Brodecks Bericht

larcenet-brodeckFinster. Absolut finster. Aber leider genial. Was Larcenet hier vorlegt ist zweifelsfrei große Kunst und eins der besten Alben des Jahres 2017. Leider ist es auch eins der finstersten. Was in seinem Vierteiler Blast schon düster genug daher kam, wird mit dieser Adaption von Philippe Claudels gleichnamigen Roman noch getoppt. Depressiven Menschen kann man von der Lektüre nur abraten, denn wer sich fragt, ob er aus dem Fenster springen und seinem Leben ein Ende setzen soll, wird hier wenig Argumente finden, es nicht zu tun.

Ausgangssituation ist der Lynchmord an einem Mann, der als Fremder in das abgelegene Dorf kommt, in dem Brodeck selbst ein Zugezogener ist. Aber Brodeck, der gelegentlich Berichte für kommunale Behörden schreibt, soll, das wird ihm von dem Lynchmob aufgetragen, einen Bericht über den Mord verfassen, der die Mörder entlastet. Nicht, dass Brodeck darauf Lust hätte. Doch die Konsequenz einer Weigerung ist angesichts des Toten glasklar.

Man kann das Album als Krimi lesen. Oder als Geschichte darüber, wie Menschen in abgelegenen, isolierten Gegenden mit allem Unbekanntem und Fremdem umgehen. Eine durch und durch reaktionäre Gemeinschaft, die außer der eigenen keine andere Sichtweise duldet, und in der Konsequenz alles ausrottet, was andersartig ist. Von Larcenet in düsteren Schwarzweiß-Bildern zu Papier gebracht: Menschen mit Gesichtern, die genauso schroff, kantig und abweisend wirken, wie die Wälder und Felswände, die das Dorf umgeben. Beklemmend genial. Aber man fühlt sich nicht gut, nachdem man dieses Album gelesen hat. Wirklich nicht.

Top 10 2017Manu Larcenet, Philippe Claudel: Brodecks Bericht
328 SW-Seiten, gebunden, 39,- Euro, Reprodukt, ISBN 978-3-95640-132-9
> Leseprobe

Advertisements

Santa Claus Junior

koenig-santa-claus-juniorIch halte, schreibt Ralf König auf seiner Website, die Vorweihnachtszeit ja für die wahre biblische Plage, also versuche ich, den aufdringlichen Kitsch so gut es geht zu ignorieren. Von Heiligabend bis zum zweiten Weihnachtstag verwahrlose ich gepflegt und genieße auf meine Art den himmlischen Frieden mit einem Stapel Filmen und vollem Kühlschrank. In diesen drei Tagen ist selbst in der Kölner Innenstadt mal Ruhe, alle sind verreist oder irgendwo eingeladen oder mit ihrem Familiengedöns beschäftigt, jedenfalls will keiner was von mir, herrlich!

Und so ist auch Ute drauf, die Heldin meines ersten Weihnachtsbuches, nur muss ja was passieren in so einem Comic, also knallt ihr prompt ein penetrantes Weihnachtsengelchen vor die Balkontür, ein Schneemann weigert sich, zu schmelzen und dann sitzt da plötzlich ein bildhübsches Mannsbild auf ihrem Sofa und behauptet, der Sohn vom Nikolaus zu sein! Ich weiß, das Weihnachtsthema ist ausgelutscht, sogar Anti-Weihnachtsgeschichten sind ausgelutscht, aber ich hab mich einfach mal ran gewagt, und wer will, genieße das Büchlein beim friedlichen Verwahrlosen auf dem Sofa.

Was das Verwahrlosen angeht, gehe ich mit König konform – was dieses Büchlein angeht (Format 14 x 18 cm), nicht. Ja, Weihnachtsthemen sind abgelutscht. Aber wieso versucht sich König, der viel kann, außer gute Geschichten erfinden, dann an so einem Thema? Okay, es gibt ein paar schöne Reime: Kaum ist der August vorbei, / beginnt die Weihnachtsbäckerei! / Dann, bei Butlers, ab September, / steht der Christbaum rum samt Ständer. / Die Bibelplage kommt hernieder / zu früh, wie alle Jahre wieder! / Schließlich, im November dann, / sind die Weihnachtsmärkte dran, / die auf öffentlichen Plätzen / den Weg verstopfen und besetzen... Leider verbietet er sich im Laufe der Geschichte die Dichterei selbst.

Und sonst? Immerhin ein schöner Satz – dass nämlich die Geschenke heutzutage nicht vom Weihnachtsmann oder von Papa, sondern von Amazon gebracht werden. Der Rest ist eine krampfhaft konstruierte Story, die in immer sinnfreiere Fäden verästelt und so peinlich einfallslos und kitschig endet, dass König, so kommt es einem bei der Lektüre vor, dieses Elend am Ende selber nicht mehr sehen kann.

Ein Buch, das niemand braucht, aber wie immer bei König klasse gezeichnet ist – vor allem das singende Christkind ist allerliebst. Wer geistreichere Alben von ihm lesen möchte, dem sei sein kürzlich erschienenes Herbst in der Hose empfohlen.

Ralf König: Santa Claus Junior
112 Seiten, gebunden, 12,- Euro, rororo, ISBN-13: 978-3499290824
> Leseprobe

Hier und dort

baru-hier-und-dortEin Album mit 15 Kurzgeschichten. Baru schreibt dazu im Vorwort: Die in diesem Band versammelten Kurzgeschichten sind über etwa 20 Jahre hinweg hier und da erschienen. Ihnen gemeinsam ist, dass es sich um Auftragsarbeiten handelt. Ich gehe auf derartige Anfragen eher selten ein, und wenn ich es tue, dann weil ein Freund mich darum gebeten hat. Aber ich tue es auch, wenn man mich so nett darum bittet, dass ich nicht den Mut habe, mich zu weigern. Oder manchmal auch, wenn ich mit genug Schleimereien zugeschüttet werde, die meiner Eitelkeit so schmeicheln, dass jede Anwandlung von Widerstand unmöglich wird. Oder schließlich auch, wenn es gut bezahlt wird. Aber das kommt praktisch niemals vor.

Thematisch geht es in den Geschichten um alles Mögliche: um eine gewitzte Seniorin, um clevere Postboten, um schräge Comiczeichner, um Michel Platini, Johnny Hallyday, Dessous-Fetischisten, Marcel Gotlib, Preisverleihungen und vieles mehr. Wie immer bei Baru kommen die Protagonisten meist aus ärmeren Schichten (oder sind Comiczeichner, was in etwa dasselbe ist).

Die Zeichnungen haben die übliche Qualität. Charakterköpfe allesamt, typische Vorstadtgesichter, denen man ihre Emotionen klar ansieht. Manche Geschichten haben ein überraschendes Ende, und humorvoll sind sie auch (das sind seine Alben ja in der Regel nicht). Für Baru-Fans ein must have (von wegen der Vollständigkeit), für alle anderen kurzweilig zu lesen, aber natürlich ohne die Intensität seiner albenlangen Erzählungen.

Baru: Hier und dort
104 Seiten, 18,-, Edition 52, ISBN 9783-935229-20-3