Alexander Nikopol

bilal-alexander-nikopolEinige der drei Alben von Bilals Nikopol-Trilogie (Die Geschäfte der Unsterblichen, Die Frau in der Zukunft und Äquatorkälte) erschienen in den 1980er Jahren zunächst im Volksverlag (der allerdings keine Lizenz dafür hatte), bei Carlsen und bei Ehapa. Anfangs nirgendwo alle drei, was ziemlich nervig war, bis Ehapa die drei Bände in eine teure Gesamtausgabe packte. Jetzt gibt es wieder eine, diesmal von Carlsen.

In den 1980er Jahren wurde viel mit Themen, Stilen, Layouts und sonstwas experimentiert. Enki Bilal gehörte zu den Zeichnern, die die kreativsten Ideen dabei hatten. Anfangs hat er mit Pierre Christin sozialkritische Themen in Comicform präsentiert und immer einen Schuss Phantastik dazu gegeben (Legenden der GegenwartFins de Siècle). Bei Nikopol hat Bilal erstmals auch das Script geschrieben. Was in seinen späteren Soloarbeiten (Animal´z) zu schönen Bildern, aber inhaltlicher Langeweile führte, hatte in Nikopol noch die Unbekümmertheit, um aus SF, Phantastik, Politthriller und Action eine absolut schräge Story in avantgardistischem Design zu basteln.

Da parken die Götter in einer altägyptischen Pyramide über Paris, weil ihnen etwas so Banales wie der Triebstoff ausgegangen ist, während Nikopol – in Gestalt von Bruno Ganz – in einer uralten Raumkapsel zur Ende schwebt. Dort angekommen wird er von einem der Unsterblichen für eine Intrige missbraucht, während in Frankreich gerade ein Präsidentschafts-Wahlkampf über die Bühne geht, bei dem auch nicht alles koscher ist. Dazu kommt Jill Bioskop, wohl eine der coolsten Frauenfiguren der Comicwelt, und der Sohn von Nikopol, der exakt so alt ist wie sein Vater (und auch so aussieht), weil der Vater die Zeit in der Raumkapsel im Kälteschlaf verbracht hat.

Die Geschichte ist manchmal etwas versponnen, aber spannend und originell. Wie die Zeichnungen, in denen die Mutationen einer niedergehenden Gesellschaft aus allen Ritzen quellen. Sicherlich eine der besten Arbeiten von Bilal – außerdem kann man in den im Abstand von mehreren Jahren entstandenen Bänden auch seine zeichnerische Entwicklung verfolgen. Diese neue und definitive Ausgabe (Carlsen) beinhaltet einige zusätzliche Grafiken aus Bleu Sang.

Trotz aller Genialität trifft Nikopol sicher nicht jedermanns Geschmack. Wer aber auf abgefahrene Stories in nicht minder originellem Design steht, sollte zugreifen. Und die ewige Frage, ob die Anschaffung der Gesamtausgabe auch Sinn macht, wenn man die Bände schon einzeln im Regal stehen hat, kann man nur so beantworten: Nö, muss nicht sein. Aber schön ist sie schon…

Enki Bilal: Alexander Nikopol (Gesamtausgabe)
184 Seiten, gebunden, 40,- Euro, Carlsen, ISBN 978-3-551-73878-3

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Reise ins Innere der Stadt

tan-reise-ins-innere-der-stadtEin neues Buch von Shaun Tan, der mit Ein neues Land einen der schönsten Comics der letzten Jahren abgeliefert hat. Allerdings zeichnet Tan nicht nur Comics, sondern auch Kinderbücher, illustriert Märchen und schriebt surreale Geschichten wie die Geschichten aus der Vorstadt der Universums, die er mit seinen fantasievollen Zeichnungen anreichert. Die Reise ins Innere der Stadt ähnelt vom Aufbau her den Geschichten aus der Vorstadt des Universums – es ist also kein Comic, sondern ein 288 Seiten dickes Buch mit 25 Geschichten und den genialen, Tan-typischen, doppelseitigen Bildern. Allerdings fehlen die collagenartigen, verspielten Elemente aus dem Universum in dem neuen Album völlig.

Verlagstext: Während eines Meetings verwandeln sich alle Vorstandsmitglieder in Frösche. Kurz vor seiner Operation findet ein Patient im Krankenhaus Zuspruch bei einer Eule. Das letzte Nashorn wird unter Applaus auf einem Zebrastreifen erschossen. Im 87. Stock führen Krokodile unbemerkt ein sehr komfortables Leben. Der Ausnahmekünstler Shaun Tan beleuchtet in seinem neuesten Werk das sonderbare Verhältnis zwischen Mensch und Tier und schildert in traumartigen Sequenzen, wie Liebe und Fürsorge nicht selten Gleichgültigkeit und Grausamkeit gegenüberstehen.

So surreal wie seine Bilder sind auch die Inhalte seiner Geschichten. Es ist nicht alles logisch, was hier passiert (genau genommen ist so gut wie gar nichts logisch, was hier passiert). Wer auf nachvollziehbare Handlungsabläufe steht, wird also wenig Freude daran haben. Wer aber seine Fantasie gerne durch unbekannte Welten schweifen lässt, kann Tans Figuren dabei zusehen, wie sie auf einem Hochhausdach Mondfische fangen, wie (und weshalb) Bären sich Rechtsanwälte nehmen oder wie unzählige Schmetterlinge für einen flüchtigen Moment die Welt verzaubern. Doch so sonderbar sich das Leben in diesem Buch auch darstellt – am Ende hat Tan uns damit auf leisen Sohlen so sehr von unserem eigenen Leben entfernt, dass uns all die geschäftige Wichtigkeit, die wir ihm täglich beimessen, am sonderbarsten erscheint.

Shaun Tan: Reise ins Innere der Stadt
288 Seiten, gebunden, 28,- Euro, Aladin-Verlag, ISBN 978-3-8489-2118-8

Die Ursache

kummer-die-ursacheDer Verlag schreibt: Im ersten Band seiner Autobiographischen Schriften betreibt Thomas Bernhard eine Ursachenforschung, die nichts und niemanden verschont: das Internat war ein Kerker, die Stadt Salzburg eine Todeskrankheit, die Vernichtung allgegenwärtig. Die einzige Lichtgestalt war der Großvater, der ihm von Mozart, Rembrandt und Beethoven erzählt. Diese „Ursachen“, die Bernhard hier mehr als nur „andeutet“, hinterlassen unauslöschliche Spuren in seinem ganzen Werk. Mit einem präzisen, sparsamen, fast realistischen Strich und einer eindringlichen Wiederholungs- und Variationstechnik gelingt es Lukas Kummer, Thomas Bernhards Erinnerungen an die Schrecken von Internat, Krieg und Nationalsozialismus sichtbar zu machen.

Das gelingt ihm tatsächlich erschreckend gut. Man lasse sich von dem quirlig wirkenden Cover nicht täuschen – im Innenteil bestimmen gerade Striche und Symmetrien das Bild. Auf den ersten Blick wirken seine Schwarzweiß-Zeichnungen etwas langweilig. Auch deshalb, weil Kummer manche Panels wiederholt. Er stellt oft – fast preußisch korrekt – die gleichen Bilder mehrfach nebeneinander. Das führt zu einer Monotonie, die die Stumpfheit der Atmosphäre, die Bernhard beschreibt, treffend reflektiert:

Zuerst wird der Mensch… erzeugt und geboren wie ein Tier und immer nur animalisch behandelt, und sei es geliebt oder verhätschelt oder gepeinigt, von den durch und durch stumpfsinnigen, unaufgeklärten, ihre egoistischen Zwecke verfolgenden Erzeugern als Eltern oder ihren Stellvertretern… nach und nach zerstört, und dann, als eine der größten Vernichterinnen, übernimmt die Kirche… die Vernichtung der Seele dieses neuen Menschen, und die Schulen begehen… an diesen jungen Menschen den Geistesmord.

Egal ob Faschismus oder katholische Kirche – Bernhard kann keinen Unterschied an den Zurichtungsmethoden ihrer Vertreter erkennen. Die Mischung aus Befehl, Gehorsam und sadistischer Quälerei bei Nichtbefolgung lässt keinen Raum mehr für eigene Gedanken – und das ist ja auch der Sinn der Sache. Selten wurde der Stumpfsinn autoritärer Einrichtungen beklemmender in Szene gesetzt. Auf finstere Weise gut.

Lukas Kummer, Thomas Bernhard: Die Ursache – Eine Andeutung
112 SW-Seiten, gebunden, 22,- Euro, Residenz Verlag, ISBN 9783701716937
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