Die Mauer

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Der Titel des vorliegenden Albums ist ein wenig irreführend. Hier ist weder die Berliner Mauer, noch die zwischen Israel und den Palästinensergebieten gemeint, die Le Roy in seinem gleichnamigen Album beschrieben hat. Diese Mauer ist einfach nur eine Reihe Steine hinter dem Sportplatz, und auf dieser Mauer hängt die dreizehnjährige Rosie gerne mit ihrer Freundin Nathalie ab.

Rosie hat sonst nicht viel zu tun. Ihre Mutter hat sich zu ihrem neuen Lover nach Dubai verzogen. Ihr Vater ist meist geschäftlich unterwegs. Deshalb ist Rosie oft alleine in dem Haus, das von einer Raumpflegerin gewartet wird. Die Situation hat ihre Vorteile – so kann sich Rosie ihre Entschuldigungen selber schreiben, wenn sie mal wieder die Schule schwänzt. Merkt eh keiner, dass die Unterschrift ihrer Mutter gefälscht ist. Aber nach und nach beginnen die Lehrer, Fragen zu stellen.

Die Einsamkeit macht Rosie zu schaffen. Der Whisky im Schrank ihres Vaters hilft ihr weiter. Auch Jo, ein scheinbar ebenso verlassener Junge und Eigenbrödler, den sie zufällig an der Mauer trifft, hilft ihr weiter – mit ihm versteht sie sich wunderbar. So entwickelt sich eine melancholische Coming of Age-Geschichte auf sehr sanften Pfoten, die geradewegs auf eine Katastrophe zusteuert.

Die Story von Céline Fraipont ist für alle nachfühlbar, die eigene Erfahrungen mit Einsamkeit und Verlorenheit haben – und das hat in der Pubertät fast jeder. Die Zeichnungen sind weich und fließend mit viel Atmosphäre auf den Seiten. Das einzige, was stört, ist der kitschige Schluss, den irgend jemand meinte noch an das eigentliche Ende drankleben zu müssen. Er wirkt aufgesetzt und künstlich und hat so gar nichts mit der Story zu tun. Aber man muss die letzten zehn Seiten ja nicht lesen.

Pierre Bailly, Céline Fraipont: Die Mauer
190 SW-Seiten, gebunden, 19,99 Euro, Panini, ISBN 9783957983053

Geschichten aus dem Viertel

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Mallorca war nicht immer eine Hochburg für europäische Pauschalurlauber. In den 1980er Jahren war es nichts als eine kleine Insel, auf der die Menschen sich recht und schlecht durchschlugen, ohne viele Möglichkeiten zu haben, aus ihrem Leben etwas zu machen. Im Barrio Chino, dem Chinesenviertel der Hauptstadt, trafen sich die Jugendlichen – die Möglichkeiten ringsum von Wasser begrenzt. Einer von ihnen war Gabi Beltrán. Seine Erinnerungen sind in den Geschichten dieses Albums versammelt.

Gabi ist mitten in der Pubertät. Irgendwie, schreibt er, war mir bewusst, dass manche Türen als Eingang dienten, nicht aber als Ausgang. Er hängt mit Freunden ab, kifft, frönt dem Wodka und lässt sich auch mal von Älteren zum Schmierestehen bei einem kleinen Überfall oder zu einer Spritzfahrt in einem geklauten Cabrio überreden. Was nicht immer gut ausgeht. Sein Vater ist Alkoholiker, manche Mütter seiner Freunde gehen auf den Strich – weshalb er seinen ersten Bordellbesuch so planen muss, dass er von denen nicht erwischt wird.

Es sind Alltagsgeschichten von Mitgliedern einer Jugendclique, die ohne große Hoffnung auf ein besseres Leben ihren Träumen nachhängen, typische Coming of Age-Geschichten, die Bartolomé Seguí in feine, ausdrucksstarke Bilder packt, in denen vor allem die Gesichter und die Stadtansichten faszinieren – von der Atmosphäre her vielleicht vergleichbar mit Larcenets Comic Der alltägliche Kampf. Ein starkes Album – abwechslungsreich, unterhaltsam, spannend und voller Leben – und mit dem Premi Ciutat de Palma de Còmic ausgezeichnet.

Top 10 2013

Bartolomé Seguí, Gabi Beltrán: Geschichten aus dem Viertel
152 Seiten, 19,95 Euro, avant, ISBN 978-3-939080-76-3
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Update 28.3.106: Es gibt ein neues Album vom gleichen Team: Wege aus dem Viertel. Genauso klasse wie der erste Band.