Kobane Calling

zerocalcare-kobane-callingDie Kurden leben im Grenzgebiet von Syrien, Iran, Irak und der Türkei und werden in jedem dieser Staaten diskriminiert. Im Norden von Syrien haben sie deshalb 2013 die autonome Region Rojava gegründet, um ein selbstbestimmtes Leben nach eigenen Regeln führen zu können. Dazu gehören die Gleichberechtigung von Männern und Frauen ebenso wie die Religionsfreiheit und das Verbot der Todesstrafe. Das missfällt nicht nur den Islamisten von IS + Co – auch der Türkei ist das autonome Gebiet ein Dorn im Auge. Kobane wiederum ist die Stadt an der syrisch-türkischen Grenze, die im September 2014 vom IS angegriffen und fast eingenommen wurde. Am Ende eroberten sich die Kurden ihre Stadt zurück, wodurch sie zu einem Symbol des kurdischen Widerstands weit über die Region hinaus geworden ist.

Ein Jahr später reist der italienische Comic-Blogger Zerocalcare (Michele Rech) als Teil einer Solidaritäts-Gruppe in das Grenzgebiet. Seine Eindrücke hat er hier zusammengefasst. Er schildert Begegnungen mit Menschen unterschiedlicher Kulturen und Religionen, die Unsicherheit und Gefahren der Reise, die Mühen, die der Aufbau einer für diese Gegend so untypischen Gesellschaft – und das im Kriegszustand – mit sich bringt, und bei alledem bekommt man Informationen über den dortigen Konflikt, die man in unseren Mainstream-Medien nicht findet.

Glücklicherweise kommt das nicht als akademische Abhandlung oder in irgend einer Weise belehrend daher, sondern Zerocalcare stellt seine Erlebnisse immer wieder in Gegensatz zu seiner westeuropäisch geprägten Sicht der Dinge, und das führt zu humorvollen und selbstironischen Szenen, die dieses Album über den Informationsgehalt hinaus sehr unterhaltsam machen – vergleichbar etwa mit Delisles Aufzeichnungen aus Jerusalem oder Sattoufs genialem Araber von morgen. Spannung, Unterhaltung und politische Bildung in einem, und noch dazu klasse gezeichnet – was will man mehr. Eine der stärksten Neuerscheinungen des Jahres (und in Italien, wo Zerocalcare als Zeichner bekannt ist, ein Bestseller).

Zerocalcare: Kobane Calling
272 SW-Seiten, gebunden, 24,95 Euro, avant, ISBN 978-3-945034-63-7
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Geisel

delisle-geiselGuy Delisle gehört zu den interessantesten Zeichnern. Nicht nur, weil er mit wenigen Strichen sehr ausdrucksstarke Figuren zu Papier bringen kann, sondern weil er ein Thema auch erstklassig strukturiert und dann spannend und informativ erzählt. Seine Reportagen aus aller Herren Ländern, wie seine Aufzeichnungen aus Jerusalem, zeigen das sehr deutlich. Und alles, was er so nebenbei publiziert, wie seine Ratgeber für schlechte Eltern oder die Abenteuer seines Sohnes Louis sind hübsche, nicht selten selbstironische Geschichten, die man prima zwischendurch lesen kann. Allen diesen Alben – ob Reisebericht oder Elternstress – ist gemeinsam, dass sie auf eigenen Erfahrungen beruhen.

Mit Geisel betritt Delisle Neuland. Diesmal erzählt er nicht seine eigene, sondern eine fremde Geschichte: die von Christophe André, einem Mitarbeiter der NGO Ärzte ohne Grenzen, der 1997 im Nordkaukasus von tschetschenischen Separatisten entführt wurde. Delisle hat sich mit ihm über seine Gefangenschaft unterhalten, und dann dieses Album daraus gemacht.

Nun ist bei einer solchen Geschichte zumindest eins von Anfang an klar: Wenn Delisle später mit André darüber geredet hat, muss André lebend aus der Sache rausgekommen sein. Was der Geschichte von vorn herein einiges an Spannung nimmt. Und so zeichnet Delisle zwar die Ungewissheit der Geisel – Wo bin ich hier? Wer sind die? Was wollen die von mir? Gibt es Verhandlungen über meine Freilassung? Weiß meine Organisation, wissen meine Freunde überhaupt, dass ich entführt wurde? Und wenn ja, warum, verdammt, dauert das alles so lange??? – auf 430 Seiten umfangreich nach, aber richtige Spannung will beim Lesen nur selten aufkommen.

Das ist natürlich schade und nimmt dem Album einiges an Dramatik. Davon abgesehen ist es ein typischer Delisle: Wenig Striche, viel Ausdruck, und sehr viel Information über die Situation eines Menschen, der nicht weiß, wer ihn weshalb entführt hat, und wie lange er das alles noch ertragen muss.

Guy Delisle: Geisel
432 Seiten, 29,- Euro, Reprodukt, ISBN 978-3-95640-117-6
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Ich habe Abel getötet

sorel-abelEs gibt Alben, auf die freut man sich lange im voraus. Vor allem, wenn ein so tolles Team wie Guillaume Sorel und Serge Le Tendre als Zeichner und Texter angekündigt sind. Dass Le Tendre klasse Geschichten erzählen kann, hat er im Vogel der Zeit bewiesen. Und wie stark Sorel düstere Stories bebildert, hat man unter anderem in Appartement 23 und Die letzten Tage von Stefan Zweig gesehen.

In diesem Fall hält sich die Begeisterung allerdings in Grenzen. Sorels Zeichnungen sind nach wie vor sehenswert, reißen aber die völlig konstruiert wirkende Geschichte auch nicht mehr raus. Es geht nicht um Kain und Abel im Urzustand, sondern darum, dass der Mörder als Strafe von Jahwe sozusagen eine Art ewiges Leben aufgebrummt bekommen hat – und damit sehr unzufrieden ist. Aber wie kommt man aus dieser Ewigkeitsnummer Nummer wieder raus? Die Einfälle sind wenig originell (und werden zudem sehr hölzern erzählt), und bereits in der Mitte des Albums ahnt man, wie es enden wird. Schade drum – das können die besser.

PS: Die Reihe Ich habe… getötet wird fortgesetzt. Jeder Band beschäftigt sich mit einem anderen Opfer (Marat, John Lennon…) und wird auch von einem anderen Team gezeichnet.

Guillaume Sorel, Serge Le Tendre: Ich habe Abel getötet
64 Seiten, gebunden, 15,80 Euro, Splitter, ISBN 978-3-95839-448-3
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