Von Dieben und Denunzianten

gibrat-diebe+denunziantenJa, das fängt schon schlecht an: Die junge Jeanne wird aufgrund einer Denunziation verhaftet. Ach, Mademoiselle, sagt der Polizeikommissar, als Jeanne in der Zelle sitzt, ich gestehe, dass ich bei Ihnen lieber Würste oder Käse anstelle einer Tasche voller Handgranaten und drei Revolvern gefunden hätte. Ganz zu schweigen von den gefälschten Papieren und gefälschten Lebensmittelkarten. In dieser Zeit ist es nicht gut, Waffen unter seinem Kopfkissen zu haben.

In dieser Zeit – das ist die Zeit während des Zweiten Weltkriegs. Die Deutschen haben Paris besetzt, und Jeanne arbeitet für die Résistance. Der Kommissar müsste sie jetzt eigentlich den Nazis überstellen – andererseits möchte er es sich auch nicht mit dem Widerstand verderben. Was also tun?

Glücklicherweise wird ihm diese Entscheidung abgenommen, denn mit Jeanne sitzt ein junger Dieb in der Zelle, und der kennt Wege, die nur selten benutzt werden. So fliehen die beiden aus dem Gefängnis und müssen sehen, wie sie sich im besetzten Paris durchschlagen – und die anderen aus der illegalen Gruppe von Jeanne warnen.

Zu den anderen gehört Cécile, die Schwester von Jeanne, die wir bereits aus Gibrats Album Der Aufschub kennen, das ebenfalls vom Leben unter deutscher Besatzung erzählt. Und wie im Aufschub, das nicht in Paris, sondern in der Provinz spielt, kombiniert Gibrat auch hier eine spannende Geschichte mit plakativen Bildern. Ursprünglich in zwei Bänden erschienen, hat Salleck sie in einer gediegenen Hardcoverausgabe mit vielen Bonuszeichnungen neu aufgelegt. Das hat diese Geschichte auch verdient. Beste Unterhaltung vor ernstem Hintergrund.

Jean-Pierre Gibrat: Von Dieben und Denunzianten (Gesamtausgabe)
128 Seiten, gebunden, 29,80 Euro, Salleck, ISBN 978-3-89908-591-4
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Descender

nguyen-descenderAlso – eigentlich fängt die Geschichte recht konventionell an: Alle neun Kernplaneten des United Galactic Council werden von gigantischen Robortern – Harvester genannt – angegriffen. Als die wieder weg sind, passiert das, was in solchen Situationen immer passiert: Die Überlebenden auf den betroffenen Planeten entwickeln einen Hass auf alles, was nach Roboter aussieht. Alle von ihnen hergestellten Robots werden vernichtet – soweit man ihrer habhaft wird. Vorzugsweise in einem riesigen Schmelztigel auf dem Planeten Gnish.

Doch wie das so ist: Der ein oder andere entgeht dem Vernichtungsfeldzug – auch ein Robot mit Namen TIM-21. Roboter der TIM-Reihe wurden ursprünglich als Spielgefährten für Kinder produziert. Jahre später gelingt es Wissenschaftlern, den Programmiercode der Harvester zu entschlüsseln. Und siehe da – er ist ähnlich aufgebaut wir der der TIMs. Es muss also eine Verbindung zwischen ihnen geben. Doch niemand weiß, wo die Harvester überhaupt herkamen – und wie demzufolge diese Verbindung zustande gekommen sein kann. Als TIM-21 schließlich auf einem fernen Planeten aus langem Tiefschlaf erwacht, erhofft man sich von ihm weitere Aufschlüsse. Leider sind auch andere hinter ihm her. Und am Ende des ersten von insgesamt vier Bänden der Reihe deutet sich an, dass mehr dahinter stecken muss, als rivalisierende Spezies.

Die Story von Jeff Lemire (Geistergeschichten) liest sich superspannend, und auch am Storyaufbau gibt es nichts zu meckern. Was diese Reihe aber wirklich außergewöhnlich macht, ist ihre Grafik. Was Dustin Nguyen hier an Bildern abliefert, ist einfach nur zum Reinknien. Unglaublich abwechslungsreiche, kreativ layoutete Aquarelle, und oft auch in-, über- und durcheinander fließende Panels zeigen, was Graphic Novel heute kann. Von der starken Kolorierung gar nicht zu reden. Dass Hollywood die Story bereits für sich entdeckt hat und verfilmen will, ist noch kein Qualitätskriterium, aber das innovative Artwork ist das Geld für das Album wert – wie immer die Geschichte auch weitergehen wird. Nicht nur für SF-Fans ein Genuss.

Dustin Nguyen, Jeff Lemire: Descender
144 Seiten, gebunden, 22,80 Euro, Splitter, ISBN 978-3-95839-166-6
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Update 8.9.2017: Band 4 ist da, und leider passiert mit dieser kultigen Reihe, was oft auch mit anderen passiert: Der geplante Abschlussband – nämlich dieser – ist nicht der Abschlussband. Die Reihe zieht sich in die Länge, und nicht mal Splitter weiß, wie viele Bände es noch werden sollen.

Während in Band 3 schon viele – für die Story überflüssige, weil wiederholte – Rückblenden vorkamen, beginnt die Geschichte in Band 4 langsam zu zerfasern und sich austauschbaren Abenteuerstory-Mustern anzugleichen. Bleibt zu hoffen, dass Lemire im Folgeband die Kurve und die Geschichte zu Ende bekommt, sonst hätte man hier wieder einmal eine starke Idee zu Tode geritten. Auch Nguyen gibt sich nicht mehr so viel Mühe mit der allerdings nach wie vor starken Grafik .

Holly Ann

servain-holly-ann-1New Orleans liegt größtenteils unterhalb des Meeresspiegels. Deshalb sind die meisten Grabstätten oberirdisch angelegt, denn sonst würden sich die Gräber bei Regen mit Wasser füllen, was die Särge aufschwimmen und gegen die Grabplatten stoßen lässt. Das, erklärt Holly Ann ihrem Begleiter auf dem Friedhof, ist das Geräusch, das Sie gerade hören.

Ein bisschen gruselig ist das schon, aber New Orleans ist Ende des 19. Jahrhunderts von Farbigen unterschiedlichster Kulturen bevölkert – Voodoo-Rituale inklusive. So gesehen passen die lautstark gegen ihre Grabplatten stoßenden Särge gut zur wuseligen Atmosphäre der Stadt. Und Holly Ann ist eine Frau, die sich in den Gassen und Sümpfen, den Bordellen und Hinterhöfen so gut auskennt, wie kaum eine andere. Deshalb macht sie sich auch selbst auf die Suche nach einen verschwundenen Kind, von dem die Polizei annimmt, dass es für ein Voodoo-Ritual geopfert worden ist. Holly hat da ihre Zweifel.

Der Splitter-Verlag legt mit Holly Ann – Die Ziege ohne Hörner den ersten, in sich abgeschlossenen Band einer Reihe vor, in der die ebenso unkonventionelle wie sympathische Frau nach eigenen Regeln ermittelt. Was diese Serie von den meisten anderen unterscheidet, ist die grafische Umsetzung von Servain. Er hat die Geschichte nicht nur ansprechend bebildert, sondern auch gefühlvoll koloriert. Eine Reihe für Freunde konventioneller Abenteuergeschichten mit exotischem Flair. Inhaltlich eher belanglos, aber spannend erzählt und schön gezeichnet.

Stéphane Servain, Kid Toussaint: Holly Ann 1
48 Seiten, gebunden, 14,80 Euro, Splitter, ISBN 978-3-95839-232-8
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