Freedom Hospital

sulaiman-freedom-hospitalAus dem Verlagstext: Syrien im Jahr 2012: Der Bürgerkrieg wütet immer heftiger. Die Pazifistin Yasmin betreibt ein Untergrund-Krankenhaus zur Versorgung verwundeter Rebellen. Im Freedom Hospital kreuzen sich die unterschiedlichsten Lebenswege: Die französische Journalistin Sophie will einen Dokumentarfilm über den Konflikt drehen; Dr. Fawaz, ein Alawit, hilft aufständischen Verwundeten; Zahabiah, die Köchin des Krankenhauses, ist vor ihrer konservativ-sunnitischen Familie geflohen; Dr. Yazan steht den Muslimbrüdern nahe, und einer der Patienten entpuppt sich als Spion Assads. Hamid Sulaimans aufrüttelnde Graphic Novel mit ihren ausdrucksstarken Schwarzweißbildern spiegelt die komplexe und zerrissene syrische Gesellschaft wider.

Das tut sie, in der Tat. Allerdings ziemlich konfus, und genau mit diesem Durcheinander spiegelt sie eine Entwicklung, in der man am Ende nicht mehr weiß, wer Freund oder Feind, wer Islamist oder Friedenskämpfer ist, obwohl die Rollen am Anfang mehr oder weniger klar verteilt sind. Aber Kriege entwickeln ihre eigene Dynamik, Bürgerkriege sowieso, und bei den Gemetzeln in Syrien mit ihrem halben Dutzend mit- und gegeneinander kämpfenden Parteien, die zudem noch alle paar Wochen die Seiten wechseln, sind klare Struktur nicht nur für Außenstehende kaum mehr wahrnehmbar.

Ansonsten bietet der 1986 geborene syrische Illustrator Hamid Sulaiman, der 2011 aus Syrien geflohen ist und jetzt in Paris lebt, wenig Informatives. Tiefergehende Analysen findet man nicht, Hintergrundinfos sind ebenfalls rar, und so bleibt alles vorwiegend an der Oberfläche. Die gnadenlos schwarzen (man möchte fast schreiben: dunkelschwarzen, denn es gibt nicht mal winzige Grauabstufungen) Bilder sind gut gezeichnet, aber gewöhnungsbedürftig. Ein Comic über das Chaos eines Krieges, der so oder ähnlich zur Zeit an vielen Orten stattfindet – im Jemen, in Syrien, in Afghanistan, in Mali, in Libyen und anderswo.

Hamid Sulaiman: Freedom Hospital
288 Seiten, schwarzweiß, 24,- Euro, Hanser Berlin, ISBN 978-3-446-25508-1
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Die Leichtigkeit

meurisse-die-leichtigkeitDie Karikaturistin Catherine Meurisse, die seit vielen Jahren für Charlie Hebdo arbeitet, entkommt dem Attentat auf Charlie Hebdo nur, weil sie an diesem Morgen im Januar 2015 für die Redaktionssitzung zu spät dran ist. Viele ihrer Kollegen und Freunde werden bei dem Anschlag aus dem Leben gerissen. Sie selbst sucht seitdem nach einem Umgang mit der Tragödie und einem neuen Zugang zu ihrem Leben. Meurisse sucht in der Schönheit der Natur und der Künste nach anderen Bildern, macht sich nach Italien auf und beginnt langsam, zu ihrer eigenen Leichtigkeit zurückzufinden. Mit „Die Leichtigkeit“ hat Catherine Meurisse ein intensives und sehr persönliches Buch geschaffen, das ihrer Trauer Raum gibt und zugleich eine Ermutigung ist, sich die Schönheit des Lebens zurückzuerobern. Soweit der Verlagstext.

Anschläge wie der auf die Redaktion von Charlie Hebdo reißen einen immer wieder aus der satten Selbstzufriedenheit des Metropolenlebens. Was für die Attentäter in deren Heimat Alltag ist – in Kabul, Bagdad oder Tripoli passiert sowas zweimal die Woche – führt hierzulande immer dazu, dass die Europäer sich ganz entrüstet fragen, weshalb man ihnen das antut. Wo sie doch im Grunde nette Menschen sind und nur ein bisschen Spaß haben wollen. Mit solch einem Weltbild ist man von Verständnis natürlich meilenweit entfernt.

Als Betroffene, deren Kollegen erschossen in den Redaktionsräumen liegen, nutzen einem solche allgemeinen Betrachtungen allerdings wenig. Irgendwie muss man die Bilder verarbeiten, irgendwie den Sinn im Leben und seinen Optimismus wiederfinden – und die Leichtigkeit ist natürlich auch dahin. Als Zeichnerin kann man sein emotionales Durcheinander grafisch verarbeiten. Aber muss man das Ergebnis auch als Comic auf den Markt bringen?

Art Spiegelman hat das mit Im Schatten keiner Türme nach dem Anschlag auf das World Trade Center getan – und einen Comic abgeliefert, den wohl niemand je gedruckt hätte, wenn Spiegelman nicht weltberühmt wäre. Meurisses Leichtigkeit ist dagegen durchaus lesbar, und die Zeichnungen sind ohnehin klasse. Aber würde es dieses Album nicht geben – es würde kaum jemandem fehlen. Eher ein Comic für Leser, die mit der französischen Kultur  – Stendhal, Baudelaire + Co, auf die Meurisse sich seitenlang bezieht – und der daraus resultierenden Mentalität aufgewachsen sind.

Catherine Meurisse: Die Leichtigkeit
144 Seiten, gebunden, 19,99 Euro, Carlsen, ISBN 978-3-551-73424-2
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Marquise von O….

ciponte-marquise-von-oAls Heinrich von Kleists Novelle Marquise von O…. 1808 erstmals in der Literaturzeitschrift Phöbus erschien, zeigten sich Leser und Kritiker zumeist schockiert. Keine ehrbare Frau, so hieß es, könne das ohne Erröten lesen. Dabei war die Story damals im Grunde Alltag: Fremde Truppen erobern ein Land, die Eroberer vergewaltigen die Frauen, die Frauen werden schwanger, Ende der Geschichte. Natürlich redete man nicht darüber, denn Sex und Erotik waren des Teufels, und wer schwanger wurde, war selber Schuld.

Wahrscheinlich war diese verlogene Moral die Ursache dafür, dass die Marquise in Kleists Novelle zunächst jenseitige Gründe für ein Unwohlsein vermutet, das sie an ihre bisherigen Schwangerschaften erinnert. Hatte es ja schon einmal gegeben, diese unbefleckte Empfängnis – weshalb sollte sich das nicht wiederholen? Zur Sicherheit inseriert sie in der Zeitung: Durch diese Annonce lässt die Unterzeichnete bekannt machen, dass sie, ohne ihr Wissen, in andere Umstände gekommen ist. Der Vater zu dem Kinde, das sie gebären werde, möge sich melden. Aus Rücksicht auf ihre Familie ist sie entschlossen, ihn zu heiraten.

Kleist kritisiert in dieser Novelle die Doppelmoral der bürgerlichen Gesellschaft, die ihren eigenen Ansprüchen von Sitte und Anstand nicht gerecht wird. Der kalabrische Maler, Filmemacher und Kunstprofessor Andrea Grosso Ciponte setzt die Geschichte in großartige Aquarelle um. Bewusst verwaschene Hintergründe, aus denen seine Figuren oft ebenso unklar hervortreten, transportieren die Fiktion, in die die Marquise sich hineinsteigert, sehr treffend. Dazu kommt, dass Dacia Palmerino Kleists Geschichte von allen Nebenhandlungen befreit und auf das Wesentliche reduziert hat, was dem Lesefluss sehr zugute kommt.

Das Album ist in der Reihe Dust Novel erschienen, mit der die Edition Faust zehn literarische Klassiker durch Andrea Grosso Ciponte interpretieren lassen will. Neben der Marquise von O…. liegen bislang Hoffmanns Sandmann, Schillers Geisterseher und Walpoles Schloss Otranto vor.

Top 10 2015Andrea Grosso Ciponte, Dacia Palmerino, H. von Kleist: Marquise von O….
64 Seiten, gebunden, 20,- Euro, Edition Faust, ISBN 978-3-945400-09-8