Ein Sack voll Murmeln

Die Geschichte von zwei Kindern, die 1941 aus dem von den Nazis besetzten Frankreich fliehen mussten. Der Verlag schreibt: Die Memoiren „Ein Sack voll Murmeln“ erschienen 1975, wurden in zwanzig Sprachen übersetzt, zweimal verfilmt und sind längst zum literarischen Klassiker geworden. Darin erzählt Joseph Joffo (1931–2018) von seinen Erinnerungen als jüdisches Kind in Paris während der deutschen Besatzung und seiner Flucht gemeinsam mit seinem Bruder. Die Stärke seiner Geschichte liegt in der Offenheit und dem Pragmatismus des kindlichen Blicks, den er damals auf die täglichen Ereignisse dieser seltsamen und schrecklichen Zeit hatte. Ein Klassiker, adaptiert als packendes und einfühlsames Comic von Kris und Vincent Bailly.

Von Autor Kris liegen bei bahoe schon die Alben Nacht über Brest und Ein Match für Algerien vor. Immer geht es um den Widerstand gegen Besetzungsmächte. In dem Algerien-Album gründen elf Fußballer der französischen Ligue 1 im Jahr 1958 einen algerischen Fußballverein, um mit ihren Spielen für die Unabhängigkeit Algeriens zu demonstrieren. In dem Brest-Album dreht sich alles darum, ein U-Boot der republikanischen Truppen, das im Herbst 1937 während des Spanischen Bürgerkriegs im Hafen von Brest repariert werden muss, gegen Francos Faschisten zu verteidigen, die es in einer Geheimaktion übernehmen wollen.

Der aktuelle Band Ein Sack voll Murmeln wiederum erzählt von zwei jungen Brüdern, die quer durch das von Hitlertruppen besetzte Frankreich in den freien Teil der Republik flüchten müssen. Ohne richtige Pässe und Nazischnüfflern an allen Bahnhöfen und wichtigen Straßenverbindungen ist das lebensgefährlich. Da die Romanvorlage später von einem der – inzwischen erwachsenen – Kinder selber geschrieben wurde, weiß man, dass sie es geschafft haben – was die Spannung dieses Albums logischerweise reduziert. Gut herausgearbeitet wird, dass sie sich ständig auf neue, veränderte Situationen einstellen mussten, die manche Planung komplett über den Haufen warf und viel Improvisation und Geistesgegenwart erforderte. Ein prima gezeichnetes Album, das den Eisner Award in der Kategorie Best Reality-Based Work abgeräumt hat.

Vincent Bailly, Kris, Joseph Joffo: Ein Sack voll Murmeln
Aus dem Französischen von Richard Steurer-Boulard
128 Seiten, gebunden, 24,- Euro, bahoe, ISBN 978-3-903290-62-4
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Verlagswesen

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Wie organisiert frau einen Comicverlag? Das Jubiläumsjahr hat Jaja-Verlegerin Annette Köhn zum Anlass genommen, eine autobiographische Graphic Novel über das Verlagswesen des Jaja Verlags zu verfassen. Anhand eines Tages im Februar 2020 erzählt Annettes Alter Ego, wie alles so beim Jaja Verlag läuft. Es ist „schnöder“ Verlagsalltag mit Buchhaltung, Kundenbetreuung, Onlineshopbetreuung und Mails-Lesen, gewürzt mit den angenehmeren Aktivitäten in der Ateliergemeinschaft Musenstube, wie Kaffeetrinken, Tanzen, Besuch bekommen und dem Schmieden kreativer Pläne. So offenbart sich das Wesen des Verlags in Stimmung und Funktionalität und der Arbeitsalltag ist alles andere als trist. Dafür sorgen auch die praktisch veranlagte Praktikantin Loui, die Atelierkollegen alias Musen und der flauschigste Hund der Welt. Soweit der Verlagstext.

Der Berliner Jaja-Verlag ist ein Unikum unter den Comicverlagen. Neben Comics erscheinen hier auch Postkarten, Kalender, Koch- und Sachbücher, Wand- und Taschenkalender und allerlei andere illustrierte Machwerke, wie Annette Köhn ihre Publikationen bezeichnet. Ich weiß nicht, wie genau sie angefangen hat, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass sie mit einem Businessplan, der solch ein kunterbuntes Sammelsurium ohne konkrete Zielgruppe präsentiert, bei keiner Bank der Welt einen Startkredit bekommen hätte. Inzwischen gibt es Jaja seit zehn Jahren, und der Verlag ist längst eine Institution im deutschsprachigen Comicraum geworden, mit solch kultigen Alben wie Bei mir zuhause, Maertens, Tobisch oder genialen Skizzenbänden wie Hedo Berlin dazu Verlagspreisträger 2021 und hoffnungsvolle Anlaufstelle für neue deutsche Zeichner.

Das liegt nicht nur daran, dass dort interessante Alben publiziert werden, sondern auch daran, wie sie produziert werden. Optik und Ästhetik stehen im Vordergrund. Das reicht von der Qualität der Zeichnungen über ökologisch vertretbare Produktion bis hin zur Gestaltung der Pakete, in denen Jaja seine Bücher verschickt. Ein ziemlicher Aufwand, den Jaja damit betreibt. Wie sie ihre Verpackungen dekorieren ist übrigens eins der Dinge, die in dem neuen Album beschrieben werden.

Ansonsten schildert Köhn den ganz normalen Büroalltag mit Anrufen, Rechnungen schreiben, Pakete annehmen und verschicken – was ungefähr so aufregend ist wie das Abheften eines DIN A4-Blattes. Viel Spannung gibt es in dem Album nicht, und auf viele Fragen (Wie entstand der Name Jaja? Wie hat sie angefangen? Wie läuft die Zusammenarbeit mit den Zeichnerinnen? Wie konnte solch ein flippiger Verlag so erfolgreich werden?…) gibt es keine Antwort (vielleicht zum 20jährigen?). Dafür erfährt man allerlei darüber, wie frau sich den Büroalltag mit Kaffeetrinken, Besuch von Freunden, kreativen Zigarettenpausen und Gesprächen mit Fantasiefiguren abwechslungsreicher gestalten kann. Ein Album wie das Verlagsprogramm: ein bisschen anarchisch, ein bisschen freakig, alles in sehr heimeliger Atmosphäre, aber in schickem Leineneinband. Möge Jaja sich diese Lockerheit auch weiterhin erhalten.

Annette Köhn: Verlagswesen
132 Seiten, gebunden, 23,- Euro, Jaja, ISBN 978-3-948904-23-4
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Unerschrocken

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Aus zwei mach eins: Reprodukt legt die 30 Frauenbiografien von Pénélope Bagieu, die bislang in zwei einzelnen Bänden erschienen sind, als Gesamtausgabe auf, und schreibt dazu: Frauen machen, was sie wollen! Ob Rapperin oder Apachenkriegerin, Schöpferin der Mumins oder Königin der Banditen – “Unerschrocken” enthält 30 humorvolle und sensible Porträts von Frauen, die ihr Schicksal selbst in die Hand genommen haben. Sie sind und waren Vorreiterinnen, unangepasst und jede eine Heldin auf ihre ganz eigene Art. Mit Witz und Finesse porträtiert Pénélope Bagieu außergewöhnliche Persönlichkeiten, die den gesellschaftlichen Zwängen ihrer Zeit trotzten, um das Leben ihrer Wahl zu führen.

Pénélope Bagieu wurden 1982 als Kind korsischer und baskischer Eltern geboren. Bei der Mischung ist Rebellion quasi schon genetisch angelegt. Vielleicht sucht sie sich deshalb immer so interessante Themen (Eine erlesene Leiche, Wie ein leeres Blatt, California Dreamin´). In Unerschrocken hat sie 30 Lebensläufe gepackt, die mit durchschnittlich fünf Seiten pro Biografie zwar kurz, aber sehr unterhaltend sind. Das liegt unter anderem daran, dass diese Frauen allesamt ein aufregendes und abwechslungsreiches Leben geführt haben (was logisch ist, wenn frau entgegen jeder Konvention einfach tut, was sie möchte). Und daran, dass hier auch der Humor nicht zu kurz kommt.

Dabei werden nicht nur Berühmtheiten vorgestellt. Man trifft unbekannte Frauen, die nicht selten die Grundlage für neue wissenschaftliche Verfahren entwickelt haben – wie die Vulkanologin Katia Krafft, die Feministin Naziq al-Abid, die Forensikerin Frances Glessner Lee oder die Gynäkologin Agnodike. Ein Buch, das man nicht von vorne nach hinten lesen muss, sondern aus dem man sich immer wieder mal ein paar Biografien herauspicken kann. Das, und die gelungene Mischung aus Information, Unterhaltung und cartoonhaften Bildern machen diesen Band auch zu einem jener Comics, die sich wunderbar als Geschenk für so ziemlich Jede und Jeden und jede Gelegenheit eignen. Ausgezeichnet mit dem Eisner Award für den besten internationalen Comic.

Pénélope Bagieu: Unerschrocken (Gesamtausgabe)
Aus dem Französischen von Claudia Sandberg und Heike Drescher
312 Seiten, gebunden, 39,- Euro, Reprodukt, ISBN 978-3-95640-279-1
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