Vinyl! – Die Comic-Cover

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Eine starke Zusammenstellung von Platten-Covern, die von Comiczeichnern gestaltet wurden. Die letzten Jahrzehnte des analogen Zeitalters verflogen wie im Rausch. Von der Bewusstseinserweiterung betroffen waren insbesondere die populären Künste, die „progressive“ Musik mit ihren Klangwelten und Gitarrenorgien, aber auch der Comic. Er entwickelte sich in den 70ern und 80ern zu einer vielfältigen, alle Themen und Altersgruppen ansprechenden Bildersprache. Die Schöpfer der neuen Erwachsenencomics lebten mit der Musik ihrer Zeit. Moebius und Bisley waren die Frontmen, die Stars dieser lauten Literatur. So blieb es nicht aus, dass ihre Kunst auch in der Musik ihren Niederschlag fand: in der Gestaltung von LP-Plattencovern, die – vor dem Siegeszug der kleinformatigen CD – ihren Schwanengesang anstimmten. „Vinyl! Die Comic-Cover“ erzählt in vielen Beispielen diese wundersame Symbiose der Popkultur. (Verlagstext)

Dass das Cover von Janis Joplins Album Cheap Thrills von Robert Crumb gestaltet wurde, weiß jeder, der Comics liest. Dass das Cover von Jethro Tulls Too old to Rock ´n Roll von Dave Gibbons stammt, dürfte weniger bekannt sein (war auch lange, bevor Gibbons sich als Comiczeichner einen Namen machte). Dass das Cover von Meat Loafs Bat out of hell von Richard Corben ist stand zwar drin – aber wer liest schon Booklets. Und welche Cover stammen von Schuiten, Bourgeon, Bilal, Tardi, Margerin, Loustal, Burns, Clowes, Crepax und anderen Comic-Stars? Dieser Katalog zur Ausstellung in der Ludwiggalerie Oberhausen (16.01.22 bis 08.05.22) gibt Antworten.

Dabei werden nicht einfach Plattencover und Zeichnernamen aneinandergereiht. Kurator Eckart Sackmann liefert eine erstklassig recherchierte Geschichte über die Vermarktung der Pop-Musik und verbindet das geschickt mit der kulturellen und ökonomischen Entwicklung des Comicmarktes weltweit. Schon alleine deswegen lohnt es, sich dieses Album zuzulegen.

Für Sammler, die allesallesalles von ihrem Lieblingszeicher haben möchten, kann die Lektüre dieses Bandes allerdings zu einer kostspieligen Angelegenheit werden: Am Ende sind (fast) alle LP-Cover aufgelistet, die von Comiczeichnern entworfen worden sind. Das wird eine laaaange Weihnachtszettel-Wunschliste.

Top 10 2021  Eckart Sackmann: Vinyl! – Die Comic-Cover
112 Seiten, gebunden, 29,- Euro, comicplus+, ISBN 978-3-89474-321-5

Der Augensammler + Contrapaso

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Zwei rasante neue Krimis bei Splitter. Fangen wir mit Sebastian Fitzeks Augensammler an, den Frank Schmolke in seiner gewohnten Art als Graphic Novel adaptiert hat. Verlagstext: Er tötet deine Frau, er entführt dein Kind, er stellt dir ein Ultimatum. Und erfüllst du es nicht, erweitert er seine grausige Sammlung: Der Serienmörder, den die Boulevardzeitungen den »Augensammler« nennen, hält Berlin in Atem. Die blinde Physiotherapeutin Alina Gregoriev und der abgehalfterte Ex-Polizist Alexander Zorbach sind die einzigen, die eine brauchbare Fährte haben. Und Zorbach steckt bereits tiefer in der Sache, als ihm lieb ist…

Schon Schmolkes Alben Freaks und Trabanten waren fetzig gezeichnet. In dieser Adaption legt er noch eine Schippe drauf. Es jagt den Leser auf der Suche nach dem Frauenmörder über die Seiten, bringt durch das Layout viel Tempo in seine Bilder und sorgt mit einer düsteren Kolorierung für die treffende Atmosphäre. Wenn bei ihm der Fahrstuhl nach unten fährt möchte man mit Sicherheit nicht einsteigen, weil man weiß, dass da nichts Gutes wartet.

Was mich an seinen Alben bislang gestört hat war die meist unnötige Übertreibung der Story. Auch in dieser Geschichte von Fitzek wirkt der Plot am Ende ziemlich konstruiert. Zeichnerisch ist Der Augensammler allerdings mit Sicherheit Schmolkes bisher bestes Album, noch dazu in einem sehr wertig produzierten Band, dessen Vorzugsausgabe (immerhin 1.000 Exemplare) bereits jetzt als verlagsvergriffen gemeldet wird. Wer sich eventuelle Rückläufer sichern möchte, sollte schnell reagieren.

Frank Schmolke, Sebastian Fitzek: Der Augensammler
200 Seiten, gebunden, 35,- Euro, Splitter, ISBN 978-3-96792-177-9
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Auch in Contrapaso geht es um Frauen und verschwundene Kinder. Madrid, Februar 1956. Emilio Sanz ist ein hartgesottener Journalist alter Schule. Selbst die bestialischen Frauenmorde, welche die spanische Hauptstadt seit langem in Atem halten, können ihn nicht erschüttern. Was ihn erschüttert, ist die brutale Zensur der Presse unter dem Franco-Regime, eine Zensur, die er auch mit Ironie, Subversion und Whiskey nicht mehr ertragen kann… Der smarte Léon Lenoir ist trotz seiner Jugend bereits ein bekannter Reporter. Familiäre Gründe führen ihn aus Frankreich zurück in seine alte Heimat Spanien, wo er mit dem Veteranen Sanz zusammenarbeiten soll. Gemeinsam macht sich das ungleiche Duo daran, die Mordserie zu untersuchen. Sie merken jedoch schnell, dass Menschenleben in einem absolutistischen Polizeistaat nicht viel wert sind…

Teresa Valero erzählt in ihrem Album eine erfundene Geschichte. Dabei geht es nicht allgemein um Kinder. Die Kinder der einen bekleckern sich zwar während des Studiums gerne mit revolutionären Sprüchen, machen aber später bei Papa in der Firma Karriere und keine Probleme mehr. Es sind die Kinder der anderen, die mir Kopfschmerzen bereiten, erklärt der vernehmende Polizist Léon, bevor er ihn mit dem Kopf gegen die Wand knallt. Und dann sind da noch die Experimente, die man hinter verschlossenen Türen in angeblichen Heilanstalten mit Frauen anstellt.

Valero lockt den Leser in ihrer komplex aufgebauten Story auf einige falsche Fährten und mischt das Leben im faschistischen Nachkriegsspanien mit einem Thriller, der an Spannung nichts zu wünschen übrig lässt. Dabei sind ihre Zeichnungen so klasse (und Details wie Häuser, Inneneinrichtung, usw. exakt recherchiert), dass man sich fragt, weshalb bislang keine weiteren Alben von ihr in deutscher Übersetzung vorliegen. Aber das kann ja noch werden…

Teresa Valero: Contrapaso – Die Kinder der Anderen
Übersetzung Harald Sachse
152 Seiten, gebunden, 25,- Euro, Splitter, ISBN 978-3-96792-173-1
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Nächstes Jahr in

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Ein Band über jüdisches Leben in Deutschland. Verlagstext: Wer hörte je vom berüchtigten jüdischen Räuberhauptmann Abraham Picard, dem sich selbst Schinderhannes unterordnete? Oder von der 1947 gegründeten jüdischen Berufsfachschule Masada in Darmstadt, in der Jugendliche, die Krieg und die Konzentrationslager überlebt hatten, auf ein Leben in Israel vorbereitet wurden? Für die Anthologie »Nächstes Jahr in« wurden ungewöhnliche Episoden jüdischen Lebens zusammengetragen und in Comicstrips übersetzt. Daraus formt sich ein Panorama jüdischer Geschichte in Deutschland – ein Blick auf die Vielfalt des Judentums, auf Ausgrenzung und Assimilation, Verfolgung, Aufbruch und Ankommen. Ohne Klischees zu bedienen, blicken die Zeichner:innen auf religiöse Rituale, jüdische Kunst und Kultur, auf Alltagsantisemitismus, Verfolgung und Widerstand und nicht zuletzt auf jüdischen Humor. Sie erzählen von Exilant:innen, von Kaufleuten und Künstler:innen, von Musiker:innen und Gauner:innen.

Entstanden ist dieser Band, weil in Darmstadt eine Veranstaltungsreihe zum Thema 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland läuft und man dachte, es wäre schön, das Thema auch mit dem Medium Comic kommunizieren zu können. Und ja, dieser Band bietet wirklich ein breites Panorama jüdischer Geschichte in Deutschland. Leider tragen die Comics wenig dazu bei. Sie stehen selten für sich alleine, weil sie die entsprechenden Themen meist nur anreißen, sondern vor mehrseitigen Ausführungen der Herausgeber zum jeweiligen Thema.

So bietet der Band umfangreiche schriftliche Erläuterungen zu Kultur, Wissenschaft, Lebensweise, Religion und anderen Aspekten des jüdischen Lebens. Wer sich dafür interessiert, findet hier viele spannende Informationen. Die Comics wirken dagegen oft wie Beiwerk, und die Qualität der Zeichnungen ist naturgemäß sehr wechselhaft. Schade, dass man hier nicht den Mut hatte, darauf zu vertrauen, dass Comics Geschichten auch komplett erzählen können und keine zusätzlichen Ausführungen mehr benötigen. Aber dazu hätte man sich wahrscheinlich mehr Zeit lassen und den Band anders konzipieren müssen.

Natürlich gibt es Ausnahmen. Spannend – und irgendwie richtungsweisend – ist beispielsweise der Comic Jüdische Gegenwart. Darin beschreibt die Journalistin Miriam Werner anhand ihres eigenen Lebens (Jüdin mit christlicher Erziehung), wie Multikulti praktisch funktioniert. Und wie verblüffend einfach und selbstverständlich man das leben kann.

Meike Heinigk, Antje Herden, Jonas Engelmann (Hg.): Nächstes Jahr in
Comics und Episoden des jüdischen Lebens
168 Seiten, gebunden, 25,- Euro, Ventil-Verlag, ISBN 978-3-95575-159-3