Die Leichtigkeit

meurisse-die-leichtigkeitDie Karikaturistin Catherine Meurisse, die seit vielen Jahren für Charlie Hebdo arbeitet, entkommt dem Attentat auf Charlie Hebdo nur, weil sie an diesem Morgen im Januar 2015 für die Redaktionssitzung zu spät dran ist. Viele ihrer Kollegen und Freunde werden bei dem Anschlag aus dem Leben gerissen. Sie selbst sucht seitdem nach einem Umgang mit der Tragödie und einem neuen Zugang zu ihrem Leben. Meurisse sucht in der Schönheit der Natur und der Künste nach anderen Bildern, macht sich nach Italien auf und beginnt langsam, zu ihrer eigenen Leichtigkeit zurückzufinden. Mit „Die Leichtigkeit“ hat Catherine Meurisse ein intensives und sehr persönliches Buch geschaffen, das ihrer Trauer Raum gibt und zugleich eine Ermutigung ist, sich die Schönheit des Lebens zurückzuerobern. Soweit der Verlagstext.

Anschläge wie der auf die Redaktion von Charlie Hebdo reißen einen immer wieder aus der satten Selbstzufriedenheit des Metropolenlebens. Was für die Attentäter in deren Heimat Alltag ist – in Kabul, Bagdad oder Tripoli passiert sowas zweimal die Woche – führt hierzulande immer dazu, dass die Europäer sich ganz entrüstet fragen, weshalb man ihnen das antut. Wo sie doch im Grunde nette Menschen sind und nur ein bisschen Spaß haben wollen. Mit solch einem Weltbild ist man von Verständnis natürlich meilenweit entfernt.

Als Betroffene, deren Kollegen erschossen in den Redaktionsräumen liegen, nutzen einem solche allgemeinen Betrachtungen allerdings wenig. Irgendwie muss man die Bilder verarbeiten, irgendwie den Sinn im Leben und seinen Optimismus wiederfinden – und die Leichtigkeit ist natürlich auch dahin. Als Zeichnerin kann man sein emotionales Durcheinander grafisch verarbeiten. Aber muss man das Ergebnis auch als Comic auf den Markt bringen?

Art Spiegelman hat das mit Im Schatten keiner Türme nach dem Anschlag auf das World Trade Center getan – und einen Comic abgeliefert, den wohl niemand je gedruckt hätte, wenn Spiegelman nicht weltberühmt wäre. Meurisses Leichtigkeit ist dagegen durchaus lesbar, und die Zeichnungen sind ohnehin klasse. Aber würde es dieses Album nicht geben – es würde kaum jemandem fehlen. Eher ein Comic für Leser, die mit der französischen Kultur  – Stendhal, Baudelaire + Co, auf die Meurisse sich seitenlang bezieht – und der daraus resultierenden Mentalität aufgewachsen sind.

Catherine Meurisse: Die Leichtigkeit
144 Seiten, gebunden, 19,99 Euro, Carlsen, ISBN 978-3-551-73424-2
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Muhammad Ali

titeux-muhammad-aliDas Boxen war nichts. Es war nicht wichtig. Das Boxen diente nur dazu, mich der Welt zu zeigen. Diese Aussage von Cassius Clay, alias Muhammad Ali, ist richtig und falsch zugleich. Richtig, weil das Boxen nur ein Teil seines Lebens war, und falsch, weil es den anderen Teil – nämlich den politischen Muhammad Ali – ohne den Erfolg des Boxers nicht gegeben hätte. Auf jeden Fall hätte er nicht so viel Aufmerksamkeit bekommen.

Cassius Clay wurde 1942 in Kentucky geboren – in einer Zeit, in der Schwarze trotz Abschaffung der Sklaverei Menschen zweiter Klasse waren. Sie lebten in gesonderten Wohngebieten, im Bus mussten sie hinten sitzen, und auch die Goldmedaille bei den Olympischen Spielen berechtigte Clay nicht dazu, in seiner Heimatstadt Louisville ein Lokal zu betreten, das Weißen vorbehalten war. Wenn es um die Hautfarbe ging, waren seine Erfolge im Boxen wertlos. Das wurde auch deutlich, als er seinen Weltmeistertitel im Schwergewicht abgeben musste, weil er sich weigerte, in den Vietnamkrieg zu ziehen: Nein, ich werde nicht 10.000 Meilen von zu Hause entfernt helfen, eine andere arme Nation zu ermorden und niederzubrennen, nur um die Vorherrschaft weißer Sklavenherren über die dunkleren Völker der Welt sichern zu helfen.

Neben der Aberkennung seines Titels brachte ihm diese Haltung eine saftige Geld- und Gefängnisstrafe ein – er blieb aber gegen Kaution frei. In der Folge konvertierte er zum Islam und schloss sich der Nation of Islam um Malcolm X an. All das kann man in dieser Biografie nachlesen – und es ist ein Verdienst dieser Biografie, dass Clays Rolle als politischer Mensch ebenso ausführlich gewürdigt wird, wie seine Karriere als Boxer.

Die Erzählstruktur des Albums ist gelegentlich verwirrend. Manchmal werden Dinge angesprochen, aber erst später erklärt. Davon abgesehen ist es ein spannend geschriebenes und gut gezeichnetes Album, das – nicht zuletzt durch sein abwechslungsreiches Layout – an keiner Stelle Langeweile aufkommen lässt, und sich selbst dann prima liest, wenn man Boxen eigentlich bescheuert findet.

Top 10 2016Sybille Titeux, Amazing Améziane: Muhammad Ali – Die Comic-Biografie
120 Seiten, gebunden, 24,95 Euro, Knesebeck, ISBN 978-3-86873-933-6
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FMD – Leben und Werk von Dostojewski

konstantinov-dostojewskiVitali Konstantinov entwickelte für seine Graphic Novel ein neues Verfahren, das der Simultancomics… Auf einer oder mehreren Seiten erfasst er nicht nacheinander Details, Stationen aus dem Leben und Werk des Dichters, sondern ordnet die Bilder komplex an, sie gehen ineinander über; sie wirken erst im Zusammenspiel aller Elemente… 35 Bilderseiten sind dem Leben des Dichters und 19 seinem Werk gewidmet, somit ist dieses Werk eine Comic-Biografie… Fast alle belletristischen und publizistischen Werke werden visuell abgerufen; hier benötigt der Leser Vorkenntnisse, um die Variablen, die jedem Werk innewohnen, ausfüllen zu können, schreibt Prof. Dr. Gudrun Goes, Vorsitzende der Deutschen Dostojewski-Gesellschaft, im Nachwort dieses Albums. Und damit sind wir auch schon mitten im Problem.

Eine Comic-Biografie, wie Goes schreibt, und wie es auch im Subtitel des Albums steht, ist dieser Band nämlich nicht. Es gibt zwar im Anhang eine Zeittafel, in der Leben und Werk Dostojewskis chronologisch gegliedert sind. Diese Chronologie wird auch im Comic eingehalten. Aber nicht, indem Stationen seines Lebens nachvollziehbar werden. Das, was hier Simultancomic genannt wird – eine Überlagerung von Motiven auf einer Seite, wie es seit Eisner gang und gäbe ist – besteht aus einem auf den ersten Blick wirren Durcheinander von Figuren und Symbolen, deren Deutung sich, und da hat Goes völlig Recht, dem Leser nur durch entsprechende Vorkenntnisse entschlüsseln. So gesehen ist es also mehr eine – noch dazu sehr assoziative – Interpretation als eine Biografie, in der der 1963 bei Odessa geborene Dostojewski-Fan Vitali Konstantinov seiner Fantasie freien Lauf lässt.

Unterhaltsamer fand ich Dostojewskis Sicht auf die Welt. Über Deutschland etwa lästert er im April 1867 anlässlich eines Berlin-Besuchs: Alle benehmen sich so artig, dass es schon lächerlich ist. Keiner regt sich auf, keiner macht Radau, so dass der arme Polizist nichts zu tun hat und nur traurig herumflaniert… Am Sonntag ist es hier sehr langweilig: Die Geschäfte sind zu, die Straßen sind leer. Ich weiß nicht, wohin alle Deutschen verschwinden? Es gibt also auch treffende Analysen in diesem Album.

Vitali Konstantinov: FMD – Leben und Werk von Dostojewski
64 SW-Seiten, gebunden, 22,00 Euro, Knesebeck, ISBN 978-3-86873-850-6
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