IdentiKid

romanova-identikidIch habe echt panische Angst davor, Angst zu bekommen, und das macht mir total die Panik. Das schlimmste Perpetuum der Welt. Das ist, wie wenn dir jemand eine Pistole an die Schläfe hält und sagt: „Wenn du Angst kriegst, schieße ich.“ Klingt finster? Ist es auch. Exakt so beschreibt Moa in diesem Album ihren Zustand. Und der wird lange nicht besser. Verlagstext: Die 25-jährige Moa lebt in einer schäbigen Wohnung und pendelt zwischen Therapiesitzungen, Panikattacken und Elektro-Partys. Immer auf der Suche nach Erlösung und dem lebensverändernden Kick. Auf durchgefeierte Nächte folgen ereignislose Tage und dann platzt da auf einmal dieses Tinder-Match in ihr Leben: „Famous TV Guy, 53“. Moa und der bekannte Medien-Typ treffen sich nur einmal persönlich, aber ihre fortgesetzte Kommunikation per Handy trägt dazu bei, dass Moa nach und nach aus ihrer Krise herausfindet … Moa Romanova entwirft ihr autobiografisches Debüt in einem einzigartigen visuellen Stil und trifft mit ihrer Erzählung das Lebensgefühl der Millennials.

Einzigartiger visueller Stil – ja, kann man sagen. Allerdings gewöhnungsbedürftig. Das kommt beim zweiten Lesen besser. Vielleicht liegt es auch daran, dass die schwedische Zeichnerin, von der Liv Strömquist so beeindruckt ist, sich selbst als ziemlich unförmiges Wesen darstellt. Sie wirkt oft wie konturlose Masse. Und das ist sie ja auch. Während ihrer depressiven Phasen zerfließt sie immer wieder in grenzenlose Müdigkeit. Der Kontakt mit ihrer Freundin Sarah hilft, aber nie lange. Nach einer Party: Ich fühl mich wie ein Scheiß-Alien. Als würden alle eine Fantasiesprache sprechen und ich steh da und muss raten, was sie eigentlich sagen. Und die Sache mit ihrem Tinder-Freund hat auch seine Tücken.

Es gibt (Situations)komik in diesem Album. Zum Beispiel in den Gesprächen mit ihrer Therapeutin. Hauptsächlich quält Moa sich aber über die Seiten – bzw. durch die Zeit und ihr Leben. Eine deprimierend realistische, aber auch sehr erfolgreiche Erzählung, die bereits in sieben Sprachen übersetzt wurde.

Moa Romanova: IdentiKid
184 Seiten, 25,- Euro, avant, ISBN 978-3-96445-035-7
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Vatermilch

oesterle-vatermilch1Muss das schön sein, einen Preis für ein Album zu bekommen, das noch nicht mal veröffentlicht wurde. Bereits 2016 wurde Vatermilch mit dem Comicpreis der Berthold Leibinger Stiftung ausgezeichnet. Veröffentlicht ist es inzwischen, aber lediglich der erste von vier angekündigten Bänden. Worum geht es? München 1975: Disko, freie Liebe, Kokain- und Champagnerexzesse, das ist die Welt von Rufus Himmelstoss. Der egozentrische Frauenheld lebt konsequent über seine Verhältnisse. Als er im Suff einen Verkehrsunfall verursacht, bei dem eine junge Mutter und ihre beiden Kinder sterben, geht er im Obdachlosenmilieu auf Tauchstation. Zwischen Wodka und Wohnheim fasst Rufus Himmelstoss einen weitreichenden Entschluss. Für sich. Und für seinen Sohn… So weit der Verlagstext.

Hintergrund der Geschichte ist die Biografie von Oesterle selber. Sein Vater hat ihn und seine Mutter verlassen, als Oesterle sieben Jahre alt war. In der Folge hörte er wenig bis nichts mehr von seinem Erzeuger, bis ihn vor zehn Jahren ein Brief erreichte, in dem ihm der Tod des Vaters mitgeteilt wurde. Das wiederum machte ihn neugierig, die Geschichte seines Vaters zu erforschen. Aus allerlei Gerüchten verdichteten sich Hinweise, die zeigten, dass der Vater sich völlig verändert hatte. Vatermilch ist eine Erzählung über schwierige Vater-Sohn-Beziehungen und Wiedergutmachung. Sie dokumentiert die fiktive Biografie von Peter Oesterle und mir selbst… Die großen Lücken in seinem Lebenslauf verfugte ich mit Erdichtetem. Jedes einzelne Wort davon ist wahr, schreibt Oesterle im Nachwort.

Nun verlieren sich Leute, die verkorkste Vaterbeziehungen im Nachhinein aufzuarbeiten versuchen, meist in moralischem Geschwurbel, das schlechterdings unlesbar ist. Aber wer behauptet, jedes Wort einer fiktiven Geschichte sei wahr und außerdem für so schräge Stories wie für die in dem abgedrehten Sammelband Kopfsachen verantwortlich ist, trifft auch hier den richtigen Ton. Kein Kitsch, keine Sentimentalitäten, sondern einfach eine Story, die von der ersten bis zur letzten Seite spannend erzählt wird. Die Zeichnungen sind Oesterle at its best. Was er mit Schwarzweiß und ein bisschen Schmuckfarbe hier und da auf die Seiten zaubert ist Graphic Novel auf internationalem Niveau. Da gibt´s nichts zu meckern. Außer, dass man nach der Fortsetzung giert und hofft, dass es bis zum zweiten Band nicht wieder vier Jahre dauern wird. Der Preis der Berthold Leibinger Stiftung wird jedenfalls nicht der einzige sein, den er für diese Reihe bekommen wird.

Uli Oesterle: Vatermilch – Band 1: Die Irrfahren des Rufus Himmelstoss
128 Seiten, gebunden, 20,- Euro, Carlsen, ISBN 978-3-551-71158-8
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Überleben in Dachau + Antifa

oger-dachauEs gibt Bilder, die sagen tatsächlich mehr als 1000 Worte. Dass man sich seine Zigarette an einem Stück runtergebrannter Glut anzündet, kommt vor. Wenn der Raucher aber ein KZ-Häftling ist und die Glut aus den Knochenresten der soeben im Krematorium verbrannten Leichen besteht, zeigt das, welchen Grad an Abstumpfung Menschen erreichen, die täglich aufs Neue sadistisch gequält und entwürdigt werden.

Verlagstext: Dies ist das Zeugnis von Guy-Pierre Gautier, dem Großvater des Zeichners, einem Überlebenden von Dachau. Als 16-jähriger übernahm er 1941 erste Aufgaben in der Résistance, 1943 trat er der Brigade «Liberté» der FTP (Francs-tireurs et partisans) von La Rochelle bei, wo er an Sabotageaktionen und der Aufklärungsarbeit teilnimmt. Doch die Tapferkeit ging mit Nachlässigkeit einher: Nach der Verhaftung der Gruppe begannen die Schwierigkeiten mit Verhören durch die Gestapo und einer Meuterei im Gefängnis von Eysses samt Schießereien. Doch der wahrhaftige Alptraum begann erst mit der Höllenfahrt in Viehwagons nach Dachau.

Was Guy-Pierre Gautier hier zu erzählen hat, ist spannend von der ersten bis zur letzten Seite. Und gegen Ende ziemlich grauenhaft. Aber Gautier hatte auch Glück. Er hat Dachau überlebt. Und er hat mit Tiburce Oger einen Enkel, der in der Lage ist, diese Erlebnisse in ausdrucksfähige Bilder umzusetzen. Oger, der als Szenarist für Abenteueralben wie Canoe Bay und als Zeichner von Fantasy- und Western-Comics wie Buffalo Runner bekannt ist, liefert hier gewohnt packende Zeichnungen ab. Ein Album, das, von kleineren erzählerischen Ungenauigkeiten abgesehen, Text und Bild in gleich hoher Qualität zusammenbringt. Und nicht nur das Elend der Konzentrationslager schildert, sondern auch einen authentischen Einblick in die zwar mühsame, aber oft auch wirkungsvolle Arbeit der Résistance gibt. Eines der besten Alben zum Thema Faschismus / Holocaust.

Tiburce Oger, Guy-Pierre Gautier: Überleben in Dachau
86 Seiten, gebunden, 19,-, Bahoe, ISBN 978-3-903290-20-4
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hill-antifaEbenfalls neu bei Bahoe: Eine Geschichte der Antifa. Verlagstext: Der Faschismus ist eine relativ neue politische Ideologie, aber in seiner 100-jährigen Geschichte wurden die größten Gräueltaten gegen die Menschheit verübt. Seine giftigen Wurzeln haben sich in jeder Region der Welt ausgebreitet, von den Anfängen nach dem Ersten Weltkrieg in Italien, über Nazi-Deutschland, Franco-Spanien und den KKK in Amerika. Heute, ermutigt durch den amerikanischen Präsidenten und diverse «Rechtspopulisten» von Europa bis Asien, lebt der Faschismus erneut etwas auf. Gleichzeitig haben AntifaschistInnen im Laufe der Geschichte und auch gegenwärtig wieder bewiesen, dass der Geist des Widerstands lebendig, aktiv und notwendig ist.
Gord Hill dokumentiert kraftvolle Momente des Widerstands und der Konfrontation aus den Blickwinkeln der ProtagonistInnen. So vermittelt er ein starkes Gefühl der Entschlossenheit und einen globalen Blick auf das Problem. Mit einem Vorwort von Mark Bray, Autor von „Antifa: The Anti-fascist Handbook“.

Dieses Vorwort ist im Grunde das Beste an dem ganzen Album. Bray geht in seiner Analyse wirklich in die Tiefe. Der Comic tut das nicht. Was Hill hier liefert, ist eine Aneinanderreihung geschichtlicher Ereignisse rund um das Thema „Faschismus“ und „antifaschistische Aktionen“ der vergangenen 100 Jahre. Das ist nicht uninformativ (und in seiner Zusammenfassung wohl auch einzigartig – von Moussolini bis Mölln, von Spanien bis Ku-Klux-Klan, Alt-Right und weiter reicht die Palette), aber ein Comic ist das nicht. Seine Texte legt Hill über Bilder, deren Motive sich alle paar Seiten wiederholen, weil es eben alle paar Seiten um die gleichen Dinge geht, nur in einer anderen Zeit an einem anderen Ort. Interaktion zwischen den Bildern gibt es nicht – sie dienen lediglich als bunter Hintergrund. Als Sachbuch wäre das sicher besser gekommen.

Gord Hill: Antifa – Hundert Jahre Widerstand
116 Seiten, gebunden, 17,- Euro, bahoe, ISBN 978-3-903290-27-3
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