Merci

monin-merciWas kann man erwarten, wenn man in Bredenne, einem Kaff mit nicht mal 10.000 Einwohnern aufwächst und mitten in der Pubertät feststellt, dass es hier nichts gibt, womit man sich die Zeit vertreiben kann. Für Kinder gibt es Spielplätze. Für die Senioren werden Reisen ans Meer organisiert. Aber für Jugendliche? Langeweile. Das findet die 15jährige Merci Zylberajch wenig spannend, und auch ihre Freunde sind der Meinung, dass man, wenn die Stadt nichts zu bieten hat, eigenständig Abhilfe schaffen muss. Also sorgen sie selbst für Spaß, indem sie die frisch gestrichene Hauswand ihres Mathelehrers mit dem Spruch Parmentier ist ein Vollidiot verzieren.

Leider ist den Polizeibeamten, die sie dabei erwischen, die Antwort auf die Frage, ob die Aussage dieses Satzes wahr ist, völlig egal. Wahr ist für sie, dass hier der Tatbestand der Sachbeschädigung erfüllt worden ist, weshalb Merci sich vor dem Jugendrichter Pirlot verantworten muss. Der ist für seine unkonventionellen Urteile bekannt. Die Strafe, die er ihr aufbrummt, könnte vielleicht sogar Spaß machen – wenn die junge Merci, immer schwarz gekleidet und rundum Goth, die Welt der Erwachsenen nicht grundsätzlich blöd und umständlich finden würde.

Zidrou (Lydie, Percy Pickwick, Leonardo) legt eine Geschichte vor, in der auf der einen Seite die Begrenztheit provinziellen Denkens humoristisch auf die Schippe genommen wird, auf der anderen Seite aber auch Menschen agieren, die durchaus über den eigenen Tellerrand hinaus denken können. Monins Zeichnungen wiederum treffen den Gesichtsausdruck der jungen Merci so gut, dass man das Gefühl hat, sie würde direkt neben einem stehen. Käme auch als Pflichtlektüre für hiesige Ortsbeirats-Mitglieder gut.

Arno Monin, Zidrou: Merci
64 Seiten, gebunden, 16,99 Euro, Panini, ISBN 9783741602498

Meine 80er Jahre

chuang-meine-80er-jahreDer in der Schweiz ansässige Verlag Chinabooks hat sich, wie der Name schon sagt, auf chinesische Literatur und Übersetzungen spezialisiert. Von reinen Chinesisch-Lehrbüchern über zweisprachige Romane, Comics und Kinderbücher ist in dem mehrere 100 Publikationen umfassenden Angebot alles dabei. Im vorliegenden Album Meine 80er Jahre – Eine Jugend in Taiwan beschriebt der 1968 geborene Zeichner Sean Chuang seine Erlebnisse als Kind und Jugendlicher zwischen 1976 bis 1990.

Sean Chuang (Zhuang Yongxin) machte seinen Abschluss an der Fu-Hsin Trade & Arts School in Taipeh. Inzwischen hat er in verschiedenen asiatischen Ländern über 400 Werbespots gedreht und mehrere Preise gewonnen. Auch mit seinen Comics war er erfolgreich und heimste Ehrungen ein – unter anderem den Taiwan Golden Comic Award für Meine 80er Jahre.

Wer allerdings hofft, darin Informationen über die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse in Taiwan zur Zeit des Übergangs von einem durch die Kuomintang beherrschten Staat in eine westlich orientierte Gesellschaft zu finden – genau zu dieser Zeit spielen Chuangs Geschichten – wird enttäuscht. Was bei Autoren wie Delisle, Satrapi oder Sattouf einfach dazugehört – nämlich die individuelle Geschichte in den historischen Kontext einzubetten – fehlt bei Chuang fast völlig.

Was bleibt, sind Kindheitserinnerungen und Jugendanekdoten, die sich damals so oder ähnlich überall in der westlichen Welt abgespielt haben: Schulstress, Brieffreundschaften, WG-Erfahrungen und jugendliche Schwärmereien für Bruce Lee, Motorräder und Breakdance. Das allerdings kommt ziemlich gut und oft auch sehr humorvoll und selbstironisch rüber und ist prima gezeichnet. Dass es mehr eine illustrierte Geschichte als ein Comic ist, fällt da nicht weiter ins Gewicht, denn Chuang verschachtelt seine Bilder oft gekonnt über mehrere Ebenen, und der fast karikative Stil bringt die Situationen treffend auf den Punkt und viel Leben auf die Seiten. Auch wenn der inhaltliche Tiefgang fehlt – es macht Spaß, dieses Album zu lesen. Weshalb der Verlag es aber zweisprachig – 180 Seiten in der deutschen, und gleich hinten dran 180 Seiten in der chinesischen Version – publiziert, erschließt sich nicht wirklich.

Sean Chuang: Meine 80er Jahre – Eine Jugend in Taiwan (Band 1)
380 Seiten, schwarzweiß, 16,00 Euro, chinabooks, ISBN: 978-3-905816-59-4
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Der Unterwasser-Schweißer

lemire-unterwasserschweisserDer Hinstorff-Verlag publiziert mit Vorliebe Bücher über maritime Themen. Das gilt auch für die Graphic Novels, die dort erscheinen. Nachdem die Rostocker in dem Bereich bisher vor allem Newcomer wie Kristina Gehrmann (Eisland) oder Till Lenecke (Störtebecker) verlegt haben, haben sie sich mit Jeff Lemire (Essex County, Descender) jetzt ein Comic-Schwergewicht geangelt.

Auf die Idee zu dieser Geschichte kam Lemire, als ihm ein Freund von dem seltenen Beruf des Unterwasser-Schweißers erzählte: Dieser gefährliche Job hat mich fortan beschäftigt und Bilder in meinem Kopf entstehen lassen, erzählt er in einem Interview mit dem Verlag. Die Idee für eine Geschichte wuchs dann um diese Vorstellungen herum… Jacks Leben spiegelt meine Biografie wider. Meine Frau und ich dachten übers Kinderkriegen nach und das hat bei mir definitiv Ängste geschürt, die in den „Schweißer“ eingeflossen sind. Es war sozusagen meine Art, diese Gefühle zu verarbeiten. Während des Zeichnens am Buch kam dann unser Sohn zur Welt – und alle Ängste lösten sich in Luft auf. Die Geschichte des Buches änderte sich sogar…

In dem Album, das 2012 zu Kanadas Nr. 1 Graphic Novel und von der New York Times im gleichen Jahr unter die besten zehn Comics Nordamerikas gewählt wurde, schlägt sich Jack, jung und werdender Vater, aber nicht nur mit der Frage rum, wie viel Zeit er mit seiner schwangeren Frau verbringen soll oder muss. Viel stärker beschäftigt ihn die Beziehung zu seinem eigenen Vater. Das kommt glücklicherweise nicht als pädagogische Beziehungsberatung daher, sondern liest sich sehr spannend. Dabei verschachtelt Lemire die Zeitebenen so geschickt, dass man oft nicht weiß, was gestern und heute, oder, weil viel unter Wasser spielt, wo oben und unten ist. Spannung ist also garantiert, und seine eigenwilligen Schwarzweiß-Zeichnungen – ähnlich stark wie in Essex County – sind schon alleine das Geld für das Album wert.

Jeff Lemire: Der Unterwasser-Schweißer
224 Seiten, schwarzweiß, 18,99 Euro, Hinstorff, ISBN 9783356020854