QualityLand

tallent-qualityland1Mark-Uwe Kling? Das ist doch dieser Typ, der nach eigenen Angaben mit einem kommunistischen Känguru in einer Wohngemeinschaft lebt, wo er die Zitate berühmter Persönlichkeiten durcheinander bringt. Und der einen inzwischen in 24 Sprachen übersetzten Bestseller namens QualityLand geschrieben hat. Und den gibts jetzt als Comic? Ja, aber nur den ersten Band (der auf dem ersten Teil des Romans basiert).

Verlagstext: Willkommen in QualityLand, in einer nicht allzu fernen Zukunft: Alles läuft rund — Arbeit, Freizeit und Beziehungen sind von Algorithmen optimiert. Trotzdem beschleicht den Maschinenverschrotter Peter Arbeitsloser immer mehr das Gefühl, dass mit seinem Leben etwas nicht stimmt. Wenn das System wirklich so perfekt ist, warum gibt es dann Drohnen, die an Flugangst leiden, oder Kampfroboter mit posttraumatischer Belastungsstörung? Warum werden die Maschinen immer menschlicher, aber die Menschen immer maschineller?

Ja, warum? Weil der Autor ein fantasievoller Mensch ist, der jede Menge originelle Ideen hat. In QualityLand haben die Menschen Nachnamen, die dem Beruf ihres Vaters entsprechen (z. B. Peter Arbeitsloser oder Martyn Aufsichtsrat-Stiftungspräsident-Berater-im-Präsidialamt-Vorstand). Die Drohnen von TheShop liefern ihre Produkte ohne Bestellung aus, denn sie wissen besser als ihre Kunden, was die wünschen. Und QualityPartner sucht die passenden Lebensgefährten – vorzugsweise solche, die die gleichen Qualitätspunkte aufweisen können. Eine wunderbare Satire auf unsere immer stärker von Internet und Algorithmen gesteuerte Welt.

Als Comic gibt die Geschichte allerdings wenig her. Zachary Tallent zaubert zwar immer die treffende Mimik in die Gesichter seiner Akteure, aber davon abgesehen sind die Zeichnungen langweilig und leer. Nun könnte man argumentieren, dass die stylische Hightech-Welt der Zukunft mit nach außen ebenso glatt polierten Fassaden daherkommt, aber es ist trotzdem arg wenig, was hier optisch geboten wird. Wahrscheinlich hat man mehr davon, wenn man den Roman liest. Wenn man allerdings bereits so internetgeschädigt ist, dass einen lange Texte überfordern und man bunte Bilder einfacher findet, kann man auch zum Comic greifen. Witzig ist er.

Zachary Tallent, Marc-Uwe Kling: QualityLand 1.1
176 Seiten, 18,- Euro, Voland & Quist, ISBN 978-3-863912-23-9

Update 2.6.2020: Inzwischen habe ich auch den Roman gelesen. Er ist tatsächlich die bessere Wahl.

Reiche Ernte

scheuer-reiche-ernteVerlagstext: Der legendäre Comic-Künstler Chris Scheuer, der für sein Werk mit dem „Max & Moritz-Preis“ in Erlangen und dem „Prix de Petit Genie“ in Paris ausgezeichnet wurde, gibt mit dem vorliegenden Album „Reiche Ernte“ sein eindrucksvolles Comeback ab. Zusammen mit dem Schriftsteller Matthias Bauer taucht Scheuer graphisch brillant in düstere Abgründe hinab und erschafft Geschichten, in denen nichts ist, wie es scheint. Ein Dorf, das ein Jahrhunderte altes Geheimnis verbirgt, ein KZ-Kommandant, der sich mit einem mysteriösen Gefangenen auseinandersetzen muss, ein Wissenschaftler, der den „Schatten“ verfällt – visuell herausragend, spannend und immer überraschend sind diese Storys, in denen der Tod eine buchstäblich reiche Ernte einbringt …

Endlich mal wieder ein Album von Chris Scheuer (Marie Jade, Sir Ballantime). Autor Matthias Bauer (Morbus Dei) hatte im Keller seiner Wohnung ein Manuskript mit Kurzgeschichten entdeckt, die er während seiner Studentenzeit geschrieben hatte. Sie gefielen ihm immer noch, und weil sie sehr visuell geschrieben waren und Bauer Comicfan ist, lag die Idee nahe: Weshalb keinen Comic daraus machen? Er erkundige sich bei der Redaktion der Sprechblase nach infrage kommenden Zeichnern, und kam so in Kontakt mit Scheuer.

Das Album ist der erste Band einer Trilogie und präsentiert fünf Geschichten, die allesamt im Mystery- und Horror-Genre angesiedelt sind. Manche stark, manche schwächer. Sehr originell kommt gleich die Eingangsstory Das Modell daher – die könnte sich auch E.A. Poe ausgedacht haben. Auf der anderen Seite präsentiert Bauer mit Schatten ein eher abgelutschtes Thema, dem er keine neuen Aspekte abgewinnen kann.

Scheuer hält die Bilder größtenteils schwarzweiß und setzt Farbe lediglich ein, um bestimmte Szenen zu betonen. Das kommt gut. Der Strich ist nicht so filigran wie bei Marie Jade. Die Zeichnungen wirken gelegentlich wie schnelle Entwürfe, wodurch sie gröber erscheinen, was den Geschichten allerdings eine enorme Dynamik gibt. Für Fans von Scheuer allemal empfehlenswert, und auch wer gerne Sachen von E.A. Poe, Richard Corben, Bernie Wrightson oder ähnlichen Autoren und Zeichnern liest, sollte mal reinschauen.

Chris Scheuer, Matthias Bauer: Reiche Ernte 1
72 Seiten, gebunden, 17,- Euro, Panini, ISBN 9783741614453

Schwarze Seerosen

cassegrain-schwarze-seerosenVerlagstext: Das Dorf Giverny ist im wahrsten Sinne des Wortes die malerischste Ecke der Normandie, denn seine Gärten inspirierten Claude Monet zu einigen seiner schönsten Werke. Doch die Vergangenheit von Giverny ist weniger idyllisch, als seine Bewohner zugeben wollen, und plötzlich erschüttert ein Mordfall die Gemeinde. Drei Frauen kreuzen den Weg des Ermittlers, der mit der Aufklärung des Falls beauftragt wurde: eine junge Malerin, eine verführerische Lehrerin und eine misstrauische Alte, die sich in ihrem Haus verschanzt hat. Aber welche kennt das Geheimnis der schwarzen Seerosen, jenes weltberühmten Gemäldes, das nach dem Mord spurlos verschwunden ist? Fred Duval und Didier Cassegrain adaptieren den Roman von Michel Bussi (»Das Mädchen mit den blauen Augen«) als eindringliche Kriminalgeschichte voller falscher Fährten und in impressionistischen Bildern, die einfach zum Schwelgen einladen.

Impressionistische Bilder, die zum Schwelgen einladen? Ja, die gibt es. Aber die dunkle, graugrünbraune Kolorierung vieler Seiten gibt dem Album eine irritierend depressive Atmosphäre, die so gar nicht zu der hellen und bunten Welt von Monets Seerosen passen will. Vor allem, wenn die Ermittler miteinander oder mit Zeugen reden geht das Licht in den Bildern aus. Davon abgesehen sind die Zeichnungen prima, und es gibt einige wunderhübsche Motive. Und ja – es gibt auch helle Seiten. Meist Szenen, die im Freien spielen. Wiesen, Flüsse, Landschaften – die kommen richtig gut.

Stark ist hier aber vor allem die fein gedrechselte Kriminalgeschichte. Man verdächtigt mal den einen, mal die andere, dabei war es… tja, da kommt ihr nie drauf. Ich weiß nicht, ob die Geschichte im Roman genauso erzählt wird, auf jeden Fall: Der dramaturgische Trick, zu unterschiedlichen Zeiten spielende Ereignisse auf der gleichen Zeitebene anzusiedeln, führt zu einem absolut verblüffenden Schluss. Wer einen raffinierten Krimi mit einer originellen – man muss schon sagen: genialen – Ausflösung lesen will, sollte zugreifen.

Top 10 2019

Didier Cassegrain , Fred Duval: Schwarze Seerosen
114 Seiten, gebunden, 35,- Euro, Splitter, ISBN 978-3-96219-372-0
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