Evropa

lavric-evropa

Eigentlich wollte comicplus+ den Verlag zum Jahresende schließen. Aber so zwei bis drei Alben pro Jahr werden zunächst doch noch erscheinen. Das ist das erste. Verlagstext: 1999. Zile, ein junger Serbe, der alle Schweinereien der Jugoslawienkriege mitgemacht hat, will im gelobten Europa ein neues Leben anfangen. Dummerweise stützt er sich dabei auf einen Onkel, der in Dortmund der Chef eines kriminellen Clans ist. Zile bekommt von Europa nur das Schlechteste zu sehen. Der slowenische Autor und Zeichner Tomaz Lavric („Zehn Gebote“) meint, „Evropa“ sei eher ein klassischer Thriller als ein Kriegsdrama. Doch Zile wird den Krieg nicht wieder los. Er hat gelernt, dass man sich nur mit brutaler Gewalt Respekt verschafft. Da verliebt er sich in das Mädchen Snezana, das im Bordell des Onkels anschafft…

Das klingt nach der üblichen Story in der Art von Böser Mann rettet unschuldiges Mädchen, bereut seine Fehler und wird gaaaanz brav. Ist es aber nicht. Zum einen ist Snezana nicht unschuldig, zum anderen ist Zile einfach nicht mehr zu retten. Der Typ ist so kaputt vom Krieg, dass er in Europa allerorten überreagiert. Kaum sieht ihn jemand schief an, will er schon zur Knarre greifen. Das hat seinen Grund, denn er wird polizeilich gesucht und hat keinen Bock, Jahre im Knast zu verschwinden. Auf seiner Flucht durch halb Europa findet er nur in Mileus Hilfe, die Geschäften nachgehen, die nicht selten blutig enden.

Natürlich ist es eine typische Einsamer Wolf gegen den Rest der Welt-Geschichte, aber eben nicht nur. Sie zeigt auch, was Krieg aus Menschen macht. Vor allem die Kriege, in denen die Seiten und die Fronten so oft wechseln, dass man irgendwann nicht mehr weiß, für wen man eigentlich seine Knochen hinhält. Und dafür war der Jugoslawien–Krieg, der mit Hilfe der rotgrünen Bundesregierung unter Gerhard Schröder und Joschka Fischer völkerrechtswidrig vom Zaun gebrochen wurde, das beste Beispiel.

Im Anhang findet sich eine Übersicht über die unterschiedlichen Konflikte in diesem Krieg. Sie betet erfreulicherweise nicht die Kriegspropaganda von EU und USA nach, sondern informiert sachlich und kompetent. Die einbändige Gesamtausgabe umfasst alle drei Alben der Reihe und ist auf 1000 Exemplare limitiert.

Tomaz Lavric: Evropa (Gesamtausgabe)
160 Seiten, gebunden, 39,-, comicplus+, ISBN 978-3-89474-317-8
> Leseprobe

Das Spiel der Brüder Werner

goethals-brueder-werner

Neben dem Album Im selben Boot beschäftigt sich auch dieses mit Sport und dem Ost-West-Konflikt. Während es bei dem Boot um Rudersport geht, dreht sich hier alles Fußball. Der Verlag schreibt: Juni 1974: ganz Deutschland ist im Fußballfieber. Ganz Deutschland? Oh ja, Ost wie West. Denn nicht nur, dass die Fußballweltmeisterschaft in diesem Jahr in der Bundesrepublik stattfindet, auch die DDR ist erstmals bei einer WM vertreten. Und dann treffen sie auch noch in derselben Gruppe aufeinander. Im letzten Vorrundenspiel kommt es so zum historischen Bruderduell BRD-DDR. Das erste deutsch-deutsche Länderspiel… Im Schatten dieser Begegnung kommt es auch zum Wiedersehen zweier Brüder, dem ersten seit zwölf Jahren. Offiziell vertritt jeder von ihnen einen der deutschen Staaten. In Wahrheit stehen sie auf derselben Seite…

Ja, aber auf welcher? Beide sind Juden, die ihre Eltern im KZ verloren haben und sich als junge Wolfskinder heimatlos im Nachkriegsdeutschland durchschlagen mussten. Später landeten die Waisenkinder in der DDR, wo sie für die Stasi arbeiten. Und als Agenten dieser Staatssicherheit sind sie dann auch während der WM aktiv. Wobei einer der beiden nicht mehr sicher ist, ob die DDR wirklich eine Alternative zur BRD darstellt.

Szenarist Philippe Collin und Zeichner Sébastien Goethals haben sich bereits in ihrem Album Die Reise des Marcel Grob mit historischen Themen beschäftigt. In beiden Alben schafft es Collin spielend, eine spannende Geschichte zu entwickeln. Wenn man von den teilweise peinlich hölzernen Dialogen absieht, die klingen, als habe jemand die hohlen Parteiparolen der SED mit wörtlicher Rede verwechselt, macht es Spaß, das zu lesen. Auch die Strukturierung der zeitlichen Abläufe gelingt Collin glänzend, und die Zeichnungen von Goethals sind noch lebendiger als die in Marcel Grob. Ein spannend erzähltes Album, in dem auch Paul Breitner, Berti Vogts und Franz Beckenbauer als Teil der deutschen Mannschaft mit von der Partie sind.

In einem zehnseitigen Anhang referiert der Historiker Fabien Archambault die Geschichte Deutschlands, der BRD, der DDR sowie des ost- und westdeutschen Fußballs. Lesbare Zusammenfassungen – das Album wäre allerdings auch gut ohne sie ausgekommen. Man kann es als Krimi oder als Fußballgeschichte lesen. Die Brüder sind fiktive Wesen, der Rest ziemlich realitätsnah.

Sébastien Goethals, Philippe Collin: Das Spiel der Brüder Werner
152 Seiten, gebunden, 25,- Euro, Splitter, ISBN 978-3-96219-544-1
> Leseprobe

Sambre: Maxime & Constance

yslaire-maxime+constance1

Es gibt ein Problem, das alle Comicsammler kennen: Ein Verlag startet eine Serie. Die Alben haben fortlaufende Handlung. Man wartet auf die Fortsetzung, doch nach drei, vier Bänden tut sich nichts mehr. Die Alben verkaufen sich nicht gut, die Serie rechnet sich nicht mehr, wird eingestellt. Der Leser müsste zu den fremdsprachigen Originalen wechseln, um endlich zu erfahren, wer der Mörder war, woher die Aliens kamen, ob der Vampir seine Liebste doch noch wiedergesehen hat oder um was auch immer es gegangen ist. Glücklicherweise gibt es kleinere Verlage, die manche Reihe fortsetzen, die von einem großen Verlag in den Eimer getreten wurde.

Finix ist ein Verlag, der anderswo eingestellte Reihen fortsetzt – nicht selten in erlesenen Ausgaben. So können Sammler dort Serien wie Mit Mantel und Degen, Der rote Falke, Franka, Die Füchsin und viele andere komplettieren. Und jetzt auch die Kultreihe Sambre – das Melodram einer französischen Adelsfamilie aus dem 19. Jahrhundert in erlesenen Bildern. Die Reihe gliedert sich in eine Haupt- und drei Nebenserien. Von der Hauptserie Krieg der Augen gibt es in Frankreich bislang neun Alben, von denen nur sechs bei Carlsen publiziert wurden. Die Bände sieben bis neun sollen jetzt bei Finix erscheinen. Band sieben ist schon da, Band acht folgt voraussichtlich im Mai, weitere Bände abhängig vom Erscheinungstermin in Frankreich. Die Ausstattung entspricht in allen Details dem edlen Design der Carlsen-Ausgaben.

Von den drei Nebenreihen, die unter dem Oberbegriff Der Krieg der Sambres jeweils drei Bände umfassen und die Geschichte früherer Generationen erzählen, sind die beiden Trilogien Hugo & Iris und Werner & Charlotte komplett bei Carlsen erschienen. Was fehlt ist der Dreiteiler Maxime & Constance, der jetzt ebenfalls bei Finix verlegt werden soll. Band eins liegt bereits vor, die Folgebände sollen im Laufe des Jahres erscheinen.

Vorgestellt wird in Maxime & Constance die Generation der Erblasser (1775 – 1794). Die Zeichnungen sind wie in den anderen Nebenserien nicht mehr von Yslaire, sondern von Boidin. Das kommt längst nicht mehr so filigran und elegant wie vom Meister selber, aber die Geschichte wurde von ihm geschrieben. Das typische Sambre-Feeling kommt auch hier rüber.

Boidin, Yslaire: Krieg der Sambres 7 – Maxime & Constance 1
56 Seiten, gebunden, 22,80 Euro, Finix, ISBN 9783948057060
> Leseprobe