Cumbe

salete-cumbeNach Brasilien, dem Land mit der heute größten schwarzen Bevölkerung außerhalb Afrikas, wurden 5 Millionen Sklaven verschleppt, elf Mal mehr als in die USA. Deren Geschichte ist bis heute ein Tabu und wurde bisher fast nur aus der Perspektive der Kolonialisten erzählt. Einer der bekanntesten Autoren Brasiliens erinnert hier in poetischer Bildsprache an fünf Sklaven, die gegen ihre Herren rebellierten. Nach wahren Begebenheiten, mit ausführlichem Glossar und Bibliographie. Cumbe verleiht Geschichten über die Kolonialzeit Farbe, Strich, Schatten und Wort. Die ersten Jahrhunderte der Kolonisierung und der Sklaverei in Brasilien bilden das Szenario dieses leise daherkommenden Werks Schwarzer Literatur – Erzählungen, in der Freiheit nicht selten Tod bedeutete. Und der Tod, Calunga, einen Neubeginn. Soweit der Verlagstext.

Der 1979 in Sao Paulo geborene Zeichner Marcelo D´Salete gehört zu den bekanntesten Comic-Künstlern Brasiliens, und auch in Frankreich und anderswo sind seine Alben erschienen. Cumbe hat er komplett in Schwarzweiß gezeichnet. Das erinnert entfernt an die Werke von José Munoz. Allerdings kommt D´Salete fast ohne Text aus, was die Intensität seiner Bilder erhöht und den Leser zwingt, genau hinzusehen, um seine Geschichten verstehen zu können.

Mein Fall ist das nicht, obwohl ich politische Alben mag – mir ist die erzählerische Ebene des Albums einfach zu dünn. Aber wer sich für die Geschichte der Sklaverei und die afrikanische Bantu-Kultur interessiert, sollte mal reinschauen. D´Salete hat eine Vielzahl typischer Bantu-Symbole in sein Album integriert, was den Geschichten zusätzliche Authentizität verleiht.

Marcelo D´Salete: Cumbe
176 Seiten, schwarzweiß, 19,- Euro, bahoe books, ISBN 978-3-903022-54-6

Meine 80er Jahre

chuang-meine-80er-jahreDer in der Schweiz ansässige Verlag Chinabooks hat sich, wie der Name schon sagt, auf chinesische Literatur und Übersetzungen spezialisiert. Von reinen Chinesisch-Lehrbüchern über zweisprachige Romane, Comics und Kinderbücher ist in dem mehrere 100 Publikationen umfassenden Angebot alles dabei. Im vorliegenden Album Meine 80er Jahre – Eine Jugend in Taiwan beschriebt der 1968 geborene Zeichner Sean Chuang seine Erlebnisse als Kind und Jugendlicher zwischen 1976 bis 1990.

Sean Chuang (Zhuang Yongxin) machte seinen Abschluss an der Fu-Hsin Trade & Arts School in Taipeh. Inzwischen hat er in verschiedenen asiatischen Ländern über 400 Werbespots gedreht und mehrere Preise gewonnen. Auch mit seinen Comics war er erfolgreich und heimste Ehrungen ein – unter anderem den Taiwan Golden Comic Award für Meine 80er Jahre.

Wer allerdings hofft, darin Informationen über die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse in Taiwan zur Zeit des Übergangs von einem durch die Kuomintang beherrschten Staat in eine westlich orientierte Gesellschaft zu finden – genau zu dieser Zeit spielen Chuangs Geschichten – wird enttäuscht. Was bei Autoren wie Delisle, Satrapi oder Sattouf einfach dazugehört – nämlich die individuelle Geschichte in den historischen Kontext einzubetten – fehlt bei Chuang fast völlig.

Was bleibt, sind Kindheitserinnerungen und Jugendanekdoten, die sich damals so oder ähnlich überall in der westlichen Welt abgespielt haben: Schulstress, Brieffreundschaften, WG-Erfahrungen und jugendliche Schwärmereien für Bruce Lee, Motorräder und Breakdance. Das allerdings kommt ziemlich gut und oft auch sehr humorvoll und selbstironisch rüber und ist prima gezeichnet. Dass es mehr eine illustrierte Geschichte als ein Comic ist, fällt da nicht weiter ins Gewicht, denn Chuang verschachtelt seine Bilder oft gekonnt über mehrere Ebenen, und der fast karikative Stil bringt die Situationen treffend auf den Punkt und viel Leben auf die Seiten. Auch wenn der inhaltliche Tiefgang fehlt – es macht Spaß, dieses Album zu lesen. Weshalb der Verlag es aber zweisprachig – 180 Seiten in der deutschen, und gleich hinten dran 180 Seiten in der chinesischen Version – publiziert, erschließt sich nicht wirklich.

Sean Chuang: Meine 80er Jahre – Eine Jugend in Taiwan (Band 1)
380 Seiten, schwarzweiß, 16,00 Euro, chinabooks, ISBN: 978-3-905816-59-4
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Liebe auf Iranisch

deloupy-liebe-auf-iranischNach Satrapis kultigem Persepolis, nach Ein iranischer Albtraum und Zahra´s Paradise liegt mit diesem Album wieder ein Comic vor, der einen authentischen Einblick in das Land der Mullahs gibt. Thema ist das Liebesleben der unverheirateten Generation. Die hat angesichts der konservativen Moralvorstellungen der islamischen Regierung wenig Freude. Die Ehen werden nach wie vor auf höchst skurrile Weise von den Eltern arrangiert, ein intaktes Jungfernhäutchen in der Hochzeitsnacht ist Pflicht, was bedeutet, dass man seine Sexualität – falls man überhaupt einen Ort findet, an dem man dabei unbeobachtet ist – vor der Ehe nicht frei leben kann, das kleinste Stückchen Haut, das Frauen in der Öffentlichkeit außerhalb ihres Gesichts zeigen, kann nervige Konsequenzen haben, und wen die Sittenwächter nicht denunzieren, den denunzieren möglicherweise Eltern, Geschwister oder Verwandte. Also ungefähr so – und damit relativiert sich die Geschichte ein wenig – wie es bis Ende der 1960er Jahre auch in Westdeutschland der Fall gewesen ist.

Die Autoren haben zahlreiche Gespräche mit jungen Erwachsenen geführt. In deren Erzählungen wird nicht nur die politische Unterdrückung, sondern auch die erstickende Enge religiöser Traditionen spürbar. Dabei gehen die Betroffenen durchaus unterschiedlich mit ihrer Situation um. Manche sind ängstlich und bemühen sich, ihre Liebe nach außen zu verbergen, andere sind mutiger und testen Grenzen aus. Auf Veränderungen im politischen System, das wird leider auch sehr deutlich, hofft gegenwärtig kaum jemand von ihnen.

Ein bisschen nervig ist die betont konspirative Attitüde, mit der dieses Album daherkommt. Als ob diese Geschichten unter Lebensgefahr recherchiert worden wären. Davon abgesehen ist es ein sehr informativer Comic – ebenso schön erzählt wie gezeichnet.

Deloupy, Jane Deuxard: Liebe auf Iranisch
144 Seiten, gebunden, 19,80 Euro, Splitter, ISBN: 978-3-95839-543-5
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