Die letzten Tage der Menschheit

boller-letzte-tage-der-menschheitVerlagstext: Kraus schrieb »Die letzten Tage der Menschheit« unter dem Eindruck des Ersten Weltkriegs zwischen 1915 und 1922. In den lose zusammenhängenden Szenen, die oft authentische Quellen nutzen, spiegelt sich die Absurdität, die menschlichen Abgründe, der Zynismus und die Brutalität dieses ersten modernen Krieges wider, eines Krieges, der mit Bajonetten anfing, in dessen Verlauf das Töten durch Giftgas, U-Boote, Panzer, Maschinengewehre und Flugzeuge erstmals eine großindustrielle Dimension bekam. Für die Graphic Novel wurden die wichtigsten Szenen ausgewählt und die Originaltexte behutsam angepasst. Karl Kraus erweist sich dabei auf erschreckende Weise hochaktuell.

Kraus lässt hier Politiker, Militärs, Opportunisten, Optimisten, Pessimisten, usw. zu Wort kommen, die die Handlungen der Regierung und die Kriegsentwicklung kommentieren. Oft mit Originalzitaten. Die klingen so: Kriege sind ein Segen nicht nur um der Ideale willen die sie verfechten, sondern auch um der Läuterung willen, die sie dem Volke bringen. Denn: Friedenszeiten sind gefährliche Zeiten. Sie bringen allzu leicht Erschlaffung… Und auch der Himmel gibt seinen Segen: Das Töten ist in diesem Falle keine Sünde, sondern Dienst am Vaterlande, eine christliche Pflicht, ja Gottesdienst.

Das ist ebenso absurd wie erschreckend (manchmal auch schon wieder komisch), und vermittelt einiges darüber, wie Gewaltspiralen eskalieren, während die Verantwortlichen und die staatstragende Presse die Situation schönreden. Nur: Passieren tut in der Geschichte wenig. Im Grunde gibt es keine wirkliche Handlung, und damit auch keinen Spannungsbogen. Es wird meist geredet. Dazu kommt, dass man ohne halbwegs gründliche Geschichtskenntnisse wahrscheinlich nur die Hälfte verstehen wird. Natürlich kann man in dem zwölfseitigen Anhang des Albums dies und jenes nachlesen. Aber wer will alle drei Seiten nach hinten blättern, um nachträglich Geschichtsunterricht zu nehmen?

Vielleicht wäre es spannender geworden, wenn Pietsch und Boller sich nicht sklavisch an die Originalvorlage gehalten, sondern aktuelle Bezüge integriert hätten. Serbien muss sterbien – die Parole von damals galt auch, als Deutschland 1999 den Krieg gegen Jugoslawien vom Zaun brach und die Medien von FAZ bis TAZ völlig unreflektiert selbst die blödesten Begründungen von Schröder, Scharping und Fischer nachgeplappert haben, um dieses völkerrechtswidrige Gemetzel zu legitimieren.

Ja, sicher: Das muss nicht sein. Die reine Adaption des Originals hat auch was. Aber so blutleer, wie dieses Album insgesamt rüberkommt, ist es zwar informativ, aber eher von akademischem Interesse.

David Boller, Reinhard Pietsch, Karl Kraus: Die letzten Tage der Menschheit
200 Seiten, schwarzweiß, 20,- Euro, Utz-Verlag, ISBN 978-3-8316-4372-1

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Amerika

crumb-amerikaVerlagstext: Robert Crumb, Altmeister des US-Underground-Comix, ist zurück! Diesmal mit einer bitterbösen Abrechnung mit dem amerikanischen Traum, die – obwohl zwischen 1965 und 1996 entstanden – aktueller nicht sein könnte. Selbstironisch und mit kritischer Wucht seziert er in „Amerika“ die rassistischen und reaktionären Reflexe einer kranken Gesellschaft, deren Alltag gezeichnet ist von einem pervertierten Konsumwahn und dem unstillbaren Willen zur Macht. Vom Leiden des kleinen Mannes im Korsett der Nine-to-Five-Jobhölle über schwadronierende Vorstadtfaschisten bis hin zum zweifelhaften Einfluss profitgieriger Immobilienmagnate am Beispiel Donald Trumps – pointiert zeigt Robert Crumb die Abgründe der westlichen Moderne und geizt nicht mit bissigen Zuspitzungen und provokanten Stereotypen.

Mit guter PR kann man so ziemlich alles verkaufen, selbst alte Sachen, die man noch irgendwo auf dem Speicher gefunden hat. Von einer bitterbösen Abrechnung mit dem amerikanischen Traum, wie Reprodukt schreibt, kann hier wirklich keine Rede sein. Schon gar nicht von einer, die aktueller nicht sein könnte. Wer sich auf eine aktuelle Auseinandersetzung mit der gegenwärtigen US-Politik freut, kann sich das Album sparen. Es enthält hauptsächlich alte Geschichten. Sie reflektieren typische amerikanische Verhaltensweisen, aber neu sind sie nicht. Für Crumb-Fans und Sammler wieder ein Album aus der sehr schön editierten Crumb-Reihe von Reprodukt, für alle anderen weniger interessant.

Robert Crumb: Amerika
96 SW-Seiten, gebunden, 29,- Euro, Reprodukt, ISBN 978-3-95640-175-6
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Angola Janga + Pierre Goldman

salete-angola-jangaVerlagstext: In seiner neuen Graphic Novel taucht der gefeierte Comickünstler Marcelo D’Salete in ein faszinierendes Kapitel der brasilianischen Kolonialgeschichte ein – die Entstehung von Angola Janga. Dieses unabhängige Königreich, das Ende des 16. Jahrhunderts von entlaufenen Sklaven und Sklavinnen gegründet wurde, war ein Leuchtfeuer der Freiheit in einem von Unterdrückung geplagten Land. In seinen Kompositionen mit schwarzer Tinte und starken Hell-Dunkel-Kontrasten erweckt D’Salete diese Zeit zum Leben, indem er die schmerzhaften Geschichten von Sklaven auf der Flucht, die brutalen Überfälle portugiesischer Kolonialisten und die angespannten Machtkämpfe in diesem unsicheren Königreich anschaulich wiedergibt. Angola Janga beleuchtet abwechselnd herzzerreißende und ermächtigende Momente des Widerstands gegen Unterdrückung.

Marcelo D´Salete hat für sein Album Cumbe im vergangenen Jahr den Eisner-Award eingeheimst. Auch darin hat er sich bereits mit der Geschichte der Sklaverei in Brasilien beschäftigt. Angola Janga ist mehr als doppelt so umfangreich. Die Geschichte ist entsprechend vielschichtiger. Und wie in Cumbe kommt die streckenweise sehr assoziativ erzählte Story auch hier wieder ohne viel Text aus. Die Bilder mit ihren harten Schwarzweißkontrasten sind Geschmacksache.

Marcelo D´Salete: Angola Janga – Eine Geschichte von Freiheit
432 SW-Seiten, gebunden, 29,- Euro, bahoe books, ISBN 978-3-903022-97-3

moynot-pierre-goldmanVerlagstext: Im Dezember 1969 wurden bei einem Überfall auf eine Apotheke am Boulevard Richard-Lenoir in Paris zwei Menschen getötet und ein Polizist verwundet. Vier Monate später verhaftete die Polizei Pierre Goldman, einen idealen Schuldigen, angesichts seiner bereits begangenen Raubüberfälle und seines revolutionären Aktivismus. Nachdem er zu lebenslanger Haft verurteilt worden war, wurde er schließlich 1976 nach einem Berufungsverfahren freigesprochen. Sein ehemaliger Arbeitgeber, die Tageszeitung Libération, organisierte ein prominentes Unterstützungskomitee, dem unter anderem Simone de Beauvoir, Pierre Bourdieux, Yves Montand und Jean-Paul Sartre angehörten. Während der sechs Jahre, die er im Gefängnis von Fresnes verbrachte, studierte er Spanisch und Philosophie, verfasste seine Autobiographie (Dunkle Erinnerungen eines in Frankreich geborenen polnischen Juden) und fand paradoxerweise seinen Frieden. Nach seiner Entlassung wird Goldman am 20. September 1979, genau am Tag der Geburt seines ersten Kindes, mitten in Paris auf offener Straße erschossen. Er wurde 34 Jahre alt. Zu diesem Attentat bekannte sich eine obskure rechtsextreme Gruppe unter der Signatur «Ehre der Polizei».

Pierre Goldman war ein bunter Hund. Er wurde 1944 als Sohn jüdischer Eltern geboren, die als Kommunisten in der Résistance gegen die Deutschen kämpften. Um nach dem Krieg nicht zum Wehrdienst zu müssen, setzte Goldman sich nach Kuba und Venezuela ab, wo er sich der Guerilla anschloss. Wieder in Frankreich arbeitete er als Schriftsteller und Mitarbeiter von Libération und Les Temps Modernes, und finanzierte sich auch durch Raubüberfälle. Emmanuel Moynot (Suite française, Der Mann der sein Leben ermordete) erzählt Goldmans Geschichte in seinen gewohnt starken SW-Bildern. Dazwischen streut er seitenlange, sehr informative, aber gelegentlich auch weitschweifige Gespräche mit Wegbegleitern Goldmans ein.

Emmanuel Moynot: Pierre Goldman
166 SW-Seiten, gebunden, 22,- Euro, bahoe books, ISBN 978-3-903022-91-1