Verwandlung

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Nein, es geht hier nicht um Gregor Samsa, diese tragische Figur aus Kafkas Erzählung Die Verwandlung. Hier geht es um eine weniger bekannte Novelle der Frankenstein-Autorin Mary Shelley: Ein ausgestoßener, mittelloser, junger Mann wird Zeuge eines Schiffsunglücks an der Küste der Riviera. Aus dem Wrack rettet sich nur ein missgestalteter Zwerg mit einer Seekiste. Der junge Mann klagt ihm sein Leid und der Zwerg bietet ihm einen seltsamen Tausch an: Wenn er für drei Tage die schöne Gestalt des jungen Mannes annehmen darf, so bekommt dieser zur Belohnung den Schatz, der sich in der Seekiste befindet. Der junge Mann willigt ein, doch nach drei Tagen ist der Zwerg noch nicht zurückgekehrt. Im Körper des Zwergs folgt er dessen Spur und stößt auf immer mehr Vorzeichen einer nahenden Katastrophe … (Verlagstext)

Was man in seiner Verzweiflung so alles annimmt. Dabei weiß doch jeder, der Märchenbücher oder Börsennachrichten liest, dass großzügige Angebote immer böse enden. Doch die Verzweiflung lässt den jungen Dandy zu jedem Strohhalm greifen, denn er ist verliebt – und was (für ihn) schlimmer ist: Er ist ruiniert. Als Erbe eines reichen Vaters hatte er viel Geld. Doch das Lotterleben in den Pariser Bars hat mehr gekostet, als er am Ende aufbringen konnte. Und ohne Kohle braucht er sich bei der Dame seines Herzens nicht blicken lassen – und bei ihrem Vater schon gar nicht.

Die freischaffende Illustratorin Lara Swiontek hat mit dieser Graphic Novel ihre Diplomarbeit an der Hochschule Wismar abgelegt. Sie gibt den Bildern viel Raum, strukturiert die Geschichte gut, geht angenehm sparsam mit Text um und zeichnet den Zwerg so zerknittert, dass man die Leiden des jungen Mannes nachvollziehen kann. Dazu entwickelt sie viele grafische Ideen, zieht Bilder auch mal über zwei Seiten und hält sich nicht an die konventionelle Panelaufteilung. Die Geschichte ist weder so schaurig wie Frankenstein und steckt lange nicht so voller Verzweiflung wie die von Kafka, wird aber spannend erzählt und liest sich sehr flüssig. Und die abwechslungsreiche Grafik macht Lust auf weitere Comics von dieser Zeichnerin.

Lara Swiontek, Mary Shelley: Verwandlung
192 Seiten, gebunden, 26,- Euro, avant, ISBN 978-3-96445-061-6
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Bartleby, der Schreiber + Moby Dick

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Zwei starke Adaptionen von Geschichten des US-Autors Herman Melville (1819 – 1891). In einem Büro an der Wall Street wird ein junger Mann als Schreibhilfe eingestellt. Sein Name ist Bartleby, und als gewissenhafter, strebsamer und unermüdlicher Angestellter ist er beliebt bei Arbeitgeber und Kollegen gleichermaßen. Doch aus heiterem Himmel verweigert Bartleby sich jeder weiteren Arbeit mit der höflichen Begründung: »Ich möchte lieber nicht«. Und er weigert sich nicht nur zu arbeiten, schon bald verlässt er auch das Büro nicht mehr… (Verlagstext).

Warum weigert er sich? Melville schrieb diese Geschichte als eine Art Parabel auf einen expandierenden Kapitalismus, der Menschen lediglich auf ihre gewinnbringenden Funktionen degradiert. So beginnt das Album auch mit einem Auszug aus Henry David Thoreaus Essay Pflicht zum Ungehorsam: Die Masse der Menschen dient dem Staat, nicht jedoch in erster Linie als Menschen, sondern als Maschinen… Bartleby will sich dieser reinen Funktionalität verweigern. Nicht wild und gewalttätig, sondern ruhig, aber entschlossen.

Die grafische Umsetzung übernimmt hier José Luis Munuera, der nicht nur Spirou-Alben bebildert, sondern auch den ebenso schönen wie schaurigen Fantasy Das Zeichen des Mondes in Szene gesetzt hat. Im vorliegenden Album zeigt er wieder seine Vorliebe für großzügige Seitenaufteilungen und große Figuren. Und weil in diesem Album viel spazieren gegangen wird, gibt es auch schöne Stadtansichten von New York. Für Literatur- und Comicfans gleichermaßen interessant.

José Luis Munuera, Herman Melville: Bartleby, der Schreiber
Aus dem Französischen von Tanja Krämling
72 Seiten, gebunden, 18,- Euro, Splitter, ISBN 978-3-96792-168-7
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Melvilles Moby Dick scheint ein Lieblingsbuch von Comiczeichnern zu sein. Es gibt Adaptionen von Pierre Alary, von Christophe Chabouté und – eine ausführlichere – von Isaac Wens. Jetzt also auch Bill Sienkiewicz, und es dürfte keine Überraschung sein, dass das die abgefahrenste von allen ist (wobei die anderen auch nicht schlecht sind). Die Geschichte ist bekannt: Kapitän Ahab jagt den großen Wal, der ihm vor Jahren ein Bein abgebissen hat. Und wo ist hier der Unterschied zu den anderen Adaptionen?

Mit seiner Fassung von Melvilles Meisterwerk »Moby Dick« beweist der legendäre Comic-Künstler Bill Sienkiewicz seinerseits eine unerreichte Meisterschaft der Neunten Kunst. Scheinbar spielerisch oszilliert er zwischen Karikatur und Realismus, zwischen Montagetechnik und Schraffur und verleiht seiner Reduktion des literarischen Stoffes einen unwiderstehlichen Sog. Soweit der Verlagstext, dem man inhaltlich rundum zustimmen kann (von dem verschwenderischen Umgang mit Adjektiven einmal abgesehen).

Wobei der mit diversen Preisen geehrte Sienkiewicz kein Comiczeichner im eigentlichen Sinne ist – er ist mehr Illustrator. So gibt es in diesem Album keinerlei Interaktion zwischen den Figuren, weder Sprechblasen, noch Panels. Es gibt einen erzählenden Fließtext, der in kleinen Happen in, über, unter und zwischen die Illustrationen gelegt wird, mit denen der US-Amerikaner die Geschichte bebildert. Diese Illustrationen sind es, die den Reiz dieses Albums ausmachen. Im Grunde könnten die meisten von ihnen für sich alleine stehen. Klasse konzipiert und stark layoutet, und zusammen mit den anderen Adaptionen ein Beispiel dafür, wie unterschiedlich man literarische Vorlagen grafisch interpretieren kann, ohne dass eine schlechter wäre als die andere.

Bill Sienkiewicz, Herman Melville: Moby Dick
Aus dem amerikanischen Englisch von Gerlinde Althoff
48 Seiten, gebunden, 16,- Euro, Splitter, ISBN 978-3-96792-167-0
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Der Augensammler + Contrapaso

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Zwei rasante neue Krimis bei Splitter. Fangen wir mit Sebastian Fitzeks Augensammler an, den Frank Schmolke in seiner gewohnten Art als Graphic Novel adaptiert hat. Verlagstext: Er tötet deine Frau, er entführt dein Kind, er stellt dir ein Ultimatum. Und erfüllst du es nicht, erweitert er seine grausige Sammlung: Der Serienmörder, den die Boulevardzeitungen den »Augensammler« nennen, hält Berlin in Atem. Die blinde Physiotherapeutin Alina Gregoriev und der abgehalfterte Ex-Polizist Alexander Zorbach sind die einzigen, die eine brauchbare Fährte haben. Und Zorbach steckt bereits tiefer in der Sache, als ihm lieb ist…

Schon Schmolkes Alben Freaks und Trabanten waren fetzig gezeichnet. In dieser Adaption legt er noch eine Schippe drauf. Es jagt den Leser auf der Suche nach dem Frauenmörder über die Seiten, bringt durch das Layout viel Tempo in seine Bilder und sorgt mit einer düsteren Kolorierung für die treffende Atmosphäre. Wenn bei ihm der Fahrstuhl nach unten fährt möchte man mit Sicherheit nicht einsteigen, weil man weiß, dass da nichts Gutes wartet.

Was mich an seinen Alben bislang gestört hat war die meist unnötige Übertreibung der Story. Auch in dieser Geschichte von Fitzek wirkt der Plot am Ende ziemlich konstruiert. Zeichnerisch ist Der Augensammler allerdings mit Sicherheit Schmolkes bisher bestes Album, noch dazu in einem sehr wertig produzierten Band, dessen Vorzugsausgabe (immerhin 1.000 Exemplare) bereits jetzt als verlagsvergriffen gemeldet wird. Wer sich eventuelle Rückläufer sichern möchte, sollte schnell reagieren.

Frank Schmolke, Sebastian Fitzek: Der Augensammler
200 Seiten, gebunden, 35,- Euro, Splitter, ISBN 978-3-96792-177-9
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Auch in Contrapaso geht es um Frauen und verschwundene Kinder. Madrid, Februar 1956. Emilio Sanz ist ein hartgesottener Journalist alter Schule. Selbst die bestialischen Frauenmorde, welche die spanische Hauptstadt seit langem in Atem halten, können ihn nicht erschüttern. Was ihn erschüttert, ist die brutale Zensur der Presse unter dem Franco-Regime, eine Zensur, die er auch mit Ironie, Subversion und Whiskey nicht mehr ertragen kann… Der smarte Léon Lenoir ist trotz seiner Jugend bereits ein bekannter Reporter. Familiäre Gründe führen ihn aus Frankreich zurück in seine alte Heimat Spanien, wo er mit dem Veteranen Sanz zusammenarbeiten soll. Gemeinsam macht sich das ungleiche Duo daran, die Mordserie zu untersuchen. Sie merken jedoch schnell, dass Menschenleben in einem absolutistischen Polizeistaat nicht viel wert sind…

Teresa Valero erzählt in ihrem Album eine erfundene Geschichte. Dabei geht es nicht allgemein um Kinder. Die Kinder der einen bekleckern sich zwar während des Studiums gerne mit revolutionären Sprüchen, machen aber später bei Papa in der Firma Karriere und keine Probleme mehr. Es sind die Kinder der anderen, die mir Kopfschmerzen bereiten, erklärt der vernehmende Polizist Léon, bevor er ihn mit dem Kopf gegen die Wand knallt. Und dann sind da noch die Experimente, die man hinter verschlossenen Türen in angeblichen Heilanstalten mit Frauen anstellt.

Valero lockt den Leser in ihrer komplex aufgebauten Story auf einige falsche Fährten und mischt das Leben im faschistischen Nachkriegsspanien mit einem Thriller, der an Spannung nichts zu wünschen übrig lässt. Dabei sind ihre Zeichnungen so klasse (und Details wie Häuser, Inneneinrichtung, usw. exakt recherchiert), dass man sich fragt, weshalb bislang keine weiteren Alben von ihr in deutscher Übersetzung vorliegen. Aber das kann ja noch werden…

Teresa Valero: Contrapaso – Die Kinder der Anderen
Übersetzung Harald Sachse
152 Seiten, gebunden, 25,- Euro, Splitter, ISBN 978-3-96792-173-1
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