Der zweite Mann

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Mit dem Band Eine herrliche Einöde schließt Peter Eickmeyer seine Comic-Reportage über die Mondlandung ab. In Europa war es früh am Morgen, als am 21. Juli 1969 Weltgeschichte geschrieben wurde. Mehr als 500 Millionen Zuschauer saßen rund um die Erde vor ihren Fernsehern und verfolgten gebannt die Landung von Apollo 11 und wie 380.000 Kilometer entfernt Neil Armstrong als erster Mensch den Mond betrat. Peter Eickmeyer war damals – im Alter von fünf Jahren – einer von ihnen, und die Faszination für den Weltraum sollte ihn nie wieder loslassen. Zu ihrem 50. Jahrestag betrachtet er die Geschichte der Mondlandung aus einer frischen Perspektive: der von Buzz Aldrin, dem zweiten Mann auf dem Mond. Mit großer Liebe zum historischen Detail schildert „Der zweite Mann“ weniger bekannte Seiten eines modernen Mythos, vom Wettlauf ins All vor dem Hintergrund des Kalten Krieges bis hin zu der Frage, was Marilyn Monroe mit der Mondlandung zu tun hatte. So weit der Verlagstext.

Über Eickmeyer als Comiczeichner habe ich viel gelästert. Ob seine Remarque-Adaption Im Westen nichts Neues oder das Flüchtlingsalbum Liebe deinen Nächsten – ich war immer der Meinung, dass er sich auf das Bildermalen beschränken und von Comics die Finger lassen sollte. Denn malen kann er. Seine Bilder sind oft großartig. Comics kann er nicht, weil es so gut wie nie Interaktion in seinen Bänden gibt. Das ist in diesem Album anders. Als Comic-Reportage kommt es echt prima.

Eickmeyer unterlegt die Handlung mit den historischen Ereignissen, die am Ende zur Mondlandung führten: Der kalte Krieg, das Wettrennen zwischen UdSSR, die mit Sputnik und Gagarin die Nase vorn hatte, und den USA, die unbedingt zeigen wollten, dass Kapitalismus das bessere System ist. Deshalb war es ihnen so wichtig, dass der erste Mensch auf dem Mond ein US-Amerikaner wird. Und natürlich erfährt man auch einiges über das Raumfahrtprogramm der NASA.

Weshalb Eickmeyer seinen Zweiteiler Der zweite Mann nennt erschließt sich zwar nicht, denn über Buzz Aldrin erfährt man nicht viel mehr als über die anderen. Das ist aber egal, denn insgesamt lässt Eickmeyer hier die sechziger Jahre noch einmal auferstehen und den Leser den Wettlauf um die erste Mondlandung nacherleben. Die Szenen auf dem Mond sind informativ, unterhaltsam und flüssig zu lesen und das abwechslungsreiche Layout lässt keine Langeweile aufkommen. Nicht nur für Weltraum-Fans interessant.

Peter Eickmeyer: Der zweite Mann
2 Bände, je 56 Seiten, gebunden, 15,- Euro, Splitter, ISBN 978-3-96219-371-3
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Wir gehören dem Land

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Das ist mal eine andere Sicht der Dinge: Nicht Uns gehört das Land, sondern Wir gehören ihm – so sehen es jedenfalls die Dene. Die Dene, die indigene Bevölkerung Kanadas leben schon seit ewigen Zeiten im Mackenzie River Valley. Sie gehören dem Land, nicht umgekehrt. Aber ihre Lebensweise wird durch den Abbau von Öl, Gas und Diamanten bedroht. Auf einer Reise in den hohen Norden Kanadas trifft Joe Sacco die einheimischen Dene. Heute droht das Volk zwischen dem Zwang zu wirtschaftlichem Fortschritt und dem Wunsch, zu einem traditionellen, naturnahen Leben zurückzukehren, aufgerieben zu werden. Joe Sacco berichtet über die Ausbeutung der Bodenschätze, die Träume der jüngeren Generation und ein Schulsystem, das den Kindern erst ihre Eltern und dann ihre Jugend geraubt hat, um sie sesshaft zu machen und zur Integration in die Kultur der Weißen zu zwingen. (Verlagstext)

Und das tut er wie schon in seinen Alben Palästina, Bosnien, Sarajevo und anderen Comic-Reportagen sehr gründlich und ausführlich. Im Grunde ist es die übliche Geschichte: Menschen leben in friedlichen Gemeinschaften, bis das, was sich Zivilisation nennt, in der Gegend Rohstoffe entdeckt. Das Gerangel um Land und Einfluss beginnt. Die Regierung setzt bei der Zerstörung der indigenen Gruppen zuerst auf die Entfremdung der Kinder von ihren Familien. Kanadas damaliger Premierminister Jon Macdonald: Das Kind stammt vom Wilden ab, und auch wenn es lesen und schreiben lernt, so bleibt es in seinem Innersten doch ein Indianer. Eben ein Wilder, der lesen und schreiben kann. Indianerkinder sollten so weit wie möglich dem elterlichen Einfluss entzogen werden, doch das geht nur, wenn man sie in zentrale Schulen steckt, in denen sie die Sitten und Denkart der Weißen erlernen.

Mit dieser Art Gehirnwäsche werden kulturelle Traditionen gebrochen, geht durch Generationen erlerntes Wissen verloren und die Identität der Menschen den Bach runter. Irgendwann weiß man nicht mehr, ob man Dene oder Kanadier oder gar nichts mehr ist. Sie brachten uns dazu, uns selbst zu negieren, zitiert Sacco einen Dene, der jahrelange Gehirnwäsche in einem katholischen Internat erdulden musste. Die Folgen sind immer und überall die gleichen: Verlust der Identität, Orientierungslosigkeit und am Ende oft Alkoholismus, denn wenn den Menschen auch nichts mehr gelassen wird, wenn die Rohstoffe abgebaut, das Wild vertrieben und der Boden vergiftet ist: Alkohol gibt es immer. Die kanadische Regierung gab 2015 zu, sich damals eines kulturellen Völkermords schuldig gemacht zu haben.

Dabei ist Sacco zwar parteiisch, aber nicht betriebsblind. Er sieht und schildert auch die Probleme innerhalb der indigenen Communities. Das schöne natürliche Leben in der Natur ist nicht immer schön und romantisch. Es ist auch sehr hart – bei bis zu 40 Grad Minus in den Wäldern des Nordens. Auch sexueller Missbrauch – etwas, was in den katholischen Internaten begonnen und später von den Missbrauchten in ihren Familien weitergeführt wurde – machte sich später in den Communities breit. Ursprünglich wollte Sacco einen Comic über die Auswirkungen von Klimawandel und globaler Erwärmung am Beispiel der Dene machen. Am Ende ist es ein Album geworden, das exemplarisch für die Vorgehensweise imperialer Mächte gegen Naturvölker steht, ohne dabei das Leben der Dene zu idealisieren.

Top 10 2020  Joe Sacco: Wir gehören dem Land
256 SW-Seiten, 25,- Euro, Edition Moderne, ISBN 978-3-03731-198-1
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Bald sind wir wieder zu Hause

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Comics über Rassismus und Faschismus kann es in diesen Zeiten gar nicht genug geben. In diesem Band schildern sechs Kinder ihre Erfahrungen mit den Nazis im Dritten Reich. Der Verlag schreibt: Rechtsextremismus und Antisemitismus haben in Europa wieder Fuß gefasst. Geschichten, wie die in diesem Band versammelten, erinnern uns daran, den Horror des Holocaust niemals zu vergessen. „Bald sind wir wieder zu Hause“ schildert die Erlebnisse von sechs Überlebenden des Naziterrors auf Basis von Interviews. Enteignet, von ihren Angehörigen getrennt und ihrer Menschenwürde beraubt, durchlebten sie die Angst und Verfolgung im Ghetto. Sie erlitten die Entmenschlichung, den Hunger und die Entkräftung in den Konzentrationslagern und waren Zeugen des industriellen Massenmordes in den Vernichtungslagern. Ein beeindruckendes Plädoyer gegen das Vergessen.

Auch wenn es im Grunde nichts Neues ist, was man hier liest, und man bereits viele ähnliche Geschichten gehört hat: Es ist immer wieder erschreckend zu sehen, mit welcher Kälte selbsternannte Herrenmenschen angeblich minderwertige Rassen wie Dreck behandeln und durch Folter, Arbeit, Hunger und medizynische Experimente zu Tode quälen. Selma Bengtsson, eine der sechs Betroffenen, die in diesem Album ihre Odyssee durch die Konzentrations- und Arbeitslager Auschwitz, Ravensbrück, Buchenwald, Theresienstadt und Bergen-Belsen schildern, wog nach ihrer Befreiung gerade noch 28 Kilo.

Solche Geschichten vor Augen, fragt man sich, weshalb Nazis wie Björn Höcke, die wieder öffentlich davon reden, dass man Oppositionelle ausschwitzen müsse, überhaupt noch in einem Parlament sitzen können. Und weshalb solche Leute in Talkshows und Nachrichtensendungen als Rechtspopulisten verharmlost und nicht als das bezeichnet werden, was sie sind: Faschisten. Ein stark gezeichnetes Album, das deutlich macht, welche Konsequenzen es hat, wenn man die Grenze zu den wieder aufkommenden rassistischen und faschistischen Bewegungen nicht klar zieht.

Peter Bergting, Jessica Bab Bonde: Bald sind wir wieder zu Hause
104 Seiten, gebunden, 20,- Euro, Cross Cult, ISBN 9783966581783
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