Geisel

delisle-geiselGuy Delisle gehört zu den interessantesten Zeichnern. Nicht nur, weil er mit wenigen Strichen sehr ausdrucksstarke Figuren zu Papier bringen kann, sondern weil er ein Thema auch erstklassig strukturiert und dann spannend und informativ erzählt. Seine Reportagen aus aller Herren Ländern, wie seine Aufzeichnungen aus Jerusalem, zeigen das sehr deutlich. Und alles, was er so nebenbei publiziert, wie seine Ratgeber für schlechte Eltern oder die Abenteuer seines Sohnes Louis sind hübsche, nicht selten selbstironische Geschichten, die man prima zwischendurch lesen kann. Allen diesen Alben – ob Reisebericht oder Elternstress – ist gemeinsam, dass sie auf eigenen Erfahrungen beruhen.

Mit Geisel betritt Delisle Neuland. Diesmal erzählt er nicht seine eigene, sondern eine fremde Geschichte: die von Christophe André, einem Mitarbeiter der NGO Ärzte ohne Grenzen, der 1997 im Nordkaukasus von tschetschenischen Separatisten entführt wurde. Delisle hat sich mit ihm über seine Gefangenschaft unterhalten, und dann dieses Album daraus gemacht.

Nun ist bei einer solchen Geschichte zumindest eins von Anfang an klar: Wenn Delisle später mit André darüber geredet hat, muss André lebend aus der Sache rausgekommen sein. Was der Geschichte von vorn herein einiges an Spannung nimmt. Und so zeichnet Delisle zwar die Ungewissheit der Geisel – Wo bin ich hier? Wer sind die? Was wollen die von mir? Gibt es Verhandlungen über meine Freilassung? Weiß meine Organisation, wissen meine Freunde überhaupt, dass ich entführt wurde? Und wenn ja, warum, verdammt, dauert das alles so lange??? – auf 430 Seiten umfangreich nach, aber richtige Spannung will beim Lesen nur selten aufkommen.

Das ist natürlich schade und nimmt dem Album einiges an Dramatik. Davon abgesehen ist es ein typischer Delisle: Wenig Striche, viel Ausdruck, und sehr viel Information über die Situation eines Menschen, der nicht weiß, wer ihn weshalb entführt hat, und wie lange er das alles noch ertragen muss.

Guy Delisle: Geisel
432 Seiten, 29,- Euro, Reprodukt, ISBN 978-3-95640-117-6
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Der letzte Ansturm

tardi-der-letzte-ansturmTardi und der Erste Weltkrieg: Kein anderer hat so viele Alben über diese Gemetzel gezeichnet wie der Franzose: Elender Krieg, Soldat Varlot, StalagIIB, Grabenkrieg – und jetzt wieder ein Comic zu dem Thema.

In Der letzte Ansturm wird keine Geschichte erzählt, die einen Anfang und ein Ende oder überhaupt irgendeine Handlung hätte. Tardi lässt einen Sanitätssoldaten zwischen den Toten, Verwundeten und Sterbenden umherirren, lässt ihn durch Bombentrichter, Gräben, Schlamm, zerschossene Ruinen und dutzendfach von Granaten umgepflügte Landschaften waten. Er hängt seinen Gedanken nach. Über die vielen Afrikaner aus den Kolonien, die von der französischen Regierung als Kanonenfutter an der Front verheizt werden. Über Industriebosse in Deutschland und Frankreich, die sich an den Waffen und dem Giftgas eine goldene Nase verdienen: Dass kein Ende des Krieges abzusehen war, hatte auch damit zu tun, dass es noch große Mengen von Gas und Material gab, die man nicht umsonst hergestellt hatte. Das macht streckenweise richtig wütend – vor allem, wenn man überlegt, das wir inzwischen auch hierzulande wieder soweit sind, Krieg als legitimes Mittel der Außenpolitik anzusehen.

Tardis Szenen sind düster, die Bilder bieten wenig Abwechslung, sind aber, wie immer bei ihm, stark gezeichnet und bringen den Volk- und Vaterlands-Irr-Sinn erschreckend klar rüber. Beigelegt ist eine CD mit Antikriegsliedern. Auch, wenn sie nicht schlecht klingt – ohne wäre auch okay gewesen.

Dominique Granges Version von „Petits Morts du Mois d’Août“. Die Zeichnungen sind Illustration des Textes und stammen nicht aus dem Album.

Jacques Tardi, Dominique Grange: Der letzte Ansturm
112 Seiten, gebunden, 32,- Euro, Edition Moderne, ISBN 978-3-03731-158-5
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Das Problem mit den Frauen

fleming-das-problem-mit-den-frauenMan soll ja nicht alles glauben, was in der Zeitung steht. Rezensionen schon gar nicht. Aber die Worte, mit denen der Independent dieses Buch würdigt, muss man dick unterstreichen: Das perfekte Geschenk für jedermann und -frau, für alle Altersklassen und politischen Lager. Es wird wohl in der Humorecke zu finden sein – dabei gehört es mindestens auf den Schullehrplan! Und bevor sich jetzt einige angesichts des Wortes Schullehrplan angewidert abwenden, weil das nach schnöder Belehrung klingt: Es ist das unterhaltsamste, lustigste und gemeinste Buch, das ich seit langem gelesen habe. Die pure Majestätsbeleidigung von Anfang bis Ende. Denn obwohl darin weibliche Schwächen vorgeführt werden, geht es in Wirklichkeit um Männer.

Die 1955 in London geborene Zeichnerin Jacky Fleming begibt sich hier auf die Suche nach berühmten Frauen der Geschichte – und muss schnell feststellen: Früher gab es keine Frauen, deshalb lernt ihr im Geschichtsunterricht auch nichts über sie. Es gab nur Männer, und ziemlich viele waren Genies. Dann gab es doch ein paar Frauen, aber die hatten sehr kleine Köpfe, weswegen sie zu nichts nütze waren, außer zu Handarbeit und Krocket. Weshalb war das so? Nun: Schon der Anblick der weiblichen Gestalt lehrt, dass das Weib weder zu großen geistigen, noch körperlichen Arbeiten bestimmt ist, analysierte der Philosoph Schopenhauer, und auch andere Geistesgrößen wie Darwin oder Kant gaben sich alle Mühe, die Unzulänglichkeit von Frauen in pseudowissenschaftlichen Formulierungen festzuklopfen.

Fleming führt sie süffisant vor, diese Genies der Menschheit, und am Ende bleibt eigentlich nur die Frage, wie die Frauen deren geballten Stumpfsinn über all die Jahrhunderte ertragen konnten. Lakonisch, treffend, knochentrocken – Flemings hundsgemeine Mischung aus Comic und Cartoon liefert auf so ziemlich jeder Seite einen Volltreffer.

Jacky Fleming: Das Problem mit den Frauen
128 Seiten, schwarzweiß, 12,- Euro, KiWi, ISBN: 978-3-462-05024-0
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