Der Fährmann

hermann-der-faehrmannDie Comicproduktion von Hermann Huppen ist enorm. Neben Fortsetzungen seiner Serien wie Jeremiah publiziert er immer wieder Einzelbände (Old Pa Anderson). Auch Der Fährmann ist ein Einzelband – von Hermann gezeichnet, und von seinem Sohn Yves geschrieben.

In diesem Album dreht sich alles um den Wunsch nach einem sorgenfreien Leben: Keine Probleme, kein Stress wegen der Kohle, alles prima und im grünen Bereich. Kein Wunder, dass Sam, als er diesen Zettel mit der Karte und dem Geld bei dem Toten findet, sofort hellwach ist. Denn auf der Karte wird nichts Geringeres beschrieben als der Weg zum Paradies, und alles, was er und Samantha dafür tun müssen, ist in diese Stadt zu gehen, am vereinbarten Ort auf den angegebenen Kontakt zu warten, und schon kann man sich zurücklehnen und das Leben genießen.

Natürlich kommt es anders, als Sam denkt. Wovon Samantha, nebenbei, ohnehin überzeugt war. Was ihr dann aber nichts mehr nutzt. Dekor und Figuren erinnern sehr an die Welt von Jeremiah.

Hermann, Yves H.: Der Fährmann
56 Seiten, gebunden, 14,95 Euro, Erko, ISBN 9789089821072

PS: Bei Erko ist auch das Hermann-Album Abominable neu aufgelegt worden (14,95 Euro), das bereits 1989 von Carlsen in der Reihe Die großen Abenteuer-Comics unter dem Namen Schattenwelten publiziert worden ist. Eine Sammlung schauriger Geschichten, die von Erko auf besserem Papier, in HC und zudem mit fünf statt, wie bei Carlsen, mit vier Geschichten aufgelegt wurde.

Die schwarzen Moore

bec-schwarze-mooreLa Peur (Die Angst) heißt eine von zwei Contes fantastiques, die Guy de Maupassant in den 1880er Jahren geschrieben hat. Die Geschichte steht in der Tradition unheimlicher Erzählungen, in denen vor allem psychologische Elemente überwiegen. Etwa in der Art, wie sie E.T.A Hoffmann, Gaultier, H.P. Lovecraft oder E.A. Poe geschrieben haben. Das Grauen muss nicht realer Natur sein – in der Regel wird es durch die Einbildung verursacht, dass etwas Schreckliches passieren könnte, und gerade diese Ungewissheit treibt die Fantasie immer tiefer in die finstersten Abgründe menschlicher Ängste.

In dieser Adaption geht es um den Fotografen Antoine, der in der weiten Hochebene von Aubrac viele fantastische Motive für seine neue Fotoserie findet. Die karge Landschaft, die düsteren Moore und die aufsteigenden Nebel zaubern wunderbar geheimnisvolle Atmosphären. Leider wird es dabei immer später, und auf der Suche nach einem Nachtlager gerät er auf einen alten, abgelegenen Hof, der von dem mürrischen Baptist und dessen Tochter bewohnt wird. Baptist hat keinen Bock auf Besucher, und seine Tochter überwacht er aus seltsamen Gründen wie ein Kettenhund. Von denen hat er übrigens zwei, und mit ihnen ist nicht zu spaßen.

Im Laufe der Nacht nimmt das Unheil dann seinen Lauf, denn vor vielen Jahren hat Baptiste genau in dieser Nacht etwas getan, das dazu führt, das vor der von Baptiste fest verriegelten Haustür Geräusche laut werden, die – aber das wird hier nicht verraten. Die Story ist nicht kompliziert aufgebaut, der Leser kann sich schnell einen Reim auf Geschehnisse und Ausgang der Story machen. Die düsteren Zeichnungen transportieren sie aber sehr treffend.

Christophe Bec: Die schwarzen Moore
64 Seiten, gebunden, 15,80 Euro, Splitter, ISBN 978-3-95839-427-8
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Die Schachnovelle

humeau-schachnovelleSensorische Deprivation, also der Entzug von sinnlichen Reizen, ist eine Form von Folter, die das Gehirn dazu bringt, sein Innerstes nach außen zu projizieren, denn wenn es keine neuen Eindrücke mehr bekommt, kann es sich nur noch mit sich selbst beschäftigen. Sensorische Deprivation wird auch als Isolationsfolter bezeichnet und nicht nur in finsteren Diktaturen eingesetzt. Die USA nutzten es u.a. im Koreakrieg, um Geständnisse zu erpressen, und in den 1970er und 80er Jahren wurden die politischen Gefangenen in der BRD gegen die Proteste von Amnesty International und anderen Menschenrechtsorganisationen immer wieder dieser Form von Gehirnwäsche unterzogen.

Wie das funktioniert, hat Stefan Zweig 1941 in seiner Schachnovelle beschrieben. Herr B. wird darin von der Gestapo in einem fensterlosen Raum sich selbst überlassen. Bereits nach wenigen Tagen stellen sich erste Symptome ein: Die Langeweile und die Einsamkeit marterten mich. Ich glitt immer tiefer und unerbittlicher hinein in einen schwarzen Abgrund. Sekunde für Sekunde. Stunde für Stunde. Um nicht völlig durchzudrehen, beginnt er schließlich, im Geiste fiktive Schachpartien zu spielen. Als er nach seiner Gefangenschaft während einer Schiffsreise auf den Schachweltmeister trifft, brechen die Erinnerungen, und damit die alten Wunden, wieder auf.

Thomas Humeau hat diese Novelle als Comic adaptiert, und das Ergebnis ist großartig. Zunächst hat er den Ingenieur McConnor, der bei Zweig den Weltmeister unbeabsichtigt mit B. zusammenbringt, gegen Emma, die 24jährige Tochter des Kapitäns, ausgetauscht. Das bringt ein bisschen mehr Esprit in die Geschichte. Die wiederum erzählt er mit Bildern, die einfach nur klasse sind. Ob feudaler Ball auf dem Kreuzfahrtschiff oder monotone Zelle im Nazigefängnis – Humeau schafft es immer, die richtige Atmosphäre auf die Seiten zu zaubern, wozu nicht zuletzt die abwechslungsreiche Kolorierung beiträgt. Eine wunderschöne Literaturadaption, die auch dann funktioniert, wenn man Zweigs Original nicht gelesen hat, denn auch die Erzählstruktur ist hier vom Feinsten. Nur mit den Lippenbewegungen beim Sprechen haben es seine Figuren nicht so.

Thomas Humeau, Stefan Zweig: Die Schachnovelle
128 Seiten, gebunden, 22,00 Euro, Knesebeck, ISBN 978-3-86873-965-7
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