Ein Leben in China

kunwu-ein-leben-in-china3China hat sich in den vergangenen sechzig Jahren vom rückständigen Feudalstaat zur Weltmacht entwickelt. Der 1955 geborene chinesische Zeichner Li Kunwu hat diese Entwicklung miterlebt. In Ein Leben in China beschreibt er die Auswirkungen dieser oft wechselhaften Politik auf das Leben seiner Familie. Sein Versuch, die Irrungen und Wirren der vergangenen 60 Jahre mit dem französischen Comicautor Philippe Otié (= Philippe Autier) halbwegs chronologisch zu skizzieren, muss dabei notgedrungen fragmentarisch bleiben. Dadurch, dass er die politische Entwicklung aus individueller, persönlicher Sicht geschildert wird, wird ihre Wirkung auf die Menschen nachvollziehbarer. Auf der anderen Seite fehlt dadurch manchmal der Rahmen, in den man die individuellen Schicksale einordnen kann.

Natürlich kommt auch einiges zu kurz. In Band eins die Entwicklung des Gesundheitswesens, die Alphabetisierung, die Bodenreform und vor allem die Industrialisierung, die überhaupt erst die Grundlage für Chinas wirtschaftlichen Aufstieg legte. Im dritten Band dagegen wimmelt es plötzlich von Menschen, die sich auf allerlei Art selbstständig machen und viel Geld verdienen. Dass das nur durch harte (Selbst)ausbeutung funktioniert, wird eher am Rande erwähnt.

Interessant ist, dass die Trilogie nicht die Sichtweise westlicher Menschen bedient, sondern die Unterschiede zwischen östlichem und westlichem Denken deutlich macht. So legt Kunwu keinen Wert darauf, die blutige Niederschlagung der Demonstration auf dem Platz des Himmlischen Friedens zu thematisieren, oder gar zu kritisieren. „Ich bin davon überzeugt, dass China vor allem Stabilität und Ordnung braucht, um sich entwickeln zu können,“ schreibt er. „Alles andere ist in meinen Augen zweitrangig.“ Was impliziert, dass man zur Herstellung dieser Ordnung auch Kollateralschäden in Kauf nehmen muss. Eine Meinung, die er mit vielen Chinesen teilt, und die Kunwu am Ende des dritten Bandes noch einmal unterstreicht: „Es gibt einen Ausspruch von Deng Xiaoping, den ich sehr schätze. Er ist einfach, aber trotzdem bedeutungsvoll: Das Wachstum hat oberste Priorität.“ An diesem Punkt sind die Ideologien von Ost und West wieder identisch.

Ein Leben in China ist keine umfassende, aber umfangreiche, gut gezeichnete, informative und streckenweise auch selbstironische Trilogie, in der man viel über die chinesische Kultur und Denkweise erfährt. Der erste Band (Die Zeit meines Vaters) beginnt im Jahr 1950 und endet 1976 mit dem Tod Maos. Band 2 (Die Zeit der Partei) schildert die Entwicklung nach Maos Tod. Im abschließenden Band 3 (Die Zeit des Geldes) steht die Entstehung einer kapitalistisch orientierten Mittelschicht im Zentrum der Geschichte.

Li Kunwu, Philippe Otié: Ein Leben in China (Die Zeit meines Vaters)
Band 1: 256 Seiten, sw, 24,- Euro, Edition Moderne, ISBN 978-3-03731-102-8
> Leseprobe
Band 2: 200 Seiten, sw, 24,- Euro, Edition Moderne, ISBN 978-3-03731-104-2
> Leseprobe
Band 3: 272 Seiten, sw, 28,- Euro, Edition Moderne, ISBN 978-3-03731-105-9
> Leseprobe

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