Esthers Tagebücher

sattouf-esther13Geschichten (und Geschichte) aus Kindersicht zu erzählen, kommt immer gut. Der naive Blick, mit dem Kids die Welt sehen, spiegelt das Leben der Erwachsenen auf amüsante Weise und deckt Widersprüche zwischen Anspruch und Realität gründlicher auf als manch wissenschaftliche Abhandlung. Marzena Sowas Reihe Marzi, die die politische Entwicklung in Polen während der 1980er Jahre aus Kindersicht beschreibt und Satrapis Persepolis, das im Iran spielt, gehören ebenso dazu wie Riad Sattoufs Kult-Reihe Der Araber von morgen, in dem er von seiner Kindheit in der arabischen Welt berichtet.

Auch Esthers Tagebücher stammen von Sattouf. Sie beruhen auf Geschichten, die ihm die Tochter eines Freundes regelmäßig erzählt. Sattouf macht daraus Comics, die wöchentlich im Nachrichtenmagazin L´Obs erscheinen und am Ende eines Jahres als Sammelband publiziert werden. In jedem Album ist Esther ein Jahr älter. Am Anfang war sie zehn, im inzwischen erschienenen vierten Band der Reihe erzählt sie von ihren Erlebnissen als Dreizehnjährige. Sattouf möchte sie und die Veränderungen, die sie im Laufe der Zeit durchmacht, auf diese Weise bis zu ihrer Volljährigkeit dokumentieren – und damit gleichzeitig das Lebensgefühl einer ganzen Generation spiegeln. Zehn Alben sollen es insgesamt werden.

Esthers Leben pendelt naturgemäß zwischen Schule (inkl. Freundinnen) und Eltern (inkl. nervigen Geschwistern). Es gibt die typisch peinlichen Momente – wenn sie z.B. Vater und Mutter bittet, ihr das in der Pause aufgeschnappte Wort Juuhpohrn zu erklären. Es gibt das übliche Gequengel, weil alle anderen Kinder ein iPhone haben – nur sie nicht. Und natürlich rätselt Esther mit ihren Freundinnen immer wieder, was diese rüpelhaften und offensichtlich gehirnlosen Wesen auf der Welt wollen, die man Jungen nennt. Wozu sind die gut? Nun, das beginnt sie mit dreizehn langsam herauszufinden.

Da die Reihe auch die Ereignisse der jeweiligen Zeit spiegelt, kommen auch politische Themen vor. Homosexualität, Rassismus, Wahlen, Terrorismus, zu allem hat Esther Fragen – und natürlich auch eine Meinung. Und dann sind da noch die Stars und Sternchen und – Überraschung! – gut aussehende Sänger (ja, auch dumme Menschen können gut aussehen). All das wird von Esther kommentiert und von Sattouf pointiert auf die Seiten gebracht. Eine interessante Reihe mit Höhen und Tiefen, von denen mir Band eins bislang am besten gefällt.

Riad Sattouf: Esthers Tagebücher (bislang 4 Bände)
je 56 Seiten, gebunden, 20,-, Reprodukt, ISBN 978-3-95640-213-5 (Band 4)
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Busengewunder

fruehbeis-busengewunderKöstlich, wirklich köstlich, was Lisa Frühbeis hier in ihren Comic-Kolumnen an Witz und Informationen präsentiert. Covertext: Wussten Sie, dass sechs von sieben Figuren bei „Super Mario Kart“ männlich sind? Und Princess Peach fährt voll lahm und kichert nervig! War Ihnen klar, dass es weiblichen Exhibitionismus vor dem Gesetz nicht gibt? Ist ja auch zu hübsch anzuschauen! Schon gemerkt, dass die großen Gewinner der Emanzipation Gender-Marketing und Pink Tax heißen? Oder dass ein Gros der umgangssprachlichen Bezeichnungen für das männliche Genital sich von grobem Mordwerkzeug ableitet?

Zu merken gibt´s in dieser Sammlung ihrer dreiseitigen Kolumnen, die von 2017 bis 2019 monatlich im Berliner Tagesspiegel erschienen sind, einiges. Denn was Frühbeis über die unterschiedliche Behandlung von Männern und Frauen zu Papier bringt, verblüfft immer wieder. Beispiel Vermarktung der Geschlechterrollen: Oft sind es ganz alltägliche Dinge, die den Irrsinn deutlich machen. Kleidung für Männer ist mit vielen Taschen einfach nur praktisch, während Frauen in ihren Klamotten vorrangig gut aussehen sollen. Der fehlende Stauraum muss durch entsprechende Accessoires wie Handtaschen oder Rucksäcke ausgleichen werden. Die rosafarbenen Nassrasierer wiederum taugen in der Billigvariante allesamt nichts, und sind selbst in der teuren Version oft schlechter sind als die simplen Blauen (aber Blau ist ja für Männer). Und nein, auch pinkfarbene Hämmer sorgen nicht dafür, dass frau den Nagel immer auf den Kopf trifft.

Mit ihrem Stift trifft Frühbeis dagegen fast immer. Konsum, Menstruation, stehend pinkeln, behaarte Beine, Pömps und Eisspray – sie kommt zur Sache. Natürlich sind auch ein paar weniger starke Episoden dabei, wie immer in Sammelbänden. Aber insgesamt liest es sich wie eine erfrischende Kollektion von Aha-Effekten für Männer. Frauen können es einfach zu ihrem Vergnügen genießen. Auch als Geschenk ist es eine gute Wahl, denn die cartoonhaften Bilder sind eingängig zu lesen und haben viel Witz. Bleibt die Frage, weshalb man solchen Alben immer öfter ein Vorwort voranstellt, in dem Professoren und Doktoren (in diesem Fall Dr. Véronique Sina vom Institut für Medienkultur und Theater der Uni Köln) dem Leser erklären, dass – und vor allem weshalb! – die folgenden Seiten witzig sind. Das hat Frühbeis wirklich nicht nötig.

Lisa Frühbeis: Busengewunder – Meine feministischen Kolumnen
128 Seiten, 15,- Euro, Carlsen, ISBN 978-3-551-79356-0
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QualityLand

tallent-qualityland1Mark-Uwe Kling? Das ist doch dieser Typ, der nach eigenen Angaben mit einem kommunistischen Känguru in einer Wohngemeinschaft lebt, wo er die Zitate berühmter Persönlichkeiten durcheinander bringt. Und der einen inzwischen in 24 Sprachen übersetzten Bestseller namens QualityLand geschrieben hat. Und den gibts jetzt als Comic? Ja, aber nur den ersten Band (der auf dem ersten Teil des Romans basiert).

Verlagstext: Willkommen in QualityLand, in einer nicht allzu fernen Zukunft: Alles läuft rund — Arbeit, Freizeit und Beziehungen sind von Algorithmen optimiert. Trotzdem beschleicht den Maschinenverschrotter Peter Arbeitsloser immer mehr das Gefühl, dass mit seinem Leben etwas nicht stimmt. Wenn das System wirklich so perfekt ist, warum gibt es dann Drohnen, die an Flugangst leiden, oder Kampfroboter mit posttraumatischer Belastungsstörung? Warum werden die Maschinen immer menschlicher, aber die Menschen immer maschineller?

Ja, warum? Weil der Autor ein fantasievoller Mensch ist, der jede Menge originelle Ideen hat. In QualityLand haben die Menschen Nachnamen, die dem Beruf ihres Vaters entsprechen (z. B. Peter Arbeitsloser oder Martyn Aufsichtsrat-Stiftungspräsident-Berater-im-Präsidialamt-Vorstand). Die Drohnen von TheShop liefern ihre Produkte ohne Bestellung aus, denn sie wissen besser als ihre Kunden, was die wünschen. Und QualityPartner sucht die passenden Lebensgefährten – vorzugsweise solche, die die gleichen Qualitätspunkte aufweisen können. Eine wunderbare Satire auf unsere immer stärker von Internet und Algorithmen gesteuerte Welt.

Als Comic gibt die Geschichte allerdings wenig her. Zachary Tallent zaubert zwar immer die treffende Mimik in die Gesichter seiner Akteure, aber davon abgesehen sind die Zeichnungen langweilig und leer. Nun könnte man argumentieren, dass die stylische Hightech-Welt der Zukunft mit nach außen ebenso glatt polierten Fassaden daherkommt, aber es ist trotzdem arg wenig, was hier optisch geboten wird. Wahrscheinlich hat man mehr davon, wenn man den Roman liest. Wenn man allerdings bereits so internetgeschädigt ist, dass einen lange Texte überfordern und man bunte Bilder einfacher findet, kann man auch zum Comic greifen. Witzig ist er.

Zachary Tallent, Marc-Uwe Kling: QualityLand 1.1
176 Seiten, 18,- Euro, Voland & Quist, ISBN 978-3-863912-23-9

Update 2.6.2020: Inzwischen habe ich auch den Roman gelesen. Er ist tatsächlich die bessere Wahl.