Aldobrando

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Dieses Album hätte auch gut in das Programm des Splitter-Verlags gepasst. Verlagstext: Aldobrando wurde einem Magier angedient, dieser sollte ihn schützen und erziehen, bis er alt genug ist, die weite Welt zu entdecken. Einige Jahre später wandelte sich die Zubereitung eines Zaubertranks in eine Tragödie. Schwer verwundet am Auge von einer Katze, die nicht kochen wollte, bittet der Zauberer seinen jungen Schützling, ihm Wolfgras zu holen. Aber wie soll man in der Botanik zurechtkommen, wenn man noch nie einen Fuß nach draußen gesetzt hat und dem Mörder des Königssohns gegenübersteht? Gipi als Autor und der kommende Zeichner von „Skorpion“ Luigi Critoni bieten eine abenteuerliche Mittelaltersaga, die spannend geschrieben und meisterhaft umgesetzt ist.

Ist sie. Und zwar beides: spannend geschrieben und meisterhaft umgesetzt. Es kommt so ziemlich alles darin vor, was man für solche Geschichten braucht: Ein alter Zauberer, ein hilfloses Waisenkind, ein verfressener König, vertrottelte Berater, ein Massenmörder wider Willen, edle Kämpfer ohne Chance, eine unglückliche Prinzessin, sinnlose Strafen und vielerlei Verwicklungen. Und obwohl man das Gefühl hat, ab Seite 50 zu ahnen, wohin der Hase läuft, hat Gipi immer wieder eine Überraschung parat.

An Spannung mangelt es also nicht, und Critones Zeichnungen sind einfach klasse. Wobei unbedingt auch die Kolorierung von Francesco Daniele und Claudia Palescandolo zu erwähnen ist. Die Farben geben dem Album die exakt richtige Atmosphäre – egal ob wir uns gerade an einem lauschigen Lagerfeuer, im Kerker, im Thronsaal, in dichtem Schneetreiben oder in der Hütte des Zauberers befinden. Wer also mal wieder einfach nur eine unterhaltsame Abenteuer-Geschichte lesen möchte: zugreifen. Um Längen besser als die meisten anderen Alben aus diesem Genre.

Luigi Critone, Gipi: Aldobrando
208 Seiten, gebunden, 28,- Euro, Carlsen, ISBN 978-3-551-75106-5
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Der Liebhaber

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Das ist ein Album für die Romantiker unter euch. Der Verlag schreibt: Die autobiographische Geschichte der Liebe zwischen einer jungen Französin und einem 12 Jahre älteren Chinesen im kolonialen Indochina ist weltberühmt. Kan Takahama hat Marguerite Duras‘ Bestseller als Comic umgesetzt – behutsam und berührend. Mit intensivem Blick und sensibler Intuition gelingt es der japanischen Künstlerin die knisternde Atmosphäre zwischen Melancholie, Emanzipation und Lust in sanft schillernden Bildern einzufangen.

Das tut sie tatsächlich. Die 1977 geborene Zeichnerin Kan Takahama, die in Europa lange bekannter war als in ihrer Heimat, legt hier ein Album vor, das von der ersten bis zur letzten Seite die typische Atmosphäre französischer Liebesromane verbreitet. Eine klassische amour fou, deren verzweifelte Intensität sich aus dem Wissen speist, dass ihre Liebe aufgrund ihrer unterschiedlichen gesellschaftlichen Stellung keine Zukunft hat. Oder weniger romantisch ausgedrückt: Weil dem Lover die Eier fehlen, um sich gegen seinen Vater durchzusetzen.

Die anderen Figuren aus dem Roman kommen in dieser Adaption ein bisschen zu kurz: Mutter, Geschwister, die Freundin im Internat – die Motive ihres Handelns hängen etwas in der Luft. Aber die Japanerin Kan Takahama schafft es, in einer Geschichte, die in den 1930er Jahren im kolonialen Indochina spielt, französische Atmosphäre auf die Seiten zu zaubern, so echt, als hätte sie es selbst erlebt. Ich bin kein Manga-Leser, und auch die bisherigen Alben von Takahama haben mich wenig begeistert. Das hier hat was.

Top 10 2020  Kan Takahama, Marguerite Duras: Der Liebhaber
160 Seiten, gebunden, 22,- Euro, Carlsen, ISBN 978-3-551-78156-7
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Im selben Boot

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Dieses Album thematisiert die Auswirkung der Wiedervereinigung aus sportlicher Sicht. Verlagstext: Im November 1989 trainiert Wiebke nahezu täglich im Ruderclub, sie liebt und hasst ihre ältere Schwester Britta und denkt sonst hauptsächlich an Jungs. Plötzlich fällt die deutsch-deutsche Grenze und im Wettbewerb um einen Platz in der Nationalmannschaft müssen Wiebke und ihre Partnerin Kati auf einmal gegen die „anderen“ deutschen Ruderinnen antreten, die in Top-Form aus den Sportinternaten der Ex-DDR kommen…

Tja, und diese DDR-Mädels sind gut trainiert. Das wird Wiebke klar, als die ostdeutschen Ruderinnen mit denen aus dem Westen zusammengeworfen werden. Wie ja damals so ziemlich alles aus dem Osten in westliche Strukturen integriert wurde und sich ihnen unterwerfen musste. Doch wo der Westen im ökonomischen Bereich möglicherweise Vorteile hatte, war es im Sport genau andersrum. Was nicht zuletzt am großzügigen Umgang der Ostler mit leistungssteigernden Präparaten lag. Ob Wiebke da überhaupt noch eine Chance hat, in die endgültige Start-Mannschaft zu kommen? Noch dazu mit dieser doofen Kati, der sie im Zweierkanu zugeteilt wird?

Das sind nicht die einzigen Probleme. Mitten in der Pubertät entfaltet die 17jährige naturgemäß ein reges Interesse an den männlichen Athleten im Trainingslager. Zumal sie mit ihrer Schwester eine Wette laufen hat: Wer hat bislang die meisten Jungen geküsst? Die Liste ihrer ein Jahr älteren Schwester ist naturgemäß länger, also muss Wiebke aufholen. Vor allem soll auch ein Ossi in die Trophäensammlung aufgenommen werden.

Im Grunde also eine Coming of Age-Story in sportlichem Ambiente zur Zeit der Wiedervereinigung. Etwas überladen mit Hintergrundinfos, und ihre Wertungen (die FDJ – Jugendorganisation der DDR – vergleicht sie mit der Hitlerjugend) lassen gelegentlich den Kopf schütteln. Ansonsten schön gezeichnet, spannend erzählt und nebenbei – es ist eine autobiografische Geschichte – ein guter Einblick in die Härte des Rudersports. In Frankreich hat Zelba, die dort inzwischen seit einigen Jahren lebt, bereits Comics veröffentlicht. Im selben Boot ist ihr erster in deutscher Sprache.

Zelba: Im selben Boot
160 Seiten, gebunden, 22,80 Euro, Schreiber & Leser, ISBN978-3-96582-037-1
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