Daytripper

moon-daytripperDieses Album ist erstmals 2013 bei Panini erschienen, jetzt erlebt es eine Neuedition im gleichen Verlag. Verlagstext: Welches sind die wichtigsten Tage Ihres Leben? Dies ist die Geschichte von Brás de Olivia Domingos, Spross eines weltberühmten brasilianischen Autors. Er träumt davon, selbst Schriftsteller zu werden und wartet auf den Tag, an dem sein Leben endlich beginnt. Aber würde er es überhaupt bemerken? Eine Graphic Novel, die in den leisen Momenten die großen Fragen des Lebens stellt.

Brás ist noch nicht der berühmte Schriftsteller, der er gerne wäre. Zunächst ist er als Journalist ausschließlich damit beschäftigt ist, Nachrufe auf verstorbene Prominente zu schreiben. Bei so viel Beschäftigung mit dem Tod kann man schon ins Grübeln kommen. Nämlich darüber, was im Leben überhaupt wichtig ist: Die Beziehung? Die Karriere? Die Geburt eines Kindes? Irgendwas ganz anderes? Auf jeden Fall, das wird hier sehr deutlich, ist jeder Tag entscheidend, denn jeder kann der letzte sein. Und das exerzieren Fábio Moon und Gabriel Bá an ihrer Hauptfigur eindrucksvoll durch.

Die Zeichnungen bringen viel südamerikanische Atmosphäre auf die Seiten. Der Stil erinnert an den von Terry Moore, und auch die Kolorierung kann sich sehen lassen. Ob Großstadtdschungel oder lockeres Landleben, Moon und Bá treffen immer den richtigen (Farb)ton. Ein Comic für Freunde kontemplativer Geschichten – mit dem Eisner-, dem Harvey- und dem Eagle-Award ausgezeichnet.

Fábio Moon & Gabriel Bá: Daytripper (Neue Edition)
276 Seiten, gebunden, 29,- Euro, Panini, ISBN 9783741607660

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Am liebsten mag ich Monster

ferris-am-liebsten-mag-ich-monsterDie zehnjährige Karen Reyes führt ein ganz besonderes Tagebuch: Neben ihren Alltagsbeobachtungen zeichnet sie Monster aus Trash-Horrorfilmen und alten Pulp-Magazinen. So bewältigt sie ihren Alltag in den USA der 1960er-Jahre und sammelt Spuren und Hinweise, die zur Aufklärung des Mordes an ihrer Nachbarin Anka Silverberg beitragen sollen. Emil Ferris verarbeitet in Am liebsten mag ich Monster ihre eigene Vorliebe für Horror-B-Movies und Grusel- Groschenhefte und bettet dies in eine Geschichte ein, die die sozialen Spannungen im Chicago der 1960er Jahre mit einer Geschichte des Erwachsenwerdens verknüpft. Soweit der Verlagstext.

Ferris verarbeitet aber nicht nur die sozialen Spannungen der 1960er Jahre in Chicago. Auch die Entwicklung in Deutschland – von den 1920er Jahren bis hin zum Faschismus – wird hier thematisiert, denn die Tote, deren Mörder Karen sucht, hat dort gelebt. Judenverfolgung, Kindesmissbrauch, Leichen – die Story ist ziemlich heftig, denn nach und nach ahnt der Leser, dass die Monster, um die es geht, nicht die sind, die einem nachts in einer dunklen Kellerecke auflauern. Es geht um die Monster in den Menschen. Karen: Die Sache mit dem Erwachsenwerden ist die: Aus Kinderaugen scheinen die Erwachsenen frei zu sein. Dabei sind viele von ihnen Gefangene. Von wem? In neun von zehn Fällen von ihren Geistern…

Präsentiert wird die Story mit wuchtigen Bildern in unterschiedlichen Techniken. Einflüsse von Robert Crumb sind unübersehbar, aber Ferris setzt auch eigene Akzente. Die Layoutstruktur ähnelt der in Vanna Vincis wunderbarem Band über Frida Kahlo, und wie Vinci integriert auch Ferris jede Menge klassische Gemälde in ihre Geschichte. Frédéric Bazille, Claude Monet, George Inness, Gustave Dore, Harald Sohlberg und viele andere sind dabei.

Die US-Amerikanerin liefert damit einen fiesen Höllentrip auf leisen Sohlen, und einen echten Schmöker dazu, denn hier gibt es ewig viel zu sehen und zu lesen. Nur die blaue Notizbuchstruktur nervt. Die hätte man auch hinter, statt vor die Zeichnungen legen können. Der zweite Band soll in den USA im Herbst erscheinen.

Emil Ferris: Am liebsten mag ich Monster
420 Seiten, 39,- Euro, Panini, ISBN 9783741608087
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Ar-Men

lepage-ar-menDie Alben von Lepage haben mir schon immer gefallen. Vor allem, nachdem sie nicht mehr in kleinem Book-, sondern in großem Splitter-Format erscheinen. Seine Reportagen über seine Reisen in die Antarktis (Reise zum Kerguelen-Archipel, Weiß wie der Mond) waren nicht nur spannend zu lesen, sondern auch pure Augenweiden. Und sein Ausflug nach Tschernobyl hat zwar nicht mehr viel Sinn gemacht, aber die Bilder waren auch hier erstklassig (Ein Frühling in Tschernobyl). Daneben waren es natürlich auch die ungewöhnlichen und unwirtlichen Orte, die die Faszination seiner Alben ausgemacht haben.

Ar-Men ist ein ödes Stück Fels, und ein ziemlich kleines dazu. Es liegt weit vor der bretonischen Küste in der Nähe der Île de Sein. Das bisschen Gestein wäre nicht der Rede wert, stünde darauf nicht ein 29 Meter hoher Leuchtturm, der zu den abgelegensten und unzugänglichsten Leuchttürmen der Welt zählt. Nachdem vor der Küste immer wieder Schiffe an den Riffen zerschellt waren und Sturmfluten das nahe gelegene Dorf überflutet hatten, wurde sein Bau 1867 beschlossen, um passierenden Schiffen Licht und Orientierung zu geben. Bis zu seiner Fertigstellung auf dem glitschigen und algenverschmierten Stück Stein vergingen fast 15 Jahre.

Lepage schildert in diesem Album die Entstehung des Leuchtturms und macht das wie immer sehr geschickt: Er lässt einen Leuchtturmwärter erzählen, setzt Rückblenden ein, integriert Mythen und Geschichten und lässt vor allem seine großartigen Bilder sprechen. Wie er das Licht in die Wellen und den Leuchtturm zaubert, das ist einfach vom Feinsten. Die unterschiedlichen Erzählebenen trennt er durch unterschiedliche Kolorierungen, oft auch durch unterschiedliche Zeichenstile. Und neben den tollen Bildern gibt es die Geschichte eines Mannes, der sich in diesen abgelegenen Turm zurückgezogen hat, um zu sich selbst zu finden. Schön wie immer.

Emmanuel Lepage: Ar-Men
96 Seiten, HC, 19,80 Euro, Splitter, ISBN 978-3-96219-130-6
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