Die Spinne von Maschhad

neyestani-die-spinne-von-maschadVerlagstext: Ein Blick in die Abgründe im Iran, wo Said Hanai, genannt die „Spinne von Maschhad“, als selbsternannter Kämpfer gegen die Dekadenz sechzehn Prostituierte ermordete. Basierend auf einem Dokumentarfilm erzählt Mana Neyestani die Geschichte von Said Hanai, der in der Heiligen Stadt Maschhad sechzehn, zum Teil drogenabhängige Prostituierte zu sich nach Hause lockte und dort ermordete. Nebst dem Mörder und seinen Angehörigen kommt auch der Richter zu Wort, der Said zum Tode verurteilte.

Ja, das tut er. Aber echte Spannung will keine aufkommen. Der Täter ist bekannt, die Taten sind bekannt, da könnten bestenfalls noch die Motive für unerwartete Wendungen sorgen. Tun sie aber nicht. Das Motiv ist religiöser Wahn, der Täter ein islamistischer Fanatiker, der den Koran exakt so auslegt, wie die iranischen Mullahs es auch tun. Soweit ist also alles okay, aber auch in Diktaturen wird ordentlich gemetzelt – der Vollzug von Todesurteilen liegt in der Hand der Staatsorgane, nicht in der von selbsternannten Vollstreckern.

Man kann aus solchem Stoff eine spannende Geschichte basteln, wie es etwa Isabel Kreitz und Peer Meter in ihrem Album über den Hamburger Massenmörder Haarmann tun. Das kriegt Neyestani aber nicht hin. Seinen Iranischer Albtraum fand ich klasse, das neue Album dagegen bringt wenig Neues und ist über weite Strecken einfach langweilig. In welche „Abgründe im Iran“ (Verlagstext) man da blicken soll, erschließt sich mir nicht. Durchgeknallte Irre gibt es überall.

Mana Neyestani: Die Spinne von Maschhad
164 Seiten, 22,- Euro, Edition Moderne, ISBN 978-3-03731-177-6
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Leichte Beute

prado-leichte-beuteMiguelanxo Prado ist ein vielseitiger Künstler. Der mit so ziemlich allen wichtigen Comic-Preisen ausgezeichnete Spanier hat so unterschiedliche Alben vorgelegt wie De Profundis (Fantasy), Peter und der Wolf (Adaption), Berührungen (Erotik), Der tägliche Wahn (Satire) und sein wunderschönes Ardalén, in dem sich alles um das Thema Identität und Erinnerung dreht.

Sein neues Album Leichte Beute ist ein Krimi, komplett in Schwarzweiß gehalten. Prado setzt sich darin mit den Auswirkungen von Investmentbanking und spekulativen Immobilien-Geschäften auseinander, die in den USA und Europa dazu geführt haben, dass viele Menschen finanziell ruiniert wurden, teilweise sogar ihre Wohnungen verloren.

Die Banker kassierten dagegen fette Boni und machten sich damit sehr unbeliebt. So ist es kein Wunder, dass Kommissarin Tabares und Kommissar Sortillo den Tod eines Mitarbeiters der Banco Ovejero aufklären müssen. Wahrscheinlich wurde er vergiftet. Doch bevor sie auch nur halbwegs alle Fakten beisammen haben, trifft es den nächsten: José Manuel de la Villa wird von einem Auto angefahren und stirbt im Krankenhaus. Die Kommissare hoffen, das es sich um einen Unfall handelt. Ansonsten müssten sie von einem Serientäter oder Terroristen ausgehen. Keine angenehme Vorstellung.

Prado erzählt hier eine Geschichte der Rache und präsentiert einen Plot, den man so nicht erwartet. Das ist ebenso originell wie politisch unkorrekt und erfrischend zu lesen. Seine Figuren mit ihren vom Leben gezeichneten Gesichtern kommen wie immer absolut authentisch rüber. Nur das lieblose Schreibmaschinen-Lettering passt nicht wirklich zu den gefühlvollen Bleistift-Zeichnungen.

Miguelanxo Prado: Leichte Beute
96 SW-Seiten, HC, 18,- Euro, Carlsen, ISBN 978-3-551-73428-0
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Azrayen + Quintett

lax-azrayen1954 startete der militärische Arm der Front de Libération Nationale (FLN) den bewaffneten Aufstand gegen die französische Kolonialherrschaft. Der Algerienkrieg begann. Die FLN kämpfte für die Unabhängigkeit und verübte dazu auch Attentate. Die Franzosen massakrierten aus Rache ganze Dörfer. Und irgendwann verschwand eine komplette Einheit französischer Soldaten in den unwegsamen Bergen der Kabylei. Es gab keinen Kontakt mehr zu ihnen – und damit zwei mögliche Szenarien: Sie hatten sich in den Bergen verirrt, oder sie waren tot. Letzteres schien am wahrscheinlichsten, denn wenn sie sich verirrt hätten, hätten sie zumindest per Funk noch eine Verbindung herstellen können.

Um Klarheit zu bekommen, wird ein Suchtrupp losgeschickt. Keine leichte Aufgabe, denn die Unterscheidung von Freund und Feind ist in diesem unwegsamen Gelände nicht einfach, und die Dorfbewohner erweisen sich als wenig gesprächig. Dazu kommt, dass Hauptmann Valera dem zwielichtigen Tirard, der ihm als Guide zugewiesen wurde, nicht traut. Und dann ist da noch die Frau, die früher mit dem Anführer der verschwundenen Truppe zusammen war. Welche Interessen verfolgt sie?

Max-und-Moritz-Preisträger Frank Giroud (Galkiddek) erzählt die Geschichte gewohnt routiniert und verarbeitet auf sehr freie Weise Kriegserlebnisse seines Vaters. Lax (Hot Rock, Ein Mann namens Cervantes) bringt die Atmosphäre der Bergdörfer schön auf die Seiten. Dass er Landschaften kann, hat er schon in seinem wunderbaren Cervantes gezeigt. Irritierend sind gelegentlich seine sandfarbenen Kolorierungen, die Hitze und Sonne implizieren, obwohl es in den Bergen empfindsam kalt ist. Comicplus+ hat diese Hardcoverausgabe auf 1000 Exemplare limitiert.

Lax, Frank Giroud: Azrayen (Gesamtausgabe)
144 Seiten, limitiert, HC, 34,- Euro, comicplus+, ISBN 978-3-89474-304-8
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bonin-quintettDer Verlag schriebt: Mazedonien, im Kriegsjahr 1916. Auf einem Militärflugplatz führt das Schicksal vier Menschen zusammen. In ihrer Erinnerung werden sie später die Zeit ganz unterschiedlich beschreiben, doch keiner erfasst, was sich in jenen Tagen wirklich abgespielt hat. Eine eindrucksvolle Studie über das Wesen von Wahrnehmung und Wahrheit. Auf 700 Exemplare limitierte dreibändige Gesamtausgabe.

Und zwar der erste von insgesamt drei Bänden, um genau zu sein. Was an dieser Reihe besonders gefällt, ist, dass zwar alle sechs Bände (je zwei pro Gesamtausgabe) von Giroud geschrieben, aber jeder von einem anderen Zeichner zu Papier gebracht wurde. Im vorliegenden ersten Band teilen sich Cyril Bonin (Wer Wind sät) und Paul Gillon die Arbeit. Das sorgt für Abwechslung, und wird später noch durch Steve Cuzor, Jean-Charles Kraehn und Giancarlo Alessandrini ergänzt. Da manche Figuren in mehreren Bänden vorkommen, müssen sie dann auch von wechselnden Künstlern gezeichnet und interpretiert werden. Das gibt ihnen eine zusätzliche Note.

Cyril Bonin, Paul Gillon, Frank Giroud: Quintett (GA Band 1)
144 Seiten, limtiert, HC, 34,- Euro, comicplus+, ISBN 978-3-89474-303-1
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