Völlig meschugge?!

Vom Film zum Comic. Hier wird die Geschichte aus der gleichnamigen ZDF-Serie, die auf KIKA lief, aus der Sicht von Charlie erzählt: Teenager zu sein ist nie einfach. Nicht für Umweltschützerin Charlie, nicht für den syrischen Flüchtlingsjungen Hamid und auch nicht für Benny, dessen Opa im Sterben liegt. Zum Abschied gibt der seinem Enkel einen Davidstern, und erst als Benny den öffentlich trägt, wird allen bewusst, dass er Jude ist. Und Hamid ist Moslem! Schlagartig sprudeln aus den Jugendlichen die tradierten Ressentiments der Erwachsenenwelt – aber die drei kämpfen um ihre Freundschaft. Andreas Steinhöfels Protagonist*innen sind nicht nur unglaublich liebenswert, sondern auch durchaus kompliziert – und haben ihre ganz eigene Art, damit umzugehen. (Verlagstext)

Melanie Garanin zeichnet vor allem Kinder- und Jugendbücher. Vor zwei Jahren gab es eine Ausnahme – da hat sie in dem genialen, aber herzzerreißenden Album Nils vom Tod ihres jüngsten Sohnes berichtet. Kein Band für schwache Nerven. In Völlig meschugge?! wendet sie sich wieder Kinder- und Jugendthemen zu, wobei die darin behandelten Konfliktbereiche Antisemitismus und Rassismus auch Erwachsene angehen. Nicht zuletzt deshalb, weil sich die Frage stellt, wie man damit umgehen soll, wenn die eigenen Kinder plötzlich gegen Andersartige hetzen. Eltern fühlen sich damit oft ebenso überfordert wie das Lehrpersonal an Schulen.

Das Album liefert keine Gebrauchsanweisung. Andreas Steinhöfel erzählt eine Geschichte, in der die Kids merken, dass es etwas gibt, das wichtiger ist, als die Vorurteile, von denen sie auseinander getrieben werden. Das ist allerdings ein steiniger Weg, der nicht immer geradlinig verläuft. Melanie Garanin skizziert die Kinder in ihren farbenfrohen Bildern so lebendig, dass man die Quirligkeit und die Lebenslust richtig fühlt. Allen gibt sie einen eigenen Charakter. Ein nicht nur inhaltlich interessantes, sondern auch wunderhübsches Album, das zwar für Kids geschrieben, aber aufgrund der Zeichnungen auch für Erwachsene schön zu lesen ist.

Melanie Garanin, Andreas Steinhöfel: Völlig meschugge?!
288 Seiten, gebunden, 20,- Euro, Carlsen, ISBN 978-3-551-79609-7
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Bring mich noch zur Ecke

Eine sensibel erzählte Geschichte über eine Liebe, die gänzlich unerwartet kommt: Elise ist Mitte fünfzig und mit ihrem Leben zufrieden. Sie ist seit 25 Jahren verheiratet, hat zwei erwachsene Söhne und eine Hütte am See. Doch eine zufällige Partybegegnung bringt alles ins Wanken. Was als Augenkontakt mit Dagmar beginnt, geht mit einer harmlosen SMS weiter und schwillt schnell zu der Art von Lust und Sehnsucht an, von der Elise nicht wusste, wie sehr sie in ihrem Leben fehlte. Beide zögern, aber sie können nicht widerstehen und arrangieren ein Treffen, das alles für immer verändern wird … (Verlagstext)

Fast alle Lovestorys spielen vor dem Hintergrund monogamer Sozialisierung. Wäre das anders, müssten die Protagonisten am Ende nicht immer die Wahl zwischen zwei Menschen treffen, die sie eigentlich beide lieben, und damit nicht selten auch ihre bisherige Partnerschaft in die Tonne treten: Kein Kontakt mehr mit dem/der Ex. Womit man sich ein wichtiges Stück der eigenen Geschichte abschneidet. Gesund ist das nicht. Man fragt sich immer, weshalb die Leute nicht einfach mal versuchen, in einer Dreierkonstellation klarzukommen.

Auch in diesem Fall dreht sich alles um den Konflikt zwischen alter (und weiterhin existierender) Liebe zwischen Elise und ihrem Mann auf der einen, und Dagmar und ihrer Partnerin auf der anderen Seite. Weil jetzt nämlich Elise auch noch in Dagmar verliebt ist. Da laufen gleich mehrere Dinge durcheinander: Mit Mitte fünfzig noch mal total verknallt? Und das ausgerechnet in eine Frau? Obwohl sie glücklich verheiratet ist? Wie soll sie damit umgehen?

Auf der einen Seite könnte Elise täglich auf Wolke sieben schweben – wenn sie an Dagmar denkt. Wenn sie an ihren Mann denkt, ist es komplizierter. Die in Schweden bereits mehrfach für ihre Graphic Novels ausgezeichnete Zeichnerin Anneli Furmark liefert damit eine gefühlvoll erzählte Geschichte, die die innere Zerrissenheit von Elise treffend auf den Punkt bringt. Und bei der man sich auf jeder Seite fragt, wie das wohl enden wird. Neben dem Gefühl kommt hier also auch die Spannung nicht zu kurz. Furmaks erstes Album in deutscher Übersetzung.

Anneli Furmark: Bring mich noch zur Ecke
Übersetzung aus dem Schwedischen von Katharina Erben
232 Seiten, 25,- Euro, avant, ISBN 978-3-96445-066-1
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Metamorphosen

Drei Frühwerke von Schuiten und Renard in einer gediegenen und farblich aufgehübschten Gesamtausgabe: Futuristische Fahrzeuge in einer Steampunk-Welt mit phantastischer Architektur plus eine vielschichtige Story – alle wesentlichen Elemente der „Geheimnisvollen Städte“ sind in diesem Frühwerk schon vorhanden. Der Ikarus-Mythos wird mit der Meeresschnecke Cymbiola imperialis verknüpft, ein Top-Manager wird buchstäblich aufs Abstellgleis geschoben, und in den Geschichten verschachtelt spielen ganz andere Geschichten… Als Titel für die experimentellen Arbeiten „Die Mediane von Zymbiola“, „Express“ und „Das Gleis“ haben die Autoren ein Synonym für Wandel gewählt: Metamorphosen. (Verlagstext)

Der Titel Metamorphosen ist gut gewählt. Eine Metamorphose ist eine Veränderung. Die Veröffentlichung der drei Comics, aus denen dieser Band besteht, fiel in eine Zeit, in der die europäische Comicwelt sich radikal veränderte. Neue Magazine entstanden, neue Zeichner traten auf den Plan, neue Ideen wollten umgesetzt werden, und neue Comicmagazine gaben ihnen den Raum für die grafischen Experimente, mit denen sie neue Sicht- und Darstellungsweisen erprobten. Im Fall von Schuiten und Renard war es das Magazin Métal Hurlant.

Die Ergebnisse waren unterschiedlich. Viele Geschichten wirkten irgendwie zusammengehirnt und wenig logisch. So geht es in den Medianen um eine energetische Pyramide, die Menschen zum Fliegen bringt, im Express um eine grafische Spielerei, die den beiden beim Grappa in Florenz eingefallen ist, und auf dem Gleis bleibt ein eigentlich perfekter Zug irgendwo im Nirgendwo stehen – eine Story, die sie ausgetüftelt haben, als ihr Auto auf dem Weg nach Paris mal wieder liegengeblieben ist.

Zum Kennenlernen von Schuitens Arbeiten eignet sich der Band weniger – da gibt es interessantere Alben. Für Schuiten-Fans, die sich für seine Frühwerke interessieren, ist Metamorphosen dagegen ein echter Hingucker. Nicht zuletzt, weil Schuiten und Renard vor der Veröffentlichung Gelegenheit hatten, die Originale nachzubearbeiten und vor allem die Farben in Gleis zu verbessern.

François Schuiten, Claude Renard: Metamorphosen
176 Seiten, gebunden, 34,80 Euro, Schreiber & Leser, ISBN: 978-3-96582-102-6
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