The Death of Stalin

robin-death-of-stalinWillkommen in Absurdistan. Hier gibt sich der Intrigantenstadl der KPdSU (Kommunistische Partei der Sowjetunion) ein lustiges, für einige Beteiligte allerdings tödliches Stelldichein. Der Grund: Josef Stalin, Führer und Diktator der Sowjetunion, liegt im Sterben.

Normalerweise würde man, wenn man jemanden bewusstlos vorfindet, einen Arzt rufen. Doch das passiert nicht. Innenminister Beria, Mitglied im Zentralkomitee (ZK) der KPdSU, der als erster in die Datscha gerufen wird, in der Stalin regungslos auf dem Sofa liegt, nutzt die Gelegenheit, zunächst einige Unterlagen aus Stalins Tresor an sich zu nehmen. Es sind Dossiers über die anderen Mitglieder des ZK, und diese Dossiers kann man, um die eigene Position in diesem fragilen Machtgefüge zu sichern, gut gebrauchen.

Aber noch immer wird kein Arzt gerufen, denn: Würde Beria einen ordern, und Stalin käme trotz dessen Behandlung zu Tode, könnte Beria vorgeworfen werden, absichtlich einen Kurpfuscher bestellt zu haben – was seine sofortige Hinrichtung zur Folge hätte. Also trommelt Beria zunächst die Mitglieder des ZK zusammen. Die stimmen ab und beschließen einstimmig, einen Arzt zu engagieren. Aber welchen? Dummerweise hat Genosse Stalin erst letzten Monat die besten Ärzte des Kreml-Hospitals hinrichten lassen.

Nicht alles in diesem Album ist wirklich passiert. Schon alleine der Brief der Pianistin, der zum Schlaganfall des Diktators führt, ist eine ebenso witzige wie frei erfundene Idee. Viele Hintergründe rund um den Tod des ZK-Chefs sind bis heute ungeklärt. Aber um exakte Geschichtsschreibung geht es hier auch nicht.

Fabien Nury erzählt eine Geschichte aus dem Innenleben eines diktatorischen Regimes, die sich so oder ähnlich überall zugetragen haben könnte: In der UdSSR ebenso wie in Nordkorea, in der Türkei, in China oder in sonstigen absolutistischen Regimen. Und auch in den USA oder der BRD kann man sich ein ähnliches Gerangel um Nachfolgeposten vorstellen – nur, dass man dort nicht mit tödlichen Konsequenzen zu rechnen hätte, wenn man den falschen Arzt bestellt. Die gleichnamige Verfilmung des Albums läuft ab April in den Kinos.

Thierry Robin, Fabien Nury: The Death of Stalin
144 Seiten, gebunden, 29,80 Euro, Splitter, ISBN 978-3-96219-171-9
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Brodecks Bericht

larcenet-brodeckFinster. Absolut finster. Aber leider genial. Was Larcenet hier vorlegt ist zweifelsfrei große Kunst und eins der besten Alben des Jahres 2017. Leider ist es auch eins der finstersten. Was in seinem Vierteiler Blast schon düster genug daher kam, wird mit dieser Adaption von Philippe Claudels gleichnamigen Roman noch getoppt. Depressiven Menschen kann man von der Lektüre nur abraten, denn wer sich fragt, ob er aus dem Fenster springen und seinem Leben ein Ende setzen soll, wird hier wenig Argumente finden, es nicht zu tun.

Ausgangssituation ist der Lynchmord an einem Mann, der als Fremder in das abgelegene Dorf kommt, in dem Brodeck selbst ein Zugezogener ist. Aber Brodeck, der gelegentlich Berichte für kommunale Behörden schreibt, soll, das wird ihm von dem Lynchmob aufgetragen, einen Bericht über den Mord verfassen, der die Mörder entlastet. Nicht, dass Brodeck darauf Lust hätte. Doch die Konsequenz einer Weigerung ist angesichts des Toten glasklar.

Man kann das Album als Krimi lesen. Oder als Geschichte darüber, wie Menschen in abgelegenen, isolierten Gegenden mit allem Unbekanntem und Fremdem umgehen. Eine durch und durch reaktionäre Gemeinschaft, die außer der eigenen keine andere Sichtweise duldet, und in der Konsequenz alles ausrottet, was andersartig ist. Von Larcenet in düsteren Schwarzweiß-Bildern zu Papier gebracht: Menschen mit Gesichtern, die genauso schroff, kantig und abweisend wirken, wie die Wälder und Felswände, die das Dorf umgeben. Beklemmend genial. Aber man fühlt sich nicht gut, nachdem man dieses Album gelesen hat. Wirklich nicht.

Top 10 2017Manu Larcenet, Philippe Claudel: Brodecks Bericht
328 SW-Seiten, gebunden, 39,- Euro, Reprodukt, ISBN 978-3-95640-132-9
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Primo Levi + Die Stärkeren

ranghiasci-primo-leviZwei neue Alben über die Hölle von Auschwitz bei bahoe-Books: Herbst 1986. Wenige Monate vor seinem Tod traf Primo Levi die Schüler der Volksschule Rignon in Turin. Es war die gleiche Schule, die er als Kind besuchte. So begann die lange Reise des Wissens, in dem der Schriftsteller die Kinder an der Hand nahm und sie ruhig in sein persönliches Drama begleitete und mit sanfter Festigkeit zu erklären versuchte, was der Holocaust war, und wie er es geschafft hat, die Hölle von Auschwitz zu überleben. Fragen über Fragen: Die Schüler öffneten ihre Augen und sahen die schwärzeste Seite der menschlichen Geschichte…

Soweit der Verlagstext. bahoe Books ist ein Verlag in Wien, der vor allem politische Bücher und Graphic Novels publiziert. Sie machen schöne Alben wie Verdad,  manchmal ist der Enthusiasmus über die Wichtigkeit des Themas aber auch größer als die Qualität des Produkts. So wichtig beispielsweise das Thema Faschismus und Auschwitz ist – allein dass es Thema einer Publikation ist, macht sie noch nicht gut. In Primo Levi sind die dünnen Zeichnungen ebenso gewöhnungsbedürftig wie die etwas unbeholfenen Dialoge zwischen den Schülern und dem Vortragendem. Davon abgesehen gibt das Album einen starken Einblick in die industrielle Struktur von Auschwitz und die barbarischen Methoden, mit der die deutschen Faschisten die Menschen behandelt haben. Auch für den Schulunterricht nicht uninteressant.

Alessandro Ranghiasci, Matteo Mastragostino: Primo Levi
128 SW-Seiten, gebunden, 15,- Euro, bahoe, ISBN 978-3-903022-60-7

fatzinek-die-staerkerenDer Wiener Hermann Langbein (1912–1995) kämpfte in den Internationalen Brigaden in Spanien gegen Francos Militärputsch. Nach der Niederlage der spanischen Republik wurde er in Frankreich interniert und 1941 nach Deutschland ausgeliefert. Im KZ Auschwitz gehörte er der Leitung des internationalen Widerstandes an. 1947 schrieb Hermann Langbein Die Stärkeren – Bericht aus Auschwitz und anderen Konzentrationslagern. Während der Lektüre von Die Stärkeren machte sich Thomas Fatzinek Notizen und Skizzen, die er dann als Linolschnitte umsetzte und zu einer graphischen Erzählung verdichtete. Soweit der Verlag.

Wer Linolschnitt-Technik mag, sollte einen Blick in dieses Album werfen. Thomas Fatzinek, in Linz geboren, machte nach einer Lehre als Lithograph seine Diplomprüfung an der Wiener Kunstschule und beteiligte sich seither an mehreren Ausstellungen in Österreich, Deutschland und China. Während Primo Levi eher leise und moralisierend daherkommt, transportiert dieses Album schon allein durch die Linolschnitt-Technik Power und Willen zum Widerstand – verlangt vom Leser aber durch eben diese, oft assoziative Technik auch mehr Bereitschaft zum Mitdenken. Klar wird durch beide Alben nicht nur, wie menschenverachtend Faschismus ist, sondern auch: Wer Vernichtung überleben will, muss sich solidarisch organisieren und bewusst und aktiv dagegen ankämpfen. Wer sich nur als unschuldiges Opfer begreift, geht hoffnungslos unter.

Thomas Fatzinek: Die Stärkeren – Ein Bericht von Hermann Langbein
40 SW-Seiten, gebunden, 10,- Euro, bahoe, ISBN 978-3-903022-49-2