Die Liebe ist stärker als der Tod

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Ein Cartoon-Band für Freunde des schwarzen Humors: Es gibt hier praktisch nichts, was es nicht gibt. Es ist ein kleines Wunder! Ein Cartoonbuch gefüllt mit Comics, ein Comicbuch gefüllt mit Cartoons. Erleben Sie Suppen die Zurückessen. Bestaunen Sie den Flirt in Zeiten der öffentlichen Hinrichtung. Erschaudern Sie im Angesicht von imposanten Zombiegemächten, listenreichem Vampirismus und Samurai außer Rand und Band. Werden Sie Zeugen eines herzergreifenden Revolutionsdramas. Konfrontieren Sie sich mit der Endlichkeit von Hühnern! Erleben Sie den Totentanz als vertikalen Ausdruck eines horizontalen Verlangens… (Verlagstext)

Tja – hier wirds ernst, denn es geht um den Tod. Und das ist spaßig. Jedenfalls größtenteils. Was Ottitsch hier liefert, ist ein wilder Ritt durch die Grenzgebiete zwischen Comic und Cartoon, Pietät- und Geschmacklosigkeit, wobei er allerlei gnadenlose Volltreffer landet, aber gelegentlich auch daneben greift. Manches ist Leerlauf (Wintereinbruch), manches einfach platt (SOS) oder doof (Fotzilla). Aber niemand kann jeden Tag Highlights produzieren, und wenn man sich selber keine Grenzen beim Ausprobieren setzt, geht auch mal was in die Hose.

Davon abgesehen lernt man hier, wie man Tote platzsparend aufbewahren kann (nämlich neben dem Salz- und dem Pfefferstreuer), wie man sich als Vampir die Vampirjäger vom Leib hält oder beim Jonglieren mit beweglichen Zielen arbeitet. Hier gewinnt der Slogan Love is in the air neue Bedeutung und man erfährt, wie man bei Beerdigungen auf Nummer sicher geht. Oder wie Bäume sich das Leben nehmen. Oder… Es gibt viel Originalität in diesem Album, wobei manches etwas unappetitlich daherkommt. Also trotz hohem Humorfaktor kein Band für sensible Gemüter.

Oliver Ottitsch: Die Liebe ist stärker als der Tod
96 Seiten, gebunden, 20,- Euro, scherz & schund, ISBN 978-3-90305570-4
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Chartwell Manor

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Ein autobiografisches Album über den sexuellen Missbrauch im einen Jungen-Internat. Verlagstext: „Chartwell Manor“ ist ein radikales Memoir, das die Folgen des Missbrauchs auf das Leben der Opfer aufzeigt. Dabei legt der Zeichner vor allem die Folgen für sein eigenes Leben schonungslos offen: Alkohol- und Drogenexzesse sowie Sexsucht. Glenn Head beschönigt nichts. Auch nicht, wie seine eigene Familie mit ihm und den Geschehnissen auf dem Internat umgeht. Die Graphic Novel zeichnet sich nicht nur durch ihre erschreckende und aufwühlende Ehrlichkeit aus, sondern auch durch ihren Zeichenstil. Glenn Head ist geprägt durch Underground Comix und damit auch inspiriert von Robert Crumb.

Und so sieht es auch aus. Komplett in Schwarzweiß und im Stil der U-Comix der 1960er Jahre gezeichnet wirkt es ebenso quirlig wie düster. Erfreulich dabei ist, dass Head es nicht damals, sondern erst vor kurzem produziert hat, was heißt, dass die Kinderkrankheiten der damaligen Zeit darin nicht vorkommen. Head hat seine Geschichte von vorne bis hinten im Griff – mit klarer Strukturierung, und selbst an den (seltenen) Stellen, an denen er seinen Stift psychedelisch ausrasten lässt, bleibt immer klar, worum es geht.

Worum es geht, das ist der massenhafte und kontinuierliche Missbrauch von Sieben- und Achtklässlern in einem Internet in den USA durch den autoritären Leiter der Erziehungsanstalt. Prügelstrafen waren da eher noch die harmloseren Dinge. Richtig übel wurde es erst, wenn der selbstherrliche Pädagoge sich nachts zu einem Schüler ins Bett legte, um Geschichten zu erzählen. Man mag nicht glauben, dass die Kids sich das alles so einfach gefallen ließen, was er dabei mit ihnen getrieben hat. Doch die Scham und die Angst verursachten Sprachlosigkeit und regelrechte Sprechblockaden, wenn sie die Gelegenheit gehabt hätten, mit ihren Eltern darüber zu reden. Was aber, das wird später deutlich, wahrscheinlich auch nichts geändert hätte. Ein verstörendes Album, das man Kardinal Woelki und allen anderen Scheinheiligen in den Kirchen unter den Weihnachtsbaum legen sollte.

Glenn Head: Chartwell Manor
Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch von Ronald Gutberlet
248 SW-Seiten, gebunden, 26,- Euro, Carlsen, ISBN 978-3-551-78172-7
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Rapport W

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Der Insiderbericht eines Widerstandskämpfers, der sich freiwillig als Häftling nach Auschwitz deportieren ließ. Verlagstext: Im Herbst 1940 ist eine Gruppe Männer, eingepfercht in einem Güterwaggon, auf dem Weg ins Konzentrationslager Auschwitz. Unter ihnen ist Tomasz Serafinski alias Witold Pilecki, ein Hauptmann der Geheimen Polnischen Armee. Seine Mission: ein Netzwerk von Widerstandskämpfern innerhalb des Lagers aufzubauen. Eine Aufgabe, die sich als äußerst heikel erweist, zu groß sind die Verstörung und die Angst der Gefangenen ob der Bestialität ihrer Wärter… Basierend auf dem authentischen »Rapport W«, den Berichten des einzigen bekannten Menschen, der freiwillig als Häftling ins KZ Auschwitz ging, erschafft Gaétan Nocq mit dieser Graphic Novel ein Werk im Spannungsfeld zwischen der Sanftheit seiner filigranen Zeichenkunst und der unfassbaren Brutalität des Dargestellten. Der Band wird durch einen umfangreichen Anhang zum historischen »Rapport Pilecki« ergänzt.

In seinem Report W, der auch als Buch vorliegt (Freiwillig nach Auschwitz) ließ Witold Pilecki Informationen über das Innenleben des Konzentrationslagers nach draußen schmuggeln. Pilecki bleibt darin im Ton pragmatisch, kühl und sachlich. Er beobachtet, aber er wertet nicht. Er lässt die Dinge für sich selbst sprechen. Diesen fast emotionslosen Tonfall hat Nocq bei seiner Adaption übernommen.

Auschwitz war am Anfang als Lager für polnische Gefangene gedacht. Pileckis Plan war, im Lager ein Widerstands-Netzwerk aufzubauen und damit einen Aufstand anzuzetteln, der von Widerstandsgruppen von außerhalb unterstützt werden sollte. Er versuchte deshalb, innerhalb des Lagers strategisch wichtige Positionen mit von ihm für das Netzwerk angeworbenen Leuten zu besetzen. Zum Beispiel auf der Krankenstation. Wer dort Zugang hatte, konnte kranke Mithäftlinge unabhängig von regulären Aufnahmeritualen versorgen. Auch die Schreinerei und andere Stationen waren von Bedeutung.

Man bekommt mit diesem Album einen Eindruck davon, dass Solidarität und Widerstand selbst im KZ möglich war. Und wie elend kompliziert und umständlich das organisiert werden musste. Nicht zuletzt mussten von den Nazis ermordete Mitglieder des Netzwerks immer öfter ersetzt werden. Und das unter permanenter Lebensgefahr. Doch trotz der grausigen Umstände gibt es kaum Spannung in dem Album. Pilecki hat seinen Rapport als reinen Bericht verfasst, und Nocq versucht glücklicherweise nicht, da ein Räuber und Gendarm-Spiel draus zu machen. Es kommt alles sehr nüchtern rüber – was den Leser umso fassungsloser vor manch geschildertem Ereigniss stehen lässt. Die Geschichte wird grafisch sehr eigenwillig, aber hochwertig umgesetzt, der ausführliche Anhang gibt einen zusätzlichen historischen Rahmen.

Gaétan Nocq: Rapport W – Freiwillig als Häftling in Auschwitz
Übersetzung von Marcel LeComte
264 Seiten gebunden, 35,- Euro, Splitter, ISBN 978-3-96219-134-4
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