Vince, Zep: Esmera
80 Seiten, gebunden, monochrom, 19,80 Euro, Splitter, ISBN 978-3-95839-398-1
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Carlo Vive

carli-carlo-viveGenua, 2001: Während der Demonstrationen gegen den G 8-Gipfel wird der Demonstrant Carlo Giuliani auf der Piazza Alimonda von einem Polizisten erschossen. Als kurz darauf ein Foto auftaucht, das den Getöteten mit einem hoch über den Kopf gehoben Feuerlöscher vor dem Dienstwagen des Schützen zeigt, ist die Sache für die Medien klar – und für die Politik sowieso: Chaot bedroht Polizist mit Feuerlöscher, Polizist schießt in Notwehr, Vorhang.

Doch was ist in Genua wirklich passiert? Der Autor Francesco Barilli hat die Ereignisse anhand von Gesprächen mit Beteiligten, mit Carlos Freunden, den Eltern, sowie anhand zahlreicher Foto- und Filmdokumente rekonstruiert. Das Ergebnis seiner Recherche präsentiert er in diesem Album – und das macht deutlich, dass die Geschichte in vielen Teilen anders gelaufen sein muss, als in der offiziellen Version behauptet wird.

Selbst wenn der Getötete die Absicht gehabt hätte, den Feuerlöscher auf das Auto zu werfen, hätte er viel Kraft haben müssen, um das schwere Teil die drei Meter weit zu werfen, die er von dem Wagen entfernt stand – und dadurch die Menschen, die geschützt in dem Auto saßen, ernsthaft zu gefährden. Der Polizist wiederum behauptete, nicht auf Carlo gezielt, sondern einfach nur zur Warnung in die Luft geschossen zu haben. Das passte schlecht zum Einschusswinkel, weshalb ein Stein ins Spiel gebracht wurde, der just in dem Moment auf das Auto geworfen worden sein soll, als die Schüsse abgegeben worden sind. Daran soll die Kugel abgeprallt sein und Carlo tödlich getroffen haben. Damit das funktioniert, musste wiederum der Abstand zwischen Carlo und dem Polizeiauto halbiert werden. So reiht sich eine Absurdität an die nächste, und die Aufarbeitung dieser und anderer Ereignisse während der Protesttage bezeichnete Amnesty International später als die massivste Missachtung demokratischer Rechte in einem europäischen Land seit dem 2. Weltkrieg.

Das Album ist nicht nur für diejenigen interessant, die damals an den Protesten teilgenommen haben. Es macht das Schema deutlich, mit dem polizeiliche Todesschüsse auch in westlichen Ländern verschleiert und die Schützen reingewaschen werden. Die klaren Schwarzweißzeichnungen von Manuel de Carli adaptieren die Geschichte sachlich und ohne überflüssige Effekthascherei.

Manuel de Carli, Francesco Barilli: Carlo Vive – G8, Genua 2001
144 Seiten, schwarzweiß, 16,- Euro, Bahoe Books, ISBN 978-3-903022-38-6