Sex Story

coryn-sex-storyBereits im vorigen Herbst erschienen, jetzt erst gelesen – ein wunderbares Album über die Kulturgeschichte der Sexualität. Und ja, es ist ein Comic. Auch, wenn das Cover (weshalb eigentlich?) ohne Bilder auskommt. Der Anthropologe und Psychiater Philippe Brenot, Leiter des Instituts für Sexualstudien an der Universität Decartes Paris, hat untersucht, wie sich unsere Sexualität von den Anfängen der Menschheit bis heute entwickelt hat. Laetitia Coryn hat das in Bilder gepackt (Kolorierung von Isabell Lebeau), die das Ergebnis nicht nur illustrieren, sondern streckenweise auch karikieren, wodurch jede Menge Komik auf die Seiten kommt.

Was sich wie eine rote Linie durch die Jahrhunderte zieht: Der gesellschaftliche Umgang mit Erotik entsprach selten den aktuellen medizinischen Erkenntnissen, sondern in der Regel irgendwelchen prüden Ideologien von Leuten, die schon die Lust an sich als etwas Negatives betrachteten – in vorderster Front die Kirche. Auf der anderen Seite hat auch das Patriarchat wesentlich dazu beigetragen, Lust zu verteufeln – in erster Linie die der Frauen.

Brenot hat Details über das Liebesleben von Königen, Künstlern und Philosophen ausgekramt, die man in Geschichtsbüchern nicht findet. Er schildert die Entstehung von Kondomen, den Umgang mit Homosexualität, den Mythos der Jungfräulichkeit, die Entwicklung von Bordellen und vieles mehr – übersichtlich untergliedert in die jeweiligen Sitten im frühen Griechenland, in Rom, im Mittelalter, in der Renaissance und der Aufklärung bis hin zur Moderne. 200 Seiten informatives und amüsantes Lesevergnügen in Albumformat, vierfarbig und gebunden für schlappe 18 Euro – ein unschlagbares Preis-Leistungs-Verhältnis. In Frankreich ein Bestseller, und auch bei uns schon in der zweiten Auflage im Laden.

Laetitia Coryn, Philippe Brenot: Sex Story  – Eine Kulturgeschichte in Bildern
208 Seiten, gebunden, 18,- Euro, btb, ISBN 978-3-442-75744-2
> Leseprobe

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München 1945

schmatz-muenchen1945Über München werden Flugblätter abgeworfen, die die Ankunft der Amerikaner ankündigen und den Bürgern mitteilen, wie sie sich verhalten sollen. Eins ist klar: der Krieg ist verloren und hat endlich ein Ende gefunden. In diesen unruhigen Zeiten lernen sich Daniel, ein amerikanischer Soldat mit medizinischer Ausbildung, und die Deutsche Konstanze kennen … Soweit der Verlagstext zur Ausgangssituation dieser Serie.

Was Sabrina Schmatz hier abliefert, ist eine Lovestory zwischen einem GI und einer Deutschen. Der Krieg ist verloren, München liegt in Trümmern, die US-Armee rückt ein. Die amerikanischen Soldaten werden von den Deutschen teils als Befreier, teils als Besatzer erlebt – und so unterschiedlich verhalten sie sich ihnen gegenüber auch.

Aber auch auf US-Seite gibt es widersprüchliche Positionen. Die einen empfinden die Deutschen nach wie vor als Feinde und können deren Gesülze, dass sie von nichts gewusst hätten und ohnehin immer gegen Hitler gewesen wären, nicht mehr hören. Andere sind eher freundlich und versuchen die Stimmung mit Schokolade und Lebensmitteln zu heben. Diese Hilfsbereitschaft wird in beiden Lagern kritisch beäugt, wodurch Konstanze, eine junge deutsche Krankenschwester, und Daniel, ein junger GI, der bei der Army als Arzt tätig ist, immer mehr zwischen die Fronten geraten – und sich dabei näherkommen.

Was auf den ersten Blick an Schwarzwaldklinik + Co erinnert, bekommt durch die politische Situation in Nachkriegsdeutschland doch eine gewisse Brisanz. Und auch die Zeichnungen in den bislang vier erschienenen Bänden gefallen. Man lasse sich von den kitschigen Coverbildern nicht täuschen. Schmatz bleibt im Innenteil konsequent bei Schwarzweiß mit Bleistift, weil dabei viel von der Lebendigkeit der Zeichnungen erhalten bleibt. Und damit hat sie völlig recht. Ihr Strich wird von Band zu Band klarer und konturierter, und inzwischen hat die Serie auch den ICOM-Independent-Preis 2017 für Herausragendes Artwork abgeräumt. Allerdings: Englischkenntnisse sollten beim Leser vorhanden sein. Die wenigsten GIs sprechen deutsch.

Sabrina Schmatz: München 1945 (bislang 4 Bände)
je 64 SW-Seiten, 8,- Euro, Schwarzer Turm, ISBN 978-3-934167-76-6 (Bd. 1)
> Leseprobe (Band 1)

I kill Giants

niimura-i-kill-giantsZwei Monate hatte Splitter das Erscheinen dieses Albums verschoben. Jetzt ist es da – und es ist einfach gigantisch. Manga goes Punk, so könnte man es beschreiben, und das gilt für die fetzigen Zeichnungen ebenso wie für die rotzfreche Barbara, der es wichtiger ist, sich auf ihren Kampf mit den Riesen vorzubereiten, als beim Berufsinfotag für Schüler der 5. Klasse dem Referenten zuzuhören. Sie sucht keinen Job – sie hat schon einen: Ich suche Riesen. Ich jage Riesen. Ich töte Riesen. So definiert Barbara es gegenüber ihrer Lehrerin, die sie direkt zur Schulpsychologin schickt.

Natürlich die völlig falsche Adresse. Barbara meint es ernst und ist in etwa so freundlich wie die kleine Razorblade von den Minettos Desperados. Die Story, die anfangs als reine Fantasygeschichte für Teenies daherkommt, nimmt Seite für Seite mehr Fahrt auf und entpuppt sich schließlich als Psychothriller erster Güte. Die Zeichnungen kommen frisch und dynamisch rüber, ohne sich um irgendwelche Stilrichtungen zu kümmern. Auch die Dialoge haben Tempo – und den trockenen Sarkasmus der Hauptdarstellerin. Was Joe Kelly und Ken Niimura hier liefern, ist wirklich großes Kino.

Ob man das von der Filmadaption auch behaupten kann, möchte ich bezweifeln. Zumindest der Trailer wirkt im Vergleich zum Album wie ein Kindergeburtstag. Wahrscheinlich war es die falsche Entscheidung, ihn vom Harry Potter-Team drehen zu lassen. Harry Potter ist ein netter Fantasy. I kill Giants ist nackter Existenzkampf.

Ken Niimura, Joe Kelly: I Kill Giants
240 SW-Seiten, gebunden, 29,80 Euro, Splitter, ISBN: 978-3-96219-189-4
> Leseprobe