Cumbe

salete-cumbeNach Brasilien, dem Land mit der heute größten schwarzen Bevölkerung außerhalb Afrikas, wurden 5 Millionen Sklaven verschleppt, elf Mal mehr als in die USA. Deren Geschichte ist bis heute ein Tabu und wurde bisher fast nur aus der Perspektive der Kolonialisten erzählt. Einer der bekanntesten Autoren Brasiliens erinnert hier in poetischer Bildsprache an fünf Sklaven, die gegen ihre Herren rebellierten. Nach wahren Begebenheiten, mit ausführlichem Glossar und Bibliographie. Cumbe verleiht Geschichten über die Kolonialzeit Farbe, Strich, Schatten und Wort. Die ersten Jahrhunderte der Kolonisierung und der Sklaverei in Brasilien bilden das Szenario dieses leise daherkommenden Werks Schwarzer Literatur – Erzählungen, in der Freiheit nicht selten Tod bedeutete. Und der Tod, Calunga, einen Neubeginn. Soweit der Verlagstext.

Der 1979 in Sao Paulo geborene Zeichner Marcelo D´Salete gehört zu den bekanntesten Comic-Künstlern Brasiliens, und auch in Frankreich und anderswo sind seine Alben erschienen. Cumbe hat er komplett in Schwarzweiß gezeichnet. Das erinnert entfernt an die Werke von José Munoz. Allerdings kommt D´Salete fast ohne Text aus, was die Intensität seiner Bilder erhöht und den Leser zwingt, genau hinzusehen, um seine Geschichten verstehen zu können.

Mein Fall ist das nicht, obwohl ich politische Alben mag – mir ist die erzählerische Ebene des Albums einfach zu dünn. Aber wer sich für die Geschichte der Sklaverei und die afrikanische Bantu-Kultur interessiert, sollte mal reinschauen. D´Salete hat eine Vielzahl typischer Bantu-Symbole in sein Album integriert, was den Geschichten zusätzliche Authentizität verleiht.

Marcelo D´Salete: Cumbe
176 Seiten, schwarzweiß, 19,- Euro, bahoe books, ISBN 978-3-903022-54-6

Ein Kleid von Dior

goetzinger-diorIm Februar 1947 war der Zweite Weltkrieg gerade mal eineinhalb Jahre vorbei. Die Menschen in Frankreich hatten die gröbsten Trümmer beseitigt, und nachdem die Infrastruktur und sonstigen Lebensgrundlagen halbwegs wieder hergestellt waren, konnte man sich langsam wieder den angenehmen Dingen des Lebens widmen. In diesem Monat eröffnete ein gewisser Christian Dior in der Pariser Avenue Montaigne seine erste Modenschau. Der Andrang war zahlreich, denn das Bedürfnis nach Amüsement war nach den entbehrungsreichen Kriegsjahren groß. Noch dazu wurde hier mit vielen modischen Konventionen gebrochen, wodurch sich die Chefredakteurin von Harper’s Bazaar zu dem Satz hinreißen ließ: „It’s quite a revolution, your dresses have such a new look!“

Im Publikum sitzt auch Clara, eine ebenso junge wie unbekannte Journalistin, die über diese Modenschau ihren ersten Artikel schreiben will. Mit Clara blickt der Leser hinter die Kulissen und erfährt viel über die Arbeit der Modellzeichner, Moderatoren, Picoteusen, Directricen und Lehrmädchen, über die verarbeiteten Stoffe von Alpaka über Feudel bis Samt, Taft und Tüll, und auch die Accessoires dürfen natürlich nicht fehlen.

Clara begleitet Dior auf seinem Weg nach New York, wo er Filialen eröffnen will, um in den Staaten Fuß zu fassen. Nicht alle New Yorker sind von der neuen Mode begeistert. Aber nachdem auch Hollywood-Stars und adlige Häupter sich in Gewänder von Dior schmiegen, ist seine Karriere nicht mehr aufzuhalten.

Annie Goetzinger bringt die historische Entwicklung dieser neuen Modekollektionen in ihrem typisch femininen Stil zu Papier. Und weil es hier um edle Mode und edle Stoffe geht, hat Kult Comics dieses Album in fadengeheftetem Hardcover mit edlem Leinenrücken publiziert, und gleich noch eine Luxusausgabe mit einem von Goetzinger signiertem Exlibris draufgelegt. Das passt. Ein umfangreicher Anhang mit Kleiderskizzen aus verschiedenen Kollektionen und chronologischen Daten runden diesen liebevoll gemachten Band ab.

Annie Goetzinger: Ein Kleid von Dior
152 Seiten, gebunden, 29,95 Euro, Kult Comics, ISBN 978-3-946722-10-6
Deluxe: 99 Exemplare, 49,95 Euro, mit von Goetzinger signiertem Exlibris
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Venedig

taniguchi-venedigEs gibt Zeichner, die sind klasse, aber man findet keinen rechten Zugang zu ihnen. Zu dieser Sorte gehört in meinem Fall der im Februar verstorbene Japaner Jiro Taniguchi. Mit Manga kann ich eh nichts anfangen – die Manga-Bände in meinem Regal kann man ziemlich exakt an einer Hand abzählen – und auch, wenn Taniguchi in all seinen Alben starke Zeichnungen abgeliefert hat: Seine Geschichten waren meist so einschläfernd, dass ich sie nie bis zum Ende geschafft habe.

Eine kleine Ausnahme ist sein Louvre-Band. Da ging es mehr um die Bilder als um die Story, und das ist bei Venedig nicht anders. Auch dort gibt es einen lockeren Faden, mit dem Taniguchi versucht, den Bildern eine Geschichte zu geben – eine ziemlich rührende übrigens. Aber er hätte auch darauf verzichten können, denn seine Ansichten von Venedig sprechen für sich. Das ist ein Album, in dem er durch die Gassen der Altstadt streift, über die Kanäle gondelt und am Schluss noch ein paar zauberhafte Impressionen von Venedig by night beisteuert. Die Motive sind vielfältig: Rialtobrücke, San Giorgio, Marinemuseum, Canal Grande, Palazzo Grimani, Riva del Vin, Basilika San Maro, Dogenpalast und und und …

In den Bildern trifft venezianische Geschichte auf japanische Strenge. Das gibt ihnen eine Unterkühltheit, die nicht zu den Kitschpostkarten von Venedig passen will, sie aber gerade dadurch interessant macht. Die exakten Geometrien, die Taniguchi in jedem Gebäude findet, und die er gerne in den Vordergrund stellt, wechseln mit weicheren Motiven, und sanft im Abendwind schaukelnde Gondeln kommen bei ihm ganz ohne Kitsch daher. Einmal Venedig ohne Touristen – hier wird ein Traum erfüllt.

Jiro Taniguchi: Venedig
144 Seiten, Querformat, 29,90 Euro, Carlsen, ISBN 978-3-551-74419-7