Der nasse Fisch

jysch-der-nasse-fischDas sieht ziemlich gut aus, was Arne Jysch hier abliefert. Nach seinem Album Wave and smile, das mehr ein Propagandaband für Bundeswehreinsätze im Ausland als ein Antikriegscomic geworden ist, hat Jysch sich diesmal darauf beschränkt, einfach nur Zeichner zu sein. Und zeichnen, das kann er. Noch dazu in Schwarzweiß, wo man eventuelle handwerkliche Unzulänglichkeiten nicht einfach unter tollen Farben verstecken kann.

Die Story kommt von Volker Kutscher. Der hat eine ganze Reihe von Kriminalromanen geschrieben, die allesamt zur Zeit der Weimarer Republik spielen. Hauptfigur auch des ersten Bandes, den Jysch hier adaptiert, ist Kommissar Gereon Rath. Rath wurde von der Mordkommission Köln zur Sitte nach Berlin versetzt. Nicht eben ein Aufstieg, aber für die Versetzung gibt es Gründe. Nun hat die Reichshauptstadt im Jahr 1929 einiges an Amüsement zu bieten, und wer im Sittendezernat arbeitet, hat viele Möglichkeiten, das zu nutzen. Rath will aber lieber wieder zur Mordkommission.

Deren Mitarbeiter schlagen sich nicht nur mit rivalisierenden Banden rum, sondern müssen auch in den Auseinandersetzungen zwischen militanten Kommunisten und der aufkommenden Nazibewegung den Überblick behalten. Und gerade jetzt liegen einige Leichen in der Gegend rum, deren Zuordnung selbst dem erfahrenen Leiter der Mordkommission Rätsel aufgibt. Ob Rath da eine Chance hat? Die Story ist im Grunde nicht mehr als ein klassischer Krimi, gewinnt aber durch das historische Ambiente viel an Atmosphäre. Und die bringt Jysch mit seinen Bildern klasse auf die Seiten.

Arne Jysch, Volker Kutscher: Der nasse Fisch
216 Seiten , gebunden, 17,99 Euro, Carlsen, ISBN 978-3-551-78248-9

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Martin Eden

samana-martin-edenNach etlichen Verfilmungen, unter anderem mit Glenn Ford in der Titelrolle (1942), gibt es den 1909 erschienenen, teilweise autobiografischen Roman von Jack London jetzt auch als Graphic Novel. Und man muss sagen, die ist wirklich gelungen.

London erzählt die Geschichte eines jungen Mannes (Martin) aus einfachen Verhältnissen, der durch Zufall eine Frau (Ruth) aus der bürgerlichen Gesellschaft kennenlernt. Martin hat ihrem Bruder bei einer Kneipenschlägerei beigestanden. Als er zu ihnen zum Essen eingeladen wird, entdeckt er die vielen Bücher, die die Familie im Wohnzimmer stehen hat und ist fasziniert von der Vielfalt der Literatur. Martin fühlt sich davon sofort angesprochen. Er vergräbt sich in der städtischen Bibliothek, um sich weiterzubilden. Denn neben der Literatur hat er sich an diesem Abend auch in Ruth verliebt – und ein unbewusstes Gefühl sagt ihm, dass der Weg zu ihr, der einem simplen Arbeiter in der Regel versperrt ist, vor allem über Literatur und Bildung führt.

Schließlich fängt Martin selbst an zu schrieben. Er will sich nicht mehr als Seemann oder Arbeiter verdingen – er will für Zeitungen arbeiten und davon leben können. Doch alle Arbeiten, die er an Verlage und Redaktionen schickt, werden mit schöner Regelmäßigkeit abgelehnt. Ob das seine sich langsam entwickelnde Beziehung zu Ruth überstehen wird?

London thematisiert hier den Standesunterschied zwischen unterschiedlichen gesellschaftlichen Klassen, der gegen Ende des 19. Jahrhunderts noch um einige Grade unüberbrückbarer war als heute. Denis Lapière hat den Roman mit sehr viel Feingefühl adaptiert, und die Pariser Zeichnerin Aude Samama präsentiert ihre Bilder in einem, wie der Verlag es nennt, malerisch-expressionistischen Stil, der viel Raum für die Augen lässt. Man kann das Album als gesellschaftskritische Story, aber auch als reine Liebesgeschichte lesen. Beides kommt prima.

Aude Samama, Denis Lapière, Jack London: Martin Eden
176 Seiten, gebunden, 22,- Euro, Knesebeck, ISBN 978-3-95728-049-7

Die Schachnovelle

humeau-schachnovelleSensorische Deprivation, also der Entzug von sinnlichen Reizen, ist eine Form von Folter, die das Gehirn dazu bringt, sein Innerstes nach außen zu projizieren, denn wenn es keine neuen Eindrücke mehr bekommt, kann es sich nur noch mit sich selbst beschäftigen. Sensorische Deprivation wird auch als Isolationsfolter bezeichnet und nicht nur in finsteren Diktaturen eingesetzt. Die USA nutzten es u.a. im Koreakrieg, um Geständnisse zu erpressen, und in den 1970er und 80er Jahren wurden die politischen Gefangenen in der BRD gegen die Proteste von Amnesty International und anderen Menschenrechtsorganisationen immer wieder dieser Form von Gehirnwäsche unterzogen.

Wie das funktioniert, hat Stefan Zweig 1941 in seiner Schachnovelle beschrieben. Herr B. wird darin von der Gestapo in einem fensterlosen Raum sich selbst überlassen. Bereits nach wenigen Tagen stellen sich erste Symptome ein: Die Langeweile und die Einsamkeit marterten mich. Ich glitt immer tiefer und unerbittlicher hinein in einen schwarzen Abgrund. Sekunde für Sekunde. Stunde für Stunde. Um nicht völlig durchzudrehen, beginnt er schließlich, im Geiste fiktive Schachpartien zu spielen. Als er nach seiner Gefangenschaft während einer Schiffsreise auf den Schachweltmeister trifft, brechen die Erinnerungen, und damit die alten Wunden, wieder auf.

Thomas Humeau hat diese Novelle als Comic adaptiert, und das Ergebnis ist großartig. Zunächst hat er den Ingenieur McConnor, der bei Zweig den Weltmeister unbeabsichtigt mit B. zusammenbringt, gegen Emma, die 24jährige Tochter des Kapitäns, ausgetauscht. Das bringt ein bisschen mehr Esprit in die Geschichte. Die wiederum erzählt er mit Bildern, die einfach nur klasse sind. Ob feudaler Ball auf dem Kreuzfahrtschiff oder monotone Zelle im Nazigefängnis – Humeau schafft es immer, die richtige Atmosphäre auf die Seiten zu zaubern, wozu nicht zuletzt die abwechslungsreiche Kolorierung beiträgt. Eine wunderschöne Literaturadaption, die auch dann funktioniert, wenn man Zweigs Original nicht gelesen hat, denn auch die Erzählstruktur ist hier vom Feinsten. Nur mit den Lippenbewegungen beim Sprechen haben es seine Figuren nicht so.

Thomas Humeau, Stefan Zweig: Die Schachnovelle
128 Seiten, gebunden, 22,00 Euro, Knesebeck, ISBN 978-3-86873-965-7
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