Anaïs Nin – Im Meer der Lügen

Eine Frau strampelt sich frei: Anfang der 30er Jahre fristet Anaïs Nin als Ehefrau eines Bankiers ein unerfülltes Dasein in den Pariser Vorstädten. Als Tochter von Musikern verbrachte sie ihre Kindheit auf zwei Kontinenten und in drei Sprachen, und es dürstet sie nach einem freien, kreativen Leben. Aber die Rolle der Frau war ihrerzeit eine andere. Anaïs‘ Tagebuch wird zum Fluchtpunkt ihres Verlangens, zum Vertrauten, zur Echokammer ihrer Emotionen – zur Droge… Nin ist vor allem für ihre Tagebücher und Erzählungen bekannt, in denen sie erschütternd ehrlich und explizit über Kreativität, Sexualität und weibliche Sehnsüchte reflektiert. Mit leichtem Strich und weichen Farben macht Léonie Bischoff sich an die anspruchsvolle Aufgabe, das Leben von Anaïs Nin… als originelle und herrlich amoralische Graphic Novel-Biografie aufzubereiten. (Verlagstext)

Bischoff ist Mitglied des Collectif des créatrices de bandes dessinées contre le sexisme. Die Gruppe engagiert sich, wie der Name schon sagt, gegen Sexismus in Comics. Da scheint es gewagt, Tagebücher von Anaïs Nin als Graphic Novel zu adaptieren. Nins Prosaband Das Delta der Venus stand hierzulande jahrelang auf der Liste der jugendgefährdenden Schriften, und die Fantasien, die sie ihren Tagebüchern anvertraut, sind mit amoralisch noch milde umschrieben. Aber Nin will sich von Männern weder vorschreiben lassen, wie sie zu lieben, noch wie sie zu schreiben hat.

Ihrem Partner Hugo erzählt sie nichts von ihren Fantasien. Ihrem Tagebuch alles. Ich habe Mitleid mit dem Verlangen, das ich bei ihm ausgelöst habe, und lasse ihn sich an meinen Oberschenkeln befriedigen notiert sie nach einer ersten Begegnung mit einem Fremden. Als sie später Henry Miller kennenlernt, inspirieren die beiden sich gegenseitig – erst beim Schreiben, später auch im Bett. Ich brauche Henrys Liebe, um Hugo besser zu lieben vertraut sie ihrem Tagebuch an. Sie will raus aus der Maskerade, mit der Menschen sich begegnen. Je sicherer sie dabei wird, desto selbstbewusster schreibt sie: Er ist nur ein Mann, nicht Gott. Du brauchst ihn nicht, ermutigt sie sich, als sie über einen ihrer Lover nachdenkt.

Wie Bischoff dieses Leben auf die Seiten bringt, ist schon von der Erzählstruktur her klasse. Wie sie es grafisch umsetzt auch. Sie zeichnet mit Buntstiften, gibt der Geschichte damit eine leicht verspielte Note, die Bewegungen kommen flüssig und geschmeidig rüber, und die sparsame Kolorierung setzt zusätzliche Akzente. Das erzeugt gefühlvolle Bilder, und obwohl es hier um Sex und Grenzüberschreitungen und oft auch klar zur Sache geht, hat das mit Sexismus nichts zu tun. Es geht einfach um eine Frau auf der Suche nach sich selbst. Nach Wahrhaftigkeit statt Lügen. Ein ebenso inspirierendes wie provozierendes Album, das sich zudem spannend liest. 2020 auf dem Comicfestival in Angoulême mit dem Publikumspreis ausgezeichnet.

Léonie Bischoff: Anaïs Nin – Im Meer der Lügen
Aus dem Französischen von Désirée Schneider
192 Seiten, gebunden, 29,80 Euro, Splitter, ISBN 978-3-96792-175-5
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Good Talk

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Erinnerungen in Gesprächen lautet der Untertitel dieses Albums: „Haben Weiße Angst vor braunen Menschen?“ und „Hat Papa Angst vor uns?“, fragt der sechsjährige Z. seine Mutter, die Autorin Mira Jacob, Tochter indischer Einwanderer, die mit ihrem Mann Jed, der weiß und jüdisch ist, in New York lebt. Beim Versuch, ihrem Sohn ehrlich zu antworten, erinnert sich Mira, woher sie ihre eigenen Antworten bekommen hat. Ihre prägendsten Gespräche über Rassismus, Hautfarbe und natürlich Liebe finden sich in diesem Buch wieder. Auf ebenso scharfsinnige wie einfühlsame Weise zeigt Mira Jacob, was es heute bedeutet, in einem Land wie den USA eine dunkle Haut zu haben. Schon ihr sechsjähriger Sohn wird Opfer bestimmter Zuschreibungen von außen, die er noch gar nicht versteht. Im Gespräch mit seiner Mutter sucht er Sicherheit und Verständnis. Vieles davon lässt sich auch für die deutsche Gesellschaft sagen und lernen. Deswegen ist dieses Buch in der heutigen Zeit so wichtig. (Verlagstext)

Wäre es – wenn es ein Buch wäre. Es ist aber ein Comic, und als Comic macht diese Geschichte nicht viel her. Autorin Mira Jacob hinterlegt die Seiten (manchmal auch die Doppelseiten) dieses Bandes mit dem Foto eines Prominenten, einer Stadt, einer U-Bahn-Station, usw. – passend zu dem auf der jeweiligen Seite behandeltem Thema. Auf diese Fotos klebt sie langweilige Schwarzweiß-Skizzen der diskutierenden Personen. Diese schwarzweißen Schattenfiguren, die vielleicht mal den Mund, sonst aber nichts bewegen, lässt sie über alle mögliche Themen reden.

Als reines Textbuch wäre das prima, denn die Gespräche sind streckenweise nicht uninteressant. Kinder können Fragen stellen, auf die man (siehe oben) nicht immer eine einfache eine Antwort findet. Das macht die einschläfernde Grafik zwar nicht wett, aber vielen Lesern hat es trotzdem gefallen: Longlist des PEN Open Book Award, New York Times Notable Book, Beste Bücher 2019 in Publisher’s Weekly, Time, Esquire und Library Journal.

Mira Jacob: Good Talk – Erinnerungen in Gesprächen
Aus dem Englischen von Simoné Lechner
368 Seiten, gebunden, 26,- Euro, Carlsen, ISBN 978-3-551-76630-4
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Young

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Eine finstere Geschichte, die im finstersten Kapitel deutscher Geschichte spielt: Geboren 1911 in Tunis, lernte Victor «Young» Perez schon in jungen Jahren das Boxen. Beim Sportverein Makkabi verfeinerte er seine Technik und startete mit seinen ersten Kämpfen. 1931, im Alter von nur 20 Jahren, reihte er sich bereits in die großen Legenden des Boxsportes ein, als er als jüngster Boxer den Weltmeistertitel im Fliegengewicht errang. Nach diesem Sieg genoss er Ruhm, Reichtum und die Liebe im Paris der 1930er-Jahre, bevor seine Karriere als Boxprofi durch den Einmarsch der Deutschen abrupt endete. Er tauchte unter, wurde jedoch 1943 verraten, verhaftet und nach Auschwitz deportiert. Dort zwang man ihn wieder in den Ring zu steigen, um zur Unterhaltung der SS-Schergen in Schaukämpfen gegen andere Häftlinge zu kämpfen. (Verlagstext)

Die Geschichte erinnert an Reinhard Kleists Comicbiografie über Hertzko Haft, die bei Carlsen unter dem Titel Der Boxer erschienen ist. Und wie Der Boxer ist auch Young absolut empfehlenswert – allerdings um einige Grade düsterer. Victor Perez, der aufgrund der jungen Jahre, in denen er bereits als Boxer erfolgreich war, den Spitznamen Young bekam, hat schon in seiner tunesischen Heimat Probleme, weil er Jude ist. Bei einem befreundeten Schuster, der großer Box-Fan ist, schwappt die Box-Begeisterung auf den kleinen Victor über. Szenarist Aurélien Ducoudray baut die Geschichte prima auf. Er erzählt nicht linear, sondern wechselt zwischen den Zeiten vor, und denen in Auschwitz. Dadurch werden Gegensätze zwischen (oft) identischen Situationen noch deutlicher.

Für die Grafik sorgt der französische Zeichner Eddy Vaccaro. Er koloriert seine Bilder wie schon in seiner Adaption von Stevensons Selbstmörderclub monochrom – in diesem Fall in einem dunklen Braun. Das passt. Im Gegensatz zu Kleists Boxer hat Young kein Happy End. Heute ist eine Boxhalle des Institut National des Sports in Paris nach ihm benannt. 1986 wurde er in der International Jewish Sports Hall of Fame eingetragen.

Top 10 2021  Eddy Vaccaro, Aurélien Ducoudray: Young (Tunis 1911 – Auschwitz 1945)
Aus dem Französischen von Karolina Heidinger
128 Seiten, gebunden, 22,- Euro, bahoe, ISBN 978-3-903290-63-1
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