Sonnenstein: Mercy

sejic-sonnenstein-mecry1Es kommt langsam in Mode, einer starken Serie ellenlange Vorher-, Nachher- und Danebenbände hinterher zu werfen. Sonnenstein  war eine wunderhübsche Lovestory, die in der SM-Szene spielt, aber mit sechs dicken Bänden auch ihre Längen hatte. Im Vorwort seiner neuen Reihe schreibt Autor und Zeichner Stjepan Sejic: „Mercy“ erweitert die Sonnenstein-Erzählung und führt sie fort, da sie sowohl vor dem Beginn als auch nach dem Ende von „Sonnenstein“ spielt. Es ist eine lange Geschichte. Würden wir „Sonnenstein“ als „Der kleine Hobbit“ bezeichnen, dann wäre „Mercy“ wohl „Der Herr der Ringe“. Das liest sich, weil es nach endloser Serie klingt, eher wie eine Drohung.

Ist es aber nicht. Sejic ist ein starker Erzähler. Obwohl ich zugegebenermaßen etwas widerwillig an den neuen Band herangegangen bin, hatte er mich nach wenigen Seiten schon fest im Griff. Das kommt alles so locker und unterhaltsam daher, dass es einfach Freude macht, die Geschichte zu lesen. Sie hat zwei Handlungsstränge: Da sind zunächst Anne und Miriam, die sich auf einem Metal-Konzert kennenlernen, weil beide für die gleiche Sängerin schwärmen. Nicht lange, und Miriam schwärmt auch für Anne, und Anne entdeckt ihre bisexuelle Ader. Beide sind aber gerade mal 20 Jahre jung und haben mit Beziehungen wenig Erfahrung. Also muss das erste Date sorgfältig vorbereitet werden. Nichts darf schief gehen. Nur: Gerade, wenn alles sooo wichtig ist und frau Herzrasen ohne Ende hat, entstehen die Stolpersteine von selbst.

Parallel erzählt Sejic, wie Alan und Ally aus der Hauptserie sich kennengelernt haben. Alan zeichnet gerne und interessiert sich für Bondage. Entsprechend sind die Motive in seinem Skizzenbuch. Als das jemand entdeckt und Kopien davon flächendeckend an den Wänden der Uni verklebt, machen sich alle über ihn lustig. Das ist öde und nervt, führt aber dazu, dass Ally auf ihn aufmerksam wird, die sich ebenfalls für solche Spiele interessiert. Sie freunden sich an, studieren gemeinsam Bondagemagazine, tauschen sich über diverse Techniken aus und kommen sich langsam näher. Na, und dann wollen sie es einfach wissen: Sie planen ihr erstes Rollenspiel. Da beide ihre Neigungen noch nicht exakt kennen, wird die Frage, wer Dom und wer Sub ist, per Los entschieden. Die dominante Rolle fällt Alan zu. Aber zwischen Reden und Machen bestehen bekanntlich Unterschiede, und der große Dom ist unsicher ohne Ende und ohne Hilfe seiner Sub völlig aufgeschmissen. Wie Sejic das erzählt, das ist streckenweise zum Brüllen komisch.

Auch dieses Album hat ein paar Längen, aber Sejic weiß, wovon er redet und macht das wirklich klasse. Sinnlich, spannend, zärtlich und mit jeder Menge Situationskomik ausgestattet ist das einfach beste Unterhaltung. Man kann es auch unabhängig von der Hauptserie lesen.

Stjepan Sejic: Sonnenstein – Mercy 1
148 Seiten, gebunden, 29, Euro, Panini, ISBN 9783741612497

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Woyzeck

eikenroth-woyzeckDie schlechte Nachricht zuerst: Wer Büchners Dramenfragment Woyzeck nicht kennt, wird es schwer haben, sich in das Album reinzufinden. Die gute Nachricht: Wer es kennt, den erwartet eine interessante, teilweise eigenwillige Interpretation.

Verlagstext: Büchners nie vollendetes Drama wird hier neu interpretiert und zeitversetzt grafisch frei und moderner inszeniert. Der ohnmächtige Soldat Woyzeck verliert durch Missbrauch neben seiner Ehre und Gesundheit auch seine Partnerin, mit der er ein gemeinsames Kind hat. Krankheit und Eifersucht treiben ihn zur Verzweiflung. “Ein zeitloses Drama, dessen Thema immer wieder aktuell ist ” – so der Künstler A.E. Eikenroth über sein Werk.

Worum geht es? Wozeck hat ein uneheliches Kind mit Marie, die sich allerdings in einen Tambourmajor verguckt hat – was nicht gut ausgeht. Hinzu kommt, dass Woyzeck an Schizophrenie leidet, und von einem Arzt als Versuchsperson missbraucht wird. 1836 von Büchner geschrieben, wurde das Stück nie vollendet, weil Büchner im Februar 1837 an Typhus starb. Die Geschichte spielt Anfang des 19. Jahrhunderts. Eickenroth hat sie in seinem Album in die Weimarer Republik transportiert – lässt sie also 100 Jahre später spielen. Das passt nicht schlecht, denn verlogene Moral war auch in dieser Zeit sehr präsent.

Interessant sind die Zeichnungen. Schon in seinen bisherigen Alben Die Schönheit des Scheiterns und Hummel mit Wodka hat er sich viel Raum für seine Figuren genommen. In Woyzeck geht er noch weiter: Er verzichtet komplett auf eine Panelstruktur und hat die einzelnen Szenen ganzseitig ineinander verschachtelt. Sozusagen als, wie er schreibt, grafische Inszenierung, denn im Grunde ist das Ganze ja Theater. Das gibt ihm mehr gestalterische Möglichkeiten.

Das einzige, was nervt, ist die gelegentlich antiquiert wirkende Sprache. Ja, die Verwendung von Umgangssprache als Stilmittel ist beabsichtigt und typisch für Büchner. Das war damals in der Literatur völlig neu. Aber muss das heute noch sein?

Andreas Eickenroth, Georg Büchner: Woyzeck
64 Seiten, gebunden, 15,- Euro, Edition 52, ISBN 9783935229395
Vorzugsausgabe mit signiertem Druck 35,- Euro
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Die Bluse

vives-die-bluseVerlagstext: Séverine studiert Literaturwissenschaft in Paris und wohnt zusammen mit ihrem Freund Thomas, der mehr Zeit mit Computerspielen und TV-Serien verbringt als mit ihr. Sie hat sich offenbar eingerichtet in einem monotonen Leben, das sie eher erduldet denn gestaltet. Bis eine geliehene Seidenbluse ihr Leben verändert: Plötzlich wird sie von aller Welt mit anderen Augen wahrgenommen, Männer sehen sie voller Verlangen an, und sie lässt sich bereitwillig auf Abenteuer ein. Es ist, als würde die Bluse ihr magische Kräfte verleihen und sie aus einem langen Schlaf wecken. Séverine taucht ein in ein Leben, das vor allem einem folgt: dem Lustprinzip. Mit der Anmut und Sinnlichkeit, die er bereits in „Eine Schwester“ bewiesen hat, zeichnet Bastien Vivès die Geschichte einer Selbstfindung und zeigt abermals, dass er ein großer Erzähler ist.

Großer Erzähler? Anmut und Sinnlichkeit? Hier leider nicht. Das Album ist, wie immer bei Vivès, prima gezeichnet, aber erzählerisch hat es wenig zu bieten. Während er in Eine Schwester eine filigran gewobene Geschichte auf die Seiten gebracht hat, wirkt Die Bluse ziemlich zusammengeschustert. Die sensiblen Übergänge und Feinheiten, die die Geschichte in Eine Schwester so nachfühlbar gemacht haben, fehlen völlig.

Es ist verständlich, dass eine Frau, die nie beachtet wurde und sich in einer Art Schattendasein eingerichtet hat, probieren möchte, was geht, wenn ihr plötzlich von überall her Aufmerksamkeit geschenkt wird. Aber dass sie sich dann wahllos fremden Männern an den Hals wirft, um mit ihnen in die Kiste zu steigen, kommt eher selten vor. Es fehlen die Zwischentöne und die kleinen, feinen Entwicklungsschritte, für die die Geschichten von Vivès eigentlich bekannt sind. So bleiben nur stylische Bilder in kruder Story. Schade drum. Das kann er besser.

Bastien Vivès: Die Bluse
208 SW-Seiten, gebunden 24,- Euro, Reprodukt, ISBN 978-3-95640-185-5
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