Ich habe Abel getötet

sorel-abelEs gibt Alben, auf die freut man sich lange im voraus. Vor allem, wenn ein so tolles Team wie Guillaume Sorel und Serge Le Tendre als Zeichner und Texter angekündigt sind. Dass Le Tendre klasse Geschichten erzählen kann, hat er im Vogel der Zeit bewiesen. Und wie stark Sorel düstere Stories bebildert, hat man unter anderem in Appartement 23 und Die letzten Tage von Stefan Zweig gesehen.

In diesem Fall hält sich die Begeisterung allerdings in Grenzen. Sorels Zeichnungen sind nach wie vor sehenswert, reißen aber die völlig konstruiert wirkende Geschichte auch nicht mehr raus. Es geht nicht um Kain und Abel im Urzustand, sondern darum, dass der Mörder als Strafe von Jahwe sozusagen eine Art ewiges Leben aufgebrummt bekommen hat – und damit sehr unzufrieden ist. Aber wie kommt man aus dieser Ewigkeitsnummer Nummer wieder raus? Die Einfälle sind wenig originell (und werden zudem sehr hölzern erzählt), und bereits in der Mitte des Albums ahnt man, wie es enden wird. Schade drum – das können die besser.

PS: Die Reihe Ich habe… getötet wird fortgesetzt. Jeder Band beschäftigt sich mit einem anderen Opfer (Marat, John Lennon…) und wird auch von einem anderen Team gezeichnet.

Guillaume Sorel, Serge Le Tendre: Ich habe Abel getötet
64 Seiten, gebunden, 15,80 Euro, Splitter, ISBN 978-3-95839-448-3
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Der letzte Ansturm

tardi-der-letzte-ansturmTardi und der Erste Weltkrieg: Kein anderer hat so viele Alben über diese Gemetzel gezeichnet wie der Franzose: Elender Krieg, Soldat Varlot, StalagIIB, Grabenkrieg – und jetzt wieder ein Comic zu dem Thema.

In Der letzte Ansturm wird keine Geschichte erzählt, die einen Anfang und ein Ende oder überhaupt irgendeine Handlung hätte. Tardi lässt einen Sanitätssoldaten zwischen den Toten, Verwundeten und Sterbenden umherirren, lässt ihn durch Bombentrichter, Gräben, Schlamm, zerschossene Ruinen und dutzendfach von Granaten umgepflügte Landschaften waten. Er hängt seinen Gedanken nach. Über die vielen Afrikaner aus den Kolonien, die von der französischen Regierung als Kanonenfutter an der Front verheizt werden. Über Industriebosse in Deutschland und Frankreich, die sich an den Waffen und dem Giftgas eine goldene Nase verdienen: Dass kein Ende des Krieges abzusehen war, hatte auch damit zu tun, dass es noch große Mengen von Gas und Material gab, die man nicht umsonst hergestellt hatte. Das macht streckenweise richtig wütend – vor allem, wenn man überlegt, das wir inzwischen auch hierzulande wieder soweit sind, Krieg als legitimes Mittel der Außenpolitik anzusehen.

Tardis Szenen sind düster, die Bilder bieten wenig Abwechslung, sind aber, wie immer bei ihm, stark gezeichnet und bringen den Volk- und Vaterlands-Irr-Sinn erschreckend klar rüber. Beigelegt ist eine CD mit Antikriegsliedern. Auch, wenn sie nicht schlecht klingt – ohne wäre auch okay gewesen.

Dominique Granges Version von „Petits Morts du Mois d’Août“. Die Zeichnungen sind Illustration des Textes und stammen nicht aus dem Album.

Jacques Tardi, Dominique Grange: Der letzte Ansturm
112 Seiten, gebunden, 32,- Euro, Edition Moderne, ISBN 978-3-03731-158-5
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Bella Ciao

quarello-bella-ciaoBella Ciao – dieses Partisanenlied fehlte in den 1970er Jahren auf keiner LP von Hannes Wader + Co, und auch auf Demos oder am Lagerfeuer wurde es oft gespielt und gesungen. Seinen Ursprung hat es in den Kämpfen der italienischen Partisanen, die in den 1940er Jahren das faschistische Regime Mussolinis bekämpften. Der Text variierte je nach Interpret, aber im Grunde geht es darum, dass man in dieser Auseinandersetzung auch den Tod finden kann.

Maurizio A. C. Quarello hat den Titel dieses Liedes für sein Album gewählt, weil seine Geschichte – das ist in dem Fall die seines Großvaters – exakt zu dieser Zeit spielt. Nachdem eine Gruppe von Partisanen 1944 erfolgreich Widerstand gegen Mussolinis Soldaten und deren deutsche Unterstützer geleistet hat, durchstreift die Armee die Gegend auf der Suche nach den Widerstandskämpfern. Von denen hat sich einer – er wurde während der Aktion verletzt – auf einem Bauernhof versteckt. Ausgerechnet diesen Hof wollen die Soldaten jetzt unter die Lupe nehmen.

Der 1974 geborene Grafiker und Architekt Quarello, der seit 2007 Illustration an der Akademie der Künste in Macerata unterrichtet, braucht keine Worte, um seine Geschichte zu erzählen. Ganz ohne Text schildert er diese Episode in starken Bildern, die sehr lebensnah rüberkommen. Im Anhang kann man den Originaltext (italienisch) und die deutsche Übersetzung des Liedes nachlesen.

Maurizio A. C. Quarello: Bella Ciao
96 Seiten, gebunden, 20,- Euro, Jacoby & Stuart, ISBN 978-3-946593-26-3