Vervirte Zeiten

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Corona ist das beherrschende Thema der Zeit. Ralf König hat auf seinen Facebook- und Instagram-Profilen seit Ausbruch der Pandemie in Deutschland im März 2020 täglich einen kurzen Comicstrip zum Thema publiziert – und dazu Konrad und Paul, das bekannteste Schwulenpärchen der Republik, reanimiert. Vervirte Zeiten bringt eine Sammlung aller Beiträge bis Jahresende 2020. Verlagstext: Jeden Tag kommentiert Ralf König mit Hilfe seines beliebten Männerpaares die neue Situation. Zu Hause bleiben, da wird telefoniert und geskypt, was das Zeug hält, plötzlich erinnert man sich an alte Freunde, philosophiert über Sinnkrisen und bedauert, den mürrischen Vater im Seniorenstift nicht besuchen zu dürfen, den man auch vorher nicht besucht hat! Und da das Leben trotz Virus weitergeht, verknallt sich Paul ausgerechnet jetzt in den hinreißenden Filialleiter des nächstgelegenen Supermarkts, den angeblich schönsten Mann Kölns!

Und das ist nicht alles. Als AIDS kam, ging Sex nur noch mit Kondomen, und das war schon schlimm genug – jammert Paul. Aber bei Corona auch noch Mundschutz tragen – was bleibt da noch von der Erotik? Dazu kommt, dass Paul langsam älter (und unförmiger) wird, weshalb es nicht mehr zwingend erotisch ist, mit nacktem Oberkörper an einer Skype- oder Zoom-Session teilzunehmen. Wobei das Alter ja auch Thema in Königs Alben Stell dich nicht an, Mann! und Herbst in der Hose war. Aber wenn sich schon in der Hinsicht nicht mehr viel tut, kann man mit seinem alten Vater mal heimlich einen Joint im Seniorenheim durchziehen und sich von ihm mit wichtigen Lebensweisheiten versorgen lassen.

Es geht hier also vor allem um Sex und Beziehungen in Zeiten von Corona. Aber auch Querdenker, Corona-Leugner und Verschwörungstheoretiker werden aufs Korn genommen. Treffender als in dem Strip auf Seite 55 kann man diese Spezies Mensch kaum charakterisieren. Über das Chaos-Management der Regierung, das sich ja geradezu für Satire anbietet, kommt dagegen leider nichts, und natürlich gibt es bei einer Aneinanderreihung täglicher Strips auch keinen Spannungsbogen oder ähnliches. Trotzdem nett zu lesen – und ein schönes Wiedersehen mit Konrad und Paul.

Ralf König: Vervirte Zeiten
192 Seiten, gebunden, 24,- €, (E-Book 19,99 €), Rowohlt, ISBN: 978-3-498-00211-4
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Aldobrando

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Dieses Album hätte auch gut in das Programm des Splitter-Verlags gepasst. Verlagstext: Aldobrando wurde einem Magier angedient, dieser sollte ihn schützen und erziehen, bis er alt genug ist, die weite Welt zu entdecken. Einige Jahre später wandelte sich die Zubereitung eines Zaubertranks in eine Tragödie. Schwer verwundet am Auge von einer Katze, die nicht kochen wollte, bittet der Zauberer seinen jungen Schützling, ihm Wolfgras zu holen. Aber wie soll man in der Botanik zurechtkommen, wenn man noch nie einen Fuß nach draußen gesetzt hat und dem Mörder des Königssohns gegenübersteht? Gipi als Autor und der kommende Zeichner von „Skorpion“ Luigi Critoni bieten eine abenteuerliche Mittelaltersaga, die spannend geschrieben und meisterhaft umgesetzt ist.

Ist sie. Und zwar beides: spannend geschrieben und meisterhaft umgesetzt. Es kommt so ziemlich alles darin vor, was man für solche Geschichten braucht: Ein alter Zauberer, ein hilfloses Waisenkind, ein verfressener König, vertrottelte Berater, ein Massenmörder wider Willen, edle Kämpfer ohne Chance, eine unglückliche Prinzessin, sinnlose Strafen und vielerlei Verwicklungen. Und obwohl man das Gefühl hat, ab Seite 50 zu ahnen, wohin der Hase läuft, hat Gipi immer wieder eine Überraschung parat.

An Spannung mangelt es also nicht, und Critones Zeichnungen sind einfach klasse. Wobei unbedingt auch die Kolorierung von Francesco Daniele und Claudia Palescandolo zu erwähnen ist. Die Farben geben dem Album die exakt richtige Atmosphäre – egal ob wir uns gerade an einem lauschigen Lagerfeuer, im Kerker, im Thronsaal, in dichtem Schneetreiben oder in der Hütte des Zauberers befinden. Wer also mal wieder einfach nur eine unterhaltsame Abenteuer-Geschichte lesen möchte: zugreifen. Um Längen besser als die meisten anderen Alben aus diesem Genre.

Luigi Critone, Gipi: Aldobrando
208 Seiten, gebunden, 28,- Euro, Carlsen, ISBN 978-3-551-75106-5
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Tunnel

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In Israel paart sich religiöser Irrsinn mit politischem Fanatismus wie in keinem anderen Flecken der Welt. Das wird auch in diesem Album deutlich: „Dies ist mein politischstes und komischstes Buch zugleich“, sagt die israelische Comiczeichnerin Rutu Modan. Mit ihrer neuen Graphic Novel zeigt sie, wie man mit den Mitteln der Satire sehr unterhaltsam gegen die Verbohrtheit und für den Frieden kämpfen kann. Sperranlagen an Grenzen bringen die Menschen dazu, nach Möglichkeiten zu suchen, sie zu umgehen. Stellen Sie sich vor, eine Gruppe Israelis baut einen Tunnel in die Westbank, weil sie dort religiöse Artefakte vermutet. Ebenso zielstrebig bauen Palästinenser in entgegengesetzter Richtung ihren unterirdischen Gang. Wenn sich diese Wege kreuzen, müssen sie sich irgendwie arrangieren, wenn sie nicht auffliegen wollen … Soweit der Verlagstext.

Wahrscheinlich liest sich dieses Album für Bewohner der Gegend lustiger als für Menschen, die nicht mit allen Details der Nahost-Problematik vertraut sind, aber auch so hat es erheiternde Passagen. Schon alleine die Diskussion zwischen zwei frommen Juden über die Frage, ob der Herr es gestattet, dass man am Sabbat Geschirr spült, zeigt, wie unterschiedlich man göttliche Regeln – je nach Interessenlage – auslegen kann. Einfach köstlich. Die junge Israelin, deren Vater als Archäologe tätig war und sie oft zu Ausgrabungen mitgenommen hat, interessieren solche Fragen allerdings weniger. Sie ist auf der Suche nach der Bundeslade. Für die weniger bibelfesten: Die Bundeslade enthielt nach biblischer Darstellung unter anderem die zwei Steintafeln mit den Zehn Geboten, die Mose von Gott erhielt (Wikipedia). Einen historischen Beweis für die tatsächliche Existenz dieses Artefakts gibt es allerdings nicht.

Nun tummeln sich in der Gegend Vertreter vielerlei Religionen, die bestrebt sind, die Gebote ihres Herrn zu erfüllen. Dazu kommen allerlei Konkurrenzkisten innerhalb der jeweiligen Gruppen – und dann sind da noch terroristische Banden wie die des IS. Einige Vertreter dieser Gruppen treffen beim Tunnelbau (aus verschiedenen Richtungen) aufeinander. Woraus sich die Frage ergibt, wie man miteinander umgeht, wer wem vertrauen kann und wer ein Spitzel der anderen Seite ist.

Das Schöne an diesem Album: Es zeigt, dass man auch über konfessionelle und politische Differenzen hinweg zusammenarbeiten kann, wenn es der – zumindest scheinbar – gemeinsamen Sache dient. Für meinen Geschmack zwar etwas zu langatmig, und wahrscheinlich liest sich dieses Album für Bewohner der Gegend tatsächlich lustiger, aber wenn man sich durchgearbeitet hat bringt die letzte Seite die Absurdität dieses religiösen Wahns noch einmal wunderbar auf den Punkt. (Und nein: Es macht keinen Sinn, zuerst die letzte Seite anzusehen, weil sich der Gag erst aus dem Inhalt der Geschichte ergibt.) Von Rutu Modan (Das Erbe) in Ligne Claire-Stil gezeichnet.

Rutu Modan: Tunnel
280 Seiten, gebunden, 28,- Euro, Carlsen, ISBN 978-3-551-78592-3
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