Bald sind wir wieder zu Hause

bergting-bald-sind-wir-wieder-zuhause Comics über Rassismus und Faschismus kann es in diesen Zeiten gar nicht genug geben. In diesem Band schildern sechs Kinder ihre Erfahrungen mit den Nazis im Dritten Reich. Der Verlag schreibt: Rechtsextremismus und Antisemitismus haben in Europa wieder Fuß gefasst. Geschichten, wie die in diesem Band versammelten, erinnern uns daran, den Horror des Holocaust niemals zu vergessen. „Bald sind wir wieder zu Hause“ schildert die Erlebnisse von sechs Überlebenden des Naziterrors auf Basis von Interviews. Enteignet, von ihren Angehörigen getrennt und ihrer Menschenwürde beraubt, durchlebten sie die Angst und Verfolgung im Ghetto. Sie erlitten die Entmenschlichung, den Hunger und die Entkräftung in den Konzentrationslagern und waren Zeugen des industriellen Massenmordes in den Vernichtungslagern. Ein beeindruckendes Plädoyer gegen das Vergessen.

Auch wenn es im Grunde nichts Neues ist, was man hier liest, und man bereits viele ähnliche Geschichten gehört hat: Es ist immer wieder erschreckend zu sehen, mit welcher Kälte selbsternannte Herrenmenschen angeblich minderwertige Rassen wie Dreck behandeln und durch Folter, Arbeit, Hunger und medizynische Experimente zu Tode quälen. Selma Bengtsson, eine der sechs Betroffenen, die in diesem Album ihre Odyssee durch die Konzentrations- und Arbeitslager Auschwitz, Ravensbrück, Buchenwald, Theresienstadt und Bergen-Belsen schildern, wog nach ihrer Befreiung gerade noch 28 Kilo.

Solche Geschichten vor Augen, fragt man sich, weshalb Nazis wie Björn Höcke, die wieder öffentlich davon reden, dass man Oppositionelle ausschwitzen müsse, überhaupt noch in einem Parlament sitzen können. Und weshalb solche Leute in Talkshows und Nachrichtensendungen als Rechtspopulisten verharmlost und nicht als das bezeichnet werden, was sie sind: Faschisten. Ein stark gezeichnetes Album, das deutlich macht, welche Konsequenzen es hat, wenn man die Grenze zu den wieder aufkommenden rassistischen und faschistischen Bewegungen nicht klar zieht.

Peter Bergting, Jessica Bab Bonde: Bald sind wir wieder zu Hause
104 Seiten, gebunden, 20,- Euro, Cross Cult, ISBN 9783966581783
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Schloss der Tiere

delep-schloss-der-tiere1Diese Serie erinnert an Animal Farm von George Orwell. Verlagtext: Irgendwo in Frankreich, auf einem von den Menschen vergessenen Bauernhof, liegt das Schloss der Tiere. Vom Stier Silvio mit eisernem Huf geführt, stellt die Republik ein Eiland der Solidarität und des Gemeinschaftssinns dar. So zumindest das Ideal, doch die Fassade ist rissig: Als das Huhn Adelaide aus fadenscheinigen Gründen von Silvios Hundemeute exekutiert wird, beschließt Katzendame Miss Bengalore, dass ihre Jungen nicht in diesem repressiven System aufwachsen sollen. Zusammen mit dem Gigolo-Kaninchen Cäsar und der weisen Ratte Azelar tritt sie in den Widerstand ein – mit Ungehorsam und Humor gegen Reißzähne und Krallen.

Szenarist Xavier Dorisons, der so spannende Serien wie Long John Silver und Undertaker geschrieben hat, erklärt im Vorwort des ersten Bandes, Orwell habe mit seiner Farm der Tiere gezeigt, dass gesellschaftliche Veränderungen, die durch Gewalt entstanden sind, gescheitert seien, während Veränderungen auf friedlichem Wege erfolgreich gewesen wären (Gandhi, King, Mandela): Und jenen also, die uns gezeigt haben, dass es einen schmalen, gefährlichen, unsicheren, aber durchaus realen Weg zu einer besseren Welt gibt, hofft diese Fabel eine bescheidene Ehre zu erweisen.

Das Szenario des Bandes hält sich an diese Vorgabe. Die Tiere wehren sich gegen Ausbeutung und Ungerechtigkeit, aber nicht mit Gewalt. Angeführt werden sie von der Ratte Azelar, die meint, Humor sei eine gute Waffe. Man müsse die regierenden Stiere und Hunde lächerlich machen. Also entwickelt sie gemeinsam mit Miss Bengalore (eine alleinerziehende Katze) allerlei kreative Widerstandsaktionen.

Klasse sind die Zeichnungen. Die Tiergesichter haben viel Charakter. So lebendig wie in Blacksad, und gelegentlich so rührig wie in Disneyfilmen. Die Hunde finster und fies, aber nicht blöd, die Katze nahe am Kitsch, aber mutig, die Ratte clever und listig. Ganz allerliebst kommt auch Cäsar, das Kaninchen, das einer anregenden Beschäftigung nachgeht. Der ausdrucksstarke Strich von Félix Delep, schreibt der Verlag treffend, der ein eindrucksvolles Erstlingswerk abliefert, haucht seinen tierischen Protagonisten so viel Menschlichkeit ein, dass die Unmenschlichkeit der Diktatur umso stärker hervortritt. Weshalb es diese Reihe auch als Splitter Diamant Vorzugsausgabe gibt. Vier Bände sollen es insgesamt werden. Band zwei soll im Januar erscheinen, der Rest, wenn alles gut läuft, in jährlichem Abstand.

Félix Delep, Xavier Dorison: Schloss der Tiere 1: Miss Bengalore
72 Seiten, gebunden, 17,- Euro, ISBN 978-3-96219-185-6
Vorzugsausgabe: XXL-Format, Bonusseiten, auf 444 Exemplare limitiert, 69,- Euro
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Phoolan Devi

fauvel-phoolan-deviDas ist, weil du ein Spitzel für die Polizei bist, sagt sie, und schneidet ihm die Nase ab. Das ist für alle Frauen, die du vergewaltigt hast, sagt sie, und schneidet ihm die Geschlechtsteile ab. Phoolan Devi setzt Zeichen, und die sind klar und deutlich. Verlagstext: Niemand konnte Phoolan Devis außergewöhnlichen Lebensweg voraussehen. Sie wurde 1963 in Nordindien in eine sehr niedrige Kaste geboren und von Kindheit an mit Armut, Gewalt und Ungerechtigkeit konfrontiert. Im Alter von 11 Jahren erfolgte die Zwangsheirat mit einem 35-jährigen Mann. Als er sie vergewaltigte, lief sie davon – zurück zu ihren Eltern. Das ganze Dorf verstieß sie jedoch, die Polizei verhaftete sie und missbrauchte sie erneut. Erlösung fand sie erst durch einen Überfall einer Banditenbande, der sie sich anschloss. Von diesem Moment an hörte sie nicht mehr auf für Gerechtigkeit zu kämpfen und die Schwächsten zu schützen.

Wie wird man zu einer Ausgestoßenen? Wie zur Banditin? In der Regel sucht man sich das nicht aus. Bei der 1965 geborenen Devi ist es die Enge des hinduistischen Kastensysems, das ihr als Mitglied der untersten Kaste keine Chance lässt, jemals zu irgend einer Art von Recht zu kommen. Und wenn sie noch so sehr erniedrigt, betrogen und geschlagen wird – es kümmert niemanden. Dazu kommt eine patriarchale Gesellschaftsstruktur, in der eine Frau wertlos ist und ein Mann mit ihr machen kann, was er will – Massenvergewaltigung inklusive.

So wird Devi nicht zur Rebellin, weil sie ein politisches Programm verfolgt oder eine Oppositionspartei gründen will. Sie kann ja nicht mal lesen. Ihr geht es schlicht darum, als Mensch behandelt, nicht von jedem Arsch mit Schwanz missbraucht und nicht von jedem Amtsträger bestohlen werden zu können. So führt eins zum anderen, und irgendwann steht sie da, hat ein Gewehr in der Hand und befehligt eine Rebellentruppe.

Die Pariser Zeichnerin Claire Fauvel hat die Geschichte von Devi in ein Album gepackt, dessen Handlung sich an deren Autobiografie Ich war die Königin der Banditen orientiert. Eine ebenso finstere wie spannende Geschichte, die den Leser durch allerlei emotionale Turbulenzen jagt und prima gezeichnet ist. Und Einblick in eine gesellschaftliche Struktur gibt, die sich in vielen Bereichen Indiens bis heute nicht geändert hat.

Claire Fauvel: Phoolan Devi – Königin der Banditen
226 Seiten, gebunden, 24,- Euro, Bahoe, ISBN 978-3-903290-22-8