Mühsam

bachmann-muehsamJa, dieses Album hätte Erich Mühsam gefallen. Er hätte mit Sicherheit Spaß dran gehabt, sich in Bildern wiederzufinden, die vom ersten bis zum letzten Strich an die Zeichnungen von Sfar erinnern und der Geschichte dadurch genau die leicht schräge und skurrile Atmosphäre verleihen, in der er gelebt hat. Verlagstext: Der junge Lübecker Poet und Anarchist Erich Mühsam (1878-1934) wird im Sommer 1910 von seinen besorgten Brüdern auf Kur in die Schweiz geschickt. Er findet sich dort in einem bürgerlichen und an seinen Talenten uninteressierten Umfeld wieder. Das Dichten fällt ihm schwer und sein Werben um eine hübsche Mitpatientin ist weitgehend erfolglos. Ständig plagen ihn Sexualität und Geldsorgen, während er darauf hofft, dass zumindest die bei ihm bestellten Chansontexte bezahlt werden.

Was Bachmann hier vorlegt, ist eine kleine Episode aus Mühsams Leben, die sich an den Tagebuchtexten des 1934 im KZ Oranienburg ermordeten Freigeistes orientieren. Die – sehr realistisch wirkenden – Dialoge stammen von Bachmann, der Erzähltext ist O-Ton Mühsam. Bachmann hat sich aus den umfangreichen Tagesbuchaufzeichnungen die Zeit in Château-d’OEx ausgesucht. Da war Mühsam 32 Jahre alt – ein vom bürgerlichen Literaturbetrieb nicht anerkannter Autor. Er schreibt Texte, schickt sie rum und kann sich mit den Ablehnungen die Wohnung tapezieren. Gelegentlich werden zwar welche angenommen, aber die Kohle dafür kommt nicht rüber, wie sie sollte.

Für mein Gefühl trifft Bachmann Charakter, Situation und Atmosphäre sehr genau. Fans von Erich Mühsam werden ihre Freude daran haben. Wer Mühsam nicht kennt, kann das Album auch als Comic über ein typisches Bohemeleben lesen. Und bekommt dadurch vielleicht Lust, sich näher mit diesem Menschen zu beschäftigen, der – mit Oskar Maria Graf, Lion Feuchtwanger, Heinrich Mann und anderen Künstlern der damaligen Zeit befreundet – einer der interessantesten Literaten und Anarchisten der 1920er und -30er Jahre Deutschlands war.

PS: Erich Mühsams Tagebücher werden im Verbrecher-Verlag publiziert. Man kann sie auch kostenlos online lesen.

Jan Bachmann: Mühsam – Anarchist in Anführungszeichen
96 Seiten, 19,- Euro, Edition Moderne, ISBN 978-3-03731-172-1
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Der Dschungel

Verlagstext: gehrmann-der-dschungelKristina Gehrmanns Begeisterung für historische Stoffe und ihre Zeichenfertigkeit brachten ihr schon für ihre erste Graphic Novel Im Eisland, die von der Franklin-Expedition handelt, den Deutschen Jugendliteraturpreis ein. Nun hat sie Upton Sinclairs Roman „Der Dschungel“ adaptiert.
Hoffnungsvoll kommt Ende des 19. Jahrhunderts eine litauische Auswandererfamilie in Amerika, dem Land ihrer Träume, an. Sie finden Arbeit in den Schlachthöfen von Chicago, aber nichts wird gut: Die hygienischen Zustände sind unbeschreiblich, Korruption scheint ein Naturgesetz zu sein, die Arbeitsbedingungen führen zum frühen Tod Erwachsener und Kinderarbeit wird für die Familie überlebensnotwendig.
Das Buch zeigt deutlich wie unsere Industriegesellschaft aussah, bevor es Errungenschaften wie Krankenkassen, Schulpflicht, Renten u.ä. gab. Und es erinnert durchaus an die aktuellen Zustände in Niedriglohnländern.

Gehrmann erzählt die – im Original doch sehr komplexe – Geschichte geradlinig und zielstrebig über fast 400 Seiten, ohne sich in Nebenkriegsschauplätze zu verirren. Das Elend und die Unmöglichkeit, im Rahmen der bestehenden Strukturen etwas zu ändern, wird sehr klar. Wie bereits in Eisland zeichnet sie mit nüchternem, präzisen Strich. Das haut grafisch nicht vom Hocker, aber Mimik und Gesichter ihrer Protagonisten fängt sie prima ein.

Von den in Sinclairs Roman geschilderten Lebensbedingungen sind wir nicht weit entfernt. Man muss sich nur die – im Grunde rechtlosen – Migranten ansehen, die in spanischen Gewächshäusern für einen Hungerlohn schuften. Und auch in Deutschland arbeitet inzwischen fast jeder Vierte wieder in prekären Verhältnissen. Schon heftig, dass man die soziale Realität des Jahres 2018 aus einem Roman des Jahres 1899 herauslesen kann. Es scheint, als würden wir uns wieder genau da hin bewegen. Sinclairs Dschungel hat damit leider nichts von seiner Aktualität verloren.

Kristina Gehrmann, Upton Sinclair: Der Dschungel
384 SW-Seiten, gebunden, 28,- Euro, Carlsen, ISBN 978-3-551-71438-1

Brodecks Bericht

larcenet-brodeckFinster. Absolut finster. Aber leider genial. Was Larcenet hier vorlegt ist zweifelsfrei große Kunst und eins der besten Alben des Jahres 2017. Leider ist es auch eins der finstersten. Was in seinem Vierteiler Blast schon düster genug daher kam, wird mit dieser Adaption von Philippe Claudels gleichnamigen Roman noch getoppt. Depressiven Menschen kann man von der Lektüre nur abraten, denn wer sich fragt, ob er aus dem Fenster springen und seinem Leben ein Ende setzen soll, wird hier wenig Argumente finden, es nicht zu tun.

Ausgangssituation ist der Lynchmord an einem Mann, der als Fremder in das abgelegene Dorf kommt, in dem Brodeck selbst ein Zugezogener ist. Aber Brodeck, der gelegentlich Berichte für kommunale Behörden schreibt, soll, das wird ihm von dem Lynchmob aufgetragen, einen Bericht über den Mord verfassen, der die Mörder entlastet. Nicht, dass Brodeck darauf Lust hätte. Doch die Konsequenz einer Weigerung ist angesichts des Toten glasklar.

Man kann das Album als Krimi lesen. Oder als Geschichte darüber, wie Menschen in abgelegenen, isolierten Gegenden mit allem Unbekanntem und Fremdem umgehen. Eine durch und durch reaktionäre Gemeinschaft, die außer der eigenen keine andere Sichtweise duldet, und in der Konsequenz alles ausrottet, was andersartig ist. Von Larcenet in düsteren Schwarzweiß-Bildern zu Papier gebracht: Menschen mit Gesichtern, die genauso schroff, kantig und abweisend wirken, wie die Wälder und Felswände, die das Dorf umgeben. Beklemmend genial. Aber man fühlt sich nicht gut, nachdem man dieses Album gelesen hat. Wirklich nicht.

Top 10 2017Manu Larcenet, Philippe Claudel: Brodecks Bericht
328 SW-Seiten, gebunden, 39,- Euro, Reprodukt, ISBN 978-3-95640-132-9
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