Die Lethargie

prado-lethargie

Bei Prado kann man nie sicher sein, was kommt – von Sozial- und Kapitalismuskritik bis hin zu Mystik reicht die Spannbreite seiner Themen. Das hier ist ein Krimi im Mystik-Gewand. Verlagstext: Ein junger Student bekommt das Tagebuch eines Forschers in die Hände, der offenbar das Wiederaufleben einer alten, von Engeln und Dämonen bevölkerten Ordnung entdeckt hat. Der Schlüssel zu diesem Reich ist ein keltischer Talisman. Eine abenteuerliche Suche beginnt … In seinem neuen Fantasy-Thriller hinterfragt der spanische Comicgroßmeister Miguelanxo Prado das fragile Verhältnis des Menschen zur Natur.

Prado ist tatsächlich ein sehr vielseitiger Autor und Zeichner. Mit Leichte Beute präsentierte er einen Wirtschaftskrimi mit sehr originellem Plot, mit Der alltägliche Wahn legte er eine bitterböse Satiresammlung vor, in Ardalén beschäftigte er sich mit unseren Erinnerungen, mit De Profundis lieferte er einen verträumten Fantasy ab, und auch zu anderen Themen gibt es Alben von ihm. In Die Lethargie dreht sich alles um die Frage, ob die Menschen, oder ihnen feindlich gesonnene Dämonen zuerst eine Tafel finden, mit der man die Menschheit ausrotten kann.

Die Menschheit ausrotten – das klingt schlimm, aber gelegentlich kann man sich den dämonischen Argumenten nicht entziehen, wenn sie abfällig darüber reden, dass diese Primaten (gemeint sind die Menschen), die die Erde zerstören und sich in ihrer Blödheit und Gier sogar selber metzeln, wahrscheinlich von niemandem vermisst würden, wenn es sie nicht mehr gäbe.

Was die Story angeht, kann man sie als Metapher lesen, aber am Ende ist es eben doch nur ein mehr oder weniger abgelutschtes Thema, das in eine konventionelle Krimihandlung gepackt wird und nichts Neues bringt. Zumal jeder ahnt, wie die Geschichte ausgehen wird. Was die Zeichnungen angeht, sieht es besser aus. Prado ist Prado – seine kantigen Gesichter und Körper ändern sich auch in diesem Album nicht. Charakterköpfe sind sein Ding, und die bringt er erstklassig rüber. Inhaltlich also wenig originell, aber grafisch nach wie vor erste Sahne.

PS: Der Band ist zwar in sich abgeschlossen, es soll aber eine Trilogie werden. Wobei bisher der zweite Band auch in Frankreich noch nicht angekündigt wurde.

Miguelanxo Prado: Die Lethargie
112 Seiten, gebunden, 22,- Euro, Carlsen, ISBN 978-3-551-74858-4

Evropa

lavric-evropa

Eigentlich wollte comicplus+ den Verlag zum Jahresende schließen. Aber so zwei bis drei Alben pro Jahr werden zunächst doch noch erscheinen. Das ist das erste. Verlagstext: 1999. Zile, ein junger Serbe, der alle Schweinereien der Jugoslawienkriege mitgemacht hat, will im gelobten Europa ein neues Leben anfangen. Dummerweise stützt er sich dabei auf einen Onkel, der in Dortmund der Chef eines kriminellen Clans ist. Zile bekommt von Europa nur das Schlechteste zu sehen. Der slowenische Autor und Zeichner Tomaz Lavric („Zehn Gebote“) meint, „Evropa“ sei eher ein klassischer Thriller als ein Kriegsdrama. Doch Zile wird den Krieg nicht wieder los. Er hat gelernt, dass man sich nur mit brutaler Gewalt Respekt verschafft. Da verliebt er sich in das Mädchen Snezana, das im Bordell des Onkels anschafft…

Das klingt nach der üblichen Story in der Art von Böser Mann rettet unschuldiges Mädchen, bereut seine Fehler und wird gaaaanz brav. Ist es aber nicht. Zum einen ist Snezana nicht unschuldig, zum anderen ist Zile einfach nicht mehr zu retten. Der Typ ist so kaputt vom Krieg, dass er in Europa allerorten überreagiert. Kaum sieht ihn jemand schief an, will er schon zur Knarre greifen. Das hat seinen Grund, denn er wird polizeilich gesucht und hat keinen Bock, Jahre im Knast zu verschwinden. Auf seiner Flucht durch halb Europa findet er nur in Mileus Hilfe, die Geschäften nachgehen, die nicht selten blutig enden.

Natürlich ist es eine typische Einsamer Wolf gegen den Rest der Welt-Geschichte, aber eben nicht nur. Sie zeigt auch, was Krieg aus Menschen macht. Vor allem die Kriege, in denen die Seiten und die Fronten so oft wechseln, dass man irgendwann nicht mehr weiß, für wen man eigentlich seine Knochen hinhält. Und dafür war der Jugoslawien–Krieg, der mit Hilfe der rotgrünen Bundesregierung unter Gerhard Schröder und Joschka Fischer völkerrechtswidrig vom Zaun gebrochen wurde, das beste Beispiel.

Im Anhang findet sich eine Übersicht über die unterschiedlichen Konflikte in diesem Krieg. Sie betet erfreulicherweise nicht die Kriegspropaganda von EU und USA nach, sondern informiert sachlich und kompetent. Die einbändige Gesamtausgabe umfasst alle drei Alben der Reihe und ist auf 1000 Exemplare limitiert.

Tomaz Lavric: Evropa (Gesamtausgabe)
160 Seiten, gebunden, 39,-, comicplus+, ISBN 978-3-89474-317-8
> Leseprobe

Das Spiel der Brüder Werner

goethals-brueder-werner

Neben dem Album Im selben Boot beschäftigt sich auch dieses mit Sport und dem Ost-West-Konflikt. Während es bei dem Boot um Rudersport geht, dreht sich hier alles Fußball. Der Verlag schreibt: Juni 1974: ganz Deutschland ist im Fußballfieber. Ganz Deutschland? Oh ja, Ost wie West. Denn nicht nur, dass die Fußballweltmeisterschaft in diesem Jahr in der Bundesrepublik stattfindet, auch die DDR ist erstmals bei einer WM vertreten. Und dann treffen sie auch noch in derselben Gruppe aufeinander. Im letzten Vorrundenspiel kommt es so zum historischen Bruderduell BRD-DDR. Das erste deutsch-deutsche Länderspiel… Im Schatten dieser Begegnung kommt es auch zum Wiedersehen zweier Brüder, dem ersten seit zwölf Jahren. Offiziell vertritt jeder von ihnen einen der deutschen Staaten. In Wahrheit stehen sie auf derselben Seite…

Ja, aber auf welcher? Beide sind Juden, die ihre Eltern im KZ verloren haben und sich als junge Wolfskinder heimatlos im Nachkriegsdeutschland durchschlagen mussten. Später landeten die Waisenkinder in der DDR, wo sie für die Stasi arbeiten. Und als Agenten dieser Staatssicherheit sind sie dann auch während der WM aktiv. Wobei einer der beiden nicht mehr sicher ist, ob die DDR wirklich eine Alternative zur BRD darstellt.

Szenarist Philippe Collin und Zeichner Sébastien Goethals haben sich bereits in ihrem Album Die Reise des Marcel Grob mit historischen Themen beschäftigt. In beiden Alben schafft es Collin spielend, eine spannende Geschichte zu entwickeln. Wenn man von den teilweise peinlich hölzernen Dialogen absieht, die klingen, als habe jemand die hohlen Parteiparolen der SED mit wörtlicher Rede verwechselt, macht es Spaß, das zu lesen. Auch die Strukturierung der zeitlichen Abläufe gelingt Collin glänzend, und die Zeichnungen von Goethals sind noch lebendiger als die in Marcel Grob. Ein spannend erzähltes Album, in dem auch Paul Breitner, Berti Vogts und Franz Beckenbauer als Teil der deutschen Mannschaft mit von der Partie sind.

In einem zehnseitigen Anhang referiert der Historiker Fabien Archambault die Geschichte Deutschlands, der BRD, der DDR sowie des ost- und westdeutschen Fußballs. Lesbare Zusammenfassungen – das Album wäre allerdings auch gut ohne sie ausgekommen. Man kann es als Krimi oder als Fußballgeschichte lesen. Die Brüder sind fiktive Wesen, der Rest ziemlich realitätsnah.

Sébastien Goethals, Philippe Collin: Das Spiel der Brüder Werner
152 Seiten, gebunden, 25,- Euro, Splitter, ISBN 978-3-96219-544-1
> Leseprobe