Weites Land

meurisse-weites-landDie französische Illustratorin Catherine Meurisse hat schon in ihrem Album Die Leichtigkeit die Flucht in Natur und Bücher angetreten, um ihr Gleichgewicht wiederzufinden. Auch Weites Land handelt von Gärten, Bäumen und Kultur. Meurisse erzählt von ihrer Kindheit in der Provinz. Obwohl es keine Handlung gibt, die den Leser durch irgend eine Art von Spannungsbogen zum Weiterlesen zwingen würde, macht es Spaß, dieses Album zu lesen.

Es sind nicht nur die Bilder, die das Landleben mit all seinen Farben und Gerüchen transportieren. Meurisse kann auch unterhaltsam erzählen. Ihre Eltern waren der Meinung, es sei gut, wenn Kinder auf dem Land aufwachsen, weshalb sie einen alten, verfallenen Hof kauften: ein paar Mauern und jede Menge Wiese drumrum. Fast alles musste neu gebaut werden. Für die kleine Catherine ein großes Abenteuer.

Sie sammelt fossile Schneckenhäuser, Vasen, Scherben – kurz: alles, was sie aus der Erde buddelt und einigermaßen historisch aussieht. Das stellt sie in ein Regal, nennt es Museum und nimmt 50 Centimes Eintritt. Später kommen andere Dinge hinzu: Kuhpfladen zum Beispiel (getrocknet, aus verschiedenen Epochen). Sie begeistert sich für Bäume und Blumen, weiß, weshalb Kuhdung früher besser roch, freundet sich mit einem Gartenzwerg an, fühlt sich pudelwohl, und dieses Gefühl von Sorglosigkeit überträgt sich nach und nach auch auf den Leser. Ein Album wie ein Spaziergang an einem hellen Frühlingstag – mit einem Schuss Selbstironie in Szene gesetzt und klasse gezeichnet.

Catherine Meurisse: Weites Land
96 Seiten, gebunden, 18,- Euro, Carlsen, ISBN 978-3-551-73427-3

Werbeanzeigen

Ein kleiner Schritt für die Menschheit + Betty Hill

brandenberg-ein-kleiner-schrittEigentlich ist es logisch: Der Mond geht im Osten auf. Also müsste man im Grunde nur so weit nach Osten gehen, bis man sieht, von wo er aufsteigt. Denn das weiß bislang niemand. Vielleicht kommt der Mond aus einem Vulkan? Oder aus einer Erdspalte? Vielleicht kommt er auch aus dem Meer? Oder er pennt nachts ganz woanders?

Wir schreiben das Jahr 1325 und befinden uns in Venedig, wo Marco Polo gerade der Prozess gemacht werden soll. Man glaubt ihm nicht. Alles Unfug, was er über seine Reise berichte – so die Anklage. Da könne ja jeder kommen und Behauptungen aufstellen. Zur Prüfung des Wahrheitsgehalts hat das Gericht drei hochkarätige Wissenschaftler geladen. Die verblüffen das Gericht mit der Behauptung, dass ihrer Überzeugung nach erstens alle Angaben von Polo stimmten, was aber zweitens unwesentlich sei, denn was habe der schon erreicht? Ein bisschen durch die Gegend geschippert und an einem fernen Strand ein paar Wilden die Hand geschüttelt. Na und?

Viel wichtiger ist es ihrer Meinung nach, den Mond zu erforschen. Weshalb sie sich auf eine solche Reise vorbereitet haben. Indem sie Marco Polos Spuren folgen, wollen sie am Ende herausfinden, wo der Mond tatsächlich aus der Erde steigt. Und nicht nur das: Während er schläft wollen sie ihn besteigen, um ihn während seiner Reise über den Himmel direkt vor Ort erforschen zu können.

Joachim Brandenberg, der schon mit Tobisch ein sehr originelles Album abgeliefert hat, führt hier die Selbstverliebtheit eingebildeter Wissenschaftler ad absurdum, indem er sie auf eine Reise schickt, die eigentlich zu nichts führen kann. Eine schräge Idee, viel Fantasie und eine Geschichte, von der man sich fragt, wie sie wohl ausgehen wird, sorgen dabei für Spannung und Abwechslung. Und ganz nebenbei geht Brandenberg der Frage nach, ob der Mond überhaupt besucht werden möchte.

Joachim Brandenberg: Ein kleiner Schritt für die Menschheit
120 Seiten, gebunden, Querformat, 18,- Euro, Jaja, ISBN 978-3-946642-58-9
> Leseprobe

demiriz-betty-hillMit Himmelserscheinungen beschäftigt sich auch die zweite Neuerscheinung aus dem Hause Jaja. Seda Demiriz, freie Grafikdesignerin in Mainz und Mitglied des Illustratorinnen-Kollektivs Crush Club, erzählt in ihrem Album die Geschichte von Betty Hill, die mit ihrem Mann am 19. September 1961 im Norden der USA von einem UFO entführt, und nach einigen Untersuchungen durch die Insassen wieder freigelassen wurde. Jedenfalls behauptet sie das.

Natürlich: Die offiziellen Stellen dementieren. Ja, es sei in der fraglichen Nacht auch auf dem Radar eines benachbarten Militär-Stützpunkts ein Flugobjekt gesichtet worden. Aber ein UFO? Blanker Unsinn! Wer glaubt denn sowas…

Demiriz illustriert hier mehr oder weniger das Interview, das Betty Hill 1999 einem Journalisten gegeben hat. Wer die Geschichte kennt, wird keine neuen Infos finden. Die Frage, ob man der Frau glauben kann, muss jeder selbst entscheiden. Sehr schön lesen sich die Versuche von Wissenschaftlern, das Geschehen irgendwie in eine Logik zu bringen, die beweisen soll, dass die UFO-Begegnung niemals stattgefunden hat – so krampfhaft konstruiert diese Beweisführung auch wirken mag.

Seda Demiriz: Betty Hill
48 Seiten, schwarzweiß, 11,- Euro, Jaja, ISBN 978-3-946642-60-2
> Leseprobe

Berlin

lutes-berlinLutes schildert in seiner Berlin-Trilogie auf rund 600 Seiten Leben und Atmosphäre im Berlin der Weimarer Republik. Er beginnt im September 1928 und endet mit der Ernennung Hitlers zum Kanzler. Am Beispiel von Menschen aus unterschiedlichen Schichten zeigt er, wie Deutschland sich in diesen fünf Jahren verändert. Die Lebensbedingungen verschlechtern sich, es gibt nicht mehr genug zu essen, die Unzufriedenheit wächst, die politischen Strömungen von rechts bis links auch.

Während Hunger und Perspektivlosigkeit steigen, amüsieren sich diejenigen, die es sich leisten können, in Nachtclubs und Bars, während es für die jüdischen Bewohner langsam eng wird. Gut herausgearbeitet wird, dass die politischen Risse nicht nur durch die Gesellschaft, sondern auch durch ganze Familien gehen. Besonders treffend skizziert Lutes die Entwicklung des Journalisten der Kurt Severing, der anfangs engagiert zur Feder greift, angesichts des zunehmenden Irrsinns um ihn herum aber immer mehr verstummt. Das alles in Zeichnungen, die prima zu den 1920er Jahren passen.

Gut 20 Jahre hat Lutes daran gesessen. Musste er auch. Denn wenn jemand, der in Seattle lebt, irgendwann aus heiterem Himmel auf die Idee kommt, einen 600-Seiten-Comic über ein Thema zu machen, von dem er eigentlich keine Ahnung hat, ist intensive Recherche die Voraussetzung dafür, dass etwas Sinnvolles dabei rumkommt. Das Ergebnis wird zur Zeit vom Feuilleton mit Superlativen bejubelt (opus magnum, Comic-Sinfonie, große Kunst…).

Doch bei allem Positiven, das man diesem Album abgewinnen kann: Es ist eine reine Kopfgeburt. Es zu lesen ist oft mehr Arbeit als Vergnügen. Die Geschichte wird zwar schlüssig erzählt, die Handlung tröpfelt aber mehr oder weniger vor sich hin. Spannung und Dynamik sind selten. Und 600 Seiten Ligne claire, allesamt in Schwarzweiß und vorwiegend in kleine Panels gepresst, können auf Dauer auch ermüden.

Jason Lutes: Berlin (Gesamtausgabe)
608 SW-Seiten, gebunden, 46,- Euro, Carlsen, ISBN 978-3-551-76820-9