100 Frauen

kranz-100-frauenIn diesem Band werden 100 Frauen vorgestellt, die sich maßgeblich für die Rechte von Frauen eingesetzt haben. Nicht nur Politikerinnen – auch Frauen aus Kunst, Literatur und Wirtschaft, oder engagierte Frauen mit großer gesellschaftlicher Wirkung. Es ist kein Buch, das man von vorne bis hinten liest. Eher eine Art Lexikon, in dem man blättert und an der ein oder anderen Biografie hängen bleibt.

Allzu viel Tiefgang darf man nicht erwarten (in jeder Wikipedia-Biografie findet man mehr Informationen), aber gerade dadurch, weil es nicht mit Informationen überfrachtet ist, bleibt es übersichtlich zu lesen. Dabei hilft auch seine klare Struktur: Auf je einer Doppelseite wird eine der 100 Frauen porträtiert. Auf der linken Seite mit einer Kurzbiografie. Auf der rechten Seite steht die dazu gehörige Zeichnung. 65 verschiedene Illustratorinnen habe jede der Frauen auf ihre ganz eigene Art porträtiert. Vor allem diese unterschiedlichen Zeichenstile machen dieses Buch abwechslungsreich und lebendig.

Für Abwechslung sorgen auch die eingestreuten Zitate: Brüllt ein Mann, ist er dynamisch, brüllt eine Frau, ist sie hysterisch (Hildegard Knef). Eine Frau am Steuer ist ein Mensch, der alle Verkehrsvorschriften genau befolgt und dafür beschimpft wird, dass er einen Mann behindert, der sie nicht befolgt (Bertha Benz). Es gibt wohl kaum eine Frage, die mit so geringer Kenntnis ihrer Grundlagen diskutiert wird, wie die Frauenfrage (Gertrud Bäumer).

Eine kleine Zeitleiste am unteren Seitenrand rundet das Buch ab. Sie informiert kurz und knapp über den politischen Hintergrund der jeweiligen Epoche. Zum Beispiel darüber, dass der Deutsche Fußballbund es seinen Mitgliedsvereinen noch 1955 verbot, Frauenfußball anzubieten. Oder dass Frauen in der BRD bis 1958 ohne Einwilligung von Ehemann oder Vater kein Auto fahren durften. Das ist informativ, unterhaltsam und durch das strukturierte Layout einfach auch schön anzusehen. Ein Buch, das auch als Geschenk gut kommt.

Sabine Kranz, Annegret Ritter: 100 Frauen – und 100 Jahre Frauenwahlrecht
192 Seiten, gebunden, 22,- Euro, Jacoby & Stuart, ISBN 978-3-946593-98-0
> Leseprobe

Advertisements

Alexander Nikopol

bilal-alexander-nikopolEinige der drei Alben von Bilals Nikopol-Trilogie (Die Geschäfte der Unsterblichen, Die Frau in der Zukunft und Äquatorkälte) erschienen in den 1980er Jahren zunächst im Volksverlag (der allerdings keine Lizenz dafür hatte), bei Carlsen und bei Ehapa. Anfangs nirgendwo alle drei, was ziemlich nervig war, bis Ehapa die drei Bände in eine teure Gesamtausgabe packte. Jetzt gibt es wieder eine, diesmal von Carlsen.

In den 1980er Jahren wurde viel mit Themen, Stilen, Layouts und sonstwas experimentiert. Enki Bilal gehörte zu den Zeichnern, die die kreativsten Ideen dabei hatten. Anfangs hat er mit Pierre Christin sozialkritische Themen in Comicform präsentiert und immer einen Schuss Phantastik dazu gegeben (Legenden der GegenwartFins de Siècle). Bei Nikopol hat Bilal erstmals auch das Script geschrieben. Was in seinen späteren Soloarbeiten (Animal´z) zu schönen Bildern, aber inhaltlicher Langeweile führte, hatte in Nikopol noch die Unbekümmertheit, um aus SF, Phantastik, Politthriller und Action eine absolut schräge Story in avantgardistischem Design zu basteln.

Da parken die Götter in einer altägyptischen Pyramide über Paris, weil ihnen etwas so Banales wie der Triebstoff ausgegangen ist, während Nikopol – in Gestalt von Bruno Ganz – in einer uralten Raumkapsel zur Ende schwebt. Dort angekommen wird er von einem der Unsterblichen für eine Intrige missbraucht, während in Frankreich gerade ein Präsidentschafts-Wahlkampf über die Bühne geht, bei dem auch nicht alles koscher ist. Dazu kommt Jill Bioskop, wohl eine der coolsten Frauenfiguren der Comicwelt, und der Sohn von Nikopol, der exakt so alt ist wie sein Vater (und auch so aussieht), weil der Vater die Zeit in der Raumkapsel im Kälteschlaf verbracht hat.

Die Geschichte ist manchmal etwas versponnen, aber spannend und originell. Wie die Zeichnungen, in denen die Mutationen einer niedergehenden Gesellschaft aus allen Ritzen quellen. Sicherlich eine der besten Arbeiten von Bilal – außerdem kann man in den im Abstand von mehreren Jahren entstandenen Bänden auch seine zeichnerische Entwicklung verfolgen. Diese neue und definitive Ausgabe (Carlsen) beinhaltet einige zusätzliche Grafiken aus Bleu Sang.

Trotz aller Genialität trifft Nikopol sicher nicht jedermanns Geschmack. Wer aber auf abgefahrene Stories in nicht minder originellem Design steht, sollte zugreifen. Und die ewige Frage, ob die Anschaffung der Gesamtausgabe auch Sinn macht, wenn man die Bände schon einzeln im Regal stehen hat, kann man nur so beantworten: Nö, muss nicht sein. Aber schön ist sie schon…

Enki Bilal: Alexander Nikopol (Gesamtausgabe)
184 Seiten, gebunden, 40,- Euro, Carlsen, ISBN 978-3-551-73878-3

Die Ursache

kummer-die-ursacheDer Verlag schreibt: Im ersten Band seiner Autobiographischen Schriften betreibt Thomas Bernhard eine Ursachenforschung, die nichts und niemanden verschont: das Internat war ein Kerker, die Stadt Salzburg eine Todeskrankheit, die Vernichtung allgegenwärtig. Die einzige Lichtgestalt war der Großvater, der ihm von Mozart, Rembrandt und Beethoven erzählt. Diese „Ursachen“, die Bernhard hier mehr als nur „andeutet“, hinterlassen unauslöschliche Spuren in seinem ganzen Werk. Mit einem präzisen, sparsamen, fast realistischen Strich und einer eindringlichen Wiederholungs- und Variationstechnik gelingt es Lukas Kummer, Thomas Bernhards Erinnerungen an die Schrecken von Internat, Krieg und Nationalsozialismus sichtbar zu machen.

Das gelingt ihm tatsächlich erschreckend gut. Man lasse sich von dem quirlig wirkenden Cover nicht täuschen – im Innenteil bestimmen gerade Striche und Symmetrien das Bild. Auf den ersten Blick wirken seine Schwarzweiß-Zeichnungen etwas langweilig. Auch deshalb, weil Kummer manche Panels wiederholt. Er stellt oft – fast preußisch korrekt – die gleichen Bilder mehrfach nebeneinander. Das führt zu einer Monotonie, die die Stumpfheit der Atmosphäre, die Bernhard beschreibt, treffend reflektiert:

Zuerst wird der Mensch… erzeugt und geboren wie ein Tier und immer nur animalisch behandelt, und sei es geliebt oder verhätschelt oder gepeinigt, von den durch und durch stumpfsinnigen, unaufgeklärten, ihre egoistischen Zwecke verfolgenden Erzeugern als Eltern oder ihren Stellvertretern… nach und nach zerstört, und dann, als eine der größten Vernichterinnen, übernimmt die Kirche… die Vernichtung der Seele dieses neuen Menschen, und die Schulen begehen… an diesen jungen Menschen den Geistesmord.

Egal ob Faschismus oder katholische Kirche – Bernhard kann keinen Unterschied an den Zurichtungsmethoden ihrer Vertreter erkennen. Die Mischung aus Befehl, Gehorsam und sadistischer Quälerei bei Nichtbefolgung lässt keinen Raum mehr für eigene Gedanken – und das ist ja auch der Sinn der Sache. Selten wurde der Stumpfsinn autoritärer Einrichtungen beklemmender in Szene gesetzt. Auf finstere Weise gut.

Lukas Kummer, Thomas Bernhard: Die Ursache – Eine Andeutung
112 SW-Seiten, gebunden, 22,- Euro, Residenz Verlag, ISBN 9783701716937
> Leseprobe