Reiche Ernte

scheuer-reiche-ernteVerlagstext: Der legendäre Comic-Künstler Chris Scheuer, der für sein Werk mit dem „Max & Moritz-Preis“ in Erlangen und dem „Prix de Petit Genie“ in Paris ausgezeichnet wurde, gibt mit dem vorliegenden Album „Reiche Ernte“ sein eindrucksvolles Comeback ab. Zusammen mit dem Schriftsteller Matthias Bauer taucht Scheuer graphisch brillant in düstere Abgründe hinab und erschafft Geschichten, in denen nichts ist, wie es scheint. Ein Dorf, das ein Jahrhunderte altes Geheimnis verbirgt, ein KZ-Kommandant, der sich mit einem mysteriösen Gefangenen auseinandersetzen muss, ein Wissenschaftler, der den „Schatten“ verfällt – visuell herausragend, spannend und immer überraschend sind diese Storys, in denen der Tod eine buchstäblich reiche Ernte einbringt …

Endlich mal wieder ein Album von Chris Scheuer (Marie Jade, Sir Ballantime). Autor Matthias Bauer (Morbus Dei) hatte im Keller seiner Wohnung ein Manuskript mit Kurzgeschichten entdeckt, die er während seiner Studentenzeit geschrieben hatte. Sie gefielen ihm immer noch, und weil sie sehr visuell geschrieben waren und Bauer Comicfan ist, lag die Idee nahe: Weshalb keinen Comic daraus machen? Er erkundige sich bei der Redaktion der Sprechblase nach infrage kommenden Zeichnern, und kam so in Kontakt mit Scheuer.

Das Album ist der erste Band einer Trilogie und präsentiert fünf Geschichten, die allesamt im Mystery- und Horror-Genre angesiedelt sind. Manche stark, manche schwächer. Sehr originell kommt gleich die Eingangsstory Das Modell daher – die könnte sich auch E.A. Poe ausgedacht haben. Auf der anderen Seite präsentiert Bauer mit Schatten ein eher abgelutschtes Thema, dem er keine neuen Aspekte abgewinnen kann.

Scheuer hält die Bilder größtenteils schwarzweiß und setzt Farbe lediglich ein, um bestimmte Szenen zu betonen. Das kommt gut. Der Strich ist nicht so filigran wie bei Marie Jade. Die Zeichnungen wirken gelegentlich wie schnelle Entwürfe, wodurch sie gröber erscheinen, was den Geschichten allerdings eine enorme Dynamik gibt. Für Fans von Scheuer allemal empfehlenswert, und auch wer gerne Sachen von E.A. Poe, Richard Corben, Bernie Wrightson oder ähnlichen Autoren und Zeichnern liest, sollte mal reinschauen.

Chris Scheuer, Matthias Bauer: Reiche Ernte 1
72 Seiten, gebunden, 17,- Euro, Panini, ISBN 9783741614453

Schwarze Seerosen

cassegrain-schwarze-seerosenVerlagstext: Das Dorf Giverny ist im wahrsten Sinne des Wortes die malerischste Ecke der Normandie, denn seine Gärten inspirierten Claude Monet zu einigen seiner schönsten Werke. Doch die Vergangenheit von Giverny ist weniger idyllisch, als seine Bewohner zugeben wollen, und plötzlich erschüttert ein Mordfall die Gemeinde. Drei Frauen kreuzen den Weg des Ermittlers, der mit der Aufklärung des Falls beauftragt wurde: eine junge Malerin, eine verführerische Lehrerin und eine misstrauische Alte, die sich in ihrem Haus verschanzt hat. Aber welche kennt das Geheimnis der schwarzen Seerosen, jenes weltberühmten Gemäldes, das nach dem Mord spurlos verschwunden ist? Fred Duval und Didier Cassegrain adaptieren den Roman von Michel Bussi (»Das Mädchen mit den blauen Augen«) als eindringliche Kriminalgeschichte voller falscher Fährten und in impressionistischen Bildern, die einfach zum Schwelgen einladen.

Impressionistische Bilder, die zum Schwelgen einladen? Ja, die gibt es. Aber die dunkle, graugrünbraune Kolorierung vieler Seiten gibt dem Album eine irritierend depressive Atmosphäre, die so gar nicht zu der hellen und bunten Welt von Monets Seerosen passen will. Vor allem, wenn die Ermittler miteinander oder mit Zeugen reden geht das Licht in den Bildern aus. Davon abgesehen sind die Zeichnungen prima, und es gibt einige wunderhübsche Motive. Und ja – es gibt auch helle Seiten. Meist Szenen, die im Freien spielen. Wiesen, Flüsse, Landschaften – die kommen richtig gut.

Stark ist hier aber vor allem die fein gedrechselte Kriminalgeschichte. Man verdächtigt mal den einen, mal die andere, dabei war es… tja, da kommt ihr nie drauf. Ich weiß nicht, ob die Geschichte im Roman genauso erzählt wird, auf jeden Fall: Der dramaturgische Trick, zu unterschiedlichen Zeiten spielende Ereignisse auf der gleichen Zeitebene anzusiedeln, führt zu einem absolut verblüffenden Schluss. Wer einen raffinierten Krimi mit einer originellen – man muss schon sagen: genialen – Ausflösung lesen will, sollte zugreifen.

Didier Cassegrain , Fred Duval: Schwarze Seerosen
114 Seiten, gebunden, 35,- Euro, Splitter, ISBN 978-3-96219-372-0
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Nada

cabanes-nadaVerlagstext: Eine sechsköpfige, linksextreme Terrorgruppe, die zu Beginn der 70er Jahre in Paris einen wagemutigen Plan fasst: Sie werden den amerikanischen Botschafter kidnappen. Während er ein einschlägiges Rotlicht-Etablissement besucht, schlagen sie zu. Und es läuft wie am Schnürchen. Doch die Probleme fangen damit erst an, denn sofort beginnt eine gnadenlose Jagd auf die »Anarchisten«. Und das bestenfalls brüchige Bündnis der sechs Aktivisten droht unter dem Druck zu zerbersten. Max Cabanes ist durch seinen unverwechselbaren, expressiven Stil in Frankreich ein echter Star der Comicszene und auch hierzulande schon seit seinen (leicht frivolen) Kindheits- und Jugenderinnerungen in »Herzklopfen« ein Begriff. »Nada«, seine dritte Adaption eines Werkes von Krimi-Romancier Jean-Patrick Manchette (1974 von Claude Chabrol auch schon verfilmt), ist ein neuerliches Beispiel für Cabanes‘ Kunstfertigkeit, nun endlich im angemessenen Großformat – ein packender Noir-Thriller, der seinesgleichen sucht.

Erfreulich, dass es ein Album von Cabanes mal wieder nach Deutschland geschafft hat. Der Mann kann ebenso gut erzählen wie zeichnen und hat seinen Stil seit Herzklopfen und Die Zeit der Halbstarken, die in den 1990er Jahren bei Carlsen erschienen sind, weiterentwickelt. Weniger glatt und figurativ wie in den genannten Bänden (und die waren schon klasse), zu einem mehr gescribbelten Strich mit viel Dynamik – so kommt Nada rüber. Und das passt.

Die Story lebt von den Widersprüchen, die durch die unterschiedlichen politischen Ansichten der Entführer entstehen, und von Kommissar Zufall, der ihrem Plan fett in die Suppe spuckt. Für Action ist gesorgt, Anleihen an die typischen französischen Noir-Filme gibt es reichlich, die Dialoge halten sich nicht mit Nebensächlichkeiten auf – ein fetziges und klasse gezeichnetes Album mit originellen Schluss. Das einzige, was nervt, sind die gelegentlich etwas hölzern wirkenden Erzähltexte.

Max Cabanes, Jean-Patrick Manchette, Doug Headline: Nada
192 Seiten, gebunden, 35,- Euro, Splitter, ISBN: 978-3-96219-296-9
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