Ein Jahr ohne Cthulhu

clérisse-EinJahrOhneCthulhuMakabere Rollenspiele auf dem Friedhof. Götter aus längst versunkenen Zeiten. Ein mystisches Computerprogramm. Und ein Haufen Leichen in der Wohnung eines Freundes. Da kommt einiges zusammen. Trotzdem braucht man nicht unbedingt die stärksten Nerven, wenn man diesen Band lesen will. Er spielt in den 1980er Jahren und kommt, wie schon das Album Ein diabolischer Sommer, in quietschbuntem Design daher. Für so eine Story hätte man sich eher einen Zeichner wie Guillaume Sorel (Die Toteninsel, Appartement 23), Jean-Baptiste Andreae (Die Bruderschaft der Krabbe) oder Vincent Froissard (Humboldts letzte Reise) vorgestellt. Aber dadurch, dass Alxandre Clérisse seine gewohnt bunten Bilder wählt, bringt er die Geschichte stärker in unsere Gegenwart, als es die düsteren Zeichnungen der anderen getan hätten.

Verlagstext: Nach dem Thierry Smolderen sich in „Imperium des Atoms“ einem Schurken des Science-Fiction-Romans und in „Ein diabolischer Sommer“ einem Comicbösewicht gewidmet hat, nimmt er sich H. P. Lovecrafts Gruselgeschichte „Call of Cthulhu“ an, und verlegt sie in die Achtzigerjahre, in der ein paar Jugendliche das gleichnamige Rollenspiel spielen. Mit fatalen Folgen! Und wieder erweckt Alexandre Clerisse die Geschichte in den allerschönsten Bildern im Mad-Men-Style zum Leben.

Ja, die Zeichnungen sind wirklich klasse. Es dauert allerdings ein paar Seiten, bis alle Charaktere vorgestellt sind und die Geschichte in Fahrt kommt. Irgendwann fragt man sich dann, wie Thierry Smolderen all die verschiedenartigen Elemente seiner Story wieder zusammenbekommen will. Das schafft er allerdings spielend – sofern man bereit ist, ihm auf seinen teilweise mystischen Pfaden zu folgen. Wer den Zeichenstil (durchaus einzigartig) und schräge Stories mag bekommt hier ein schön produziertes Album – mit einem laaangen Interview mit Smolderen am Ende des Bandes.

Alexandre Clérisse, Thierry Smolderen: Ein Jahr ohne Cthulhu
184 Seiten, gebunden, 24,99 Euro, Carlsen, ISBN 978-3-551-72820-3
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Schwarze Seerosen

cassegrain-schwarze-seerosenVerlagstext: Das Dorf Giverny ist im wahrsten Sinne des Wortes die malerischste Ecke der Normandie, denn seine Gärten inspirierten Claude Monet zu einigen seiner schönsten Werke. Doch die Vergangenheit von Giverny ist weniger idyllisch, als seine Bewohner zugeben wollen, und plötzlich erschüttert ein Mordfall die Gemeinde. Drei Frauen kreuzen den Weg des Ermittlers, der mit der Aufklärung des Falls beauftragt wurde: eine junge Malerin, eine verführerische Lehrerin und eine misstrauische Alte, die sich in ihrem Haus verschanzt hat. Aber welche kennt das Geheimnis der schwarzen Seerosen, jenes weltberühmten Gemäldes, das nach dem Mord spurlos verschwunden ist? Fred Duval und Didier Cassegrain adaptieren den Roman von Michel Bussi (»Das Mädchen mit den blauen Augen«) als eindringliche Kriminalgeschichte voller falscher Fährten und in impressionistischen Bildern, die einfach zum Schwelgen einladen.

Impressionistische Bilder, die zum Schwelgen einladen? Ja, die gibt es. Aber die dunkle, graugrünbraune Kolorierung vieler Seiten gibt dem Album eine irritierend depressive Atmosphäre, die so gar nicht zu der hellen und bunten Welt von Monets Seerosen passen will. Vor allem, wenn die Ermittler miteinander oder mit Zeugen reden geht das Licht in den Bildern aus. Davon abgesehen sind die Zeichnungen prima, und es gibt einige wunderhübsche Motive. Und ja – es gibt auch helle Seiten. Meist Szenen, die im Freien spielen. Wiesen, Flüsse, Landschaften – die kommen richtig gut.

Stark ist hier aber vor allem die fein gedrechselte Kriminalgeschichte. Man verdächtigt mal den einen, mal die andere, dabei war es… tja, da kommt ihr nie drauf. Ich weiß nicht, ob die Geschichte im Roman genauso erzählt wird, auf jeden Fall: Der dramaturgische Trick, zu unterschiedlichen Zeiten spielende Ereignisse auf der gleichen Zeitebene anzusiedeln, führt zu einem absolut verblüffenden Schluss. Wer einen raffinierten Krimi mit einer originellen – man muss schon sagen: genialen – Ausflösung lesen will, sollte zugreifen.

Top 10 2019

Didier Cassegrain , Fred Duval: Schwarze Seerosen
114 Seiten, gebunden, 35,- Euro, Splitter, ISBN 978-3-96219-372-0
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Nada

cabanes-nadaVerlagstext: Eine sechsköpfige, linksextreme Terrorgruppe, die zu Beginn der 70er Jahre in Paris einen wagemutigen Plan fasst: Sie werden den amerikanischen Botschafter kidnappen. Während er ein einschlägiges Rotlicht-Etablissement besucht, schlagen sie zu. Und es läuft wie am Schnürchen. Doch die Probleme fangen damit erst an, denn sofort beginnt eine gnadenlose Jagd auf die »Anarchisten«. Und das bestenfalls brüchige Bündnis der sechs Aktivisten droht unter dem Druck zu zerbersten. Max Cabanes ist durch seinen unverwechselbaren, expressiven Stil in Frankreich ein echter Star der Comicszene und auch hierzulande schon seit seinen (leicht frivolen) Kindheits- und Jugenderinnerungen in »Herzklopfen« ein Begriff. »Nada«, seine dritte Adaption eines Werkes von Krimi-Romancier Jean-Patrick Manchette (1974 von Claude Chabrol auch schon verfilmt), ist ein neuerliches Beispiel für Cabanes‘ Kunstfertigkeit, nun endlich im angemessenen Großformat – ein packender Noir-Thriller, der seinesgleichen sucht.

Erfreulich, dass es ein Album von Cabanes mal wieder nach Deutschland geschafft hat. Der Mann kann ebenso gut erzählen wie zeichnen und hat seinen Stil seit Herzklopfen und Die Zeit der Halbstarken, die in den 1990er Jahren bei Carlsen erschienen sind, weiterentwickelt. Weniger glatt und figurativ wie in den genannten Bänden (und die waren schon klasse), zu einem mehr gescribbelten Strich mit viel Dynamik – so kommt Nada rüber. Und das passt.

Die Story lebt von den Widersprüchen, die durch die unterschiedlichen politischen Ansichten der Entführer entstehen, und von Kommissar Zufall, der ihrem Plan fett in die Suppe spuckt. Für Action ist gesorgt, Anleihen an die typischen französischen Noir-Filme gibt es reichlich, die Dialoge halten sich nicht mit Nebensächlichkeiten auf – ein fetziges und klasse gezeichnetes Album mit originellen Schluss. Das einzige, was nervt, sind die gelegentlich etwas hölzern wirkenden Erzähltexte.

Max Cabanes, Jean-Patrick Manchette, Doug Headline: Nada
192 Seiten, gebunden, 35,- Euro, Splitter, ISBN: 978-3-96219-296-9
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