Beate & Serge Klarsfeld

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Es gibt Augenblicke, in denen auch ansonsten friedliche Menschen so etwas wie klammheimliche Freude empfinden. Zum Beispiel, als Beate Klarsfeld dem Altnazi und Bundeskanzler Georg Kiesiger eine gescheuert hat. Verlagstext: Es ist der 7. November 1968. Eine Frau ohrfeigt in aller Öffentlichkeit den deutschen Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger und bezeichnet ihn als „Nazi“. Diese Frau ist Beate Klarsfeld und diese Ohrfeige steht für ihr jahrzehntelanges Engagement im Kampf gegen alte und neue Nazis. Zusammen mit ihrem Mann Serge hat sie sich der Jagd nach Kriegsverbrechern verschrieben, die sie über Kontinente hinweg aufspürt. Der größte Erfolg für sie persönlich war der Prozess gegen Klaus Barbie, den „Schlächter von Lyon“.

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs wurde in Deutschland zwar viel darüber geredet, die verantwortlichen Nazis zur Rechenschaft zu ziehen, aber am Ende war doch eher Antikommunismus als Antifaschismus angesagt, um den Einfluss der UdSSR zurückzudrängen. Viele führende Posten der Nachkriegs-BRD waren mit Altnazis besetzt. Selbst Bundeskanzler, Bundespräsident oder Leiter des Bundesnachrichtendienstes (BND) konnte man werden (und wurde man). Und von Richtern und Staatsanwälten, die, wie der spätere Ministerpräsident Filbinger, der Meinung waren, was damals Recht gewesen ist, könne heute kein Unrecht sein, waren Gerichte und Staatsanwaltschaften geradezu durchsetzt.

Den Hauptteil dieses Bandes nimmt die Jagd nach Klaus Barbie ein, der als Gestapo-Chef von Lyon für Hunderte von Folterungen und Morde verantwortlich war. Nach dem Krieg wurde er erst von den Briten, dann von den Amerikanern als Spion angeheuert. Nachdem er zeitgleich in Frankreich in Abwesenheit zum Tode verurteilt wurde, schütze ihn der US-Geheimdienst vor der Auslieferung. Später heuerte Barbie beim BND an, für den er u.a. in Südamerika tätig war. Kein Wunder, dass Beate Klarsfeld und ihr Mann Serge bei ihrer Suche nach dem Massenmörder auf wenig Unterstützung von offizieller Seite rechnen konnten. Die Sache zog sich über Jahre hin. Allein zu wissen, dass er in Südamerika unter einer bestimmten Adresse lebte, bedeutete eben nicht, ihn auch nach Frankreich oder Deutschland zu bekommen.

In einer Zeit, in der rassistische Anschläge wieder an der Tagesordnung sind, wünscht man sich Menschen mit dem Elan der Klarsfelds, um diese elende Theorie vom angeblichem Einzeltäter, den die Regierenden heute nach jedem Attentat gebetsmühlenartig vortragen, zu widerlegen und die Netzwerke aufzudecken, die von den verantwortlichen Stellen wie in früheren Zeiten unter der Decke gehalten werden. Ein nicht nur informatives, sondern auch spannend geschriebenes Album, das in jede Schulbibliothek gehört.

Sylvain Dorange, Pascal Bresson: Beate & Serge Klarsfeld – Die Nazijäger
208 Seiten, gebunden, 28,- Euro, Carlsen, ISBN 978-3-551-79347-8
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Mary Shelley

Frankenstein? Kennt jeder. In diesem Album geht es um die Autorin des Romans. Der Verlag schreibt: England, Ende des 18. Jahrhunderts: Das Leben von Mary Wollstonecraft Shelley beginnt unter düsteren Vorzeichen, als ihre Mutter kurz nach Marys Geburt stirbt. Die Tochter eines Sozialphilosophen und einer Frauenrechtlerin galt als ungewöhnlich kühnes und aufgewecktes Mädchen. Aufgewachsen in einem intellektuell fordernden Umfeld, schrieb Mary schon früh eigene Gedichte und Geschichten. Mit 16 Jahren lernte sie den Schriftsteller Percy B. Shelley kennen, mit dem sie eine Liebesbeziehung einging, obwohl dieser bereits verheiratet war. Eines verregneten und stürmischen Abends, während man sich die Zeit mit dem Erzählen von Schauergeschichten vertrieb, kam ihr dann die Idee zu der Gothic Novel, die sie weltberühmt werden lassen sollte: „Frankenstein oder Der moderne Prometheus.“ Diese schaurig-atmosphärische Graphic Novel erzählt die bewegte Lebensgeschichte von Mary Wollstonecraft Shelley, der Autorin hinter Frankenstein, einer der bekanntesten Figuren unserer Kulturgeschichte.

Und genau das tut sie eben nicht. Von einer Biografie erwartet man die ganze Geschichte – vom Leben bis zum Tod. Man möchte, weil es ja um Frankenstein geht, nicht nur wissen, wie und warum der Roman geschrieben wurde, sondern auch, was nach seiner Veröffentlichung passierte, wie er in der damaligen Literaturszene (und in der Gesellschaft) aufgenommen wurde, und wie es mit der literarischen Karriere und dem Leben der Autorin weiterging. Shelley schrieb noch einige Romane und Novellen und war auch für die Entwicklung des Feminismus nicht unwichtig. Nichts von alledem erfährt man in diesem Band. Autor Alessandro Di Virgilio lässt seine Geschichte mit der Schöpfung Frankensteins enden. Da war Shelley gerade mal 19 Jahr alt. Sie lebte aber noch 34 Jahre weiter.

So gesehen ist der Untertitel dieses Albums Die Comic-Biografie der Frankenstein-Schöpferin pure Bauernfängerei. Muss man wirklich immer alles so doof aufblähen? Hätte man Mary Shelley und Frankenstein oder etwas ähnliches gewählt, wäre alles okay. Unter diesem Aspekt kann man das Album nämlich wirklich lesen.

Das liegt vor allem an den Bildern der Italienischen Illustratorin Manuela Santoni. Sie erinnern entfernt an den Strich von Moritz Stetter. Santoni ist allerdings plakativer als er. Pures, flächendeckendes Schwarz-weiß (vor allem Schwarz ohne jegliche Grauabstufung), das nur gelegentlich von einen Spritzer Rot aufgelockert wird (meist dann, wenn es um Blut oder Wut geht) bestimmen Santonis Bilder. Das kommt angenehm düster daher und kommuniziert zudem die Atmosphäre der damaligen Zeit. Die Erzähltechnik von Di Virgilio ist dagegen weniger berauschend. Er ist manchmal etwas sprunghaft und reißt Situationen oft nur an. Man wird dieses Album wohl vor allem der Zeichnungen wegen lesen. Die sind wirklich klasse.

Manuela Santoni, Alessandro Di Virgilio: Mary Shelley – Die Comic-Biografie der Frankenstein-Schöpferin
136 Seiten, gebunden, 20,- Euro, Knesebeck, ISBN 978-3-95728-490-7
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Will Eisner – Graphic Novel Godfather

Ein – noch dazu zweifacher! – Eisner-Preisträger schreibt über Eisner. Verlagstext: Kaum jemand hat den Comic so sehr geprägt wie der amerikanische Autor und Zeichner Will Eisner! Fast 70 Jahre lang arbeitete er in dem Medium, von seinen Anfängen während des Comic-Hefte-Booms Ende der 1930er Jahre, bis zu seinem eigenen stilprägenden Charakter „The Spirit“, der von 1940–1952 als Zeitungsbeilage erschien und die Grenzen des Erzählens mit Bildern immer wieder neu auslotete. Filmische Schnitte, ungewöhnliche Perspektiven, überraschende Seitenkompositionen, nie gesehene Verbindungen von Text und Bild – mit „The Spirit“ wandte sich Eisner vornehmlich an ein erwachsenes Publikum und verfolgte literarische Ambitionen… Mit Ein Vertrag mit Gott legt er 1978 seine erste Graphic Novel vor und begründet damit ein neues literarisches Genre. Es folgen knapp zwanzig weitere Titel, darunter die autobiografisch inspirierten Werke The Dreamer und Zum Herzen des Sturms sowie 2005, kurz vor seinem Tod, Das Komplott – Die wahre Geschichte der Protokolle der Weisen von Zion in der er die Entstehung dieser antisemitischen Fälschung zum Thema macht. Eisner erhielt zahlreiche internationale Preise…

Das ist schon spannend: Kunsthistoriker Alexander Braun, der in den vergangenen Jahren diverse Ausstellungen rund um das Thema Comic in die Kunsthallen gebracht hat – u.a. Winsor McCays Little Nemo und Pioniere des Comic – schreibt jetzt über Will Eisner. Den nach dem Godfather of Graphic Novel benannten Preis hat er selber bereits zweimal erhalten (für seine Arbeit an den Gesamtausgaben von Krazy Kat und Little Nemo). In dem jetzt erschienenen, fast 400 Seiten dicken Buch, das mit zahlreichen – oft ganzseitigen, auch vierfarbigen – Illustrationen angereichert ist, gibt er einen umfangreichen Überblick über Leben und Werk des Zeichners, der immer wieder das Leben und Überleben in den weniger noblen Vierteln New Yorks auf die Seiten gebracht hat. Das Buch dient als Begleitband einer Ausstellung, die noch bis Ende Juni im Dortmunder schauraum zu sehen ist (und 2022 während des Comicsalons in Erlangen).

Braun liefert hier nicht nur einen Überblick über den Lebensweg Eisners, sondern kümmert sich vor allem um dessen Werk und seine Entstehung. Angefangen vom Spirit, der für Eisner – mit Unterbrechungen – über Jahrzehnte ein riesiger Comicspielplatz war, auf dem er seine grafischen Experimente durchführen und so dem Medium – das in den 1930er Jahren in der öffentlichen Meinung knapp vor der Prostitution residierte, also so ziemlich das Hinterletzte war, mit dem man sich beschäftigen konnte – immer neue Aspekte abgewann. Die Ergebnisse seiner Experimentierfreudigkeit sind bekannt – einige Titel sind oben aufgezählt.

Am interessantesten in Brauns Ausführungen finde ich die Art, wie er Leben und Werk zusammenbringt. Eisner unterhielt sich gerne über Themen rund um das Medium Comic – über sein Privatleben wussten die meisten wenig bis nichts. So war lange nicht klar, dass Eisner in der Titelstory von Ein Vertrag mit Gott auch den Tod seiner Tochter verarbeitete, von der die meisten seiner Freunde nicht einmal wussten, dass sie existiert hatte. Die persönlichen Hintergründe, die Braun aus Eisners Geschichten herausarbeitet, eröffnen neue Sichtweisen auf den Inhalt vieler Alben. Und natürlich macht dieses Buch Laune, das ein oder andere davon wieder in die Hand zu nehmen, denn eins ist mal klar: Eisners Comics gehören auch 15 Jahre nach seinem Tod zum Besten, was dieses Medium zu bieten hat.

Alexander Braun: Will Eisner – Graphic Novel Godfahrer
384 Seiten, gebunden, 39,- Euro, avant, ISBN 978-3-96445-050-0
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