Die Geschichte der Science Fiction

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Mehr Sachbuch als Comic. Der Verlag schreibt: Von Verne bis Asimov (und weit darüber hinaus), von der Anatomiestunde mit Mary Shelley bis zum Buchclub mit Ray Bradbury, von der atomaren bis zur Zombieapokalypse – kurzum, die volle Bandbreite der Science-Fiction wird in diesem einzigartigen Band abgedeckt. Mehr als ein bloßer Zeitstrahl, ist »Die Geschichte der Science-Fiction« reich an Anekdoten, die überraschende Facetten eines wirkmächtigen Genres zutage fördern. Und natürlich wirft diese Graphic Novel auch ein Schlaglicht auf den Einfluss von SF auf die großen Projekte unserer Zukunft. Denn wenn die Menschheit eines Tages auf dem Mars lebt, ist die Science-Fiction schon längst dort gewesen.

Es ist schwer verständlich, weshalb Autoren immer wieder das Bedürfnis haben, eine Aneinanderreihung von Informationen als Comic zu gestalten. In der Regel kommt nicht mehr dabei raus als eine Art bebildertes Sachbuch, und viel mehr ist dieser Band auch nicht, wenn man ihn aus Comicsicht betrachtet. Die im Comic par excellence ausgeführte Kunst des Auslassens ist für die theoretische Abhandlung, die bei so einem Unterfangen normalerweise vollzogen wird, nicht geeignet, sieht auch Pierre Bordage in seinem Vorwort so. Das Ergebnis: Viele Köpfe und Gesichter, die vor sich hin dozieren, wenig interaktive Bilder (die zudem wenig begeistern).

Doch so langweilig die Optik, so spannend der Inhalt, denn inhaltlich hat dieser Band viel zu bieten. Nicht nur die bekannten SF-Autoren von Verne und Wells bis Asimov und Lem werden hier vorgestellt. Auch Schriftsteller, die man eher dem Bereich der Phantastik (E.A. Poe), Politik (George Orwell), Fantasy (Terry Pratchett) oder anderen Genres zurechnet, haben ihren Platz in der SF-Literatur. Xavier Dollo entwickelt deren Inhalte aus den technischen Möglichkeiten der jeweiligen Zeit, was ein wichtiges Kriterium ist, um verstehen zu können, woher die Ideen kamen, die die Autoren zu ihren Geschichten inspiriert haben.

Natürlich gibt es auch Hintergrundinformationen rund um Autoren und Werke, und ein bisschen Klatsch und Anekdoten gehören ebenfalls dazu. Das alles macht den Band zu einem informativen Werk, in dem man gerne ab und zu mal schmökert – wenn er auch für mein Gefühl als bebildertes Sachbuch besser gekommen wäre.

Djibril Morissette-Phan, Xavier Dollo: Die Geschichte der Science-Fiction
Übersetzung von Harald Sachse
216 Seiten, gebunden, 29,80 Euro, Splitter, ISBN 978-3-96219-103-0
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Die Zeit der Wilden

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Das Cover ist langweilig, aber das Album ist klasse. Verlagstext: Martine ist eine gesichtslose Arbeiterin wie abertausend andere. Die zarte Liebelei mit einem Kollegen ist der einzige Lichtblick in ihrem trostlosen Alltag an der Supermarktkasse. Und ein fristloser Kündigungsgrund, denn der gnadenlose Takt unternehmerischer Effizienz duldet keine Ablenkungen. Das Entlassungsgespräch verläuft aus Versehen tödlich – nichts, was ein paar gute Anwälte nicht richten könnten. Aber Martines vier Söhne, Gezeichnete einer bestialischen Welt, in der sie keinen Platz finden, sind auf Rache aus. Und wenn Wölfe gegen Wölfe kämpfen, wird Blut fließen. Konsum ohne Maß und Rücksicht. Rentabilität um jeden Preis und gnadenloser Wettbewerb in jeder Facette des Daseins. Ressourcenverschwendung für das Maximum menschlicher Ausschweifung. Es ist eine Spirale der Dekadenz. Es ist »Die Zeit der Wilden«. Eine Graphic Novel, so zynisch wie komisch, so klarsichtig wie komplex. Das Porträt einer vom Kapitalismus geformten Welt.

Dass Klappentexte oft so übertrieben sein müssen. Es ist ein starkes Album, eine gelungene Mischung aus Thriller und SF, es gibt viele gute Gründe es zu lesen – da muss man kein kapitalismuskritisches Standardwerk draus machen. Ist es nämlich nicht. Es ist in erster Linie eine Geschichte über Rache. Und weil wir gerade beim Nörgeln sind: Keine Frau tut es als nebensächlich ab, wenn man ihr mitteilt, dass man gerade ihre Eltern ermordet hat. Mit solchen und ähnlichen Charakterzügen glänzt aber die Frau des von den Wölfen gejagten Jean. Vielleicht soll das cool rüberkommen, wirkt aber immer wieder nur unglaubwürdig.

Was umso ärgerlicher ist, als die Dame eine der tragenden Figuren dieses Albums ist, das ansonsten einfallsreich, spannend und originell daherkommt. Wir befinden uns in einer Zeit, in der man Menschen durch genetische Manipulationen Eigenschaften von Tieren mitgeben kann. Die vier Brüder, die den Tod ihrer Mutter rächen wollen, haben wölfische. Sie mögen Blut, sie sinnen auf Rache, und sie bewegen sich, wenn sie jagen und kämpfen, wie Wölfe. Doch nicht alle Menschen haben tierische Eigenarten (und nicht alle Wölfe die gleiche Meinung).

Sébastien Goethals, der sich bislang eher mit historischen Stoffen beschäftigt hat (Die Reise des Marcel Grob, Das Spiel der Brüder Werner) hat damit ein interessantes Figurenkabinett zusammengestellt. Durch die unterschiedlichen Charaktere entsteht zusätzlich Spannung, die in wechselnden Farben monochrom kolorierten Zeichnungen kommen vor allem bei den Wölfen stark, und an überraschenden Wendungen mangelt es nicht. Wenn man von der pseudocoolen Lady absieht (die auch ein paar gute Szenen hat), ein echter Pageturner.

Sébastien Goethals: Die Zeit der Wilden
Aus dem Französischen von Tanja Krämling
272 Seiten, gebunden, 39,80 Euro, Splitter, ISBN 978-3-96792-048-2
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Shangri-La

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In der Zukunft leben die Menschen auf einer Raumstation, wo ein perfekter Kreislauf ihr Dasein bestimmt: Der gütige Konzern Tianzhu kümmert sich um jedes ihrer Bedürfnisse, von Nahrung und Unterkunft bis hin zur Unterhaltung. Danke, lieber Konzern Tianzhu! Von einigen Querdenkern abgesehen ist diese Gesellschaft so perfekt, dass die Menschen sich bald zu Göttern erheben werden, indem sie selbst Leben aus dem Nichts erschaffen… Konsumkapitalismus, Genmanipulation, Xenophobie, Zeitparadoxien – Mathieu Bablet vereint in »Shangri-La« alle Themen, die das Herz von Science-Fiction-Fans höher schlagen lassen. Bei allem Futurismus verliert er jedoch nie den Bezug zu unserer Lebensrealität und reichert seinen farbenfrohen Cocktail sogar durch augenzwinkernde Querverweise auf die Popkultur an… So weit der Verlagstext.

Es ist ein orwellscher Kosmos, in den Mathieu Bablet uns entführt. Alles ist geregelt, alles wird überwacht, alles ist gut und alles funktioniert prima. Zumindest an der Oberfläche. Wer sich mit den Dienstleistungen von Tianzhu zufrieden gibt, hat nichts zu befürchten. Wer sein Leben selbst in die Hand nehmen und auch mal Alternativen entwickeln will, hat Probleme. Selberdenker sind unerwünscht.

Die haben sich in einer Widerstandsgruppe organisiert. Wer genau dahinter steckt, weiß man allerdings nicht. Ab und an sieht man Videos von ihnen über Leinwände flimmern. Sind die echt, oder bloß ein Fake von Tianzhu, um Oppositionelle in die Irre zu führen? Und wie soll man, wenn man mitmachen möchte, Kontakt zu der konspirativen Gruppe bekommen? An Spannung mangelt es hier nicht.

Leider sind die Zeichnungen weniger prickelnd. Kleine Gestalten in meist engen Panels, dazu oft seitenweise monochrome Kolorierung in Gelb-grün oder Blautönen – das schafft wenig optische Akzente und wirkt oft eintönig. Es gibt auch einige starke Motive in diesem Album, aber die Qualität der Grafik hinkt der Spannung der Story doch ziemlich hinterher.

Mathieu Bablet: Shangri-La
224 Seiten, gebunden, 39,80 Euro, Splitter, ISBN 978-3-96792-065-9
(E-Comic: ISBN 9783967928983, 19,99 Euro)
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