Save It for Later

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Ein Album über den Rassismus in den USA und dessen Wurzeln. Verlagstext: Nate Powell erzählt in seinem Comicessay „Save It for Later“ von seinen Erfahrungen als Vater von zwei jungen Töchtern während der Amtszeit von Donald Trump. Er steht vor der Frage, wie er ihnen die immer lauter werdenden nationalistischen Stimmen in den USA erklären soll. Dabei stellt er fest: Seine Kinder wollen nicht nur die Ursachen für diskriminierende Übergriffe verstehen, sie verspüren auch den Drang danach, etwas gegen diese zu unternehmen. Gemeinsam mit ihnen findet er einen Weg, der persönlichen und gesellschaftlichen Krise zu begegnen: Sie protestieren! „Save It for Later“ ist ein persönliches und politisches Zeitdokument, das 2016 mit der Wahl Donald Trumps einsetzt und bis 2020 – das Jahr von Covid-19 – reicht.

Autor und Zeichner Nate Powel, der bereits das – leider inzwischen vergriffene – Album Das Schweigen unserer Freunde von Marc Long bebildert hat, macht sich Gedanken, wie es passieren konnte, dass mit Donald Trump ein rassistischer Choleriker Präsident der Vereinigten Staaten werden konnte. Als Ursachen sieht er den vor allem in den Südstaaten der USA nach wie vor vorhandenen Rassismus, der sich heutzutage meist hinter popkulturellen Symbolen wie Outfit, Abzeichen, Autotypen und ähnlichem versteckt, und damit gesellschaftsfähiger wirkt als in Ku Klux-Klan-Klamotten. Ähnlich den Nazis in Deutschland, die auch nicht mehr ausschließlich mit rasiertem Schädel und Stiefeln durch die Lande ziehen, sondern ihren Rassismus inzwischen im Nadelstreifen durch die Parlamente posaunen dürfen.

Die Konsequenz, die Powell daraus zieht, ist die, nicht wegzusehen. Wer Rassisten als ewig Gestrige verharmlose, die man nicht ernst nehmen müsse, mache sich das Leben leicht, weil man sich dann ja dazu nicht verhalten müsse. Doch weglächeln reicht nicht, betont Powell. Ein Album, das mehr eine Art Essay in sehenswerten Zeichnungen als ein Comic, inhaltlich aber nicht uninteressant ist.

Nate Powell: Save It for Later
Übersetzung von Christian Langhagen
160 Seiten, gebunden, 24,- Euro, Carlsen, ISBN 978-3-551-76188-0

9/11

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Rein comicmäßig macht dieses Album nicht viel her, ist aber als eine Art Reportage nicht uninteressant zu lesen. Der Verlag schreibt: Der 11. September 2001: Was als ganz normaler Dienstag begann, sollte einer der erschütterndsten und folgenreichsten Tage der jüngeren Weltgeschichte werden. Diese dokumentarische Graphic Novel betrachtet die Ereignisse von 9/11. Hautnah wird das Geschehen aus Sicht von Überlebenden und Zeitzeugen erzählt, darunter etwa Stanley Praimnath und Brian Clarke, die im World Trade Center arbeiteten, als dieses von den Flugzeugen getroffen wurde, oder Suzanne Plunkett, die als Fotografin das Geschehen auf den New Yorker Straßen festhielt. Ebenso wird in diesem Comic nachgezeichnet, was in den Tagen, Wochen und Jahren nach den Anschlägen passierte: vom traumatisierten Amerika über die globalen Auswirkungen bis zu George W. Bushs Kreuzzug gegen die „Achse des Bösen“, von Verschwörungstheorien bis zur Cyber-Überwachung.

Die Pluspunkte dieses Albums sind zwei Dinge: Zum einen macht es die Ereignisse nachvollziehbarer, indem es von Büroangestellten und Feuerwehrleuten erzählt, die der Meinung waren, dass ein Brand in Stockwerk x keine Auswirkungen auf die Situation in ihrem Stockwerk haben dürfte. Ein tödlicher Irrtum. Und: Texter und Journalist Baptiste Bouthier, der u.a. für die Liberation gearbeitet hat, bleibt in seiner Reportage nicht bei individuellen Schicksalen stehen. Er macht – so schrecklich es war – keine entpolitisierte Jammerstory daraus, sondern sieht sich auch an, was daraus folgte.

Der Krieg gegen den Terror, den US-Präsident Bush anschließend ausrief, führte durch jahrzehntelange Kriege mit Hunterttausenden Toten nicht nur zu verwüsteten und unregierbar gewordenen Ländern wie den Irak oder Afghanistan, sondern auch zu Sondergesetzen (u.a. dem Patriot Act), die grundlegende demokratische Rechte abbauten, Massenüberwachung der gesamten Bevölkerung ermöglichten und heute noch in Kraft sind. Ähnliche Gesetze wurden unter dem Vorwand des Kriegs gegen den Terror auch in Deutschland und anderen europäischen Ländern verabschiedet. Insgesamt wird deutlich, das Menschenrechte sowohl die eine, wie die andere Seite nicht interessieren, wenn es um Macht und Einfluss geht.

Héloïse Chochois, Baptiste Bouthier: 9/11 – Ein Tag, der die Welt veränderte
144 Seiten, gebunden, 24,- Euro, Knesebeck, ISBN 978-3-95728-547-8
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Der zweite Mann

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Mit dem Band Eine herrliche Einöde schließt Peter Eickmeyer seine Comic-Reportage über die Mondlandung ab. In Europa war es früh am Morgen, als am 21. Juli 1969 Weltgeschichte geschrieben wurde. Mehr als 500 Millionen Zuschauer saßen rund um die Erde vor ihren Fernsehern und verfolgten gebannt die Landung von Apollo 11 und wie 380.000 Kilometer entfernt Neil Armstrong als erster Mensch den Mond betrat. Peter Eickmeyer war damals – im Alter von fünf Jahren – einer von ihnen, und die Faszination für den Weltraum sollte ihn nie wieder loslassen. Zu ihrem 50. Jahrestag betrachtet er die Geschichte der Mondlandung aus einer frischen Perspektive: der von Buzz Aldrin, dem zweiten Mann auf dem Mond. Mit großer Liebe zum historischen Detail schildert „Der zweite Mann“ weniger bekannte Seiten eines modernen Mythos, vom Wettlauf ins All vor dem Hintergrund des Kalten Krieges bis hin zu der Frage, was Marilyn Monroe mit der Mondlandung zu tun hatte. So weit der Verlagstext.

Über Eickmeyer als Comiczeichner habe ich viel gelästert. Ob seine Remarque-Adaption Im Westen nichts Neues oder das Flüchtlingsalbum Liebe deinen Nächsten – ich war immer der Meinung, dass er sich auf das Bildermalen beschränken und von Comics die Finger lassen sollte. Denn malen kann er. Seine Bilder sind oft großartig. Comics kann er nicht, weil es so gut wie nie Interaktion in seinen Bänden gibt. Das ist in diesem Album anders. Als Comic-Reportage kommt es echt prima.

Eickmeyer unterlegt die Handlung mit den historischen Ereignissen, die am Ende zur Mondlandung führten: Der kalte Krieg, das Wettrennen zwischen UdSSR, die mit Sputnik und Gagarin die Nase vorn hatte, und den USA, die unbedingt zeigen wollten, dass Kapitalismus das bessere System ist. Deshalb war es ihnen so wichtig, dass der erste Mensch auf dem Mond ein US-Amerikaner wird. Und natürlich erfährt man auch einiges über das Raumfahrtprogramm der NASA.

Weshalb Eickmeyer seinen Zweiteiler Der zweite Mann nennt erschließt sich zwar nicht, denn über Buzz Aldrin erfährt man nicht viel mehr als über die anderen. Das ist aber egal, denn insgesamt lässt Eickmeyer hier die sechziger Jahre noch einmal auferstehen und den Leser den Wettlauf um die erste Mondlandung nacherleben. Die Szenen auf dem Mond sind informativ, unterhaltsam und flüssig zu lesen und das abwechslungsreiche Layout lässt keine Langeweile aufkommen. Nicht nur für Weltraum-Fans interessant.

Peter Eickmeyer: Der zweite Mann
2 Bände, je 56 Seiten, gebunden, 15,- Euro, Splitter, ISBN 978-3-96219-371-3
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