Bring mich noch zur Ecke

Eine sensibel erzählte Geschichte über eine Liebe, die gänzlich unerwartet kommt: Elise ist Mitte fünfzig und mit ihrem Leben zufrieden. Sie ist seit 25 Jahren verheiratet, hat zwei erwachsene Söhne und eine Hütte am See. Doch eine zufällige Partybegegnung bringt alles ins Wanken. Was als Augenkontakt mit Dagmar beginnt, geht mit einer harmlosen SMS weiter und schwillt schnell zu der Art von Lust und Sehnsucht an, von der Elise nicht wusste, wie sehr sie in ihrem Leben fehlte. Beide zögern, aber sie können nicht widerstehen und arrangieren ein Treffen, das alles für immer verändern wird … (Verlagstext)

Fast alle Lovestorys spielen vor dem Hintergrund monogamer Sozialisierung. Wäre das anders, müssten die Protagonisten am Ende nicht immer die Wahl zwischen zwei Menschen treffen, die sie eigentlich beide lieben, und damit nicht selten auch ihre bisherige Partnerschaft in die Tonne treten: Kein Kontakt mehr mit dem/der Ex. Womit man sich ein wichtiges Stück der eigenen Geschichte abschneidet. Gesund ist das nicht. Man fragt sich immer, weshalb die Leute nicht einfach mal versuchen, in einer Dreierkonstellation klarzukommen.

Auch in diesem Fall dreht sich alles um den Konflikt zwischen alter (und weiterhin existierender) Liebe zwischen Elise und ihrem Mann auf der einen, und Dagmar und ihrer Partnerin auf der anderen Seite. Weil jetzt nämlich Elise auch noch in Dagmar verliebt ist. Da laufen gleich mehrere Dinge durcheinander: Mit Mitte fünfzig noch mal total verknallt? Und das ausgerechnet in eine Frau? Obwohl sie glücklich verheiratet ist? Wie soll sie damit umgehen?

Auf der einen Seite könnte Elise täglich auf Wolke sieben schweben – wenn sie an Dagmar denkt. Wenn sie an ihren Mann denkt, ist es komplizierter. Die in Schweden bereits mehrfach für ihre Graphic Novels ausgezeichnete Zeichnerin Anneli Furmark liefert damit eine gefühlvoll erzählte Geschichte, die die innere Zerrissenheit von Elise treffend auf den Punkt bringt. Und bei der man sich auf jeder Seite fragt, wie das wohl enden wird. Neben dem Gefühl kommt hier also auch die Spannung nicht zu kurz. Furmaks erstes Album in deutscher Übersetzung.

Anneli Furmark: Bring mich noch zur Ecke
Übersetzung aus dem Schwedischen von Katharina Erben
232 Seiten, 25,- Euro, avant, ISBN 978-3-96445-066-1
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Vage Tage

Beziehungsfrust, Stress im Studium, keinen Drive zu irgendwas, aber eine wuselige Mitbewohnerin. Marie Schwab hat für ihren Comic einen rundum treffenden Titel gewählt, denn: Es sind vage Tage, die die Illustratorin Marie Schwab in ihrem Comic-Debüt nachzeichnet. Tag für Tag erzählt sie einen Ausschnitt aus dem Leben der Studentin Mila. Die ist pleite, hasst gerade ihr Studium und versucht erfolglos eine schlimme Trennung zu überwinden. Eigentlich hat sie so gar keine Lust auf soziale Interaktionen, aber da ist diese scheinbar perfekte Kat; schön, mutig und leicht verrückt, die für ein paar Tage ihre zwischenzeitliche Mitbewohnerin ist. Und die lässt nicht locker... (Verlagstext)

Nein, die lässt nicht locker und versucht konsequent Milas depressive Stimmung zu vertreiben. Und hat so ihre Ideen. Tagebuchähnliche Comics sind oft öde, aber hier passiert an jedem Tag etwas Spezielles, oft Unerwartetes. Die Story wird an keiner Stelle langweilig, und Zeichnungen und Kolorierung kommen prima.

Absolut klasse ist beispielsweise Seite 66, auf der sie die Stimmung während eines LSD-Trips einfängt. Auf den Folgeseiten nutzt sie die dabei üblichen Bilder, aber auf der 66 hat sie nicht nur die Farbverschiebungen und die leichte Unschärfe exakt getroffen, mit der man Gegenstände und Menschen auf Acid sieht, sondern auch die flirrende, vibrierende Atmosphäre sichtbar gemacht, die dabei zwischen zwei Menschen herrscht. Klasse auch die Doppeldeutigkeit der letzten Seite, die gleichzeitig das Ende des Comics oder ein Cliffhänger sein kann, der den Wunsch nach Fortsetzung antriggert. Da hätte man jetzt echt Bock drauf. Gerne mehr von dieser Zeichnerin.

Marie Schwab: Vage Tage
104 Seiten, 16,- Euro, JAJA, ISBN 978-3-948904-29-6
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Anaïs Nin – Im Meer der Lügen

Eine Frau strampelt sich frei: Anfang der 30er Jahre fristet Anaïs Nin als Ehefrau eines Bankiers ein unerfülltes Dasein in den Pariser Vorstädten. Als Tochter von Musikern verbrachte sie ihre Kindheit auf zwei Kontinenten und in drei Sprachen, und es dürstet sie nach einem freien, kreativen Leben. Aber die Rolle der Frau war ihrerzeit eine andere. Anaïs‘ Tagebuch wird zum Fluchtpunkt ihres Verlangens, zum Vertrauten, zur Echokammer ihrer Emotionen – zur Droge… Nin ist vor allem für ihre Tagebücher und Erzählungen bekannt, in denen sie erschütternd ehrlich und explizit über Kreativität, Sexualität und weibliche Sehnsüchte reflektiert. Mit leichtem Strich und weichen Farben macht Léonie Bischoff sich an die anspruchsvolle Aufgabe, das Leben von Anaïs Nin… als originelle und herrlich amoralische Graphic Novel-Biografie aufzubereiten. (Verlagstext)

Bischoff ist Mitglied des Collectif des créatrices de bandes dessinées contre le sexisme. Die Gruppe engagiert sich, wie der Name schon sagt, gegen Sexismus in Comics. Da scheint es gewagt, Tagebücher von Anaïs Nin als Graphic Novel zu adaptieren. Nins Prosaband Das Delta der Venus stand hierzulande jahrelang auf der Liste der jugendgefährdenden Schriften, und die Fantasien, die sie ihren Tagebüchern anvertraut, sind mit amoralisch noch milde umschrieben. Aber Nin will sich von Männern weder vorschreiben lassen, wie sie zu lieben, noch wie sie zu schreiben hat.

Ihrem Partner Hugo erzählt sie nichts von ihren Fantasien. Ihrem Tagebuch alles. Ich habe Mitleid mit dem Verlangen, das ich bei ihm ausgelöst habe, und lasse ihn sich an meinen Oberschenkeln befriedigen notiert sie nach einer ersten Begegnung mit einem Fremden. Als sie später Henry Miller kennenlernt, inspirieren die beiden sich gegenseitig – erst beim Schreiben, später auch im Bett. Ich brauche Henrys Liebe, um Hugo besser zu lieben vertraut sie ihrem Tagebuch an. Sie will raus aus der Maskerade, mit der Menschen sich begegnen. Je sicherer sie dabei wird, desto selbstbewusster schreibt sie: Er ist nur ein Mann, nicht Gott. Du brauchst ihn nicht, ermutigt sie sich, als sie über einen ihrer Lover nachdenkt.

Wie Bischoff dieses Leben auf die Seiten bringt, ist schon von der Erzählstruktur her klasse. Wie sie es grafisch umsetzt auch. Sie zeichnet mit Buntstiften, gibt der Geschichte damit eine leicht verspielte Note, die Bewegungen kommen flüssig und geschmeidig rüber, und die sparsame Kolorierung setzt zusätzliche Akzente. Das erzeugt gefühlvolle Bilder, und obwohl es hier um Sex und Grenzüberschreitungen und oft auch klar zur Sache geht, hat das mit Sexismus nichts zu tun. Es geht einfach um eine Frau auf der Suche nach sich selbst. Nach Wahrhaftigkeit statt Lügen. Ein ebenso inspirierendes wie provozierendes Album, das sich zudem spannend liest. 2020 auf dem Comicfestival in Angoulême mit dem Publikumspreis ausgezeichnet.

Léonie Bischoff: Anaïs Nin – Im Meer der Lügen
Aus dem Französischen von Désirée Schneider
192 Seiten, gebunden, 29,80 Euro, Splitter, ISBN 978-3-96792-175-5
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