Die Stadt der träumenden Bücher

biege-stadt-der-traeumenden-buecherWalter Moers ist ein Comiczeichner, der auch Bücher schreibt. Sein fantastischer Abenteuerroman Die Stadt der träumenden Bücher wurde in diverse Sprachen übersetzt und liegt jetzt auch als Comicadaption vor. Darin entwickeln die Bücher ein Eigenleben. Man darf ihnen nicht trauen – manche von ihnen sind sogar tödlich. Doch der junge Dichter Hildegunst von Mythenmetz macht sich auf die Suche nach dem Verfasser eines geheimnisvollen Manuskripts. Er möchte den Autor in den dunklen unterirdischen Labyrinthen der Stadt finden, wo sich viele Bücher versteckt halten, begegnet dort aber vor allem vielen unheimlichen Gestalten.

Nach Skizzen von Moers hat Florian Biege die Geschichte in wahrhaft opulente Bilder umgesetzt. Manchmal etwas zu glatt, manches schön bis zum Kitsch, dann wieder atmosphärisch dichte Doppelseiten, auf denen es viel zu entdecken gibt. Biege hat schon in seinem Schwarzweiß-Album Im Bann der Hexer gezeigt, dass er Akzente mit Licht setzten kann. Hier kommt noch Farbe dazu, und auch da hat er ein sicheres Händchen für augenstreichelnde Kolorierungen.

Inhaltlich ein – allen darin vorkommenden Monstern zum Trotz – eher harmloses, aber originell erzähltes, liebevoll gemachtes und schön bebildertes Gruselabenteuer. Band 1 (88 Comicseiten, der Rest ist erläuternder Anhang) ist gerade erschienen, der abschließende Band 2 ist für Januar angekündigt.

Florian Biege, Walter Moers: Die Stadt der träumenden Bücher 1
112 Seiten, gebunden, 25,- Euro, Knaus, ISBN: 978-3-8135-0501-6

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Der nasse Fisch

jysch-der-nasse-fischDas sieht ziemlich gut aus, was Arne Jysch hier abliefert. Nach seinem Album Wave and smile, das mehr ein Propagandaband für Bundeswehreinsätze im Ausland als ein Antikriegscomic geworden ist, hat Jysch sich diesmal darauf beschränkt, einfach nur Zeichner zu sein. Und zeichnen, das kann er. Noch dazu in Schwarzweiß, wo man eventuelle handwerkliche Unzulänglichkeiten nicht einfach unter tollen Farben verstecken kann.

Die Story kommt von Volker Kutscher. Der hat eine ganze Reihe von Kriminalromanen geschrieben, die allesamt zur Zeit der Weimarer Republik spielen. Hauptfigur auch des ersten Bandes, den Jysch hier adaptiert, ist Kommissar Gereon Rath. Rath wurde von der Mordkommission Köln zur Sitte nach Berlin versetzt. Nicht eben ein Aufstieg, aber für die Versetzung gibt es Gründe. Nun hat die Reichshauptstadt im Jahr 1929 einiges an Amüsement zu bieten, und wer im Sittendezernat arbeitet, hat viele Möglichkeiten, das zu nutzen. Rath will aber lieber wieder zur Mordkommission.

Deren Mitarbeiter schlagen sich nicht nur mit rivalisierenden Banden rum, sondern müssen auch in den Auseinandersetzungen zwischen militanten Kommunisten und der aufkommenden Nazibewegung den Überblick behalten. Und gerade jetzt liegen einige Leichen in der Gegend rum, deren Zuordnung selbst dem erfahrenen Leiter der Mordkommission Rätsel aufgibt. Ob Rath da eine Chance hat? Die Story ist im Grunde nicht mehr als ein klassischer Krimi, gewinnt aber durch das historische Ambiente viel an Atmosphäre. Und die bringt Jysch mit seinen Bildern klasse auf die Seiten.

Arne Jysch, Volker Kutscher: Der nasse Fisch
216 Seiten , gebunden, 17,99 Euro, Carlsen, ISBN 978-3-551-78248-9

Martin Eden

samana-martin-edenNach etlichen Verfilmungen, unter anderem mit Glenn Ford in der Titelrolle (1942), gibt es den 1909 erschienenen, teilweise autobiografischen Roman von Jack London jetzt auch als Graphic Novel. Und man muss sagen, die ist wirklich gelungen.

London erzählt die Geschichte eines jungen Mannes (Martin) aus einfachen Verhältnissen, der durch Zufall eine Frau (Ruth) aus der bürgerlichen Gesellschaft kennenlernt. Martin hat ihrem Bruder bei einer Kneipenschlägerei beigestanden. Als er zu ihnen zum Essen eingeladen wird, entdeckt er die vielen Bücher, die die Familie im Wohnzimmer stehen hat und ist fasziniert von der Vielfalt der Literatur. Martin fühlt sich davon sofort angesprochen. Er vergräbt sich in der städtischen Bibliothek, um sich weiterzubilden. Denn neben der Literatur hat er sich an diesem Abend auch in Ruth verliebt – und ein unbewusstes Gefühl sagt ihm, dass der Weg zu ihr, der einem simplen Arbeiter in der Regel versperrt ist, vor allem über Literatur und Bildung führt.

Schließlich fängt Martin selbst an zu schrieben. Er will sich nicht mehr als Seemann oder Arbeiter verdingen – er will für Zeitungen arbeiten und davon leben können. Doch alle Arbeiten, die er an Verlage und Redaktionen schickt, werden mit schöner Regelmäßigkeit abgelehnt. Ob das seine sich langsam entwickelnde Beziehung zu Ruth überstehen wird?

London thematisiert hier den Standesunterschied zwischen unterschiedlichen gesellschaftlichen Klassen, der gegen Ende des 19. Jahrhunderts noch um einige Grade unüberbrückbarer war als heute. Denis Lapière hat den Roman mit sehr viel Feingefühl adaptiert, und die Pariser Zeichnerin Aude Samama präsentiert ihre Bilder in einem, wie der Verlag es nennt, malerisch-expressionistischen Stil, der viel Raum für die Augen lässt. Man kann das Album als gesellschaftskritische Story, aber auch als reine Liebesgeschichte lesen. Beides kommt prima.

Aude Samama, Denis Lapière, Jack London: Martin Eden
176 Seiten, gebunden, 22,- Euro, Knesebeck, ISBN 978-3-95728-049-7