The long and winding road

pellejero-long-and-winding-roadDas ist wirklich dumm gelaufen: Ulysses Vater ist gestorben. Was an sich nicht tragisch wäre, denn Ulysse konnte nie viel mit ihm anfangen. Sogar tot geht er mir auf den Sack, meckert er, weil er jetzt zur Beerdigung muss. Das wirkliche Problem ist: Der letzte Wunsch seines Vaters besteht darin, dass er verbrannt werden möchte. Die Asche soll auf der Isle of Wight verstreut werden – von Ulysse. Und zwar an genau der Stelle, wo der Vater 1970 auf diesem geilen Hippiefestival war, auf dem unter anderem Taste, Donavon, Ten Years After, die Doors, die Who und Jimi Hendrix aufgetreten sind. Ulysse müsste die Urne also von Südfrankreich nach England fahren – wozu er einfach keinen Bock hat.

Doch seine Tante überredet ihn, die Reise anzutreten und bietet ihm an, ihn ein Stück des Weges zu begleiten. In der Garage steht noch der alte VW-Bus, mit dem Ulysses Vater damals unterwegs wer, und im Bus liegen all die Musikcassetten mit den Bands der damaligen Zeit. Da bahnt sich ein echter Nostalgietrip an – aber wie nostalgisch er wirklich wird, davon hat Ulysse noch keine Ahnung. Bei ihrem ersten Stopp übernachten sie bei ehemaligen Kumpels des Vaters (gediente Altfreaks bis in die letzten verbliebenen Haarspitzen), und die haben einige Überraschungen parat.

Der Roadtrip, auf den Christopher den Leser hier schickt, führt durch allerlei frühe Lebensstationen des Vaters: Rockmusik, Groopies und Hippies begegnen Ulysse in Briefen und auf Zwischenstopps. Das Bild, das er von seinem Vater hat, verändert sich Stück für Stück und Kilometer um Kilometer. Er beginnt zu verstehen, weshalb damals manche Dinge so gelaufen sind, wie sie eben gelaufen sind. Und dass sein Vater nicht so spießig war, wie er immer dachte. Ein unterhaltsames Roadmovie für alle Fans der 1970er Jahre.

Rubén Pellejero, Christopher: The long and winding road
180 Seiten, HC, 29,- Euro, Salleck, ISBN 978-3-89908-659-1
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Machen ist wie Wollen, nur krasser

krayl-machen-ist-wie-wollenVerlagstext: Endlich hat Karl es geschafft: Er trifft sich auf ein Date mit Anna, seinem großen Schwarm. Jetzt muss er bloß noch was draus machen. Er könnte ja einfach mal . . . wobei . . . was, wenn . . . vielleicht sollte er besser . . . aber dann . . .
Karl ist ein Meister des Kopfkinos, in Echt wartet er lieber ab. Als er jedoch erfährt, dass seine Anna auf HipHop-Michi aus der Zehnten steht, entschließt sich Karl auch in der realen Welt aktiv zu werden. Und zwar krass.
Drumherum ist natürlich noch der Alltag eines Teenagers zu bewältigen mit Schule und Praktikum, Kumpel, Freunde, Alkohol.
In seiner zweiten Veröffentlichung bei Jaja entführt uns Valentin Krayl zurück in die Nuller Jahre und zeigt, dass er auch eine umfangreiche Story mit Charme und Witz spannungsreich erzählen kann. Und seinen Stil gefunden hat, sympathisch skizzenhaft und angenehm leicht koloriert.

Wohl wahr. Das Artwork kommt genauso luftig-leicht und fluffig daher, wie Krayl (Weltenbummler) die Geschichte erzählt. Er beschriebt eine Situation, die jeder kennt: Man ist verknallt – aber wie kommt man an das Objekt seiner Sehnsucht heran? Wie kann man seine Liebe zeigen? Soll man sie überhaupt zeigen? Und vor allem: Wie kann man Konkurrenten aus dem Feld schlagen?

Karls Strategie dürfte auch jeder kennen: Man hat zunächst rasend verwegene Ideen – geht dann aber doch lieber auf Nummer sicher. So entwickelt Karl ständig neue Pläne, muss aber feststellen, dass sich deren Umsetzung als komplizierter erweist, als gedacht. Amüsante Situationen, liebevoll karikiert, aber doch wie aus dem richtigen Leben. Macht Spaß zu lesen.

Valentin Krayl: Machen ist wie Wollen, nur krasser
128 Seiten, 16,- Euro, Jaja, ISBN 978-3-946642-36-7
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Hinter Türen

kreitz-hinter-tuerenDen Impuls zu diesem Album gab das Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“. Doch schnell fanden Isabel Kreitz und Stefan Dinter über eigene Recherchen und Gespräche mit Mitarbeiterinnen des Hilfetelefons einen Zugang zum Thema… „Die Umgebung der Geschichte und auch die Figuren sind eher unspektakulär und bewusst alltäglich gewählt. So machen wir deutlich, dass Gewalt gegen Frauen mitten in der Gesellschaft stattfindet“, sagt Isabel Kreitz… Im Ergebnis entsteht eine Erzählung, die zwar fiktiv ist, jedoch stellvertretend steht für die vielen Frauen, die tagtäglich beim bundesweiten Hilfetelefon anrufen und Unterstützung erhalten. Die Graphic Novel fordert dazu auf, hinter die Kulissen und Fassaden zu blicken. Soweit der Textauszug von der Website des Projekts.

Gesellschaftspolitische Themen dieser Art werden in Comic-Adaptionen oft verhunzt, weil die Autoren auf keinen Fall etwas falsch machen wollen. Es geht schließlich um ein wichtiges Thema. Da verschanzt man sich gerne hinter so viel political correctness, wie möglich, wodurch die Geschichten sich hölzern und langweilig lesen. Das ist hier nicht der Fall. Kreitz und Dinter entwickeln eine sehr realitätsnahe Story, die sich flüssig und wie aus dem Leben gegriffen liest, und gerade dadurch so wirkungsvoll ist, weil sie völlig unspektakulär daherkommt.

Dabei ist alles drin: Gewalt in der Ehe, sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz, Diskriminierung, das Wegschauen und das Nichtverhalten, und auch die soziale Isolation, in die Frauen von ihren Männern in Beziehungen oft getrieben werden, um sie besser kontrollieren zu können. Die Strukturen, die die Grundlage dafür bieten, dass Gewalt gegen Frauen überhaupt funktioniert, werden prima rausgearbeitet. Ein informativer Comic, der sich dazu noch spannend liest.

Isabel Kreitz, Stefan Dinger: Hinter Türen
in Zusammenarbeit mit dem Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“
48 Seiten, kostenlos als Heft oder online lesen