Liebe deinen Nächsten

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In diesem Album berichten Peter Eickmeyer und Gaby von Bostel von einem Rettungseinsatz im Mittelmeer. Drei Wochen waren sie an Bord des von SOS Méditerranée gecharterten Rettungsschiffs Aquarius, das in den internationalen Gewässern vor der libyschen Küste kreuzt und mit anderen Schiffen hilfsbedürftige Flüchtlinge aufnimmt. Koordiniert werden die Schiffe vom Maritime Rescue Coordination Center in Rom.

Die Arbeit an Bord wird von drei unterschiedlichen Teams geleistet. Das nautisch-technische Team steuert das Schiff. Das Rettungsteam muss dafür sorgen, dass die Flüchtlinge beim Umsteigen von ihren Schlauchbooten in die Rettungsboote nicht kentern. Und das Team von Ärzte ohne Grenzen leistet an Bord Erste Hilfe und versorgt die Verletzten. Die Team-Mitglieder kommen aus gut zwei Dutzend verschiedenen Ländern. Bis zu 500 Flüchtlinge kann die Aquarius aufnehmen.

Es ist ein informatives Album, das zeigt, dass das Umsteigen der Flüchtlinge nicht in 10 Minuten erledigt ist, sondern bei gut 100 Personen durchaus auch mal drei Stunden dauern kann – nachts noch länger. Van Borstel lässt zwischendurch einzelne Flüchtlinge zu Wort kommen, Eickmeyer porträtiert sie in gewohnt starken, großformatigen Bildern. Erfreulich, dass Splitter diesen Band im Gegensatz zum vorigen nicht in dem kleinen Book-, sondern in Albenformat publiziert hat. Da hat man mehr von Eickmeyers  Arbeiten.

Allerdings gilt auch für diesen Band, was schon für ihr Projekt Im Westen nichts Neues galt: Eine Graphic Novel ist das nicht – eher eine Art Bildband mit darüber gelegten Textkästchen. Wobei dieses Album eine Art Zwitter geworden ist: In der ersten Hälfte versucht Eickmeyer sich noch an einer klassischen Panelstruktur, die er in der zweiten Hälfte zugunsten von ganzseitigen Bildern komplett aufgibt. Glücklicherweise, muss man sagen, denn: Malen, das kann er. Comics zeichnen eher nicht.

Peter Eickmeyer, Gaby von Borstel: Liebe deinen Nächsten
Auf Rettungsfahrt im Mittelmeer an Bord der Aquarius
128 Seiten, gebunden, 24,80 Euro, Splitter, ISBN: 978-3-95839-415-5
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Devolution

wayshak-devolutionIm Anhang des Albums kann man die Anweisungen von Szenarist Rick Remender an Zeichner Jonathan Wayshak lesen: NAH. Raja schießt einem der heranstürmenden Neandertaler DIREKT IN DEN KOPF. Hirn, Blut und Knochenstücke fliegen durch die Gegend. Ein Auge schwebt mitten dazwischen. Und eine Seite weiter: Sie landet zwischen den beiden. Mit einer Bewegung spaltet sie dem einen Neandertaler mit dem Schwert den Schädel und schießt dem anderen in die Brust. Der Verlag charakterisiert den Band als Full Metal Jurassic Max. Ihr wisst also, was euch erwartet.

Ich will mich gar nicht darüber auslassen, dass die Brutalität dieses Albums angesichts der eigentlich interessanten Story im Grunde völlig unnötig wäre. Sie ist gewollt, denn Remender hat mit diesem Szenario die Grundlage dafür geschaffen, dass die miesesten Charaktereigenschaften der menschlichen Spezies geweckt und hemmungslos ausgelebt werden können. Und das tun sie dann auch, denn: Nicht nur die Menschheit, sondern auch jegliche Flora und Fauna ist durch ein biologisches Experiment, das aus dem Ruder gelaufen ist, in seinen evolutionären Urzustand zurückgeworfen worden.

Wir begegnen Säbelzahntigern, menschenfressenden Insekten, irren Mutationen und Menschen, die sich teilweise in ihre primitivste Existenzform zurück entwickelt haben. In dieser lebensfeindlichen Umgebung kämpft die junge Raja darum, ein Serum zu retten, mit dem man den allgemeinen Wahnsinn rückgängig machen kann. Was sie sehr dynamisch erledigt.

Die Texte sind zwar manchmal peinlich, aber die Zeichnungen sind prima, und das Storytelling ist rasant. Da kommt keine Langeweile auf. Man muss es den Machern hoch anrechnen, dass sie dieses durchaus ausbaufähige Szenario nicht über endlos viele Bände gestreckt, sondern in fünf knappen Heften abgehandelt und dabei keine ihrer vielen Ideen überstrapaziert haben. Schön auch, dass Splitter die Story gleich als Gesamtausgabe publiziert hat. Wer es also hart und dynamisch mag: Dieses Album ist ein echter Fetzer.

Jonathan Wayshak, Jordan Boyd, Rick Remender: Devolution
160 Seiten, gebunden, 24,80 Euro, Splitter, ISBN 978-3-95839-139-0
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Kobane Calling

zerocalcare-kobane-callingDie Kurden leben im Grenzgebiet von Syrien, Iran, Irak und der Türkei und werden in jedem dieser Staaten diskriminiert. Im Norden von Syrien haben sie deshalb 2013 die autonome Region Rojava gegründet, um ein selbstbestimmtes Leben nach eigenen Regeln führen zu können. Dazu gehören die Gleichberechtigung von Männern und Frauen ebenso wie die Religionsfreiheit und das Verbot der Todesstrafe. Das missfällt nicht nur den Islamisten von IS + Co – auch der Türkei ist das autonome Gebiet ein Dorn im Auge. Kobane wiederum ist die Stadt an der syrisch-türkischen Grenze, die im September 2014 vom IS angegriffen und fast eingenommen wurde. Am Ende eroberten sich die Kurden ihre Stadt zurück, wodurch sie zu einem Symbol des kurdischen Widerstands weit über die Region hinaus geworden ist.

Ein Jahr später reist der italienische Comic-Blogger Zerocalcare (Michele Rech) als Teil einer Solidaritäts-Gruppe in das Grenzgebiet. Seine Eindrücke hat er hier zusammengefasst. Er schildert Begegnungen mit Menschen unterschiedlicher Kulturen und Religionen, die Unsicherheit und Gefahren der Reise, die Mühen, die der Aufbau einer für diese Gegend so untypischen Gesellschaft – und das im Kriegszustand – mit sich bringt, und bei alledem bekommt man Informationen über den dortigen Konflikt, die man in unseren Mainstream-Medien nicht findet.

Glücklicherweise kommt das nicht als akademische Abhandlung oder in irgend einer Weise belehrend daher, sondern Zerocalcare stellt seine Erlebnisse immer wieder in Gegensatz zu seiner westeuropäisch geprägten Sicht der Dinge, und das führt zu humorvollen und selbstironischen Szenen, die dieses Album über den Informationsgehalt hinaus sehr unterhaltsam machen – vergleichbar etwa mit Delisles Aufzeichnungen aus Jerusalem oder Sattoufs genialem Araber von morgen. Spannung, Unterhaltung und politische Bildung in einem, und noch dazu klasse gezeichnet – was will man mehr. Eine der stärksten Neuerscheinungen des Jahres (und in Italien, wo Zerocalcare als Zeichner bekannt ist, ein Bestseller).

Zerocalcare: Kobane Calling
272 SW-Seiten, gebunden, 24,95 Euro, avant, ISBN 978-3-945034-63-7
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