Meine 80er Jahre

chuang-meine-80er-jahreDer in der Schweiz ansässige Verlag Chinabooks hat sich, wie der Name schon sagt, auf chinesische Literatur und Übersetzungen spezialisiert. Von reinen Chinesisch-Lehrbüchern über zweisprachige Romane, Comics und Kinderbücher ist in dem mehrere 100 Publikationen umfassenden Angebot alles dabei. Im vorliegenden Album Meine 80er Jahre – Eine Jugend in Taiwan beschriebt der 1968 geborene Zeichner Sean Chuang seine Erlebnisse als Kind und Jugendlicher zwischen 1976 bis 1990.

Sean Chuang (Zhuang Yongxin) machte seinen Abschluss an der Fu-Hsin Trade & Arts School in Taipeh. Inzwischen hat er in verschiedenen asiatischen Ländern über 400 Werbespots gedreht und mehrere Preise gewonnen. Auch mit seinen Comics war er erfolgreich und heimste Ehrungen ein – unter anderem den Taiwan Golden Comic Award für Meine 80er Jahre.

Wer allerdings hofft, darin Informationen über die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse in Taiwan zur Zeit des Übergangs von einem durch die Kuomintang beherrschten Staat in eine westlich orientierte Gesellschaft zu finden – genau zu dieser Zeit spielen Chuangs Geschichten – wird enttäuscht. Was bei Autoren wie Delisle, Satrapi oder Sattouf einfach dazugehört – nämlich die individuelle Geschichte in den historischen Kontext einzubetten – fehlt bei Chuang fast völlig.

Was bleibt, sind Kindheitserinnerungen und Jugendanekdoten, die sich damals so oder ähnlich überall in der westlichen Welt abgespielt haben: Schulstress, Brieffreundschaften, WG-Erfahrungen und jugendliche Schwärmereien für Bruce Lee, Motorräder und Breakdance. Das allerdings kommt ziemlich gut und oft auch sehr humorvoll und selbstironisch rüber und ist prima gezeichnet. Dass es mehr eine illustrierte Geschichte als ein Comic ist, fällt da nicht weiter ins Gewicht, denn Chuang verschachtelt seine Bilder oft gekonnt über mehrere Ebenen, und der fast karikative Stil bringt die Situationen treffend auf den Punkt und viel Leben auf die Seiten. Auch wenn der inhaltliche Tiefgang fehlt – es macht Spaß, dieses Album zu lesen. Weshalb der Verlag es aber zweisprachig – 180 Seiten in der deutschen, und gleich hinten dran 180 Seiten in der chinesischen Version – publiziert, erschließt sich nicht wirklich.

Sean Chuang: Meine 80er Jahre – Eine Jugend in Taiwan (Band 1)
380 Seiten, schwarzweiß, 16,00 Euro, chinabooks, ISBN: 978-3-905816-59-4
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Ein Kleid von Dior

goetzinger-diorIm Februar 1947 war der Zweite Weltkrieg gerade mal eineinhalb Jahre vorbei. Die Menschen in Frankreich hatten die gröbsten Trümmer beseitigt, und nachdem die Infrastruktur und sonstigen Lebensgrundlagen halbwegs wieder hergestellt waren, konnte man sich langsam wieder den angenehmen Dingen des Lebens widmen. In diesem Monat eröffnete ein gewisser Christian Dior in der Pariser Avenue Montaigne seine erste Modenschau. Der Andrang war zahlreich, denn das Bedürfnis nach Amüsement war nach den entbehrungsreichen Kriegsjahren groß. Noch dazu wurde hier mit vielen modischen Konventionen gebrochen, wodurch sich die Chefredakteurin von Harper’s Bazaar zu dem Satz hinreißen ließ: „It’s quite a revolution, your dresses have such a new look!“

Im Publikum sitzt auch Clara, eine ebenso junge wie unbekannte Journalistin, die über diese Modenschau ihren ersten Artikel schreiben will. Mit Clara blickt der Leser hinter die Kulissen und erfährt viel über die Arbeit der Modellzeichner, Moderatoren, Picoteusen, Directricen und Lehrmädchen, über die verarbeiteten Stoffe von Alpaka über Feudel bis Samt, Taft und Tüll, und auch die Accessoires dürfen natürlich nicht fehlen.

Clara begleitet Dior auf seinem Weg nach New York, wo er Filialen eröffnen will, um in den Staaten Fuß zu fassen. Nicht alle New Yorker sind von der neuen Mode begeistert. Aber nachdem auch Hollywood-Stars und adlige Häupter sich in Gewänder von Dior schmiegen, ist seine Karriere nicht mehr aufzuhalten.

Annie Goetzinger bringt die historische Entwicklung dieser neuen Modekollektionen in ihrem typisch femininen Stil zu Papier. Und weil es hier um edle Mode und edle Stoffe geht, hat Kult Comics dieses Album in fadengeheftetem Hardcover mit edlem Leinenrücken publiziert, und gleich noch eine Luxusausgabe mit einem von Goetzinger signiertem Exlibris draufgelegt. Das passt. Ein umfangreicher Anhang mit Kleiderskizzen aus verschiedenen Kollektionen und chronologischen Daten runden diesen liebevoll gemachten Band ab.

Annie Goetzinger: Ein Kleid von Dior
152 Seiten, gebunden, 29,95 Euro, Kult Comics, ISBN 978-3-946722-10-6
Deluxe: 99 Exemplare, 49,95 Euro, mit von Goetzinger signiertem Exlibris
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Liebe auf Iranisch

deloupy-liebe-auf-iranischNach Satrapis kultigem Persepolis, nach Ein iranischer Albtraum und Zahra´s Paradise liegt mit diesem Album wieder ein Comic vor, der einen authentischen Einblick in das Land der Mullahs gibt. Thema ist das Liebesleben der unverheirateten Generation. Die hat angesichts der konservativen Moralvorstellungen der islamischen Regierung wenig Freude. Die Ehen werden nach wie vor auf höchst skurrile Weise von den Eltern arrangiert, ein intaktes Jungfernhäutchen in der Hochzeitsnacht ist Pflicht, was bedeutet, dass man seine Sexualität – falls man überhaupt einen Ort findet, an dem man dabei unbeobachtet ist – vor der Ehe nicht frei leben kann, das kleinste Stückchen Haut, das Frauen in der Öffentlichkeit außerhalb ihres Gesichts zeigen, kann nervige Konsequenzen haben, und wen die Sittenwächter nicht denunzieren, den denunzieren möglicherweise Eltern, Geschwister oder Verwandte. Also ungefähr so – und damit relativiert sich die Geschichte ein wenig – wie es bis Ende der 1960er Jahre auch in Westdeutschland der Fall gewesen ist.

Die Autoren haben zahlreiche Gespräche mit jungen Erwachsenen geführt. In deren Erzählungen wird nicht nur die politische Unterdrückung, sondern auch die erstickende Enge religiöser Traditionen spürbar. Dabei gehen die Betroffenen durchaus unterschiedlich mit ihrer Situation um. Manche sind ängstlich und bemühen sich, ihre Liebe nach außen zu verbergen, andere sind mutiger und testen Grenzen aus. Auf Veränderungen im politischen System, das wird leider auch sehr deutlich, hofft gegenwärtig kaum jemand von ihnen.

Ein bisschen nervig ist die betont konspirative Attitüde, mit der dieses Album daherkommt. Als ob diese Geschichten unter Lebensgefahr recherchiert worden wären. Davon abgesehen ist es ein sehr informativer Comic – ebenso schön erzählt wie gezeichnet.

Deloupy, Jane Deuxard: Liebe auf Iranisch
144 Seiten, gebunden, 19,80 Euro, Splitter, ISBN: 978-3-95839-543-5
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