Zeig mir das Meer

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Eine gefühlvolle Coming-out-Geschichte, gezeichnet von Julie Maroh (Blau ist eine warme Farbe). Verlagstext: Jake Hyde lebt mit seiner Mutter in einer kleinen Stadt in der Wüste New Mexicos. Obwohl er nicht schwimmen kann, ist seine große Sehnsucht das Meer, von dem er sich wie magisch angezogen fühlt. Und Jake hat noch eine andere Sehnsucht: Er fühlt sich immer stärker zu Kenny Liu hingezogen, einem Jungen aus dem Schwimmteam seiner Schule, der mit seiner Homosexualität ganz offen umgeht. Langsam aber sicher muss sich Jake eingestehen, dass er selbst schwul ist. Doch wie würden die Menschen um ihn herum darauf reagieren, zumal sich seine Mitschüler schon über den selbstbewussten Kenny wegen seiner Orientierung lustig machen? Wie würde seine Mutter damit umgehen, die sich sowieso zu viele Sorgen macht? Und was würde Maria sagen, Jakes beste Freundin, die sogar bereit ist, ihm an die Universität von Miami zu folgen, weit weg von ihrer geliebten Familie?

Ja, da hat Jake sich ziemlich reingeritten – mit all seinen Halbwahrheiten, mit denen er Maria im Ungewissen hält. Schlimmer noch: Mit denen er sie im Glauben lässt, sie wären eigentlich ein Paar. Aber man kennt das von sich selber: Je länger man etwas verheimlicht oder unklar in der Schwebe hält, desto schwerer wird es, irgendwann mit der Wahrheit rauszurücken. Jake wartet auf einen günstigen Zeitpunkt, aber: Für schlechte Nachrichten gibt es keine günstigen Zeitpunkte. So verstrickt er sich tiefer und tiefer in ständig weniger glaubwürdigere Ausreden.

Wie Alex Sanchez dieses Gefühlswirrwarr entwickelt ist klasse. Man kann die Probleme von Jake gut nachvollziehen. Weniger nachvollziehbar sind die besonderen Eigenschaften, die Jake da mitgegeben wurden, und die eigentlich in ein Fantasy-Album gehören. Doch obwohl man sich fragt, was das hier zu suchen hat, stört es nicht. Das Album wird für Leser ab 13 Jahren empfohlen. Da mag das Fantasy-Element zusätzlicher Leseanreiz sein. Der Comic ist aber auch für jeden anderen interessant, der sich gerade mit dem Thema Coming-out rumschlägt. Die Story wird prima erzählt, und dass Julie Maroh zeichnen kann, weiß man von ihren bisherigen Arbeiten.

Julie Maroh, Alex Sanchez: Zeig mir das Meer
212 Seiten, 16,99 Euro, Panini, ISBN: 9783741621178
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Mary Shelley

Frankenstein? Kennt jeder. In diesem Album geht es um die Autorin des Romans. Der Verlag schreibt: England, Ende des 18. Jahrhunderts: Das Leben von Mary Wollstonecraft Shelley beginnt unter düsteren Vorzeichen, als ihre Mutter kurz nach Marys Geburt stirbt. Die Tochter eines Sozialphilosophen und einer Frauenrechtlerin galt als ungewöhnlich kühnes und aufgewecktes Mädchen. Aufgewachsen in einem intellektuell fordernden Umfeld, schrieb Mary schon früh eigene Gedichte und Geschichten. Mit 16 Jahren lernte sie den Schriftsteller Percy B. Shelley kennen, mit dem sie eine Liebesbeziehung einging, obwohl dieser bereits verheiratet war. Eines verregneten und stürmischen Abends, während man sich die Zeit mit dem Erzählen von Schauergeschichten vertrieb, kam ihr dann die Idee zu der Gothic Novel, die sie weltberühmt werden lassen sollte: „Frankenstein oder Der moderne Prometheus.“ Diese schaurig-atmosphärische Graphic Novel erzählt die bewegte Lebensgeschichte von Mary Wollstonecraft Shelley, der Autorin hinter Frankenstein, einer der bekanntesten Figuren unserer Kulturgeschichte.

Und genau das tut sie eben nicht. Von einer Biografie erwartet man die ganze Geschichte – vom Leben bis zum Tod. Man möchte, weil es ja um Frankenstein geht, nicht nur wissen, wie und warum der Roman geschrieben wurde, sondern auch, was nach seiner Veröffentlichung passierte, wie er in der damaligen Literaturszene (und in der Gesellschaft) aufgenommen wurde, und wie es mit der literarischen Karriere und dem Leben der Autorin weiterging. Shelley schrieb noch einige Romane und Novellen und war auch für die Entwicklung des Feminismus nicht unwichtig. Nichts von alledem erfährt man in diesem Band. Autor Alessandro Di Virgilio lässt seine Geschichte mit der Schöpfung Frankensteins enden. Da war Shelley gerade mal 19 Jahr alt. Sie lebte aber noch 34 Jahre weiter.

So gesehen ist der Untertitel dieses Albums Die Comic-Biografie der Frankenstein-Schöpferin pure Bauernfängerei. Muss man wirklich immer alles so doof aufblähen? Hätte man Mary Shelley und Frankenstein oder etwas ähnliches gewählt, wäre alles okay. Unter diesem Aspekt kann man das Album nämlich wirklich lesen.

Das liegt vor allem an den Bildern der Italienischen Illustratorin Manuela Santoni. Sie erinnern entfernt an den Strich von Moritz Stetter. Santoni ist allerdings plakativer als er. Pures, flächendeckendes Schwarz-weiß (vor allem Schwarz ohne jegliche Grauabstufung), das nur gelegentlich von einen Spritzer Rot aufgelockert wird (meist dann, wenn es um Blut oder Wut geht) bestimmen Santonis Bilder. Das kommt angenehm düster daher und kommuniziert zudem die Atmosphäre der damaligen Zeit. Die Erzähltechnik von Di Virgilio ist dagegen weniger berauschend. Er ist manchmal etwas sprunghaft und reißt Situationen oft nur an. Man wird dieses Album wohl vor allem der Zeichnungen wegen lesen. Die sind wirklich klasse.

Manuela Santoni, Alessandro Di Virgilio: Mary Shelley – Die Comic-Biografie der Frankenstein-Schöpferin
136 Seiten, gebunden, 20,- Euro, Knesebeck, ISBN 978-3-95728-490-7
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Der Liebhaber

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Das ist ein Album für die Romantiker unter euch. Der Verlag schreibt: Die autobiographische Geschichte der Liebe zwischen einer jungen Französin und einem 12 Jahre älteren Chinesen im kolonialen Indochina ist weltberühmt. Kan Takahama hat Marguerite Duras‘ Bestseller als Comic umgesetzt – behutsam und berührend. Mit intensivem Blick und sensibler Intuition gelingt es der japanischen Künstlerin die knisternde Atmosphäre zwischen Melancholie, Emanzipation und Lust in sanft schillernden Bildern einzufangen.

Das tut sie tatsächlich. Die 1977 geborene Zeichnerin Kan Takahama, die in Europa lange bekannter war als in ihrer Heimat, legt hier ein Album vor, das von der ersten bis zur letzten Seite die typische Atmosphäre französischer Liebesromane verbreitet. Eine klassische amour fou, deren verzweifelte Intensität sich aus dem Wissen speist, dass ihre Liebe aufgrund ihrer unterschiedlichen gesellschaftlichen Stellung keine Zukunft hat. Oder weniger romantisch ausgedrückt: Weil dem Lover die Eier fehlen, um sich gegen seinen Vater durchzusetzen.

Die anderen Figuren aus dem Roman kommen in dieser Adaption ein bisschen zu kurz: Mutter, Geschwister, die Freundin im Internat – die Motive ihres Handelns hängen etwas in der Luft. Aber die Japanerin Kan Takahama schafft es, in einer Geschichte, die in den 1930er Jahren im kolonialen Indochina spielt, französische Atmosphäre auf die Seiten zu zaubern, so echt, als hätte sie es selbst erlebt. Ich bin kein Manga-Leser, und auch die bisherigen Alben von Takahama haben mich wenig begeistert. Das hier hat was.

Top 10 2020  Kan Takahama, Marguerite Duras: Der Liebhaber
160 Seiten, gebunden, 22,- Euro, Carlsen, ISBN 978-3-551-78156-7
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