Wie ich versuchte, ein guter Mensch zu sein

lust-wie-ich-versuchteVerlagstext: Als vor acht Jahren Ulli Lusts autobiographischer Comic Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens erschien, wurde er als Meisterwerk gefeiert und mit zahlreichen internationalen Preisen ausgezeichnet. In ihrem sensationellen neuen Comic, der unmittelbar an den Vorgänger anschließt, erzählt sie die heftige Geschichte einer ménage à trois, einer utopischen Liebe, die in Besitzanspruch und Gewalt umschlägt, eine Geschichte der sexuellen Obsession, der Geschlechterkonflikte und der Selbstbefreiung – ihre Geschichte.

Ganz genau. Und die Art, wie sie ihre Geschichte (weiter)erzählt, ist einfach nur herzerfrischend lebendig. Ich mag ihren Zeichenstil nicht besonders, aber erzählen kann sie prima, und dieses fette 367-Seiten-Werk ist ein echter Pageturner. Nach ihrem Album Flughunde, das den Tod der Goebbels-Kinder im Führerbunker zum Thema hatte, hier also wieder etwas Autobiografisches.

Sie erzählt von ihrer Zeit in Wien. Mit dem Zeichnen klappts nicht so gut, an der Kunstakademie wollen sie sie nicht, und die Kohle kommt auch nicht rein, wie sie sollte. Als sie Georg kennenlernt führt die Beziehung mit ihm bei ihr zu mehr emotionaler Stabilität. Als sie Kim kennenlernt – einen afrikanischen Flüchtling – beginnt sie eine Dreiecksbeziehung. Anfangs ist es nur der Sex, aber dann verliebt sie sich in ihn. Georg hat damit kein Problem – umgekehrt ist es komplizierter. Als Kim sie schließlich bittet, ihn zu heiraten, um eine Aufenthaltsgenehmigung zu bekommen, wird es eng.

Eine junge Frau im Zwiespalt zwischen Lust und Frust, Freiheit und Bindung, Zweier- und Dreiecksbeziehung, europäischer und afrikanischer Kultur. Unterhaltsam, spannend, lebensfroh, süffig zu lesen und irgendwie schade, dass es nach 367 Seiten schon zu Ende ist.

Ulli Lust: Wie ich versuchte, ein guter Mensch zu sein
367 Seiten, monochrom 25,- Euro, suhrkamp, ISBN: 978-3-518-46813-5
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Big Data

neufeld-big-dataDer Verlagstext: Am Supermarkt geben wir der Kassiererin beim Bezahlen ein Kärtchen, auf dessen Chip unsere Treuepunkte vermerkt sind, und durch den die Supermarktkette unser Einkaufsverhalten kennenlernt. Autoversicherungen gehen dazu über, mit Chips im Auto das Fahrverhalten ihrer Kunden zu überprüfen, und Krankenversicherungen nehmen gern unsere Fitnessdaten in Empfang… Firmen tauschen ihre Daten aus. Wer wenig für seine Gesundheit tut und schlecht Auto fährt, ist wahrscheinlich auch kein besonders sicherer Kreditnehmer, so heißt es… Die Datensammelei der großen Internetfirmen (und des Staates) beginnt die Gesellschaft zu verändern… Wissenschaftler beschäftigen sich mit diesen gesellschaftlichen Veränderungen, und die Autoren dieses Comics haben sie interviewt und ihre Erkenntnisse im Selbstversuch getestet. Ergebnis: Es ist fast unmöglich, Big Data zu entkommen.

In diesem Sachcomic geht es um die Frage, was mit unseren Daten passiert. Und welche Konsequenzen es für uns hat, wenn alle möglichen Firmen (und staatlichen Institutionen) Daten von uns sammeln. Das Album zeigt Verhaltensweisen aus unserem Alltag, mit denen wir täglich bedenkenlos Daten generieren, die bis in unseren privatesten Bereich verästeln. Und den Herdentrieb, der dazu führt, dass man sich unreflektiert bei Facebook, WhatsApp oder sonstigen Datenkraken anmeldet, wenn die Freunde auch drin sind.

Es sind interessante Informationen – auch wenn man sie teilweise übersichtlicher hätte strukturieren können. Einiges wird nur angerissen und hängt ein bisschen in der Luft. Allerdings ist es zweifellos wichtig, sich mit diesem Thema zu beschäftigen – vor allem in Zeiten, in denen die Digitalisierung langsam auch im Alltag ankommt (Smart Home + Co). Josh Neufeld ist Sachcomic-Zeichner – er hat bereits das Album Der Beeinflussungsapparat bebildert. Michael Keller ist Journalist und hat unter anderem für die Washington Post und Al Jazeera America gearbeitet.

Josh Neufeld, Michael Keller: Big Data – Das Ende der Privatheit?
60 Seiten, 15,- Euro, Jacoby & Stuart, ISBN 978-3-946593-50-8
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Mohnblumen aus dem Irak

trondheim-mohnblkumen-aus-irakAus dem Verlagstext: In “Mohnblumen aus dem Irak” erzählt Brigitte Findakly von ihrer Kindheit im Irak. Zu Beginn der 1960er Jahre als Tochter einer Französin und eines Irakers geboren, wuchs sie in Mossul auf. Kurze Episoden zeigen ihren kindlichen Blick auf einen Alltag, der von kulturellen Missverständnissen ebenso geprägt war wie von den zusehends bedrohlicher werdenden Militärdiktaturen und Staatsstreichen. Lewis Trondheim findet für die mal amüsanten, mal politisch brisanten Anekdoten seiner Ehefrau eine ergreifende und universale Bildsprache.

Irgendwie scheint es gerade Mode zu sein, Erinnerungen aus seinem Leben im Nahen Osten zu Papier zu bringen. Angesichts der viele Flüchtlinge ist das auch naheliegend. In der Regel sind die Bände ebenso informativ wie unterhaltsam und tragen dazu bei, das Leben der Menschen in diesen Ländern – und ihre Fluchtgründe – besser zu verstehen.

Allerdings ist nicht jeder in der Lage, Alben wie Delisles Aufzeichnungen aus Jerusalem, Satouffs Araber von morgen oder Zerocalcares Kobane Calling abzuliefern. Brigitte Findakly und Lewis Trondheim sind es jedenfalls nicht. Was Findakly hier zusammenträgt, sind ein paar Anekdoten aus ihrem Leben, einige davon nicht uninteressant. Insgesamt aber wirkt dieser mit – noch dazu qualitativ schlechten und wenig aussagekräftigen – Familienfotos angereicherte Comic eher wie ein Sammelsurium von Erinnerungen, die ziemlich unstrukturiert daherkommen, immer wieder mal zwischen Paris und Mossul wechseln und dabei weder eine chronologische noch eine inhaltliche Struktur vorweisen. Das ist einfach zu wenig, das ist zu dünn. Als Koloristin (u.a. für Sattouf, Sfar, Larcenet) ist Findakly prima – als Szenaristin weniger. Viel Neues erfährt man in diesem Album nicht.

Lewis Trondheim, Brigitte Findakly: Mohnblumen aus dem Irak
112 Seiten, 18,- Reprodukt, ISBN 978-3-95640-120-6
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