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puck-rudi-komplett1985 ist Peter Puck 25 Jahre alt und Student der Empirischen Naturwissenschaften in dem Städtchen Tübingen. Eine seiner erklärten Lieblingsbeschäftigungen besteht darin, seine Notizhefte mit Comicfiguren voll zu kritzeln. Einer seiner Kommilitonen, der neben dem Studium als Sportreporter für das Stuttgarter Stadtmagazin live jobbt, schlägt ihm vor, für live eine Geschichte mit solchen Figuren zu zeichnen. Das ist die Geburtsstunde von Rudi.

Niemand kann damals ahnen, dass Puck Rudi mehr als 20 Jahre lang zeichnen wird. Die humoristischen Comic-Einseiter, die der spätere Max-und-Moritz-Preisträger für live liefert, behandeln Themen, die gerade aktuell sind: Skins und Punks, AKWs und Bauplatzbesetzungen, Frauen, Drogen und FKK, der Stress mit der Job- und Wohnungssuche, und zwischendrin immer wieder Geschichten aus dem Alltag oder Parodien auf TV-Serien und angesagte Themen. Eigentlich fast so etwas wie eine parodistische Trend-Chronik der vergangenen Jahre.

Insgesamt sieben Rudi-Bände sind in der Zeit entstanden. Ursprünglich in Schwarzweiß im Heinzelmännchen Verlag, später als vierfarbige Neuauflage bei Ehapa. Jetzt sind sie alle in diesem dicken Wälzer vereint und werden durch Anmerkungen von Puck zur Entstehung der einzelnen Geschichten ergänzt. Für Rudi-Fans natürlich die ultimative Gesamtausgabe. Wer Rudi nicht kennt, sollte Comics mögen, bei denen Sprechblasen nicht selten Texte enthalten, deren Länge in 11 Punkt-Schrift locker eine A4-Seite füllen könnten.

Peter Puck: Rudi GA – Fett & komplett
368 Seiten, gebunden, 39,99 €, Egmont Comic Collection, ISBN 9783770438624

Sarajevo

sacco-sarajavoJoe Sacco hat sich längst als Comic-Journalist einen Namen gemacht. Und zwar als einer, der gar nicht erst versucht, objektiv zu berichten, sondern als jemand, der Stellung bezieht. In der Edition Moderne sind bislang seine Comic-Reportagen Palästina, Gaza, Bosnien und ein Album mit dem schlichten Titel Reportagen erschienen, in dem kurze Berichte aus unterschiedlichen Ecken der Welt versammelt sind. Sein aktuelles Album Sarajevo kann man als eigenständigen Comic, aber auch als inhaltliche Ergänzung zu Bosnien lesen, denn in beiden Fällen dreht sich alles um den Jugoslawien-Konflikt der 1990er Jahre.

Drei Geschichten sind es, die Sacco in diesem Album erzählt. Den Hauptteil nimmt seine Begegnung mit Neven, dem Fixer, ein. Im Gegensatz zum hiesigen Verständnis (Fixer = Junkie) dient ein Fixer in Krisengebieten dazu, den Kontakt zwischen ausländischen Journalisten und den aktuellen Ereignissen vor Ort herzustellen. Ein Fixer weiß, wo Kämpfe stattfinden, wo man Interviewpartner findet und wie man sicher durch gefährliche Gebiete kommt. Ein Fixer kann eine Menge Geld verdienen – ausländische Medien zahlen gut. Wenn der Presse-Zirkus zum nächsten Krieg zieht, sind sie wieder Pleite. Wie Neven.

Deutlich werden dabei vor allem zwei Dinge: Man sollte nicht alles glauben, was einem ein Fixer erzählt. Schon gar nicht, wenn er selbst in die Kämpfe involviert war. Und: In Kriegen gibt es nicht nur die zwei sich bekämpfenden Parteien, die man von außen wahrnimmt. Innerhalb jeder Partei gibt es viele unterschiedliche Gruppen. In Sarajevo sind Kleinkriminelle zu lokalen Warlords aufgestiegen, die ihre eigenen Kriege – auch gegen die Zivilbevölkerung – geführt haben. Ein Album über Krieg und Medien – und über die Gewalt- und Machtexzesse, die so oder ähnlich in allen Kriegen im Hintergrund ablaufen.

Joe Sacco: Sarajevo
176 Seiten, schwarzweiß, 26,- Euro, Edition Moderne, ISBN 978-3-03731-133-2
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Der Fluss

sanna-der-flussDer Peter Hammer-Verlag hat sich einen Namen als Verlag für interessante Romane afrikanischer Autoren gemacht. Dort erscheinen Bücher von Autoren wie Meja Mwangi, in denen der afrikanische Alltag abseits der üblichen Klischees beschrieben wird. Allerdings kann man in der Reihe Das besondere Buch auch hin und wieder illustrierte Bücher, Cartoons und Comics finden. Der Fluss ist so ein besonderes Buch. Ohne ein einziges Wort erzählt der Italiener Alessandro Sanna Geschichten rund um das Leben an und mit einem Fluss. Eingeteilt in die vier Jahreszeiten entstanden so leise, poetische, kontemplative Betrachtungen.

Sanna lebt in der Nähe des Flusses Po. Jeden Tag, schreibt er im Nachwort des Albums, schaue ich auf den sanft geschwungenen Horizont, der nur von den Zweigen der Pappeln unterbrochen wird… Ich habe versucht, solche Augenblicke und die Veränderungen des Lichts auf das Papier zu bannen, ohne sie zuerst mit dem Bleistift zu skizzieren und ohne zu wissen, ob ich in der Lage bin, den genauen Farbton zu treffen, oder auch nur die Farbe, die der Schleier des Lichts über den Himmel legt, über die Bäume und die Häuser im Dunst.

Dabei entwickelt er eine interessante Technik: Ich bespritze mein Papier mit Wasser, dann lasse ich das Licht in meine Augen, bin offen für alles, was sich aus den Farbklecksen ergibt und was meine Erinnerung mir eingibt. Denn um den Himmel zu malen, benötigt man Wasser, um die Erde darzustellen, benötigt man es auch, um überhaupt irgendetwas darzustellen, benötigt man Wasser. Wasser war die grundlegende Zutat für meine Vorstellungskraft und zur Schaffung des Buches.

Das Ergebnis ist ein ruhiges, rundum entspannendes, richtiggehend entschleunigendes Album, in dem Silhouetten von Menschen in traumhaft schöner Ton-in-Ton-Kolorierung auf einem Jahrmarkt feiern, im Mondschein tanzen, oder einfach nur in Booten durch neblige Flusslandschaften gleiten. Ein Album wie eine Floßfahrt auf dem Sambesi in der Morgendämmerung.

Alessandro Sanna: Der Fluss
112 Seiten, gebunden, 29,90 Euro, Peter Hammer-Verlag, ISBN 9783779504962
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The Beatles

ranson-beatlesMal wieder ein Album über die Fab Four. Der 2007 verstorbene britische Autor und Comic-Redakteur Angus Allan erzählt die Geschichte von John, Paul, George und Ringo – von ihren ersten Versuchen als lärmige und nervige Band The Querrymen, über die Gigs in Londoner und Hamburger Billigschuppen, die ersten Kontakte mit ihrem Manager Brian Epstein, die anschließenden Erfolge und die Beatlemania, bis zum Album Abbey Road und der Auflösung der Gruppe im Jahr 1970. Es ist eine solide und schnörkellose Biografie. Alle wichtigen Stationen ihrer Karriere werden erwähnt – neue Erkenntnisse darf man nicht erwarten.

Die Schwarzweiß-Zeichnungen von Arthur Ranson passen sich dem an. Sie reißen nicht vom Hocker, sind aber durchaus sehenswert. Insgesamt ein Album, das zur Fülle der bislang schon existierenden Beatles-Comics nichts Neues beisteuert, sich aber flott und unterhaltsam liest.

Arthur Ranson, Angus Allan: The Beatles
54 SW-Seiten, gebunden, 19,90 Euro, Boiselle & Ellert, ISBN 978-3-939233-99-2
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berner-beatles-im-comicUnd apropos Fülle der bislang schon existierenden Beatles-Comics: Auf Comickunst wurden bereits LiverFool – Die (wahre) Geschichte des ersten Managers der Beatles (Allan Williams), Der fünfte Beatle (Brian Epstein) und Das kleine Beatles-Buch vorgestellt. Allesamt Alben, die auf ihre Weise jeweils einen bestimmten Teil der Beatles-Geschichte erzählen. Es gibt aber noch mehr Comics über diese legendäre Band, und die hat Beatles-Fan, Publizist, ICOM-Gründungsmitglied und Mitinitiator des internationalen Comic-Salons in Erlangen, Horst Berner, zusammengetragen.

Der kleine A5-Band ist eine aktualisierte und erweiterte Fassung seines Artikels Illustrierte Beatlemania: Die Fab Four in Comic und Zeichentrickfilm, der 2001 und 2012 in dem Musikmagazin Good Times erschienen ist. Angereichert mit zahlreichen Illustrationen, bekommt man einen Überblick darüber, wie Musik und Kunst sich – nicht zuletzt auch durch die Gestaltung von Covern und Filmen – hier gegenseitig beeinflusst haben. Für Beatles-Fans sicher interessant. Wer chronischer Sammler ist und einfach allesallesalles von und über die Beatles haben muss, wird allerdings an dem Band verzweifeln: Viele der vorgestellten Arbeiten sind – wenn überhaupt – nur noch schwer zu bekommen.

Horst Berner: Die Beatles im Comic
48 Seiten, gebunden, 9,95 Euro, Boiselle & Ellert, ISBN 978-3-939233-95-4

Blue Note

bourgouin-blue-noteMan kann unterhaltsame Fantasy-Comics zeichnen, spannende Western schreiben, sexy Erotikalben auflegen, aber am Ende geht doch nichts über eine gute Geschichte. Eine gute Geschichte ist genreübergreifend – man kann sie überall finden. Die besten sind die, die kein Genre nötig haben, weil sie aus sich selbst heraus wirken. Blue Note – Die letzten Stunden der Prohibition ist so eine Geschichte.

USA, 1933. Im angesagtesten Club einer Großstadt bereitet man sich auf das Ende der Prohibition vor. In einem Monat soll das Alkoholverbot aufgehoben werden. Schade, denn Club-Besitzer Vincenzo hat gut vom Schmuggel gelebt. Er hat Politiker bestochen, Polizisten und Staatsanwälte geschmiert und ist zu einem der einflussreichsten Männer der Stadt geworden. Mit dem Ende des Alkoholverbots wird sich das ändern. Dann kann jeder eine Kneipe aufmachen, und Vincenzo wird nicht mehr gebraucht.

Zur gleichen Zeit versucht der ehemalige Profiboxer Jack Doyle sein Comeback. Eigentlich hat er keine Lust, aber im Hintergrund ziehen Gestalten die Fäden, die es nicht witzig finden, wenn man ihnen die Geschäfte vermasselt. Dann ist da noch Ray Jameson, ein junger Bluesmusiker, der in Vincenzos Club Karriere machen will. Doch die Konkurrenz ist nicht zimperlich und schreckt auch vor gebrochenen Fingern nicht zurück. All das vermischen Mariolle und Bourgouin zu einer Story, die viel quirlige, jazzige 30er Jahre-Atmosphäre transportiert.

Das I-Tüpfelchen setzt Bourgouin mit seinen Zeichnungen. Blues und Jazz leben von Improvisation. Gute Zeichnungen auch. Bourgouin hat es wunderbar drauf, auf einer Seite zwischen klar akzentuierten Bildern seine Stifte plötzlich wild über die Panels jammen zu lassen und damit sprühendes Leben in die Bude zu bringen. Das war schon in seinem genialen Album Codex Angélique so, und ist in Blue Note nicht anders. Möglicherweise nicht jedermanns Geschmack, aber wer schwarze Krimis aus dieser Zeit mag, wird dieses Album lieben. Stark und echt wie ein guter Blues, und rundum erstklassig gezeichnet. Bitte mehr von diesem Zeichner.

Mickaël Bourgouin, Mathieu Mariolle: Blue Note
144 Seiten, gebunden, 24,80 Euro, Splitter, ISBN 978-3-95839-134-5
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mattotti-aladinPhilip Pullman ist Engländer. Die gelten als etwas spröde – also irgendwie fantasielos. Das ist bei ihm allerdings nicht der Fall. Der Literaturdozent arbeitet am Londoner Westminster College, hat Bilderbücher, Theaterstücke und Thriller geschrieben und zählt zu den Autoren, die Grenzen zwischen literarischen Gattungen nicht akzeptieren. Er wildert überall – von Fantasy bis Thriller – und hat außerdem ein großes Faible für Märchen. Weshalb der Träger des Astrid-Lindgren-Gedächtnispreises schon die der Gebrüder Grimm nacherzählt hat. Die Illustrationen in Form von Skulpturen stammten dabei von Shaun Tan.

Jetzt hat sich Pullman die Geschichte von Aladin vorgenommen. Eine solch grandiose Geschichte erzählen zu dürfen, ist ein Privileg, Verantwortung und Nervenkitzel zugleich, schreibt er im Vorwort des Bandes. Einerseits lautet das Gebot, der Form und Stimmung des Originals die Treue zu halten, andererseits ist es unerlässlich, etwas Neues hinzuzufügen. Wer nichts Eigenes in eine Geschichte einzubringen vermag, sollte es denen überlassen, die es können!

Die Illustrationen (es ist kein Comic, sondern ein illustriertes Buch) stammen von Lorenzo Mattotti. Der Italiener hat bereits das im gleichen Verlag erschienene Märchen Hänsel und Gretel bebildert – allerdings in düsterem Schwarz. Für Aladin nutzt er dagegen die ganze Farbenpracht seiner Buntstifte, und das passt wunderschön zur Atmosphäre dieser Erzählung. Für Mattotti-Fans ebenso empfehlenswert wie für Märchenfreunde.

Lorenzo Mattotti, Philip Pullman: Aladin und die Wunderlampe
88 Seiten, gebunden, 22,90 Euro, Aladin-Verlag, ISBN 978-3-8489-2041-9

In Bed

kalonji-in-bedDer Titel dieses Albums ist englisch, der Inhalt aber deutschsprachig – von einigen englischen Songtexten abgesehen. Insofern braucht man nicht zu befürchten, es aufgrund mangelnder Sprachkenntnisse nicht lesen zu können. Es geht um eine erotische Affäre, um einen Seitensprung. Luka, verheirateter Jurist, turtelt heimlich mit Rachel. Rachel ist eine erfolgreiche Schriftstellerin, die die Inspiration für ihren nächsten Roman nicht selten im Bett sucht. Auch sie ist verheiratet und hat mit ihrem Mann zwei Kinder. Luka wiederum ist mit Julia zusammen – eine Galeristin, die gerade ihre nächste große Ausstellung vorbereitet und entsprechend aufgeregt ist. Doch Luka interessiert sich nicht für Julias Arbeit. Er hat ziemlich exakte Vorstellungen von seinem Leben, und Kunst kommt darin nicht vor. Kinder übrigens auch nicht – was Julia auch gern anders hätte.

Nach einem lustvollen Nachmittag mit Rachel muss Luka schnell nachhause. Seine Frau hat Freunde zu einer kleinen Feier eingeladen. Luka bringt ihr einen sündhaft teuren Blumenstrauß vom angesagtesten Floristen New Yorks mit, ist aber dermaßen neben der Spur, dass seine Geistesabwesenheit – er hat immer noch die Bettszenen mit Rachel im Kopf – allen auffällt. Wie wird Julia reagieren?

Im Grunde bietet das Album eine klassische Seitensprunggeschichte ohne besonderen Tiefgang. Zwei Beziehungen, vier Menschen, die aneinander vorbei leben – die übliche Geschichte. Allerdings wird sie unterhaltsam erzählt und liest sich recht spannend, weil die Entwicklung nicht vorhersehbar ist. Am schönsten sind die Zeichnungen, die weich und fließend daher kommen, die Figuren aber auch sehr pointiert auf die Seiten bekommen. Inhaltlich nichts Neues, aber ein Album, das ebenso schön zu lesen wie anzusehen ist.

Kalonji, Lydia Frost: In Bed
88 Seiten, gebunden, 17,80 Euro, Splitter, ISBN 978-3-95839-143-7
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