Sambre: Maxime & Constance

yslaire-maxime+constance1Es gibt ein Problem, das alle Comicsammler kennen: Ein Verlag startet eine Serie. Die Alben haben fortlaufende Handlung. Man wartet auf die Fortsetzung, doch nach drei, vier Bänden tut sich nichts mehr. Die Alben verkaufen sich nicht gut, die Serie rechnet sich nicht mehr, wird eingestellt. Der Leser müsste zu den fremdsprachigen Originalen wechseln, um endlich zu erfahren, wer der Mörder war, woher die Aliens kamen, ob der Vampir seine Liebste doch noch wiedergesehen hat oder um was auch immer es gegangen ist. Glücklicherweise gibt es kleinere Verlage, die manche Reihe fortsetzen, die von einem großen Verlag in den Eimer getreten wurde.

Finix ist ein Verlag, der anderswo eingestellte Reihen fortsetzt – nicht selten in erlesenen Ausgaben. So können Sammler dort Serien wie Mit Mantel und Degen, Der rote Falke, Franka, Die Füchsin und viele andere komplettieren. Und jetzt auch die Kultreihe Sambre – das Melodram einer französischen Adelsfamilie aus dem 19. Jahrhundert in erlesenen Bildern. Die Reihe gliedert sich in eine Haupt- und drei Nebenserien. Von der Hauptserie Krieg der Augen gibt es in Frankreich bislang neun Alben, von denen nur sechs bei Carlsen publiziert wurden. Die Bände sieben bis neun sollen jetzt bei Finix erscheinen. Band sieben ist schon da, Band acht folgt voraussichtlich im Mai, weitere Bände abhängig vom Erscheinungstermin in Frankreich. Die Ausstattung entspricht in allen Details dem edlen Design der Carlsen-Ausgaben.

Von den drei Nebenreihen, die unter dem Oberbegriff Der Krieg der Sambres jeweils drei Bände umfassen und die Geschichte früherer Generationen erzählen, sind die beiden Trilogien Hugo & Iris und Werner & Charlotte komplett bei Carlsen erschienen. Was fehlt ist der Dreiteiler Maxime & Constance, der jetzt ebenfalls bei Finix verlegt werden soll. Band eins liegt bereits vor, die Folgebände sollen im Laufe des Jahres erscheinen.

Vorgestellt wird in Maxime & Constance die Generation der Erblasser (1775 – 1794). Die Zeichnungen sind wie in den anderen Nebenserien nicht mehr von Yslaire, sondern von Boidin. Das kommt längst nicht mehr so filigran und elegant wie vom Meister selber, aber die Geschichte wurde von ihm geschrieben. Das typische Sambre-Feeling kommt auch hier rüber.

Boidin, Yslaire: Krieg der Sambres 7 – Maxime & Constance 1
56 Seiten, gebunden, 22,80 Euro, Finix, ISBN 9783948057060
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Ein Jahr ohne Cthulhu

clérisse-EinJahrOhneCthulhuMakabere Rollenspiele auf dem Friedhof. Götter aus längst versunkenen Zeiten. Ein mystisches Computerprogramm. Und ein Haufen Leichen in der Wohnung eines Freundes. Da kommt einiges zusammen. Trotzdem braucht man nicht unbedingt die stärksten Nerven, wenn man diesen Band lesen will. Er spielt in den 1980er Jahren und kommt, wie schon das Album Ein diabolischer Sommer, in quietschbuntem Design daher. Für so eine Story hätte man sich eher einen Zeichner wie Guillaume Sorel (Die Toteninsel, Appartement 23), Jean-Baptiste Andreae (Die Bruderschaft der Krabbe) oder Vincent Froissard (Humboldts letzte Reise) vorgestellt. Aber dadurch, dass Alxandre Clérisse seine gewohnt bunten Bilder wählt, bringt er die Geschichte stärker in unsere Gegenwart, als es die düsteren Zeichnungen der anderen getan hätten.

Verlagstext: Nach dem Thierry Smolderen sich in „Imperium des Atoms“ einem Schurken des Science-Fiction-Romans und in „Ein diabolischer Sommer“ einem Comicbösewicht gewidmet hat, nimmt er sich H. P. Lovecrafts Gruselgeschichte „Call of Cthulhu“ an, und verlegt sie in die Achtzigerjahre, in der ein paar Jugendliche das gleichnamige Rollenspiel spielen. Mit fatalen Folgen! Und wieder erweckt Alexandre Clerisse die Geschichte in den allerschönsten Bildern im Mad-Men-Style zum Leben.

Ja, die Zeichnungen sind wirklich klasse. Es dauert allerdings ein paar Seiten, bis alle Charaktere vorgestellt sind und die Geschichte in Fahrt kommt. Irgendwann fragt man sich dann, wie Thierry Smolderen all die verschiedenartigen Elemente seiner Story wieder zusammenbekommen will. Das schafft er allerdings spielend – sofern man bereit ist, ihm auf seinen teilweise mystischen Pfaden zu folgen. Wer den Zeichenstil (durchaus einzigartig) und schräge Stories mag bekommt hier ein schön produziertes Album – mit einem laaangen Interview mit Smolderen am Ende des Bandes.

Alexandre Clérisse, Thierry Smolderen: Ein Jahr ohne Cthulhu
184 Seiten, gebunden, 24,99 Euro, Carlsen, ISBN 978-3-551-72820-3
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Schwarze Seerosen

cassegrain-schwarze-seerosenVerlagstext: Das Dorf Giverny ist im wahrsten Sinne des Wortes die malerischste Ecke der Normandie, denn seine Gärten inspirierten Claude Monet zu einigen seiner schönsten Werke. Doch die Vergangenheit von Giverny ist weniger idyllisch, als seine Bewohner zugeben wollen, und plötzlich erschüttert ein Mordfall die Gemeinde. Drei Frauen kreuzen den Weg des Ermittlers, der mit der Aufklärung des Falls beauftragt wurde: eine junge Malerin, eine verführerische Lehrerin und eine misstrauische Alte, die sich in ihrem Haus verschanzt hat. Aber welche kennt das Geheimnis der schwarzen Seerosen, jenes weltberühmten Gemäldes, das nach dem Mord spurlos verschwunden ist? Fred Duval und Didier Cassegrain adaptieren den Roman von Michel Bussi (»Das Mädchen mit den blauen Augen«) als eindringliche Kriminalgeschichte voller falscher Fährten und in impressionistischen Bildern, die einfach zum Schwelgen einladen.

Impressionistische Bilder, die zum Schwelgen einladen? Ja, die gibt es. Aber die dunkle, graugrünbraune Kolorierung vieler Seiten gibt dem Album eine irritierend depressive Atmosphäre, die so gar nicht zu der hellen und bunten Welt von Monets Seerosen passen will. Vor allem, wenn die Ermittler miteinander oder mit Zeugen reden geht das Licht in den Bildern aus. Davon abgesehen sind die Zeichnungen prima, und es gibt einige wunderhübsche Motive. Und ja – es gibt auch helle Seiten. Meist Szenen, die im Freien spielen. Wiesen, Flüsse, Landschaften – die kommen richtig gut.

Stark ist hier aber vor allem die fein gedrechselte Kriminalgeschichte. Man verdächtigt mal den einen, mal die andere, dabei war es… tja, da kommt ihr nie drauf. Ich weiß nicht, ob die Geschichte im Roman genauso erzählt wird, auf jeden Fall: Der dramaturgische Trick, zu unterschiedlichen Zeiten spielende Ereignisse auf der gleichen Zeitebene anzusiedeln, führt zu einem absolut verblüffenden Schluss. Wer einen raffinierten Krimi mit einer originellen – man muss schon sagen: genialen – Ausflösung lesen will, sollte zugreifen.

Top 10 2019

Didier Cassegrain , Fred Duval: Schwarze Seerosen
114 Seiten, gebunden, 35,- Euro, Splitter, ISBN 978-3-96219-372-0
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