Ein Leben für den Fußball

podolec-LebenFuerDenFussballiIch weiß nicht, ob ihr´s mitbekommen habt, aber am vorigen Wochenende ist die Welt untergegangen. Oder doch wenigstens die zivilisierte – nach Meinung von Karl-Heinz Rummenigge vom FC Bayern. Weil die Bayern-Fans auf den Rängen den Milliardär und SAP-Gründer Dietmar Hopp als Hurensohn bezeichnet haben ist für Rummenigge der Punkt gekommen, an dem hart durchgegriffen werden muss. DFB-Chef Fritz Keller sah das im ZDF-Sportstudio genauso: Jetzt müssen die Grenzen gezeigt werden. Komisch nur, dass der DFB bislang keine Grenzen gezeigt hat, wenn Spieler rassistisch beleidigt wurden. Aber wenn es um einen der Hauptsponsoren des DFB wie Dietmar Hopp geht, ist das natürlich anders. Die meisten Sportjournalisten schleimten verständnisvoll nach. Es gab nur wenige, die sich die Mühe machten, den Vorfall sachlich zu betrachten und in den entsprechenden Kontext einzuordnen, wie z. B. Christian Spiller in der Zeit.

Da passt es gut, dass just in diesen Tagen ein Comic über Oskar Rohr erschienen ist. Verlagstext: Oskar Rohr (1912-1988) ist eine deutsche Fußballlegende. 1932 schoss er Bayern München zur ersten deutschen Meisterschaft, ehe er ins Ausland wechselte und ab 1934 in Frankreich spielte. Im dritten Reich galt er daher als „Fahnenflüchtiger“ und wurde bei Kriegsbeginn zur Unperson erklärt. Damit begannen Flucht und spätere Internierung des Profifußballers. Die spannende Geschichte von Oskar Rohr wird von Autor Julian Voloj („Joe Shuster“) gemeinsam mit dem Zeichner Marcin Podolec („Fugazi“) erzählt.

Fußball ist eben nicht einfach ein Sport, der entkoppelt vom gesellschaftlichen Umfeld stattfindet. Er ist immer in die politische Entwicklung der Zeit eingebettet. Gegenwärtig bedeutet das, dass man die kritischen Fans am liebsten mundtot machen würde, um den Sport stärker kommerzialisieren und die Stehplätze gegen VIP-Logen eintauschen zu können. Damals bedeutete es, dass man Juden, wie Bayern-Präsident Kurt Landauer, ins KZ steckte (er wurde nach einem Monat wieder entlassen und floh in die Schweiz).

Was also tun, wenn der Fußball, wie unter den Nazis, als undeutsch gilt, man aber selbst nichts lieber macht, als Tore zu schießen? Man wechselt den Verein – und mit ihm das Land. Oskar Rohr, der damalige Robert Lewandowski, ging nach Frankreich. Marcin Podolec und Julian Voloj erzählen seinen Weg in starken Bildern. Ein interessantes Stück Zeit- und Fußballgeschichte, das die Stationen von Rohrs Leben anschaulich nachzeichnet. Heute sind es übrigens gerade die Ultras, die von den Mainstream-Medien als sogenannte Fans verunglimpft werden, weil sie angeblich nur Randale wollen, die sich in den letzten Jahren immer wieder gegen Rassismus in den Stadien gestemmt und ihn deutlich zurück gedrängt haben.

Marcin Podolec, Julian Voloj: Ein Leben für den Fußball – Die Geschichte von Oskar Rohr
160 Seiten, gebunden, 22,- Euro, Carlsen, ISBN 978-3-551-73367-2

Jein

schwarz-jein Tja – was soll´s denn nun sein: ja oder nein? Die Situation, in die die Berliner Künstlerin Elâ Wolf gerät, ist irgendwie doof. Ihre Mutter ist Deutsche, der Vater Türke. Diese Zweistaatlichkeit hat in ihrem bisherigen Leben zwar noch nie eine Rolle gespielt, aber manchmal kann das Leben nervig sein. Da ist sie zusammen mit drei anderen Künstlern endlich von der Goldmund-Stiftung dazu auserkoren worden, ihre Bilder in einer großen Ausstellung präsentieren zu dürfen, da erscheint auch schon ihr Vater auf dem Schirm. Dessen Ansichten vom Leben sind konservativ und decken sich so gar nicht mit ihren. Überhaupt ist er der Meinung, dass frau sich nur anpassen und an die Regeln halten müsse, dann flutschte ihre Karriere wie von selbst. In der Türkei, sagt er, könne sie so groß rauskommen. Aber will Elâ in der Türkei überhaupt groß rauskommen?

Der Verlag schreibt: „Jein“ ist eine deutsch-türkische Graphic Novel über Kultur, Politik, Identität, Kunst und den ganzen Rest. Die Protagonistin Elâ Wolf ist Künstlerin, Berlinerin und Halbtürkin. Wobei letzteres ihrer Meinung nach nichts mit ihrer Kunst und eigentlich auch nichts mit dem Rest ihres Lebens zu tun hat. Bis zum 16. April 2017, dem Tag des berüchtigten Verfassungsreferendums, mit dem der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan die Demokratie in der Türkei aushebelte. Mit dem Sieg der „JA”-Fraktion sieht sich Elâ zum ersten Mal mit der politischen Wirklichkeit in ihrer zweiten Heimat konfrontiert. So stellt sich ihr immer dringlicher die Frage, ob sie sich mit der gesellschaftlichen Lage künstlerisch auseinandersetzen muss, und falls ja, auf welche Weise.

So ist es. Auf der einen Seite die Verlockungen, die winken, wenn sie es schaffen würde, auf der Bienale in Istanbul mit eigenen Werken vertreten zu sein. Auf der anderen Seite der türkische Despot, der jeden Oppositionellen (und jede, die er dafür hält) ohne großen Prozess im Gefängnis verschwinden lässt. Soll man riskieren, selber dort zu landen? Oder nur genehme Kunst produzieren? Oder die Türkei Türkei sein lassen und sich auf eine Karriere in der westlichen Welt konzentrieren? Andererseits: Soll man so einfach nachgeben, oder ist es nicht auch Aufgabe der Kunst, sich einzumischen? Immer dieses doofe Ja oder Nein. Warum nicht einfach Jein?

Fragen über Fragen. Während Schwarz das Leben ihrer Hauptdarstellerin in sehr vielen Einzelheiten schildert (alleine für deren Weg vom Atelier bis zur Wohnung spendiert sie ihr 20 Seiten), kommt die Entscheidung – und die Kriterien, nach denen sie entschieden hat – am Ende etwas zu kurz. Davon abgesehen ein starkes Erstlingswerk – locker gezeichnet und prima erzählt – das den Zwiespalt, in dem Menschen leben, die in unterschiedlichen Kulturen aufgewachsen sind, gut rüber bringt. Mit stark kolorierten Doppelseiten am Anfang der einzelnen Kapitel.

Büke Schwarz: Jein
232 SW-Seiten, 24,- Euro, Jaja, ISBN 978-3-946642-82-4
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10 Jahre beste Bilder

kleinert-10JahreBesteBilderVerlagstext: Auf 380 Seiten präsentiert diese Cartoonsammlung das Beste, was in den letzten zehn Jahren an politischer und gesellschaftlicher. gezeichneter Satire entstanden ist. Mit scharfsinnigen Cartoons von Deutschlands bekanntesten Cartoonisten wie Til Mette, Ralph Ruthe, Hauck und Bauer, Mario Lars, Miguel Fernandez, Michael Holtschulte und Klaus Stuttmann und vielen mehr. Ein Best-of der Karikatur des letzten Jahrzehnts und damit ein ganz besonderes Buch über die Geschichte der Gegenwart, gerade in Zeiten von Fake-News von unschätzbarem Wert.

Ob es das Beste ist, was die Cartoonisten-Zunft zu bieten hat, vermag ich nicht zu beurteilen. Dazu fehlt mir der Überblick in diesem Genre. Aber wer Lektüre für ein paar vergnügliche Stunden sucht, liegt hier richtig. Cartoons sind ja ein Bereich, in dem es oft nichts mehr zu lachen gibt, weil alles irgendwie schon einmal da gewesen ist, und vieles sich einfach nur noch wiederholt.

Bei politischen Cartoons ist das anders, denn die Zeiten ändern sich, und so bekommen die Zeichner wechselnde Ereignisse vor die Feder, die sie nach Belieben satirisch bearbeiten können. Und obwohl auch mal was daneben geht – was bei einer so umfangreichen Sammlung in der Natur der Sache liegt – hat man mit diesem Band viel Spaß. Und das auf so ziemlich jeder Seite.

Ob Uli Hoeneß in seiner Zelle in BVB-Bettwäsche schlafen muss, Günter Walllraf auf der Hühnerfarm als Huhn verkleidet um sein Leben bangt, Bären eine eigenwillige Facebook-Sammlung zur Schau stellen oder das Navi einer Seniorin am Friedhofstor doppeldeutig mitteilt: Sie haben ihr Ziel erreicht – von lustig bis zu schwarzem Humor ist alles vertreten.

Eine prima Idee, die vergangenen zehn Jahre auf diese Weise noch einmal Revue passieren zu lassen, denn neben dem Unterhaltungs- bietet dieses Buch so auch einen hohen Erinnerungswert. Zudem bietet der Band mit schlappen 20,- Euro für 380 gebundene Seiten ein unschlagbares Preis-Leistungs-Verhältnis und eignet sich hervorragend als Geschenk für so ziemlich jede Gelegenheit.

Schwalm, Kleinert (Hrsg.): 10 Jahre beste Bilder – Die Cartoons des Jahrzehnts
384 Seiten, gebunden, 20,- Euro, Lappan, ISBN 978-3-8303-3554-2
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