Herbst in der Hose

koenig-herbst-in-der-hoseTja, das ist ein hartes Album. Aber da müsst ihr jetzt durch. Der Verlag beschreibt es so: Ausgerechnet Paul Niemöser passiert völlig unvorhergesehen die Tragödie schlechthin: Er wird älter! Ab seinem 48. Lebensjahr schlägt die Andropause gnadenlos zu, und auch seine Freunde jammern und greinen. Dass die Sehkraft nachlässt und die Haare grau werden, mag noch angehen, aber bei Störungen der Libido hört der Spaß auf! Und so sitzen die gedemütigten Mannsbilder auf rückenfreundlichen Sofapolstern und sprechen sich gegenseitig Trost zu, während der Testosteronpegel allmählich abnimmt… und abnimmt… und abnimmt…

Das ist gerade für Paul, dem normalerweise komplett hormongesteuerten Teil des Pärchens Konrad und Paul, besonders schrecklich. Während Konrad sich auch mal mit einer Klaviersonate trösten kann, ist Paul ohne Erektion im Grunde nicht vorstellbar. Doch die Zeichen der Zeit beginnen unerbittlich an ihm zu nagen: Das coole Batman-Kostüm ist zu klein, die hautenge Lederhose kriegt er nicht mehr zu, überall ist ein Stück Bauch im Weg, und eine Brille braucht er ebenfalls. In dieser Aufmachung braucht man sich im Darkroom gar nicht erst blicken lassen.

Das alles bringt König wie immer mit viel Situationskomik rüber – belässt es aber nicht dabei. In die Gespräche zwischen Konrad und Paul streut er immer wieder medizinische Fakten über den Prozess des Alterns ein – was dieses Album für Männer im betreffenden Alter beängstigend realistisch macht. Denn hier wird gezeigt, was ab dieser Zeit auf sexueller Ebene passiert: nicht mehr viel.

Natürlich übertreibt König, wie immer, aber man merkt dem Album an, dass er, inzwischen selbst bald 60, sich ernsthaft mit dem Thema auseinandergesetzt hat und dabei Wahrheiten ausspricht, die nur so lange komisch sind, wie man selbst nicht davon betroffen ist. Mindestens ebenso schrecklich ist allerdings der Gedanke, dass das wohl das letzte Album mit Konrad und Paul gewesen sein dürfte, denn was soll nach dem Altersheim noch kommen? Also trotz drohender Andropause furchtlos zugreifen – lediglich die geringe Spannung in dem eher episodenhaften Storyaufbau trübt den Lesegenuss ein wenig.

Ralf König: Herbst in der Hose
176 Seiten, gebunden, schwarzweiß, 22,95 Euro, Rowohlt, ISBN: 978-3498035754
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Kobane Calling

zerocalcare-kobane-callingDie Kurden leben im Grenzgebiet von Syrien, Iran, Irak und der Türkei und werden in jedem dieser Staaten diskriminiert. Im Norden von Syrien haben sie deshalb 2013 die autonome Region Rojava gegründet, um ein selbstbestimmtes Leben nach eigenen Regeln führen zu können. Dazu gehören die Gleichberechtigung von Männern und Frauen ebenso wie die Religionsfreiheit und das Verbot der Todesstrafe. Das missfällt nicht nur den Islamisten von IS + Co – auch der Türkei ist das autonome Gebiet ein Dorn im Auge. Kobane wiederum ist die Stadt an der syrisch-türkischen Grenze, die im September 2014 vom IS angegriffen und fast eingenommen wurde. Am Ende eroberten sich die Kurden ihre Stadt zurück, wodurch sie zu einem Symbol des kurdischen Widerstands weit über die Region hinaus geworden ist.

Ein Jahr später reist der italienische Comic-Blogger Zerocalcare (Michele Rech) als Teil einer Solidaritäts-Gruppe in das Grenzgebiet. Seine Eindrücke hat er hier zusammengefasst. Er schildert Begegnungen mit Menschen unterschiedlicher Kulturen und Religionen, die Unsicherheit und Gefahren der Reise, die Mühen, die der Aufbau einer für diese Gegend so untypischen Gesellschaft – und das im Kriegszustand – mit sich bringt, und bei alledem bekommt man Informationen über den dortigen Konflikt, die man in unseren Mainstream-Medien nicht findet.

Glücklicherweise kommt das nicht als akademische Abhandlung oder in irgend einer Weise belehrend daher, sondern Zerocalcare stellt seine Erlebnisse immer wieder in Gegensatz zu seiner westeuropäisch geprägten Sicht der Dinge, und das führt zu humorvollen und selbstironischen Szenen, die dieses Album über den Informationsgehalt hinaus sehr unterhaltsam machen – vergleichbar etwa mit Delisles Aufzeichnungen aus Jerusalem oder Sattoufs genialem Araber von morgen. Spannung, Unterhaltung und politische Bildung in einem, und noch dazu klasse gezeichnet – was will man mehr. Eine der stärksten Neuerscheinungen des Jahres (und in Italien, wo Zerocalcare als Zeichner bekannt ist, ein Bestseller).

Zerocalcare: Kobane Calling
272 SW-Seiten, gebunden, 24,95 Euro, avant, ISBN 978-3-945034-63-7
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Merci

monin-merciWas kann man erwarten, wenn man in Bredenne, einem Kaff mit nicht mal 10.000 Einwohnern aufwächst und mitten in der Pubertät feststellt, dass es hier nichts gibt, womit man sich die Zeit vertreiben kann. Für Kinder gibt es Spielplätze. Für die Senioren werden Reisen ans Meer organisiert. Aber für Jugendliche? Langeweile. Das findet die 15jährige Merci Zylberajch wenig spannend, und auch ihre Freunde sind der Meinung, dass man, wenn die Stadt nichts zu bieten hat, eigenständig Abhilfe schaffen muss. Also sorgen sie selbst für Spaß, indem sie die frisch gestrichene Hauswand ihres Mathelehrers mit dem Spruch Parmentier ist ein Vollidiot verzieren.

Leider ist den Polizeibeamten, die sie dabei erwischen, die Antwort auf die Frage, ob die Aussage dieses Satzes wahr ist, völlig egal. Wahr ist für sie, dass hier der Tatbestand der Sachbeschädigung erfüllt worden ist, weshalb Merci sich vor dem Jugendrichter Pirlot verantworten muss. Der ist für seine unkonventionellen Urteile bekannt. Die Strafe, die er ihr aufbrummt, könnte vielleicht sogar Spaß machen – wenn die junge Merci, immer schwarz gekleidet und rundum Goth, die Welt der Erwachsenen nicht grundsätzlich blöd und umständlich finden würde.

Zidrou (Lydie, Percy Pickwick, Leonardo) legt eine Geschichte vor, in der auf der einen Seite die Begrenztheit provinziellen Denkens humoristisch auf die Schippe genommen wird, auf der anderen Seite aber auch Menschen agieren, die durchaus über den eigenen Tellerrand hinaus denken können. Monins Zeichnungen wiederum treffen den Gesichtsausdruck der jungen Merci so gut, dass man das Gefühl hat, sie würde direkt neben einem stehen. Käme auch als Pflichtlektüre für hiesige Ortsbeirats-Mitglieder gut.

Arno Monin, Zidrou: Merci
64 Seiten, gebunden, 16,99 Euro, Panini, ISBN 9783741602498