Algernon Woodcock

Der kleine Mann mit den wundersamen Fähigkeiten ist wieder da. Wobei ihm die nichts nutzen, denn er hat sich gerade eine magische Krankheit geholt: Er hat eine Gabe. Auf der Suche nach Antworten dringt unser Held in Welten ein, die weit jenseits der Vorstellungskraft seiner Mitmenschen liegen. Mythen, Legenden und Aberglaube, das ist der Stoff, den der Mann mit dem großen Hut sammelt, um ihn für die Nachwelt zu erhalten. Doch was passiert, wenn diese alten Geschichten tatsächlich Gestalt annehmen? (Verlagstext)

Ja, dann wirds eng. Es ist ein ebenso geheimnisvoller wie spannender Fantasy, der hier vorliegt. Es fängt schon damit an, dass Woodcock mit seinem Freund – einem Arzt – dringend zu einem Patienten gerufen wird. Dazu müssen sie ein Moor durchqueren, in dem Gestalten lauern, denen man nicht mal tagsüber begegnen möchte. Jetzt ist düsterste Nacht. Soll man da wirklich in der Kutsche…? Und was ist mit der alten Frau in der abgelegenen Hütte: Ist sie wirklich eine Hexe? Was ist das für ein rätselhaftes Kind, das bereits nach sechs Monaten völlig gesund zur Welt gebracht wurde? Wieso sieht man die Mutter immer nur verschleiert? Und wieso ist Woodcock plötzlich verschwunden? Ist er überhaupt noch am Leben?

Der erste Band dieser Mystik-Reihe ist vor Jahren bei Arboris erschienen. Sechs Bände gibt es insgesamt, und die will Finix nach und nach auf den Markt bringen. Die ersten zwei Bände gehören inhaltlich zusammen, weshalb Finix sie hier gleich als Double publiziert. Auch die Bände drei und vier gehören zusammen. Sie sind als Double für Januar geplant. Die letzten zwei kommen im Frühjahr.

Das Schönste an dieser Reihe sind die Zeichnungen von Guillaume Sorel. Der hat schon Shakespeares Macbeth in einen bildgewaltigen Heroic-Fantasy verwandelt, Die letzten Tage von Stefan Zweig in düsteren Bildern visualisiert und in seinem Appartement 23 Tote zum Leben erweckt. Auch in diesem Album leuchtet er die dunklen Ecken der Geschichte wieder geheimnisvoll aus. Die Story ist nicht immer logisch – die Optik ein Genuss.

Guillaume Sorel, MathieuGaillé: Algernon Woodcock 1 – Das Feenauge
Aus dem Französischen von Saskia Funke
126 Seiten, gebunden, 29,80 Euro, Finix, ISBN 978-3-948057-67-1
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L’état Morbide

Eine ziemlich abgefahrene Horrorgeschichte in schrägem Design – die Trilogie des belgischen Comiczeichners Daniel Hulet: Charles Haegeman besichtigt eine zu vermietende Wohnung in einem gutbürgerlichen Viertel von Brüssel. Das düstere Äußere des Gebäudes ist nur ein Vorbote für die unheimliche Hausmeisterin Madame Spiegel, die ihn darin erwartet, sowie die verschrobenen Mieter, denen er begegnet. In Charles‘ Augen bietet das Haus das perfekte Klima, um sein Comicprojekt – eine makabre Story in einer postapokalyptischen Welt – endlich zu beenden. Doch der Fund eines Tagebuchs, das einem früheren Bewohner gehörte, wirft ihn nachhaltig aus der Bahn und führt ihn auf den Weg in einen krankhaften Wahn, der in den Mauern dieses unseligen Ortes zu hausen scheint. (Verlagstext)

Daniel Hulet war ein belgischer Comiczeichner (1945 – 2011), der unterschiedliche Alben gemacht hat. Neben eher konventionellen Abenteuerreihen hat er u.a. mit den Trilogien Extra Muros und Immondys immer fantastischere Werke abgeliefert. Dazu gehört auch sein Dreiteiler L’état morbide, in dem er dem Irrsinn freie Bahn lässt. Man fragt sich beim Lesen unwillkürlich, wie er aus dieser Story, die von Seite zu Seite mysteriöser wird, jemals wieder logisch rauskommen will. Aber er schafft es am Ende tatsächlich. Zumindest halbwegs.

Noch schräger als die Story sind die Bilder. Seine diagonal-dreieckig angeordneten Panels bringen durch die permanente Perspektivverschiebung Unruhe auf die Seiten. Und dann die Zeichnungen: Verschwommen skizzierte Körper, abgetrennte Köpfe, sich auflösende Wesen, schräge Gestalten und alles in einem modrigen Grün, gerne auch mal in düsterem Rot oder Grau. Eine Atmosphäre, streckenweise surreal und morbide bis zum Ekel.

Es ist eine im Grunde ziemlich kranke Geschichte, die Hulet hier vorlegt, und sicher nicht jedermanns Geschmack. Trotzdem erfreulich, dass die drei Alben, die 1988 bei Feest erschienen sind, jetzt als Gesamtausgabe vorliegen, denn sie sind in ihrer Art einzigartig. Ergänzt von einem 16-seitigen Nachwort von Verleger Paul Herman über Leben und Werk von Hulet, das im Gegensatz zu vielen anderen Vor- und Nachworten in Comics rundum informativen Charakter hat.

Daniel Hulet: L’état Morbide (Gesamtausgabe)
Übersetzung von Klaus Jöken und Tanja Krämling
160 Seiten, gebunden, 39,80 Euro, Splitter, ISBN 978-3-96792-366-7
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Glauben Sie an die Wahrheit?

Macht es Sinn, an den Verstand von Menschen zu appellieren, die ihn sichtlich längst verloren haben? Dieses Album macht den Versuch, die Welt der Verschwörungstheoretiker ein bisschen auseinander zu nehmen: Sind Sie noch sicher, dass die Erde rund ist? Als Journalistin fühlt sich Doan oft wie Alice im Wunderland, wenn sie sich die alternativen Wahrheiten von Illuminaten oder Flacherde-Anhänger*innen anhört. Warum halten sie wissenschaftlich fundierte Erkenntnisse über den Klimawandel oder Covid-19 für falsch und was sind ihre Argumente? Humorvoll und selbstkritisch nimmt Doan uns mit auf ihre Reportagen über die populärsten Verschwörungstheorien und zeigt, warum sich Fake News viel schneller verbreiten als wahre Fakten. Das vielleicht lustigste Buch über Verschwörungstheorien. (Verlagstext)

Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Bei Verschwörungstheoretikern gibt es eigentlich wenig zu lachen, aber Doan Bui schafft es, den Widersinn ihrer Theorien auch witzig auf die Seiten zu bringen. Sie schreibt nicht nur über sie – sie hat sich auch mit vielen von ihnen unterhalten und gibt so einen Einblick in die Denkweise dieser Leute.

Den Anfang macht sie mit den Truthern (truth = Glauben), die der Meinung sind, die Mainstream-Medien würden allesamt lügen, aber sie, die Truther, hätten deren Fake News durchschaut und wüssten, wo es langgeht. Ob Mondlandung, Kennedy-Mord, Corona oder was auch immer – ihrer Meinung nach ist alles Lüge. Die Flache-Erde-Anhänger wiederum glauben, die Erde sei nicht rund, sondern flach wie eine Pizza. Am interessantesten ist das Kapitel über die Fake-News-Fabrik, in der Bui sehr genau beschreibt, wie das, was die Schwurbler alternative Fakten nennen, entsteht und verbreitet wird. Nicht durch Einzelne, sondern richtiggehend automatisiert und millionenfach. Auch die Klima-Skeptiker und die Impfgegner werden vorgestellt, und Oberfaker Donald Trump bekommt ein eigenes Kapitel. Ein ebenso amüsantes wie informatives Album, von Carlsen ab 12 Jahren empfohlen.

Leslie Plée, Doan Bui: Glauben Sie an die Wahrheit?
Übersetzung: Christiane Bartelsen
176 Seiten, gebunden, 22,- Euro, Carlsen, ISBN 978-3-551-72329-1
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