StalagIIB

Tartdi-stalag-1René Tardi, der Vater von Jacques Tardi, war Panzerfahrer im 2. Weltkrieg. Schon kurz nach seinem ersten Einsatz wurde er von den Deutschen gefangen genommen und in ein Lager in Pommern transportiert – in das StalagIIB (Stalag = Stammlager). Zusammen mit Kriegsgefangenen aus anderen Nationen versuchte er zu überleben, was nicht einfach war. Zu essen gab es wenig. Zu dem Hunger kam eine Kälte, gegen die man sich schlecht wehren konnte. Fast fünf Jahre war Tardis Vater dort inhaftiert. Seine Erlebnisse hat er aufgeschrieben. Sein Sohn hat einen Comic daraus gemacht. Der ist erstaunlicherweise ziemlich enttäuschend.

Die Zeichnungen sind genial wie immer, aber oft nur vage mit der Handlung verknüpft. Panzer, zerstörte Häuser, zerbombte Landschaften. Im Lager Stacheldraht, Baracken, Gefangene. Die Motive wiederholen sich. Spannung kommt kaum auf, weil es keine Handlung gibt. Die Reihenfolge der Szenen wirkt beliebig. Details werden oft nur angedeutet. Beispiel Strafbaracken: „Zwölf Zellen von 2m x 1,5m, ein WC, ein Waschtrog. Zum Pissen musste man den Wärter rufen“, hat Tardis Vater geschrieben. Statt diese Zellen von innen zu zeigen, oder besser noch, zu zeigen, wie man sich als Gefangener darin gefühlt hat, gibt es dazu nur ein einziges Panel: eine Barackenwand mit Türen, als Außenansicht, davor ein Wachsoldat. Das ist alles.

Es wäre ein besseres Album geworden, wenn er die Erlebnisse seines Vaters strukturiert hätte – wie beispielsweise Delisle in seinen Aufzeichnungen aus Jerusalem. Oder sie in eine durchgehende Geschichte eingebettet hätte, wie Kleist mit seinem Boxer. Wie gut Tardi das kann, hat er unter anderem in seinem Zweiteiler Elender Krieg gezeigt. StalagIIB dagegen fällt ziemlich auseinander und wirkt dadurch auch zu lang – die Hälfte der Seiten hätten es auch getan.

Der Folgeband (Der lange Marsch durch Deutschland) ist auch nicht besser. Die Deutschen lösen das Lager angesichts der näher kommenden Front auf und transportieren die Gefangenen ab. Wohin genau es gehen soll, weiß niemand. Im Westen stehen die Engländer und Amerikaner, von Osten rückt die Rote Armee nach. So bewegen sich die Gefangenen unter den Schlägen der zunehmend nervöser und perspektivloser werdenden Nazis oft wochenlang im Kreis. Es geht nicht voran, es ist Winter und kalt, Essen gibt es selten, und wenn, dann nur Brühe. Die Klamotten stinken und wurden seit Wochen nicht gewechselt.

Aber was will man groß zeichnen, wenn Tag für Tag das gleiche passiert? Tardi zeichnet Marschkolonnen. Seitenweise. Mal aus der Nähe, mal aus der Ferne, immer wieder. Und weil das alleine nichts her gibt, fügt er in die Dialoge Informationen über den Kriegsverlauf im Besonderen und den Nazi-Faschismus im Allgemeinen ein – was nur belehrend wirkt und selten zur Handlung passt. Die Dialoge sind teilweise richtig peinlich.

Natürlich ist es trotzdem immer noch ein Album von Tardi. Die Zeichnungen sind einfach klasse, und Tardi-Fans werden es trotz aller Schwächen kaufen. Als Texter, Szenarist oder überhaupt jemand, der in der Lage ist, Inhalte zu strukturieren und lesbar aufzubereiten, ist Tardi allerdings – zumindest hier – ziemlich schlecht. Man bekommt in den beiden Alben durchaus einen Eindruck davon, wie die Kriegsgefangenen gelebt haben, und wie es in Deutschland am Ende des Krieges aussah. Aber ein Band hätte dazu völlig gereicht.

Jacques Tardi: Ich, René Tardi, Kriegsgefangener im StalagIIB
188 Seiten, gebunden, 35,- Euro, Edition Moderne, ISBN 978-3-03731-112-7
> Leseprobe

Jacques Tardi: Ich, René Tardi, Der lange Marsch durch Deutschland
128 Seiten, gebunden, 32,- Euro, Edition Moderne, ISBN 978-3-03731-136-3
> Leseprobe

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