Ein Frühling in Tschernobyl

lepage-tschernobylTja – was soll das sein? Im April 2008, fast ein Vierteljahrhundert, nachdem der Welt der Atomreaktor von Tschernobyl um die Ohren geflogen ist, reist Lepage im Auftrag einer Künstlergruppe an den Unglücksort, um… ja – um was genau zu tun? Um eine radioaktiv verseuchte Welt grafisch einzufangen? Was gibt es 22 Jahre nach dem Unglück noch zu sagen, zu fotografieren, zu zeichnen, was nicht bereits dutzendfach gesagt und dokumentiert worden wäre? Eine unklare Ausgangssituation für eine Reise, deren Ziel und Inhalt während der Reise täglich mehr verschwimmt. Denn statt einer Zone des Todes und der Ödnis findet Lepage dort teilweise blühendes Leben, das ihn die unsichtbaren tödlichen Strahlen für Momente vergessen lässt.

Die Zeichnungen sind wieder vom Feinsten. Natürlich kann man in Tschernobyl nicht solch grandiose Bilder einfangen, wie man sie aus seiner Reise zum Kerguelen-Archipel kennt. Dazu ist Tschernobyl zu düster. So überwiegen Schwarzweiß- und Grautöne, manchmal mit Braun oder Ocker koloriert. Bunte Aquarelle sind selten. Aber auch hier fängt Lepage wieder intensive Stimmungen ein. Die Lebensgefahr durch unsichtbare Strahlung begleitet ihn auf Schritt und Tritt. Die Morbidität des Lebens bricht fast auf jeder Seite durch. Die strahlende Schönheit des Ortes, nennt er das. Und in diesem großformatigem Album hat Lepage wieder Platz, diese strahlende Schönheit in ihrer ganzen Morbidität wirken zu lassen.

In die Geschichte integriert sind Informationen über die Katastrophe selbst. Die lesen sich heute noch erschreckend. Allein zwischen 1986 und 2004 sind nach Angaben der Wissenschaftsakademie in New York rund eine Million Menschen weltweit an den Folgen von Tschernobyl gestorben. Und das Sterben hat bis heute kein Ende. Ein informatives, aufgrund der ständig präsenten Dialektik von Tod und Leben auch verstörendes Album mit – im wahrsten Sinne des Wortes – schaurig schönen Bildern.

Top 10 2013Emmanuel Lepage: Ein Frühling in Tschernobyl
168 Seiten, gebunden, 29,80 Euro, Splitter, ISBN 978-3-86869-619-6
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