Das unabwendbare Altern der Gefühle

de-jongh-DasUnabwendbareAlterrnDerGefuehleVerlagstext: Sein Name ist Ulysses. Mit 59 muss er seinen Job als Möbelpacker an den Nagel hängen. Seine Frau ist verstorben, seine Tochter auch, und sein Sohn ist zu beschäftigt für seinen alten Vater. Die Leere des Alltags tut sich vor ihm auf wie ein unendlich tiefer Schlund.
Ihr Name ist Madame Solenza, sie ist 62 Jahre alt und früher war sie Model. Der Tod ihrer Mutter zwingt sie zu einem langen Blick in den Spiegel. Die Frau, die zurückblickt, sieht mehr nach Stiefmutter aus als nach Schneewittchen.

Mal wieder eine dieser Geschichten von Zidrou, die wie immer bei ihm (Die Adoption, Merci, Lydie) sehr gefühlvoll, fast schon poetisch, erzählt und von wechselnden Zeichnern – in diesem Fall von Aimée de Jongh – nicht minder gefühlvoll umgesetzt werden. Die Frage ist: Gibt es ein Leben nach der Rente? Ja, klar, sagt die Werbung: Dann geht es erst richtig los! Wäre schön, wenn, denkt man beim Blick in den Spiegel, der einem so ehrlich, wie man es gar nicht wissen will, schlaffe, hängende, abgearbeitete Körperteile präsentiert.

Wie oft habe ich beteuert, endlich das Leben in vollen Zügen genießen zu können, sinnert Ulysses. Bloß nicht zugeben, dass einen eigentlich die Zeit nach und nach aufzehrt, heftig und grausam, wie die Flut, die an einem Felsen nagt. Ruhestand? Leicht gesagt! Es fühlt sich an wie nach einem vernichtenden Rückzugsgefecht! Doch das Hadern mit dem körperlichen Zerfall, der geistigen Leere und Einsamkeit ist nicht alles, was hier passiert. Zidrou hat immer ein paar Ideen in petto, die für überraschende (manchmal sehr überraschende) Wendungen sorgen. Ein Album, das zeigt, dass das Leben mit 60 tatsächlich noch nicht zu Ende sein muss, und das, wie immer bei ihm, auch eine gewisse Situationskomik zu bieten hat.

Aimée de Jongh, Zidrou: Das unabwendbare Altern der Gefühle
144 Seiten, gebunden, 19,80 Euro, Splitter, ISBN 978-3-96219-269-3
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Der Umfall

ross-umfallVerlagstext: Plötzlich ist alles anders und dein Zuhause gibt es nicht mehr. Vor allem, wenn dein Zuhause kein Ort, sondern ein anderer Mensch war. Seit dem Schlaganfall von Noels Mutter steht sein Leben Kopf. Denn ein Mann mit Bart behauptet auf einmal, dass Noel nicht länger alleine in der alten Wohnung bleiben kann. Er muss umziehen, weg aus Berlin, weg von Zuhause. In eine völlig fremde Umgebung, eine Betreuungseinrichtung für andere Menschen mit Behinderung. Zum allerersten Mal in seinem Leben ist Noel auf sich allein gestellt. Aber es ist auch das erste Mal, dass er mit so vielen anderen Menschen zusammenlebt. Wem kann er vertrauen? Nach zweijähriger Recherche in Neuerkerode wagt der Zeichner und Autor Mikael Ross mit seiner neuen Graphic Novel Der Umfall einen Perspektivwechsel, und erzählt aus Noels Sicht von den Tiefschlägen und Höhenflügen eines jungen Mannes mit geistiger Behinderung.

Und das macht er absolut klasse. Behindert, hilfsbedürftig, unselbstständig? Von wegen: Hier tobt das Leben! Die Mitbewohner, die Noel kennenlernt, haben zwar alle ihre Eigenarten, aber auch viel Spaß. Und eigentlich ist alles wie überall sonst auch: Man hört Musik, man ärgert sich über das Essen, man geht auf Konzerte (Noel ist AC/DC-Fan), man veranstaltet Partys, man verliebt sich, man fährt mit dem Bus weg, man streitet sich, man versöhnt sich, und nach und nach nimmt man die Eigenarten der Bewohner nicht mehr als Behinderungen, sondern mehr als eine Art liebevolle Macke wahr, mit der man einfach nur umzugehen lernen muss.

Der Comic entstand anlässlich des 150sten Geburtstags der Evangelischen Stiftung Neuerkerode, die die Einrichtung betreut. Eine ziemlich mutige Idee, zum Jubiläum keine langweilige Festschrift, sondern einen Comic rauszubringen. Und eine gute, sich Ross als Zeichner auszusuchen. Die Stärke dieses Albums besteht neben den lebensnahen Geschichten und den Zeichnungen, die die unterschiedlichen Charaktere ebenso liebevoll wie treffend skizzieren, nicht zuletzt darin, dass Mikael Ross die Bewohner nicht als hilflose Wesen darstellt, sondern ihnen Autonomie und Würde gibt. Das ist rundum genial gemacht und für mich mit Abstand sein bestes Album bisher (und die anderen waren auch schon klasse).

Top 10 2018Mikael Ross: Der Umfall
128 Seiten , gebunden, 28,- Euro, avant, ISBN 978-3-945034-94-1
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Gefährliche Liebschaften

djief-gefaehrliche-liebschaften1Der Roman Gefährliche Liebschaften von Choderlos de Laclos erschien 1782 in Frankreich und war ein ebenso großer Skandal wie Erfolg. Er ist in reiner Briefform geschrieben – 175 Briefe insgesamt – und gehört zu den intrigenreichsten Romanen überhaupt. Und zu den schönsten: Unter den erotischen und gesellschaftskritischen Romanen des französischen 18. Jahrhunderts vielleicht der klügste, kühlste, unsentimentalste. Literarisch und psychologisch glänzend. (Hermann Hesse)

In der Folge wurde er mehrfach verfilmt, ein Musical und ein Theaterstück gibt es auch, und jetzt also auch einen Comic. Der Roman hat gut 400 Seiten, die Comicadaption erscheint in zwei Bänden, der erste hat 56 Seiten – keine Frage, dass da viel von der Raffinesse dieses Intrigenspiels auf der Strecke bleibt. Wer das komplett genießen möchte: der Roman lohnt sich.

Der Comic ist aber, trotz seiner reduzierten Form, auch schön, wenn man ihn nicht an der literarischen Vorlage misst, sondern als eigenständiges Werk sieht. Der Verlag schreibt: Schmal, kränklich und von Epilepsie geplagt bereitet Sébastien Valmont seiner Mutter nichts als Sorgen, während sein Vater das Interesse an dem schwächlichen Jungen schon lange verloren hat. Als die erhabene Comtesse de Senange anbietet, ihn unter ihre Fittiche zu nehmen und ihn in die Spielregeln der Aristokratie einzuweihen, fällt der Familie Valmont ein Stein vom Herzen. Doch die verführerische Comtesse lehrt Sébastien nicht nur Hofetikette, Gesellschaftstanz und Intrigenspiel. Sie weiht ihn in die intimen Künste der Liebe ein, und bald ist der Junge für sie mehr als nur ein Protegé.

Im Original geht es darum, durch Vortäuschung nicht existierender Gefühle Herzen zu brechen. Auch hier werden Herzen gebrochen – allerdings nicht durch falsche Gefühle, sondern durch hinterhältige, eifersüchtige Ränkespiele. Wer tragische Liebesgeschichten mag, die noch dazu in der französischen Aristokratie des 18. Jahrhunderts spielen und die Verlogenheit der herrschenden Sitten hinterfragen, wird gut bedient. Die Zeichnungen transportieren die Atmosphäre der damaligen Zeit sehr schön.

Djief, Stéphane Betbeder: Gefährliche Liebschaften 1
56 Seiten, gebunden, 15,80 Euro, Splitter, ISBN 978-3-96219-232-7
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