Stehaufmännchen

koenig-stehaufmännchenVerlagstext: Afrika vor sechs Millionen Jahren. Grüner Urwald weicht der Savanne, und die Affen beschließen: „Runter vom Baum!“ Aber auf dem Boden der Tatsachen wächst mit dem aufrechten Gang das Gehirn, und Flop, der Australopithecus, denkt den ersten bewussten Gedanken der Menschheit: „Ach du Scheiße…“ Er behält recht, denn egal, ob Homo Habilis Faustkeile kloppt oder Homo Erectus mit Feuer zündelt, jeder neue Handgriff führt tiefer ins Desaster! Und gerade als die Männchen anfangen, Gammelfleisch zu fressen, und sich als Herren der Welt fühlen, beschließen die Weibchen, ihren Eisprung zu verstecken, so dass beim Balzen keiner mehr weiß, woran er ist. Flop stört’s nicht weiter, er steht ohnehin mehr auf den stämmigen Homo Robustus, der mit seiner Horde friedlich in der Steppe grast. Aber „friedlich“ hat die Hominisation offenbar nicht im Programm. Genauso wenig wie „Zurück auf die Bäume!“. Trotzdem beschließt Flop, sich mutig der Evolution entgegenzustellen. Hat nicht geklappt, wie wir heute wissen. Aber den Versuch war es wert.

Auf einen neuen Comic von Ralf König freut man sich immer. Auch wenn man weiß, dass er gelegentlich Alben abliefert, bei denen man sich fragt, ob die Welt sie wirklich braucht. Wie dieses hier. Diesmal hat er sich die Evolutionsgeschichte der Menschheit vorgenommen. Das kann man machen. Auch kritisch. Und gerne schräg. Ist es aber nicht. Hier tröpfelt der Humor so spärlich vor sich hin wie der Regen über die afrikanische Savanne, in der behaarte Wesen, irgendwo zwischen Affe und Mensch, die meiste Zeit über irgendwas diskutieren. Was auch optisch für wenig Abwechslung sorgt.

Klar, es ist stark gezeichnet. Das kann er. Und natürlich ist selbst ein schwaches Album von Ralf König immer noch unterhaltsamer als vieles, was sonst so unter dem Humor-Label in den Regalen steht. Aber man sehnt sich zurück nach den Zeiten, als er noch Geschichten Prall aus dem Leben schrieb…

Ralf König: Stehaufmännchen
200 Seiten gebunden, 24,- Euro, Rowohlt, ISBN 9783 498 03581 5

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Amerika

crumb-amerikaVerlagstext: Robert Crumb, Altmeister des US-Underground-Comix, ist zurück! Diesmal mit einer bitterbösen Abrechnung mit dem amerikanischen Traum, die – obwohl zwischen 1965 und 1996 entstanden – aktueller nicht sein könnte. Selbstironisch und mit kritischer Wucht seziert er in „Amerika“ die rassistischen und reaktionären Reflexe einer kranken Gesellschaft, deren Alltag gezeichnet ist von einem pervertierten Konsumwahn und dem unstillbaren Willen zur Macht. Vom Leiden des kleinen Mannes im Korsett der Nine-to-Five-Jobhölle über schwadronierende Vorstadtfaschisten bis hin zum zweifelhaften Einfluss profitgieriger Immobilienmagnate am Beispiel Donald Trumps – pointiert zeigt Robert Crumb die Abgründe der westlichen Moderne und geizt nicht mit bissigen Zuspitzungen und provokanten Stereotypen.

Mit guter PR kann man so ziemlich alles verkaufen, selbst alte Sachen, die man noch irgendwo auf dem Speicher gefunden hat. Von einer bitterbösen Abrechnung mit dem amerikanischen Traum, wie Reprodukt schreibt, kann hier wirklich keine Rede sein. Schon gar nicht von einer, die aktueller nicht sein könnte. Wer sich auf eine aktuelle Auseinandersetzung mit der gegenwärtigen US-Politik freut, kann sich das Album sparen. Es enthält hauptsächlich alte Geschichten. Sie reflektieren typische amerikanische Verhaltensweisen, aber neu sind sie nicht. Für Crumb-Fans und Sammler wieder ein Album aus der sehr schön editierten Crumb-Reihe von Reprodukt, für alle anderen weniger interessant.

Robert Crumb: Amerika
96 SW-Seiten, gebunden, 29,- Euro, Reprodukt, ISBN 978-3-95640-175-6
> Leseprobe

Gaston GA

franquin-gastonGA1Ah, Gaston. Der mal wieder. Der Verlag schreibt: Die Neuedition im Hardcover des berühmtesten Redaktionsboten und wohl chaotischsten Erfindergeistes der Comics: Gaston! In chronologischer Reihenfolge, neu koloriert und neu gelettert werden alle Gags noch einmal aufgelegt. Für Fans und Neueinsteiger unverzichtbar erscheinen die Comics des großen André Franquin in einer exquisiten, remasterten Version. Eine neue, exquisite, remasterte und unverzichtbare Ausgabe also. Die wievielte eigentlich?

Es gibt Titel, die sind pure Gelddruckmaschinen. Gaston gehört dazu. Da hat man schon in den 1990er Jahren roundabout 400 Eier (damals noch DM) auf die Ladentheke gelegt, um sich die Gaston-Gesamtausgabe in HC zulegen zu können und dachte, man hätte jetzt, wie es auf dem Cover stand, sämtliche Geniestreiche des ausgeflippten Redaktionsboten erstmals vollständig. Von wegen! Irgendwo findet sich immer noch ein Schnipsel, das zu integrieren man vergessen hat, und flugs kommt die nächste GA. Die vorliegende versammelt alle von André Franquin gezeichneten Seiten, inklusive redaktioneller Seiten aus dem Magazin Spirou (Covertext). Mit solch einer Verlagspolitik kann man Sammler in den Wahnsinn treiben.

Zugegeben: Gaston zu lesen ist pures Vergnügen. Schräg, anarchisch, kreativ, lustig, respektlos, originell und abwechslungsreich. Und ja: Die neue Ausgabe ist schöner als die bisherigen. Ja: Die aufgehübschten Farben wirken wesentlich frischer. Und ja: Das neue Lettering passt um Längen besser. Aber: Kann man sich sowas nicht vorher überlegen? Okay: Farben lassen sich mit heutiger Digitaltechnik vielleicht besser optimieren, als das in den 90ern möglich gewesen wäre. Aber die Vollständigkeit hätte man damals schon haben können, und das neue Lettering auch.

Wer noch keine Gesamtausgabe von Gaston hat, findet hier also eine, die sich lohnt (aber keine Garantie dafür bietet, dass nicht in fünf Jahren die nächste modifizierte GA auf den Markt kommt). Wer schon eine im Regal hat, muss selber wissen, ob ihm die neue 300,- Euro wert ist.

André Franquin: Gaston (Gesamtausgabe – 21 Bände)
Band 1: 48 Seiten, gebunden, 8,88 Euro, Carlsen, ISBN 978-3-551-74182-0
(die Bände 2 bis 21 kosten je 14,- Euro)