Die Ursache

kummer-die-ursacheDer Verlag schreibt: Im ersten Band seiner Autobiographischen Schriften betreibt Thomas Bernhard eine Ursachenforschung, die nichts und niemanden verschont: das Internat war ein Kerker, die Stadt Salzburg eine Todeskrankheit, die Vernichtung allgegenwärtig. Die einzige Lichtgestalt war der Großvater, der ihm von Mozart, Rembrandt und Beethoven erzählt. Diese „Ursachen“, die Bernhard hier mehr als nur „andeutet“, hinterlassen unauslöschliche Spuren in seinem ganzen Werk. Mit einem präzisen, sparsamen, fast realistischen Strich und einer eindringlichen Wiederholungs- und Variationstechnik gelingt es Lukas Kummer, Thomas Bernhards Erinnerungen an die Schrecken von Internat, Krieg und Nationalsozialismus sichtbar zu machen.

Das gelingt ihm tatsächlich erschreckend gut. Man lasse sich von dem quirlig wirkenden Cover nicht täuschen – im Innenteil bestimmen gerade Striche und Symmetrien das Bild. Auf den ersten Blick wirken seine Schwarzweiß-Zeichnungen etwas langweilig. Auch deshalb, weil Kummer manche Panels wiederholt. Er stellt oft – fast preußisch korrekt – die gleichen Bilder mehrfach nebeneinander. Das führt zu einer Monotonie, die die Stumpfheit der Atmosphäre, die Bernhard beschreibt, treffend reflektiert:

Zuerst wird der Mensch… erzeugt und geboren wie ein Tier und immer nur animalisch behandelt, und sei es geliebt oder verhätschelt oder gepeinigt, von den durch und durch stumpfsinnigen, unaufgeklärten, ihre egoistischen Zwecke verfolgenden Erzeugern als Eltern oder ihren Stellvertretern… nach und nach zerstört, und dann, als eine der größten Vernichterinnen, übernimmt die Kirche… die Vernichtung der Seele dieses neuen Menschen, und die Schulen begehen… an diesen jungen Menschen den Geistesmord.

Egal ob Faschismus oder katholische Kirche – Bernhard kann keinen Unterschied an den Zurichtungsmethoden ihrer Vertreter erkennen. Die Mischung aus Befehl, Gehorsam und sadistischer Quälerei bei Nichtbefolgung lässt keinen Raum mehr für eigene Gedanken – und das ist ja auch der Sinn der Sache. Selten wurde der Stumpfsinn autoritärer Einrichtungen beklemmender in Szene gesetzt. Auf finstere Weise gut.

Lukas Kummer, Thomas Bernhard: Die Ursache – Eine Andeutung
112 SW-Seiten, gebunden, 22,- Euro, Residenz Verlag, ISBN 9783701716937
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Das kommunistische Manifest + El Che

rowson-kommun-manifestEs hat sich mittlerweile eingebürgert, dass an historischen Jahrestagen nicht nur Bücher, sondern auch Comics zum Ereignis erscheinen – natürlich unter dem Label Graphic Novel, denn es geht ja um ein wichtiges Ereignis. Knesebeck hat sich anlässlich des 200. Geburtstags von Karl Marx dazu entschieden, Das Kommunistische Manifest (eine Marx-Biografie haben sie schon im Programm) und eine Biografie von Che Guevara zu verlegen (die ebenfalls angekündigte Orwell-Biografie wurde auf Februar verschoben).

Der Verlag schreibt: Das im Jahr 1848 von Karl Marx und Friedrich Engels verfasste Manifest der Kommunistischen Partei ist eine machtvolle Kritik am Kapitalismus, eine prägnante Einführung in die Ideen des Kommunismus und die klarste Darstellung seiner Ziele. Viel von dem, was Marx und Engels vorschlugen, bestimmt auch heute noch politische und wirtschaftliche Debatten. Es überrascht nicht, dass das Kommunistische Manifest das am zweithäufigsten verkaufte Buch aller Zeiten ist, nur übertroffen von der Bibel. Der Guardian-Cartoonist Martin Rowson hat es nun zum 200. Geburtstag von Karl Marx modern und lebhaft als Graphic Novel adaptiert.

Ja, hat er. Modern und lebhaft stimmt. Das Gute daran: Die Zeichnungen sind ziemlich schräg. Das Schlechte daran: Einige Bilder wirken austauschbar, ohne direkten Zusammenhang zum Text. Rowson arbeitet hauptsächlich mit ganz- und doppelseitigen Illustrationen, über die er den Originaltext des Manifests legt. Erst gegen Ende wird es etwas lebendiger. Mehr ein Album für Freunde abgefahrener Grafik, aber auch ein schöner Anlass, mal wieder im Kommunistischen Manifest zu blättern.

Martin Rowson: Das kommunistische Manifest
80 Seiten, gebunden, 20,- Euro, Knesebeck, ISBN 978-3-95728-207-1
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cattaneo-el-cheVerlagstext: Ernesto Rafael Guevara de la Serna, der eigentlich Arzt werden sollte, lernt bei einer Motorrad-Reise durch Südamerika die Armut kennen und Menschen ohne Chancen auf Bildung oder Wohlstand. Empört will er die Zustände ändern und ruft zum Aufstand auf. An der Seite seines Freundes Fidel Castro landet er auf Kuba und befreit die Insel von der Diktatur. Die Legende „Che Guevara“ ist geboren. Nach Konflikten mit Castro zieht er in den Kongo und nach Bolivien, um seine Revolution zu verbreiten. Schlecht ausgerüstet, schlecht bewaffnet aber glühend vor Überzeugung beginnt hier sein letzter Kampf gegen die Ungerechtigkeit.

Im Grunde ist diese Geschichte gut angelegt: kein Revolutionskitsch, kein billiger Heldenmythos, sondern klar an der Sache erzählt. Ein Problem ist: Orte und Zeiten wechseln sehr sprunghaft. Die Frage ist, ob jemand, der Ches Biografie bislang nicht kannte, sich in diesem Durcheinander zurechtfindet. Auch die Gründe, weshalb Guevara sich in der Welt herumtreibt, obwohl er auf Cuba gebraucht würde, und welche politischen Differenzen zwischen ihm und Castro die Ursache dafür waren, werden nicht herausgearbeitet. So bleibt vieles an der Oberfläche, und die schwachen Zeichnungen laden auch nicht gerade zur Lektüre ein. Allerdings: Wenn man einmal angefangen hat, liest es sich spannend und flüssig runter.

Stefano Cattaneo, Giuliano Ramella: El Che
Che Guevara – Die Comic-Biografie
128 Seiten, gebunden, 22,- Euro, Knesebeck, ISBN 978-3-95728-221-7
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Jan Karski

bonaccorso-ja-karskiEs gibt Dinge, die will man nicht wissen. Einfach deshalb, weil man sich, wenn man sie wüsste, dazu verhalten müsste. Was nicht nur der eigenen Bequemlichkeit zuwider laufen, sondern auch unangenehme Konsequenzen haben könnte. Die Geschichte von Jan Karski jedenfalls wollte niemand hören. Churchill nicht, und Roosevelt auch nicht. Und als Karski sie ihnen trotzdem erzählte, wollten sie ihm nicht glauben. Sie waren nicht die einzigen. Auch nachdem nach Kriegsende sämtliche Beweise vorlagen, wollten die Deutschen nicht glauben, dass Volk und Führer sechs Millionen Juden ermordet hatten. Es gibt Leute, die bestreiten das heute noch.

Karski (1914 – 2000), gelernter Jurist und Diplomat, war ein polnischer Offizier zur Zeit des Zweiten Weltkriegs. Während des Kriegs wurde er gefangen genommen, konnte fliehen und schloss sich der Widerstandsbewegung an. Die schleuste ihn illegal in das Warschauer Ghetto ein, damit er sich ein eigenes Bild von den Lebensbedingungen machen konnte. Später auch in das Vernichtungslager Bełzec. Sein Auftrag: das, was er mit eigenen Augen gesehen hatte, den Leitern der Anti-Hitler-Koalition in London und Washington mitzuteilen, um sie dazu zu bewegen, den Vernichtungsfeldzug gegen die Juden zu stoppen.

In diesem Band erzählen Lelio Bonaccorso und Marco Rizzo die Geschichte von Karski, der oft gefangen genommen und gefoltert wurde, aber immer einen Ausweg fand. 1992 wurde er, der nach dem Krieg Bücher über seine Erlebnisse schrieb, in die Liste der Gerechten unter den Völkern aufgenommen und zum Ehrenbürger Israels ernannt. 1985 wurden seine Erlebnisse in dem Film Shoah dokumentiert. Das vorliegende Album bringt die historischen Hintergründe lebendig und spannend rüber.

Lelio Bonaccorso, Marco Rizzo: Jan Karski – Zeuge der Shoah
160 Seiten, gebunden, 24,- Euro, Bahoe Books, ISBN 978-3-903022-75-1
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