Joe Schuster

campi-joe-schusterEine Comicbiografie über Joe Schuster, den Zeichner von Superman – pünktlich zum 80. Jubiäum des Superhelden. Der deutsche Autor Julian Voloj (Ghetto Brother, Die Judenbuche) lebt unweit von Schusters ehemaligem Haus in New York. Er hat die Geschichte der Entstehung Supermans – und vor allem die Geschichte ihrer Schöpfer – gründlich recherchiert. Der italienische Zeichner Thomas Campi (Magritte) kleidet die Story in Bilder, auf denen Joe Schuster Supermans bürgerlicher Existenz Clark Kent verblüffend ähnlich sieht. Voloj erzählt die Geschichte von den Anfängen in den 1930er Jahren bis zu dem Zeitpunkt, als Schuster und sein Autor Jerry Siegel völlig verarmt Prozesse gegen eine Medienindustrie führten, die ihnen alle Rechte an der Figur streitig gemacht hatte.

Am Anfang stand der Fehler, den viele Künstler machen: Nachdem man monate- und jahrelang vergeblich nach einem Verleger oder Produzenten für eine neue Figur gesucht hatte, war man froh, wenn man sie am Ende doch nicht dem Papierkorb übergeben musste, und jemanden fand, der sie publizieren wollte. Dass man den Vertrag, den man dann voller Freude unterzeichnet, nicht so genau liest, hat man auch von anderen schon gehört.

Während Schuster und Siegel anfangs noch mitreden durften, wurden ihnen die Einflussmöglichkeiten Stück für Stück entzogen. In der Folge verdienten sich Printmedien und Filmverlage eine goldene Nase, während die Schöpfer von Superman mehr und mehr entrechtet wurden. Ein informatives Album über die Entwicklung einer Figur, die die Grundlage für ein ganzes Genre lieferte. Und ein Album, dass das Verhältnis von Kreativen zur Ideen-Verwertungsindustrie sehr deutlich schildert. Eine im Grunde zeitlose Geschichte.

Thomas Campi, Julian Voloj: Joe Schuser – Vater der Superhelden
176 Seiten, HC, 19,99 Euro, Carlsen, ISBN 978-3-551-76920-6
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Mühsam

bachmann-muehsamJa, dieses Album hätte Erich Mühsam gefallen. Er hätte mit Sicherheit Spaß dran gehabt, sich in Bildern wiederzufinden, die vom ersten bis zum letzten Strich an die Zeichnungen von Sfar erinnern und der Geschichte dadurch genau die leicht schräge und skurrile Atmosphäre verleihen, in der er gelebt hat. Verlagstext: Der junge Lübecker Poet und Anarchist Erich Mühsam (1878-1934) wird im Sommer 1910 von seinen besorgten Brüdern auf Kur in die Schweiz geschickt. Er findet sich dort in einem bürgerlichen und an seinen Talenten uninteressierten Umfeld wieder. Das Dichten fällt ihm schwer und sein Werben um eine hübsche Mitpatientin ist weitgehend erfolglos. Ständig plagen ihn Sexualität und Geldsorgen, während er darauf hofft, dass zumindest die bei ihm bestellten Chansontexte bezahlt werden.

Was Bachmann hier vorlegt, ist eine kleine Episode aus Mühsams Leben, die sich an den Tagebuchtexten des 1934 im KZ Oranienburg ermordeten Freigeistes orientieren. Die – sehr realistisch wirkenden – Dialoge stammen von Bachmann, der Erzähltext ist O-Ton Mühsam. Bachmann hat sich aus den umfangreichen Tagesbuchaufzeichnungen die Zeit in Château-d’OEx ausgesucht. Da war Mühsam 32 Jahre alt – ein vom bürgerlichen Literaturbetrieb nicht anerkannter Autor. Er schreibt Texte, schickt sie rum und kann sich mit den Ablehnungen die Wohnung tapezieren. Gelegentlich werden zwar welche angenommen, aber die Kohle dafür kommt nicht rüber, wie sie sollte.

Für mein Gefühl trifft Bachmann Charakter, Situation und Atmosphäre sehr genau. Fans von Erich Mühsam werden ihre Freude daran haben. Wer Mühsam nicht kennt, kann das Album auch als Comic über ein typisches Bohemeleben lesen. Und bekommt dadurch vielleicht Lust, sich näher mit diesem Menschen zu beschäftigen, der – mit Oskar Maria Graf, Lion Feuchtwanger, Heinrich Mann und anderen Künstlern der damaligen Zeit befreundet – einer der interessantesten Literaten und Anarchisten der 1920er und -30er Jahre Deutschlands war.

PS: Erich Mühsams Tagebücher werden im Verbrecher-Verlag publiziert. Man kann sie auch kostenlos online lesen.

Jan Bachmann: Mühsam – Anarchist in Anführungszeichen
96 Seiten, 19,- Euro, Edition Moderne, ISBN 978-3-03731-172-1
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The Death of Stalin

robin-death-of-stalinWillkommen in Absurdistan. Hier gibt sich der Intrigantenstadl der KPdSU (Kommunistische Partei der Sowjetunion) ein lustiges, für einige Beteiligte allerdings tödliches Stelldichein. Der Grund: Josef Stalin, Führer und Diktator der Sowjetunion, liegt im Sterben.

Normalerweise würde man, wenn man jemanden bewusstlos vorfindet, einen Arzt rufen. Doch das passiert nicht. Innenminister Beria, Mitglied im Zentralkomitee (ZK) der KPdSU, der als erster in die Datscha gerufen wird, in der Stalin regungslos auf dem Sofa liegt, nutzt die Gelegenheit, zunächst einige Unterlagen aus Stalins Tresor an sich zu nehmen. Es sind Dossiers über die anderen Mitglieder des ZK, und diese Dossiers kann man, um die eigene Position in diesem fragilen Machtgefüge zu sichern, gut gebrauchen.

Aber noch immer wird kein Arzt gerufen, denn: Würde Beria einen ordern, und Stalin käme trotz dessen Behandlung zu Tode, könnte Beria vorgeworfen werden, absichtlich einen Kurpfuscher bestellt zu haben – was seine sofortige Hinrichtung zur Folge hätte. Also trommelt Beria zunächst die Mitglieder des ZK zusammen. Die stimmen ab und beschließen einstimmig, einen Arzt zu engagieren. Aber welchen? Dummerweise hat Genosse Stalin erst letzten Monat die besten Ärzte des Kreml-Hospitals hinrichten lassen.

Nicht alles in diesem Album ist wirklich passiert. Schon alleine der Brief der Pianistin, der zum Schlaganfall des Diktators führt, ist eine ebenso witzige wie frei erfundene Idee. Viele Hintergründe rund um den Tod des ZK-Chefs sind bis heute ungeklärt. Aber um exakte Geschichtsschreibung geht es hier auch nicht.

Fabien Nury erzählt eine Geschichte aus dem Innenleben eines diktatorischen Regimes, die sich so oder ähnlich überall zugetragen haben könnte: In der UdSSR ebenso wie in Nordkorea, in der Türkei, in China oder in sonstigen absolutistischen Regimen. Und auch in den USA oder der BRD kann man sich ein ähnliches Gerangel um Nachfolgeposten vorstellen – nur, dass man dort nicht mit tödlichen Konsequenzen zu rechnen hätte, wenn man den falschen Arzt bestellt. Die gleichnamige Verfilmung des Albums läuft ab April in den Kinos.

Thierry Robin, Fabien Nury: The Death of Stalin
144 Seiten, gebunden, 29,80 Euro, Splitter, ISBN 978-3-96219-171-9
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