Paula – Liebesbrief des Schreckens

brandstaetter-liebesbrief-des-schreckensReprodukt hat sein Angebot seit einiger Zeit um Comics für Kinder erweitert. Viele dieser Alben sind allerdings so gut, dass sie auch für jung gebliebene Erwachsene lesenswert sind. Sandra Brandstätters Liebesbrief des Schreckens gehört dazu.

Die kleine Paula fährt wie jedes Jahr mit ihren Eltern zum Camping. Zusammen mit ihrer Freundin Suse haben sie viel Spaß – bis sie Toni kennenlernen. Den veralbern sie anfangs nach Strich und Faden – aber dann macht sich Toni mit geheimnisvollen Rätseln interessant, und außerdem sammelt Toni Spürnasen-Hefte. Darin geht es um Detektivgeschichten und darum, wie man sie löst. Detektiv spielen ist etwas, das auch Paula mag. Besonders toll findet sie die Beilage in einem der Hefte: Sie enthält ein Pulver, mit dem man unsichtbare Tinte herstellen kann. Das ist natürlich supercool.

Doof dagegen ist, dass sie jetzt wegen ihrer Freundschaft mit Toni von den anderen auf den Arm genommen wird. Ihre Freundinnen behaupten, sie wäre in Toni verliebt – was ja, wie jedes Kind weiß, einfach nur eklig ist. Doch Paula wehrt sich. Sie verfasst einen fiktiven Liebesbrief – natürlich mit der unsichtbaren Tinte, die erst dann wieder sichtbar wird, wenn man das Papier erwärmt. Dummerweise gerät dieser Brief in die falschen Hände. Der Absender – also Paula – ist darauf zwar nicht zu erkennen, aber man weiß ja nie. Um den Verdacht von sich abzulenken, geht sie mit Toni auf die Suche nach dem Verfasser, und versucht dabei, alle Spuren zu verwischen, die zu ihr führen könnten. Denn Liebesbriefe sind natürlich peinlich ohne Ende.

Die Mischung aus Detektivgeschichte und Urlaubserlebnissen wird von Brandstätter ebenso spannend wie witzig erzählt. Aber nicht nur die Story überzeugt – es sind vor allem die Zeichnungen, die das Minenspiel der Protagonisten in jeder Situation so treffend wiedergeben, dass man aus dem Schmunzeln nicht mehr rauskommt. Ein klasse Album für Kinder von 6 bis 99 Jahren.

Top 10 2016Sandra Brandstätter: Paula – Liebesbrief des Schreckens
120 Seiten, gebunden, 18,- Euro, Reprodukt, ISBN 978-3-95640-093-3
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Der Krieg der Knirpse

hardoc-krieg-der-knirpse-1Die vier Knirpse, um die es hier geht, heißen Lucien, Lucas, Luigi und Ludwig. Sie sind unterschiedlich alt, aber unzertrennlich, und da ihre Namen alle mit Lu anfangen, werden sie von ihren Erziehungsberechtigten Die Lulus genannt. Die Erziehungsberechtigten sind in diesem Fall die Leiter und die Lehrer eines Waisenhauses, denn die Lulus sind, wie die anderen Kinder im Heim, ohne Eltern aufgewachsen.

Im August 1914, zu Beginn des Ersten (nicht des Zweiten, wie es auf der Albumrückseite steht) Weltkriegs leben sie in einem Dorf im Nordosten Frankreichs. Das Waisenhaus liegt außerhalb, aber der Kanonendonner, unter dessen Getöse die Deutschen auf das Dorf vorrücken, ist auch hier zu hören. Dummerweise halten es die Lulus, die sich gerade mal wieder aus dem Haus in den nahen Wald geschlichen haben, um sich dort heimlich eine Hütte zu bauen, für normalen Donner. Als sie später ins Heim zurückkehren, ist es leer. Es wurde von den französischen Truppen evakuiert. Auch im Dorf ist niemand mehr. Die Kids müssen versuchen, den Deutschen eigenständig zu entwischen. Und dann ist da noch das Mädchen, dessen Vorname ebenfalls mit Lu anfängt.

Geschichten mit Kindern und Heranwachsenden als Helden haben immer einen ganz eigenen Charme. Das ist auch hier der Fall. Alles entwickelt sich aus der Sichtweise der Lulus, und die schwankt zwischen Draufgängertum, Angst, Großmäuligkeit, Unsicherheit und Entdeckerfreude. Auch der Humor kommt nicht zu kurz. Eine auf vier Bände angelegte Reihe für Leser, die Freude an Serien wie Blackjack haben.

Hardoc, Régis Hautière: Der Krieg der Knirpse
Seiten 60, gebunden, 13,99 Euro, Panini, ISBN 978-3-95798-455-5

Akim rennt

dubois-akim-renntBereits im vorigen Jahr erschienen, aber aufgrund der Flüchtlingsproblematik hochaktuell: In Akims Dorf scheint der Krieg weit weg. Irgendwann erreicht er das Dorf am Fluss doch: Akim wird von seiner Familie getrennt, ihr Haus zerstört. Eine unbekannte Frau nimmt sich des Jungen an. Dann aber kommen Soldaten und machen ihn zu ihrem Gefangenen. Irgendwann kann Akim fliehen: er rennt und rennt. Im Gebirge stößt er auf andere Flüchtlinge. Gemeinsam gelingt es ihnen schließlich, den Grenzfluss zu überqueren und ein Flüchtlingslager auf der anderen Seite zu erreichen… Dies skizzenhafte Bilderbuch erzählt mit wenig Text, dafür aber in umso eindrücklicheren Bildern eine Geschichte, die das Schicksal so vieler Kinder dieser Welt zeigt. Claude K. Dubois widmet das Buch ihrer Mutter, die während des 2. Weltkriegs auch ein verlorenes Kind war. Soweit der Verlagstext.

Der Band kommt mit erfreulich wenig Text aus und lebt vor allem von den starken Zeichnungen von Claude K. Dubois, die Illustration am Institut Saint-Luc in Lüttich unterrichtet, wo sie auch selbst studiert hat. Die Erzählstruktur ist relativ simpel. Das ist logisch, denn das Buch richtet sich nicht an Erwachsene, sondern an Kinder. Es ist aber aufgrund der gelungenen Bleistiftzeichnungen, die Dubois mit ebenso spar- wie einfühlsamen Buntstifttönen anreichert, auch für ältere Semester empfehlenswert. Ein Bericht über das Schicksal eines Kindes, das in den Wirren eines Bürgerkriegs von den Eltern getrennt wird und fortan vollständig auf das Wohlwollen von anderen angewiesen ist.

Der Band wurde mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis und dem Katholischen Kinder- und Jugendbuchpreis ausgezeichnet – und von Amnesty International und Pro Asyl empfohlen.

Claude K. Dubois: Akim rennt
96 Seiten, gebunden, 12,95 Euro, Moritz-Verlag, ISBN 978-3-89565-268-4