Nächstes Jahr in

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Ein Band über jüdisches Leben in Deutschland. Verlagstext: Wer hörte je vom berüchtigten jüdischen Räuberhauptmann Abraham Picard, dem sich selbst Schinderhannes unterordnete? Oder von der 1947 gegründeten jüdischen Berufsfachschule Masada in Darmstadt, in der Jugendliche, die Krieg und die Konzentrationslager überlebt hatten, auf ein Leben in Israel vorbereitet wurden? Für die Anthologie »Nächstes Jahr in« wurden ungewöhnliche Episoden jüdischen Lebens zusammengetragen und in Comicstrips übersetzt. Daraus formt sich ein Panorama jüdischer Geschichte in Deutschland – ein Blick auf die Vielfalt des Judentums, auf Ausgrenzung und Assimilation, Verfolgung, Aufbruch und Ankommen. Ohne Klischees zu bedienen, blicken die Zeichner:innen auf religiöse Rituale, jüdische Kunst und Kultur, auf Alltagsantisemitismus, Verfolgung und Widerstand und nicht zuletzt auf jüdischen Humor. Sie erzählen von Exilant:innen, von Kaufleuten und Künstler:innen, von Musiker:innen und Gauner:innen.

Entstanden ist dieser Band, weil in Darmstadt eine Veranstaltungsreihe zum Thema 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland läuft und man dachte, es wäre schön, das Thema auch mit dem Medium Comic kommunizieren zu können. Und ja, dieser Band bietet wirklich ein breites Panorama jüdischer Geschichte in Deutschland. Leider tragen die Comics wenig dazu bei. Sie stehen selten für sich alleine, weil sie die entsprechenden Themen meist nur anreißen, sondern vor mehrseitigen Ausführungen der Herausgeber zum jeweiligen Thema.

So bietet der Band umfangreiche schriftliche Erläuterungen zu Kultur, Wissenschaft, Lebensweise, Religion und anderen Aspekten des jüdischen Lebens. Wer sich dafür interessiert, findet hier viele spannende Informationen. Die Comics wirken dagegen oft wie Beiwerk, und die Qualität der Zeichnungen ist naturgemäß sehr wechselhaft. Schade, dass man hier nicht den Mut hatte, darauf zu vertrauen, dass Comics Geschichten auch komplett erzählen können und keine zusätzlichen Ausführungen mehr benötigen. Aber dazu hätte man sich wahrscheinlich mehr Zeit lassen und den Band anders konzipieren müssen.

Natürlich gibt es Ausnahmen. Spannend – und irgendwie richtungsweisend – ist beispielsweise der Comic Jüdische Gegenwart. Darin beschreibt die Journalistin Miriam Werner anhand ihres eigenen Lebens (Jüdin mit christlicher Erziehung), wie Multikulti praktisch funktioniert. Und wie verblüffend einfach und selbstverständlich man das leben kann.

Meike Heinigk, Antje Herden, Jonas Engelmann (Hg.): Nächstes Jahr in
Comics und Episoden des jüdischen Lebens
168 Seiten, gebunden, 25,- Euro, Ventil-Verlag, ISBN 978-3-95575-159-3

Parallel

Ein ziemlich geniales Album über ein spätes Comic-out und innere Zerrissenheit. Der Verlag schreibt: Karl Klings Geschichte ist eine Offenbarung. Eine Offenbarung gegenüber seiner Tochter Hella, die viele Jahre zuvor den Kontakt zu ihm abgebrochen hat. Karls Brief an sie ist nichts weniger als der Versuch, ihr jenen Unbekannten vorzustellen, der ihr Vater ist, ihr jedoch nie ein Vater zu sein vermocht hatte. Im Rückblick auf sein Leben erfahren Hella und die Leser*innen von Karls gescheiterten Ehen, zerrütteten familiären Beziehungen – und von seiner Liebe zu Männern. Von den letzten Kriegsjahren an bis in die 1980er-Jahre hinein folgt “Parallel” Karl Klings Bemühen, bürgerlichen Normen zu genügen, um im Verborgenen seine Sexualität leben zu können.

Wenn es um gescheiterte Ehen und zerrüttete Familienverhältnisse geht erwartet man in der Regel eine Schmonzette im Stil einer ZDF-Vorabendserie. Davon kann hier keine Rede sein. Dieses Album ist klasse von vorne bis hinten – von Text und Storyaufbau bis hin zu den starken Schwarzweiß-Zeichnungen. Es wirkt so sehr aus dem Leben gegriffen, dass man sich schwer vorstellen kann, dass der 1983 in Dresden geborene Zeichner Matthias Lehmann sich diese Story komplett ausgedacht hat.

Karl ist schwul und kann es nicht zeigen. In seiner Sehnsucht nach Zugehörigkeit und Familie lässt er sich auf eine Ehe ein – das war halt damals so. Denn damals war es auch so, dass homosexuelle Männer gesetzlich verfolgt und gesellschaftlich geächtet wurden. Einmal als Schwuler geoutet (ob wahr oder gelogen), und man konnte nicht nur den Job, sondern am besten auch gleich die Stadt wechseln, weil man von seiner Umwelt als eine Art ansteckende Krankheit gesehen wurde. Was soll Karl machen? Er landet immer wieder bei Männern – schamhaft versteckt und an sich selber zweifelnd.

Es ist vor allem diese innere Zerrissenheit, die die Stärke des Albums ausmacht. Im Grunde ein universelles Thema – dabei muss es nicht um Homosexualität gehen. Es gibt viele Strukturen, in die Menschen sich pressen lassen und daran zugrunde gehen, weil sie Normen zu leben versuchen, die nichts mit ihnen zu tun haben. Wie findet man die Kraft, um zu sich stehen zu können? Gegen die Masse. Die ein oder andere Jahreszahl hätte dem Band gut getan, um sich schneller orientieren zu können, aber davon abgesehen gehört diese rundum lebensecht erzählte Graphic Novel sicherlich zu den stärksten Neuerscheinungen des Jahres.

Matthias Lehmann: Parallel
464 SW-Seiten, gebunden, 29,- Euro, Reprodukt, ISBN 978-3-95640-256-2
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Ein Sack voll Murmeln

Die Geschichte von zwei Kindern, die 1941 aus dem von den Nazis besetzten Frankreich fliehen mussten. Der Verlag schreibt: Die Memoiren „Ein Sack voll Murmeln“ erschienen 1975, wurden in zwanzig Sprachen übersetzt, zweimal verfilmt und sind längst zum literarischen Klassiker geworden. Darin erzählt Joseph Joffo (1931–2018) von seinen Erinnerungen als jüdisches Kind in Paris während der deutschen Besatzung und seiner Flucht gemeinsam mit seinem Bruder. Die Stärke seiner Geschichte liegt in der Offenheit und dem Pragmatismus des kindlichen Blicks, den er damals auf die täglichen Ereignisse dieser seltsamen und schrecklichen Zeit hatte. Ein Klassiker, adaptiert als packendes und einfühlsames Comic von Kris und Vincent Bailly.

Von Autor Kris liegen bei bahoe schon die Alben Nacht über Brest und Ein Match für Algerien vor. Immer geht es um den Widerstand gegen Besetzungsmächte. In dem Algerien-Album gründen elf Fußballer der französischen Ligue 1 im Jahr 1958 einen algerischen Fußballverein, um mit ihren Spielen für die Unabhängigkeit Algeriens zu demonstrieren. In dem Brest-Album dreht sich alles darum, ein U-Boot der republikanischen Truppen, das im Herbst 1937 während des Spanischen Bürgerkriegs im Hafen von Brest repariert werden muss, gegen Francos Faschisten zu verteidigen, die es in einer Geheimaktion übernehmen wollen.

Der aktuelle Band Ein Sack voll Murmeln wiederum erzählt von zwei jungen Brüdern, die quer durch das von Hitlertruppen besetzte Frankreich in den freien Teil der Republik flüchten müssen. Ohne richtige Pässe und Nazischnüfflern an allen Bahnhöfen und wichtigen Straßenverbindungen ist das lebensgefährlich. Da die Romanvorlage später von einem der – inzwischen erwachsenen – Kinder selber geschrieben wurde, weiß man, dass sie es geschafft haben – was die Spannung dieses Albums logischerweise reduziert. Gut herausgearbeitet wird, dass sie sich ständig auf neue, veränderte Situationen einstellen mussten, die manche Planung komplett über den Haufen warf und viel Improvisation und Geistesgegenwart erforderte. Ein prima gezeichnetes Album, das den Eisner Award in der Kategorie Best Reality-Based Work abgeräumt hat.

Vincent Bailly, Kris, Joseph Joffo: Ein Sack voll Murmeln
Aus dem Französischen von Richard Steurer-Boulard
128 Seiten, gebunden, 24,- Euro, bahoe, ISBN 978-3-903290-62-4
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