Am liebsten mag ich Monster

ferris-am-liebsten-mag-ich-monsterDie zehnjährige Karen Reyes führt ein ganz besonderes Tagebuch: Neben ihren Alltagsbeobachtungen zeichnet sie Monster aus Trash-Horrorfilmen und alten Pulp-Magazinen. So bewältigt sie ihren Alltag in den USA der 1960er-Jahre und sammelt Spuren und Hinweise, die zur Aufklärung des Mordes an ihrer Nachbarin Anka Silverberg beitragen sollen. Emil Ferris verarbeitet in Am liebsten mag ich Monster ihre eigene Vorliebe für Horror-B-Movies und Grusel- Groschenhefte und bettet dies in eine Geschichte ein, die die sozialen Spannungen im Chicago der 1960er Jahre mit einer Geschichte des Erwachsenwerdens verknüpft. Soweit der Verlagstext.

Ferris verarbeitet aber nicht nur die sozialen Spannungen der 1960er Jahre in Chicago. Auch die Entwicklung in Deutschland – von den 1920er Jahren bis hin zum Faschismus – wird hier thematisiert, denn die Tote, deren Mörder Karen sucht, hat dort gelebt. Judenverfolgung, Kindesmissbrauch, Leichen – die Story ist ziemlich heftig, denn nach und nach ahnt der Leser, dass die Monster, um die es geht, nicht die sind, die einem nachts in einer dunklen Kellerecke auflauern. Es geht um die Monster in den Menschen. Karen: Die Sache mit dem Erwachsenwerden ist die: Aus Kinderaugen scheinen die Erwachsenen frei zu sein. Dabei sind viele von ihnen Gefangene. Von wem? In neun von zehn Fällen von ihren Geistern…

Präsentiert wird die Story mit wuchtigen Bildern in unterschiedlichen Techniken. Einflüsse von Robert Crumb sind unübersehbar, aber Ferris setzt auch eigene Akzente. Die Layoutstruktur ähnelt der in Vanna Vincis wunderbarem Band über Frida Kahlo, und wie Vinci integriert auch Ferris jede Menge klassische Gemälde in ihre Geschichte. Frédéric Bazille, Claude Monet, George Inness, Gustave Dore, Harald Sohlberg und viele andere sind dabei.

Die US-Amerikanerin liefert damit einen fiesen Höllentrip auf leisen Sohlen, und einen echten Schmöker dazu, denn hier gibt es ewig viel zu sehen und zu lesen. Nur die blaue Notizbuchstruktur nervt. Die hätte man auch hinter, statt vor die Zeichnungen legen können. Der zweite Band soll in den USA im Herbst erscheinen.

Emil Ferris: Am liebsten mag ich Monster
420 Seiten, 39,- Euro, Panini, ISBN 9783741608087
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Leichte Beute

prado-leichte-beuteMiguelanxo Prado ist ein vielseitiger Künstler. Der mit so ziemlich allen wichtigen Comic-Preisen ausgezeichnete Spanier hat so unterschiedliche Alben vorgelegt wie De Profundis (Fantasy), Peter und der Wolf (Adaption), Berührungen (Erotik), Der tägliche Wahn (Satire) und sein wunderschönes Ardalén, in dem sich alles um das Thema Identität und Erinnerung dreht.

Sein neues Album Leichte Beute ist ein Krimi, komplett in Schwarzweiß gehalten. Prado setzt sich darin mit den Auswirkungen von Investmentbanking und spekulativen Immobilien-Geschäften auseinander, die in den USA und Europa dazu geführt haben, dass viele Menschen finanziell ruiniert wurden, teilweise sogar ihre Wohnungen verloren.

Die Banker kassierten dagegen fette Boni und machten sich damit sehr unbeliebt. So ist es kein Wunder, dass Kommissarin Tabares und Kommissar Sortillo den Tod eines Mitarbeiters der Banco Ovejero aufklären müssen. Wahrscheinlich wurde er vergiftet. Doch bevor sie auch nur halbwegs alle Fakten beisammen haben, trifft es den nächsten: José Manuel de la Villa wird von einem Auto angefahren und stirbt im Krankenhaus. Die Kommissare hoffen, das es sich um einen Unfall handelt. Ansonsten müssten sie von einem Serientäter oder Terroristen ausgehen. Keine angenehme Vorstellung.

Prado erzählt hier eine Geschichte der Rache und präsentiert einen Plot, den man so nicht erwartet. Das ist ebenso originell wie politisch unkorrekt und erfrischend zu lesen. Seine Figuren mit ihren vom Leben gezeichneten Gesichtern kommen wie immer absolut authentisch rüber. Nur das lieblose Schreibmaschinen-Lettering passt nicht wirklich zu den gefühlvollen Bleistift-Zeichnungen.

Miguelanxo Prado: Leichte Beute
96 SW-Seiten, HC, 18,- Euro, Carlsen, ISBN 978-3-551-73428-0
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Maertens

hillerzeder-maertensMal wieder Lust auf eine schräge Geschichte? Dann seid ihr hier richtig. Der Verlag schreibt: Maertens hat einen Job im Burgerladen, was ihm eigentlich reicht, so karrieremäßig. In seiner Freizeit löst er die Rätsel in den Krimiheftchen, liest und guckt (im Fernsehen) Krimis und hat schon bei einigen Rätselgewinnspielen gewonnen. Das macht ihn zu keinem Meisterdetektiv, doch als eben solcher wird er von einem wunderlichen kleinen Herren angeheuert, der ihn in aller Höflichkeit, aber auch Beharrlichkeit dazu bringt, sich seines Falls anzunehmen. Der Held sträubt sich, aber wird vom kriminologischen Fieber erfasst.

Ja, ein Krimi – aber keiner von der öden Sorte. Und keiner von der gewöhnlichen Sorte. Was Hillerzeder, dessen Arbeiten regelmäßig in der Comicanthologie JAZAM! zu sehen sind, hier abliefert, ist nicht nur grafisch originell. Mit frischem Strich bevölkert er sein Figurenkabinett mit allerlei ungewöhnlichen Gestalten. Für Überraschungen ist gesorgt.

Maertens ist weder ein Muskelprotz, noch ein intellektueller Überflieger. Manches geht schief, und einige voreilige Schlüsse werden gezogen. Was dazu führt, dass ihn in regelmäßigen Abständen die große Lustlosigkeit überfällt, und er glaubt, in seiner Burgerbude eher am rechten Platz zu sein. Aber die Neugier nagt und nagt…

Man kann Story und Zeichnungen entfernt mit den Arbeiten von Uli Oesterle vergleichen. Beide liefern angenehm schräge und fantasievolle Geschichten. Wer Lust auf eine Story abseits des Üblichen hat bekommt hier ein Album, das man auch als Satire auf Krimis lesen kann.

Maximilian Hillerzeder: Maertens
160 Seiten, 18,- Euro, jaja, ISBN 978-3-946642-33-6
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