Nennt mich Nathan

zuttion-nennt-mich-nathanVerlagstext: Lilas Kindheit ist perfekt bis zu dem Tag, an dem ihr Körper ihr und der ganzen Welt die ersten unmissverständlichen Zeichen sendet, dass sie zur Frau wird. Denn Lila ist die einzige, die weiß, dass sie in Wirklichkeit ein Junge ist. Ihre »weibliche Identität«, diesen Fremdkörper, kann sie nicht akzeptieren. Mit sechzehn Jahren entscheidet Lila sich, Nathan zu werden. Mit der unerschütterlichen Unterstützung seiner Familie, seiner Freunde und Lehrer und mit unzähligen Testosteronspritzen nimmt Nathan die Herausforderung an, die genetische Lotterie des Lebens zu korrigieren, um endlich er selbst zu sein. Eine einfühlsame, fiktive Biographie, die auf einer wahren Geschichte basiert.

Es gibt inzwischen einige Comics rund um das Thema sexuelle Identität. In Hexenblut hat Suskas Lötzerich die Irrungen und Wirrungen auf dem Weg vom Mädchen zum Mann anschaulich beschrieben. In Nenn mich Kai erzählt Sarah Barczyk eine ähnliche Geschichte, und in Ach, so ist das!? gibt Martina Schradi einen Überblick über das Gefühlsleben der LGBTI-Comunity (Lesben, Gays, Bisexuelle, Transidente und Intersexuelle). Allen gemeinsam ist, dass es anfangs schwer ist, die neue Identität gegen den Rest der Welt durchzusetzen.

Das ist auch für Lila so. Es ist nicht leicht, den Eltern beizubringen, dass er ab jetzt, verdammt!, Nathan genannt werden will. Dass Lila immer nur eine Rolle gewesen ist, die er gespielt hat, um ihnen zu gefallen. Und er jetzt keine Rolle mehr spielen will. Die Eltern schwanken zwischen Verständnis und Hilflosigkeit. Eben hatten sie noch eine Tochter und einen Sohn – jetzt plötzlich zwei Söhne? Komisches Gefühl.

Die komischeren Gefühle hat Nathan. Er knutscht mit seiner Cousine rum. Ein Mädchen küsst ein Mädchen – da müsste er doch lesbisch sein, oder? Wieso also fühlt er sich als Junge? Was stimmt nicht mit ihm? Nathan schlüpft aus Lilas Körper wie aus einem fremden Kokon. Stückchenweise. Erst die Frisur, dann die Klamotten, dann die Hormone, dann die Brüste. Ein Album, dass das emotionale Durcheinander, das mit solchen Veränderungen verbunden ist, anschaulich auf die Seiten bringt und schön gezeichnet ist.

Quentin Zuttion, Catherine Castro: Nennt mich Nathan
144 Seiten, gebunden, 22,- Euro, Splitter, ISBN 978-3-96219-305-8
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Herz aus Stein

almanza-herz-aus-steinDieses Album ist zum Herzerweichen tragisch und durch und durch rührend. Verlagstext: Das Mädchen mit dem Artischockenherz hat genug Liebe für die ganze Welt, aber ganz besonders liebt sie den Jungen mit dem Herz aus Stein. Darum schenkt sie ihm jeden Tag ein Stückchen ihres Herzens, und jeden Tag reißt er es in kleine Fetzen. Das Herz des Mädchens wird kleiner und kleiner, und eines Tages verliert sie die Freude am Leben. Warum nur will der Junge mit dem Herz aus Stein sich nicht lieben lassen? … Diese lyrische Graphic Novel erkundet tiefe Gefühle mit klugen Metaphern und visueller Poesie in wunderschönen Aquarellen.

Stimmt. Aber Vorsicht: Wer nah am Wasser gebaut ist, sollte seine Taschentücher bereithalten, bevor er dieses Album aufklappt. Es ist zuckersüß und todesbitter, hat kein Happyend und wird komplett in Reinem erzählt:

Das Mädchen konnt´ es kaum glauben und verstand nicht, warum
er ein so schönes Geschenk schnöde verschmähte.
Sie packte ihr Herz ein und stand noch ein Weilchen herum,
sah zu, wie der raue Wind die Fetzen verwehte.

Die Reime sind gelegentlich etwas holprig. Aber französische Reime so zu übersetzen, dass das Versmaß stimmt, ist schwierig. Die Story selbst ist im Grunde simpel: Zwei gegensätzliche Charaktere treffen aufeinander und leben aufgrund dieser Unterschiedlichkeit aneinander vorbei. Und genau genommen ist es auch kein Comic, sondern eine Art Bilderbuch in großzügig angelegter Panel-Struktur. Die Reime erzählen die Geschichte.

Was diesen Band herausragend macht, sind die traumhaft schönen Aquarelle von Jérémie Almanza. Da könnte sich mancher Fantasy-Zeichner eine Scheibe von abschneiden. Auch die Kolorierung ist wunderhübsch. Die Geschichte wurde sicher für eine jüngere Zielgruppe geschrieben, aber die Bilder sind ein Augenschmaus für jeden Fantasy-Fan – egal wie alt.

Jérémie Almanza, Séverine Gauthier: Herz aus Stein
32 Seiten, gebunden, 13,95 Euro, Toonfish, ISBN: 978-3-95839-984-6
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Venezianische Affären

warnaut-venezianische-affaerenÉric Warnauts und Guy Raives konnten schon immer spannende Geschichten erzählen. Meist haben sie dazu ihre Story in historische Zusammenhänge eingebettet und das Ergebnis mit exotischen Dekors angereichert. Die zerbrochene Zeit, Congo 40, Tropenhitze oder Zeitenwende sind Beispiele dafür.

Auch die Venezianischen Affären folgen diesem Muster. Wir befinden uns im 18. Jahrhundert. Venedig ist wirtschaftlich nicht mehr die Macht, die es einmal war, hat aber die Fähigkeit zu Vergnügen und üppigen Festen nicht verloren. Dazu kommt die Doppelmoral des Adels, bei dem heimliche (manchmal auch ganz offen ausgelebte) Affären an der Tagesordnung sind. Das wiederum führt zu Eifersüchteleien, und die können durchaus tödlich enden. Das Ergebnis wird, wenn es sich bei dem Opfer um eine Person niederen Standes handelt, diskret beseitigt. Probleme entstehen erst, wenn das Opfer der besseren Gesellschaft angehört.

So gesehen ist die ermordete Frau, die Capitan Grande präsentiert wird, zwar kein schöner Anblick. Aber erst, als es sich bei der nächsten Toten um eine Dame der Gesellschaft handelt, wird es kompliziert. Personelle Zusammenhänge zwischen den Opfern scheint es nicht zu geben. Allein die Art und Weise, wie sie zugerichtet wurden, legt einen Serientäter nahe.

Warnauts und Raives führen den Leser lange in die Irre, was die Handlung äußerst spannend macht. Vor allem aber lassen sie ihre Geschichte in düsteren Gängen, feuchten Kerkern und noblen Palästen der Lagunenstadt spielen, und die geheimnisvollen Masken, hinter denen versteckt dunkle Gestalten durch finstere Hauseingänge huschen, ergänzen dieses Dekor auf wunderbare Weise. Und dann ist da noch die schwarze Sklavin, die Voodo-Geister beschwört und damit noch einen Schuss Magie in die Handlung bringt. Das garantiert beste Unterhaltung auf 150 Seiten und macht Spaß zu lesen. Panini hat die ersten drei Bände der Reihe, die eine abgeschlossene Geschichte ergeben, in diesem Album zusammengefasst.

Éric Warnauts, Guy Raives: Venezianische Affären
160 Seiten, gebunden, 29,- Euro, Panini, ISBN 9783-3-7416-1288-6