Der Ursprung der Welt

stroemquist-ursprung-der-weltDie schwedische Politikwissenschaftlerin Liv Strömquist präsentiert die Kulturgeschichte der Vulva – und das auf amüsante Weise. Wenn auch die historischen Fakten alles andere als amüsant sind, denn in einer patriarchalen Welt wird auch die weibliche Sexualität aus männlicher Sicht definiert. Das führte zu ebenso absurden wie lustfeindlichen Ansichten, die noch dazu im Laufe der Geschichte immer wieder auf abenteuerliche Weise wechselten.

Nehmen wir das Thema Fortpflanzung. Zeitweise vertrat die Medizin die Auffassung, ein Kind könne nur empfangen werden, während die Frau einen Orgasmus hat. Später wiederum war der Orgasmus völlig unwichtig für die Empfänglichkeit. Als frigide galt frau aber grundsätzlich immer, wenn sie während des vaginalen Geschlechtsverkehrs keinen Orgasmus bekam – selbst wenn sie während der Selbstbefriedigung juchzend von einem in den anderen fiel. Onanie galt als schädlich und als Ursache für so ziemlich alle körperlichen Übel von Krebs bis Epilepsie. Aber das war ja auch bei den Männern so.

Manchmal erinnert Strömquists Album an Flemings Das Problem mit den Frauen – in beiden wird männliche Beschränktheit süffisant vor- und ad ab surdum geführt. Wobei es bei Strömquist nicht allgemein um die Rolle der Frau in der Gesellschaft, sondern konkret um weibliche Sexualität von Menstruation bis Orgasmus geht. Das liest sich nicht nur hochgradig spannend und informativ, das ist streckenweise auch witzig und verblüffend. Die Zeichnungen reißen nicht vom Hocker, Text lettert sie aber so unterschiedlich groß klein quer dick zart fett und sonstwie durcheinander, dass man schon das Layout als Gesamtkunstwerk sehen kann. Ein must-have für alle Männer, Frauen und sonstigen Geschlechter.

Top 10 2017Liv Strömquist: Der Ursprung der Welt
140 Seiten, 19,95 Euro,  avant, ISBN 978-3-945034-56-9
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Der Riss

spottorno-der-rissDer Fotograf Carlos Spottorno und der Journalist Guillermo Abril waren für spanische Zeitungen an den Außengrenzen Europas unterwegs. Dort, wo Flüchtlinge versuchen, vor den Kriegen in den afrikanischen und arabischen Ländern zu fliehen, um in Europa Schutz zu finden – u.a. in Melilla, auf dem Mittelmeer, in Griechenland und auf dem Balkan. Und dort, wo die Menschen Angst vor einer Invasion Russlands haben – in den baltischen Staaten im Norden Europas. Überall dort sehen die Autoren Risse im Gefüge der EU – Risse, an denen Europa möglicherweise zerbrechen kann.

Die Reisen fanden zwischen 2013 und 2016 statt, die entsprechenden Reportagen wurden in diversen Zeitschriften veröffentlicht, ein Video der beiden über eine Rettungsaktion im Mittelmeer mit dem World Press Photo Award ausgezeichnet. Am Ende hatten sie rund 25.000 Bilder und 15 Notizbücher und die Idee, alle Reisen und ihre Erfahrungen in einem Band zu sammeln. Ein reiner Fotoband schien ihnen nicht aussagekräftig genug – also wählten sie den Comic als Präsentationsform.

Das ist keine schlechte Idee, und die rein technische Umsetzung ist durchaus interessant. Sie haben die Bilder zunächst so bearbeitet, dass sie entfernt an Zeichnungen erinnern (ohne inhaltlich etwas daran zu ändern), einzelne Motive vergrößert, so dass auch Zoomeffekte aus den Fotos heraus entstehen, und dann ein paar – erfreulich knappe – Texte drüber gelegt.

Leider braucht man für ein solches Projekt auch einen Gesamtzusammenhang, und der ist in diesem Fall äußerst dürftig. Die Migrationswelle im Süden mit den Ängsten der Balten im Norden in Zusammenhang zu bringen schaffen sie nicht wirklich. In einem im Anhang abgedruckten Interview antwortet Spottorno auf die Frage, ob die Menschen in der EU lieber die Augen vor dem verschließen, was an den Grenzen passiert: Nein, ich glaube, die Leute wollen wissen, was passiert, aber die Berichterstattung ist zu verworren. Informationsfetzen ohne Kontext.

Und das ist leider auch eine ziemlich gute Charakterisierung dieses Albums: Informationsfetzen ohne Kontext. Eine Vielzahl – oft starker – Fotos: Flüchtlinge, Soldaten, Zäune, NATO-Draht, militärische Einsatzzentralen. Sie stehen oft isoliert nebeneinander, eine Interaktion zwischen den Bildern gibt es nicht, und ein Zusammenhang zwischen den einzelnen Geschichten erschließt sich auch nicht immer.

Andererseits: Diese Aneinanderreihung vermittelt zwar keine tiefen politischen Zusammenhänge, macht aber die Kriege, die wir an unseren Grenzen faktisch führen, sichtbar. Und damit auch den Preis für den kuscheligen Wohlstand, in dem wir in Europa leben. Carlos Spottorno: Ich habe ganz klar gespürt, wie privilegiert ich bin, zu einem Teil der Welt und einer Gesellschaft zu gehören, in der man sich frei bewegen kann. Und Guillermo Abril: Man spürt, dass die Welt zweigeteilt ist. Entweder man ist drinnen oder man ist draußen.

Carlos Spottorno, Guillermo Abril: Der Riss
184 Seiten , gebunden, 32,- Euro, avant, ISBN: 978-3-945034-65-1
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Liebe deinen Nächsten

eickmeyer-liebe-deinen-naechsten

In diesem Album berichten Peter Eickmeyer und Gaby von Bostel von einem Rettungseinsatz im Mittelmeer. Drei Wochen waren sie an Bord des von SOS Méditerranée gecharterten Rettungsschiffs Aquarius, das in den internationalen Gewässern vor der libyschen Küste kreuzt und mit anderen Schiffen hilfsbedürftige Flüchtlinge aufnimmt. Koordiniert werden die Schiffe vom Maritime Rescue Coordination Center in Rom.

Die Arbeit an Bord wird von drei unterschiedlichen Teams geleistet. Das nautisch-technische Team steuert das Schiff. Das Rettungsteam muss dafür sorgen, dass die Flüchtlinge beim Umsteigen von ihren Schlauchbooten in die Rettungsboote nicht kentern. Und das Team von Ärzte ohne Grenzen leistet an Bord Erste Hilfe und versorgt die Verletzten. Die Team-Mitglieder kommen aus gut zwei Dutzend verschiedenen Ländern. Bis zu 500 Flüchtlinge kann die Aquarius aufnehmen.

Es ist ein informatives Album, das zeigt, dass das Umsteigen der Flüchtlinge nicht in 10 Minuten erledigt ist, sondern bei gut 100 Personen durchaus auch mal drei Stunden dauern kann – nachts noch länger. Van Borstel lässt zwischendurch einzelne Flüchtlinge zu Wort kommen, Eickmeyer porträtiert sie in gewohnt starken, großformatigen Bildern. Erfreulich, dass Splitter diesen Band im Gegensatz zum vorigen nicht in dem kleinen Book-, sondern in Albenformat publiziert hat. Da hat man mehr von Eickmeyers  Arbeiten.

Allerdings gilt auch für diesen Band, was schon für ihr Projekt Im Westen nichts Neues galt: Eine Graphic Novel ist das nicht – eher eine Art Bildband mit darüber gelegten Textkästchen. Wobei dieses Album eine Art Zwitter geworden ist: In der ersten Hälfte versucht Eickmeyer sich noch an einer klassischen Panelstruktur, die er in der zweiten Hälfte zugunsten von ganzseitigen Bildern komplett aufgibt. Glücklicherweise, muss man sagen, denn: Malen, das kann er. Comics zeichnen eher nicht.

Peter Eickmeyer, Gaby von Borstel: Liebe deinen Nächsten
Auf Rettungsfahrt im Mittelmeer an Bord der Aquarius
128 Seiten, gebunden, 24,80 Euro, Splitter, ISBN: 978-3-95839-415-5
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