Welt ohne Ende

Mal abgesehen von dem nichtssagenden Titel und dem langweiligen Cover ist dieses Album ein echter Knaller: “Welt ohne Ende” ist das Ergebnis der Zusammenarbeit eines bedeutenden Comiczeichners mit einem renommierten Experten für Energiefragen und Klimawandel. Gemeinsam widmen sich Christophe Blain und Jean-Marc Jancovici dem wohl drängendsten Problem unserer Tage: den gravierenden Veränderungen, die unser Planet derzeit durchläuft. Intelligent, klar und humorvoll machen sie die Gründe für den Klimawandel verständlich und zeigen Möglichkeiten auf, die zur Verlangsamung der globalen Erwärmung führen können. Jean-Marc Jancovici gelingt es, hochkomplexe Sachverhalte aus den verschiedensten Wissensgebieten nachvollziehbar zu erläutern und in wirtschaftliche, ökologische und gesellschaftliche Zusammenhänge zu stellen. (Verlagstext)

Und genau so ist es. Ich war eigentlich wegen Christophe Blain neugierig auf dieses Album. Der liefert zwar auch hier wieder gewohnt gute Bilder ab – im Mittelpunkt stehen aber die Erläuterungen von Jean-Marc Jancovici. Und was der zu bieten hat, ist einfach klasse.

Um unsere Umwelt zu verändern (Häuser bauen, Straßen anlegen, Produkte herstellen…), brauchen wir Energie. Je nachdem, welche wir nutzen, ändern sich die Kosten. So ist es beispielsweise 500 mal preiswerter, bestimmte Jobs von benzingetriebenen Maschinen, als von Menschen erledigen zu lassen. Jancovici vergleicht Öl, Kohle, Gas, Kernkraft, Wind und Sonne miteinander. Er stellt Zusammenhänge zu unserem Konsumverhalten, zu Ernährung, Transportwesen, Weltbevölkerung, Produktionsweise und vielen anderen Dingen her. Oder er erklärt, wie viel Energie nötig war, damit sich die Lebenserwartung der Menschen in den vergangenen 200 Jahren verdreifachen konnte. Er stellt Zusammenhänge her, auf die man von selbst gar nicht gekommen wäre.

Was einem dabei klar wird, ist ebenso spannend wie informativ – und gelegentlich unangenehm: Denn wenn wir die Klimaprobleme in den Griff bekommen wollen, wird es mit einer Fernreise weniger pro Jahr und einem bisschen Recycling nicht getan sein. Wir werden unseren Lebensstandard in vielen Bereichen runterfahren müssen. Jancovicis Glaube an die Sicherheit der neuartigen Atomkraftwerke kann ich zwar nicht teilen, aber davon abgesehen bietet dieser Band eine solche Fülle von Informationen und Aha-Effekten, dass man ihn gelesen haben sollte, wenn man die Komplexität der Klimaproblematik verstehen will. Really mind-blowing.

Christophe Blain, Jean-Marc Jancovici: Welt ohne Ende
Aus dem Französischen von Ulrich Pröfrock
196 Seiten, gebunden, 39,- Euro, Reprodukt, ISBN 978-3-95640-318-7
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Horror im Comic

Für alle Fans von Horror-Comics hat Alexander Braun die historische Entwicklung dieses Genres recherchiert: Horror-Comics gibt es seit den frühen 1950er-Jahren. Sofort wurden sie von konservativen Kräften der amerikanischen Gesellschaft der McCarthy-Ära angefeindet, was 1954 zur Verabschiedung eines Selbstzensur-Codes der Industrie führte. Zensur ist eigentlich ein No-Go für westliche Demokratien, aber Horror-Comics – insbesondere die des EC-Verlags – waren zu subversiv, zu gesellschaftskritisch und zu autonom im Sinne einer unerwünschten Jugendkultur. Ab den späten 1960er-Jahren setzte schließlich eine Liberalisierung ein und Horror wurde zu einer festen Größe der Pop- und Comic-Kultur. Vampire, Werwölfe, Frankensteins Monster: sie alle wurden jetzt auch als Comic adaptiert. Dazu Geister und Dämonen, Okkultismus und Zombies, sowie Manga-Gore aus Japan. Diese Publikation präsentiert 70 Jahre Horror-Comics, vorgestellt durch seltene Dokumente und Meisterwerke von Graham Ingels, Jack Davis, Bernie Wrightson, Richard Corben, Mike Mignola, Hideshi Hino, Shintaro Kago u.v.m. – darüber hinaus liefert Alexander Braun ganz nebenbei auch einen spannenden Ritt durch Gesellschafts- und Kulturgeschichte. (Verlagstext)

Und exakt dieser Ritt durch die Gesellschafts- und Kulturgeschichte ist es, der diesen Wälzer so interessant macht. Was Alexander Braun, der u.a. in Will Eisner – Graphic Novel Godfather einen Überblick über die künstlerische Entwicklung von Eisner gegeben, Comic-Ausstellungen kuratiert hat und selbst zweifacher Eisner-Preisträger ist, hier an Informationen zusammengetragen (und in Zusammenhang gestellt) hat, ist unglaublich. Das muss eine Heidenarbeit gewesen sein. Und liest sich nicht nur informativ, sondern auch spannend.

Braun entwickelt die Entstehung der Horror-Comics aus den gesellschaftlichen Prozessen der jeweiligen Zeit. Die Verbote durch Politik und Gerichte erfolgten mit der Begründung, Gewaltdarstellungen würden die Leser selbst zu Gewalt anregen. Man kennt das in Bezug auf Filme, Computerspiele und neuerdings auch in Bezug auf Postings im Internet. Ernsthafte Untersuchungen, die diese These belegen, so Braun, gibt es allerdings nicht. Die Darstellung von Grausamkeiten jeder Art ist ohnehin bereits lange vor den Comics Teil des europäischen Kulturguts geworden – man denke an den Werwolf von Lucas Cranach d. Ä. (1512), Goyas Desastres de la guerra (1810) oder Rembrandts Anatomie des Dr. Tulp (1632). Braun analysiert dabei nicht nur die Malerei, sondern auch Romane und Filme, die das Genre geprägt haben (Die Nacht der lebenden Toten, etc.) und beschreibt so Kultur, die sich gegenseitig beeinflusst.

Wer also mehr über Horror-Comics, über ihre Entstehung, die Zeichner, die Verlage und das gesellschaftspolitische und ökonomische Umfeld wissen möchte, in dem und aus dem heraus sie entstanden sind, bekommt hier ein Werk geliefert, das in Umfang und Tiefe mit nichts vergleichbar ist. Das Album ist Begleitband der gleichnamigen Ausstellung im Dortmunder schauraum, die dort noch bis zum 14. August zu sehen ist.

Alexander Braun: Horror im Comic
456 Seiten, gebunden, 49,- Euro, avant, 978-3-96445-067-8
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Das Gutachten

Fahrerflucht, oder nicht? Schuldig, oder nicht? Gestehen, oder nicht? Viele Fragen in dem Krimi von Jennifer Daniel: Im Sommer 1977 ereignet sich auf einer Landstraße kurz hinter Bonn ein Autounfall, bei dem nicht allein Blech, sondern Welten aufeinanderstoßen. Die junge RAF-Sympathisantin Miriam Becker stirbt in ihrem Wagen und vom Unfallverursacher fehlt jede Spur. Herr Martin, ein kleiner Angestellter der Rechtsmedizin, hat ganz persönliche Gründe, in diesem Fall genauer hinzuschauen. Mit „Das Gutachten“ zeigt Jennifer Daniel, wie frisch eine Graphic Novel über die deutsche Nachkriegsgesellschaft daherkommen kann. Erzählerisch wie grafisch eindrücklich zeichnet sie das Bild eines Mannes, der seine Erinnerungen im Alkohol zu ertränken versucht. Bis eine junge Frau stirbt. Seine Ermittlungen bringen Herrn Martin auf die Spur des Verantwortlichen, legen jedoch unbarmherzig auch die eigene, mühsam verdrängte Verantwortung offen. (Verlagstext)

Was Jennifer Daniel hier erzählt, ist eine Geschichte, in der Kumpanei über dem Gesetz steht, und gute Kumpel einem manches Problem vom Hals schaffen – wenn nötig auch auf illegale Weise. Die Frage ist, ob man immer ehrlich sein soll, oder mit der Wahrheit auch mal großzügiger verfahren kann. Vor allem, wenn die Ehrlichkeit niemandem mehr nutzt. Die Grafikdesignerin und Illustratorin Jennifer Daniel baut ihre Geschichte geschickt auf und zeigt, dass man auch ohne sinnlose Ballerei jede Menge Spannung auf die Seiten bringen kann. Obwohl erfunden, hätte sich die Handlung exakt so abspielen können.

Die Zeichnungen fand ich beim ersten Durchblättern etwas ungelenk, aber der Appetit kommt hier beim Lesen. Daniel hat ihren eigenen Stil, und an Eigenheiten muss man sich gewöhnen. Dann merkt man: Die Zeichnungen müssen so sein. Sie passen ebenso gut zur Story wie zu der Zeit, in der sie spielt, und sind um einiges besser, als noch in ihrem Debüt Earth Unplugged, für das sie 2014 immerhin für den Max und Moritz-Preis nominiert wurde. Ein clever konzipiertes Album für Freunde guter Krimis.

Jennifer Daniel: Das Gutachten
208 Seiten, gebunden, 25,- Euro, Carlsen, ISBN 978-3-551-78170-3
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