Descender

nguyen-descenderAlso – eigentlich fängt die Geschichte recht konventionell an: Alle neun Kernplaneten des United Galactic Council werden von gigantischen Robortern – Harvester genannt – angegriffen. Als die wieder weg sind, passiert das, was in solchen Situationen immer passiert: Die Überlebenden auf den betroffenen Planeten entwickeln einen Hass auf alles, was nach Roboter aussieht. Alle von ihnen hergestellten Robots werden vernichtet – soweit man ihrer habhaft wird. Vorzugsweise in einem riesigen Schmelztigel auf dem Planeten Gnish.

Doch wie das so ist: Der ein oder andere entgeht dem Vernichtungsfeldzug – auch ein Robot mit Namen TIM-21. Roboter der TIM-Reihe wurden ursprünglich als Spielgefährten für Kinder produziert. Jahre später gelingt es Wissenschaftlern, den Programmiercode der Harvester zu entschlüsseln. Und siehe da – er ist ähnlich aufgebaut wir der der TIMs. Es muss also eine Verbindung zwischen ihnen geben. Doch niemand weiß, wo die Harvester überhaupt herkamen – und wie demzufolge diese Verbindung zustande gekommen sein kann. Als TIM-21 schließlich auf einem fernen Planeten aus langem Tiefschlaf erwacht, erhofft man sich von ihm weitere Aufschlüsse. Leider sind auch andere hinter ihm her. Und am Ende des ersten von insgesamt vier Bänden der Reihe deutet sich an, dass mehr dahinter stecken muss, als rivalisierende Spezies.

Die Story von Jeff Lemire (Geistergeschichten) liest sich superspannend, und auch am Storyaufbau gibt es nichts zu meckern. Was diese Reihe aber wirklich außergewöhnlich macht, ist ihre Grafik. Was Dustin Nguyen hier an Bildern abliefert, ist einfach nur zum Reinknien. Unglaublich abwechslungsreiche, kreativ layoutete Aquarelle, und oft auch in-, über- und durcheinander fließende Panels zeigen, was Graphic Novel heute kann. Von der starken Kolorierung gar nicht zu reden. Dass Hollywood die Story bereits für sich entdeckt hat und verfilmen will, ist noch kein Qualitätskriterium, aber das innovative Artwork ist das Geld für das Album wert – wie immer die Geschichte auch weitergehen wird. Nicht nur für SF-Fans ein Genuss.

Dustin Nguyen, Jeff Lemire: Descender
144 Seiten, gebunden, 22,80 Euro, Splitter, ISBN 978-3-95839-166-6
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Update 8.9.2017: Band 4 ist da, und leider passiert mit dieser kultigen Reihe, was oft auch mit anderen passiert: Der geplante Abschlussband – nämlich dieser – ist nicht der Abschlussband. Die Reihe zieht sich in die Länge, und nicht mal Splitter weiß, wie viele Bände es noch werden sollen.

Während in Band 3 schon viele – für die Story überflüssige, weil wiederholte – Rückblenden vorkamen, beginnt die Geschichte in Band 4 langsam zu zerfasern und sich austauschbaren Abenteuerstory-Mustern anzugleichen. Bleibt zu hoffen, dass Lemire im Folgeband die Kurve und die Geschichte zu Ende bekommt, sonst hätte man hier wieder einmal eine starke Idee zu Tode geritten. Auch Nguyen gibt sich nicht mehr so viel Mühe mit der allerdings nach wie vor starken Grafik .

Update 30.5.18: Band 5 ist da, und nach wie vor ist kein Ende in Sicht. Dafür nimmt die Story wieder Fahrt auf, und die Zeichnungen von Nguyen sind wieder vom Feinsten. Trotzdem wäre es schön, wenn der sechste Band der letzte wäre.

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Buffalo Runner

oger-buffalo-runnerDas traditionelle Cover dieses Albums lässt eine konventionelle Westernstory vermuten, aber das täuscht. Was Oger hier vorlegt ist eine komprimierte Abhandlung über die Geschichte des Westens, versinnbildlicht in Gestalt eines alten Bisonjägers, der sein Leben vor seinem Auge vorbeiziehen lässt, während er in einer kleinen Hütte auf die Angriffe von Indianern und Desperados wartet.

In einem Interview im Anhang dieses Bandes erklärt Oger, der hierzulande vor allem durch die Fantasy-Reihe Gorn bekannt wurde und später tolle Szenarien für Patrick Prugne geschrieben hat (Canoe Bay, Die Herberge am Ende der Welt) weshalb er dieses Album gezeichnet hat: Ich wollte mit dem klassischen Image des Westernhelden aufräumen, das sich durch bestimmte Filme in unserer Vorstellung festgesetzt hatte… Wenn man sich eingehender mit der Geschichte des 19. Jahrhunderts in den USA befasst, wird deutlich, dass die Mehrzahl derer, die in den Westen aufbrachen, Immigranten waren: Deutsche, Skandinavier, Iren in großer Zahl, auch ein paar Franzosen. Die Habenichtse des alten Europas machten sich auf den Weg und versuchten dort ihr Glück, weil ihnen keine andere Wahl blieb… Im Grunde ist die Eroberung des Westens eine Geschichte armer Leute… Man könnte durchaus eine Parallele ziehen zu den afrikanischen Migranten von heute, die nach Europa strömen, sie handeln aus dem gleichen Antrieb.

So lässt er seine Hauptfigur Edmund Fisher verschiedene Stadien durchleben, anhand derer er die Situation und das Leben der damaligen Einwanderer beschreibt: Cowboy, Südstaatensoldat, Bisonjäger, Farmer, Fährtenleser für die Armee und, als Fisher älter und erfahrener ist, Aufseher auf einer Ranch. Eine spannende – und gewalttätige – Lebensgeschichte, die andere Akzente setzt als klassische US-Western. Dazu kommen wunderschöne Aquarellzeichnungen, die die unterschiedlichen Charaktere treffend herausarbeiten und die weiten Landschaften toll in Szene setzen. Auch Kleidung, Häuser, Waffen und andere Details wurden gezeichnet, wie sie damals waren. Grafisch beeindruckend, und nicht nur für Westernfans empfehlenswert.

Tiburce Oger: Buffalo Runner
88 Seiten, gebunden, 18,80 Euro, Splitter ISBN 978-3-95839-224-3
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The Graphic Canon 2

kick-graphic-canon-2Bereits der erste Band von Graphic Canon kam gut an. Jetzt kommt Band zwei dieser Reihe, in der Literaturklassiker des 19. Jahrhunderts vom Medium Graphic Novel interpretiert werden. Rund 50 Werke von Austen, Goethe, Shelley, Wilde, Dostojewski und Poe bis Nietzsche sind hier vereint und werden von Zeichnern wie Grimly, Wilson, Flix, Cheng und anderen vorgestellt. Das Ergebnis ist ein Album, das vor kreativen Ideen nur so strotzt und den Leser viele vertraute Bücher mit neuen Augen sehen lassen wird.

Dabei werden die vorgestellten Werke nicht komplett adaptiert. Meist ist es nur ein Kapitel, oft auch nur eine typische Szene, die die Zeichner auf ihre Weise darstellen. Die Vielfalt der Stile ist so abwechslungsreich wie die Unterschiedlichkeit der ausgewählten Prosa- und Lyriktexte. Dazu kommen eigenwillige Interpretationen, wie die von Goethes Faust, umgesetzt von Flix, oder die von Büchners Hessischen Landboten, dem Rattschneck eine völlig neue Sichtweise abgewinnt. Starke Bilder kommen von Andrej Klimowski, der Stevensons Dr. Jekyll und Mr. Hyde illustriert hat, oder von John Coulthart, der Motive aus Oscar Wildes Dorian Grey filigran in Szene setzt. Zu jeder Geschichte gibt es einen kleinen Vorspann, in dem das adaptierte Werk vorgestellt wird.

Es ist die Vielfältigkeit und die Unterschiedlichkeit der Darstellungen, die diese Ausgabe interessant machen. Hier tobt das pure Leben auf 380 Seiten. Ein echter Schmöker, mit dem man viele amüsante Stunden verbringen kann – wenn man bereit ist, sich auf neue Ideen und Sichtweisen einzulassen.

Russ Kick (Hg.): The Graphic Canon 2
Von Tristram Shandy über Jane Austen bis Dorian Gray
380 Seiten, gebunden, 49,99 Euro, Galiani Verlag, ISBN 978-3-86971-079-2