Dragman

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Ein Album für die LGBTI-Comunity – aber nicht nur für sie. Verlagstext: Der Graphic-Thriller des Jahres und eine grandiose Parodie auf alle Superhelden-Geschichten. Eine einzigartige Mischung, die vieles gleichzeitig ist: lustig, tiefgründig, bewegend, philosophisch, sozialkritisch und intim. August Crimp ist Ehemann, Vater und insgeheim auch Superheld. Um fliegen zu können, muss er in Frauenkleider schlüpfen und wird so zu Dragman. Aber die Superhelden-Riege hat ihn verstoßen, was ihn in ein emotionales Loch stürzen lässt. Also hängt er die Frauenkleider an den Nagel. Als aber immer mehr Menschen ihre Seele an die weltweit agierende „Black Mist Company“ verkaufen und auch noch ein mysteriöser Serienkiller sein Unwesen treibt, muss Dragman dringend wieder in Aktion treten. Seine eigenen Selbstzweifel hin oder her, es wird höchste Zeit, die menschliche Seele und sich selbst zu retten.

Nein – ein Thriller ist dieses Album nun wirklich nicht, aber es ist in der Tat sehr abwechslungsreich, was der britische Cartoonist (und Transsexuelle) Steven Appleby hier auf die Seiten bringt. Auf höchst unterhaltsame Weise nutzt er das Superhelden-Genre, um es mit Transgender zu mischen – denn in beiden Milieus gehören schrille Kostüme, bunte Masken, farbenfrohe Schminke und eigenwillige Requisiten zur Grundausstattung einer neuen Identität. Einer Identität, die August Crimp, alias Dragman, allerdings vor seiner Frau verheimlicht. Mit dem Coming out hat er nämlich so seine Probleme.

Eigentlich hat er auch keine Lust mehr auf diese Superhelden-Nummer. Leider lassen ihm die Ereignisse keine Wahl. Was aber auch positive Seiten hat, denn so erfährt er am Ende, was wirklich stark macht. Ein originelles, sehr ansprechend gezeichnetes Album mit vielen Ideen – ausgezeichnet mit dem Sonderpreis der Jury beim Internationalen Comicfestival 2021 in Angoulême.

Steven Appleby: Dragman
aus dem Englischen von Ruth Keen
336 Seiten, gebunden, 29,- Euro, Schaltzeit Verlag, ISBN 978-3-946972-49-5
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Freak Brothers

Alle Freaks mal herhören: Hier kommen die Kult-Hippies der Drogenszene. Verlagstext: In den späten 60ern war San Francisco nicht nur der Dreh- und Angelpunkt der Hippieszene, sondern auch der amerikanischen Underground-Comix. 1968 zog es auch den Comiczeichner Gilbert Shelton nach „Frisco“, wo er mit anderen den Underground-Verlag „Rip Off Press“ ins Leben rief – die legendäre Heimstatt der meisten Underground-Hefte jener Zeit. Seine bekannteste Schöpfung und ein weltweiter Bestseller wurden die Stories der drei drogenaffinen, zotteligen Hippie-Aussteiger Phineas, Free Wheelin‘ Franklin und Fat Freddy, der „Fabulous Furry Freak Brothers“. Die chaotischen Abenteuer dieser Hippie-WG gehören selbst nach 50 Jahren zu den bekanntesten und lustigsten US-Comics aller Zeiten. Der avant-verlag hat alle je erschienenen Comicstrips der Freak Brothers, sämtliche Cover, Werbeposter, viele Illustrationen und rare Fundstücke zu einer belebenden Wundertüte zwischen zwei Buchdeckeln gedreht. Die ultimative Freak Brothers-Gesamtausgabe in zwei Bänden!

Als ich erstmals Freak Brother-Comics las, fand ich sie ziemlich albern und maßlos übertrieben. Nachdem ich später ab und zu selber mal an einem Joint genuckelt hatte und noch etwas später für ein paar denkwürdige Monate in einer Post-Hippie-WG versackte, in der der Kühlschrank immer leer, die Wasserpfeife aber stets wohl gefüllt war, begann ich zu verstehen, dass diese seltsamen Comicstrips voll aus dem Leben gegriffen waren – zumindest, wenn man das Leben durch wabernde Mariuhanawolken betrachtete. Ob deren Genuss Voraussetzung dafür ist, diesen Comic gut verstehen zu können, sei dahingestellt. Meine Rechtschreibprüfung jedenfalls scheint schon alleine von den Worten high zu werden – sie schlägt mir anstelle von Mariuhanawolken den Begriff Wolkenkuckucksland vor (no joke!).

Die ersten Freak Brother-Comics erschienen hierzulande in den 1980er Jahren im Volksverlag. Später publizierte Rotbuch eine sechsbändige Gesamtausgabe und zwei kleine Extrabände mit Fat Freddys Cat. Jetzt also wieder eine GA – diesmal in Hardcover. Das Format ist mit 19 x 27 cm etwas kleiner als die gut A4-formatigen Alben bei Rotbuch, wodurch die Schrift in den Cat-Strips am unteren Rand der Seiten schwer lesbar ist. Auch die Übersetzung ist neu, was, wenn man die Hefte früher oft gelesen hat und Dialoge auswendig kennt, gewöhnungsbedürftig (nicht schlechter) ist. Ansonsten enthält schon dieser erste Band einiges an Material, das hierzulande bislang nie erschienen ist. Kult in Hardcover. Band 2 ist für November angekündigt.

Gilbert Shelton: Freak Brothers (GA Band 1)
Übersetzung: Lutz Müller, Gerhard Seyfried, Holger Behm
320 Seiten, gebunden, 39,- Euro, avant, ISBN 978-3-96445-054-8
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Lucky Luke: Zarter Schmelz

Jetzt hat er es also geschafft und sich einen großen Wunsch erfüllt: Ralf König, der Meister schwuler Knollennasen, hat ein Lucky Luke-Album gezeichnet. Der Verlag schreibt: Auch ein Cowboy braucht mal Pause, aber wenn der Cowboy Lucky Luke heißt, bedeutet das Urlaub von den Daltons und anderen Ganoven! Ein paar Tage Kühe hüten im grünen Dandelion Valley ist genau der entspannende Job für den berühmten Revolverhelden. Zumal es frisch importierte Schweizer Kühe sind, vollmilchig und lila, denn der Wilde Westen entdeckt die Kakaobohne. Schokolade ist bald in aller Munde! Leider sind Autogrammjäger zuweilen ebenso lästig wie Kopfgeldjäger, und Sitting Butch vom Stamme der Chicorée hat auch schlechte Laune. Vor allem aber sind da die poor lonesome Cowboys Bud und Terence, die sich vor lauter liebevoller Zuneigung am liebsten verprügeln. Und genau das führt zu zartbitteren Gerüchten in der rauen Westernstadt Straight Gulch.

Der berühmte Cowboy, der nie altert, wird 75 Jahre jung. Ein Anlass für Ehapa, ihm eine Hommage-Reihe zu widmen, in der Zeichner wie Guillaume Bouzard, Matthieu Bonhomme, Mavil oder eben jetzt Ralf König ihrem Lieblingscowboy die Ehre erweisen. Story und Zeichnungen fallen je nach Autor unterschiedlich aus. König hat seinem einsamen Helden Bud und Terence zur Seite gestellt, die allerdings weder so aussehen wie ihre Vorbilder, noch die gleichen erotischen Vorlieben haben.

Zunächst treffen wir Bud vor dem Eingang des Jobcenters von Straight Gulch, wo er auf Arbeit (und auf Terence) wartet. Kein freundlicher Ort übrigens, denn schon am Eingang wird man durch das Schild Fremder, mach dich vom Acker, sonst liegst du bald drunter unmissverständlich darauf hingewiesen, was hier zu erwarten ist. Wer das nicht versteht, bekommt mit Fremder, wenn du ihr rumhängen willst – das kannst du haben Klartext eingetrichtert. Und weil weder Job noch Terence in Sicht sind, trifft es sich, dass in einem abgelegenen Tal ein paar Kühe zu hüten sind. Wo Bud im Zelt Zeit hätte, Lucky näher zu kommen. Wenn da nicht die Groupies und die Kopfgeldjäger (und ein eifersüchtiger Terence) wären. Der Westen war wohl doch diverser als viele dachten. Wie immer bei König klasse gezeichnet.

Ralf König: Zarter Schmelz (Lucky Luke Hommage 5)
56 Seiten, SC 8,99 Euro, HC 16,- Euro, Egmont Comic Collection,
ISBN 978-3-7704-0500-8