I kill Giants

niimura-i-kill-giantsZwei Monate hatte Splitter das Erscheinen dieses Albums verschoben. Jetzt ist es da – und es ist einfach gigantisch. Manga goes Punk, so könnte man es beschreiben, und das gilt für die fetzigen Zeichnungen ebenso wie für die rotzfreche Barbara, der es wichtiger ist, sich auf ihren Kampf mit den Riesen vorzubereiten, als beim Berufsinfotag für Schüler der 5. Klasse dem Referenten zuzuhören. Sie sucht keinen Job – sie hat schon einen: Ich suche Riesen. Ich jage Riesen. Ich töte Riesen. So definiert Barbara es gegenüber ihrer Lehrerin, die sie direkt zur Schulpsychologin schickt.

Natürlich die völlig falsche Adresse. Barbara meint es ernst und ist in etwa so freundlich wie die kleine Razorblade von den Minettos Desperados. Die Story, die anfangs als reine Fantasygeschichte für Teenies daherkommt, nimmt Seite für Seite mehr Fahrt auf und entpuppt sich schließlich als Psychothriller erster Güte. Die Zeichnungen kommen frisch und dynamisch rüber, ohne sich um irgendwelche Stilrichtungen zu kümmern. Auch die Dialoge haben Tempo – und den trockenen Sarkasmus der Hauptdarstellerin. Was Joe Kelly und Ken Niimura hier liefern, ist wirklich großes Kino.

Ob man das von der Filmadaption auch behaupten kann, möchte ich bezweifeln. Zumindest der Trailer wirkt im Vergleich zum Album wie ein Kindergeburtstag. Wahrscheinlich war es die falsche Entscheidung, ihn vom Harry Potter-Team drehen zu lassen. Harry Potter ist ein netter Fantasy. I kill Giants ist nackter Existenzkampf.

Ken Niimura, Joe Kelly: I Kill Giants
240 SW-Seiten, gebunden, 29,80 Euro, Splitter, ISBN: 978-3-96219-189-4
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Am liebsten mag ich Monster

ferris-am-liebsten-mag-ich-monsterDie zehnjährige Karen Reyes führt ein ganz besonderes Tagebuch: Neben ihren Alltagsbeobachtungen zeichnet sie Monster aus Trash-Horrorfilmen und alten Pulp-Magazinen. So bewältigt sie ihren Alltag in den USA der 1960er-Jahre und sammelt Spuren und Hinweise, die zur Aufklärung des Mordes an ihrer Nachbarin Anka Silverberg beitragen sollen. Emil Ferris verarbeitet in Am liebsten mag ich Monster ihre eigene Vorliebe für Horror-B-Movies und Grusel- Groschenhefte und bettet dies in eine Geschichte ein, die die sozialen Spannungen im Chicago der 1960er Jahre mit einer Geschichte des Erwachsenwerdens verknüpft. Soweit der Verlagstext.

Ferris verarbeitet aber nicht nur die sozialen Spannungen der 1960er Jahre in Chicago. Auch die Entwicklung in Deutschland – von den 1920er Jahren bis hin zum Faschismus – wird hier thematisiert, denn die Tote, deren Mörder Karen sucht, hat dort gelebt. Judenverfolgung, Kindesmissbrauch, Leichen – die Story ist ziemlich heftig, denn nach und nach ahnt der Leser, dass die Monster, um die es geht, nicht die sind, die einem nachts in einer dunklen Kellerecke auflauern. Es geht um die Monster in den Menschen. Karen: Die Sache mit dem Erwachsenwerden ist die: Aus Kinderaugen scheinen die Erwachsenen frei zu sein. Dabei sind viele von ihnen Gefangene. Von wem? In neun von zehn Fällen von ihren Geistern…

Präsentiert wird die Story mit wuchtigen Bildern in unterschiedlichen Techniken. Einflüsse von Robert Crumb sind unübersehbar, aber Ferris setzt auch eigene Akzente. Die Layoutstruktur ähnelt der in Vanna Vincis wunderbarem Band über Frida Kahlo, und wie Vinci integriert auch Ferris jede Menge klassische Gemälde in ihre Geschichte. Frédéric Bazille, Claude Monet, George Inness, Gustave Dore, Harald Sohlberg und viele andere sind dabei.

Die US-Amerikanerin liefert damit einen fiesen Höllentrip auf leisen Sohlen, und einen echten Schmöker dazu, denn hier gibt es ewig viel zu sehen und zu lesen. Nur die blaue Notizbuchstruktur nervt. Die hätte man auch hinter, statt vor die Zeichnungen legen können. Der zweite Band soll in den USA im Herbst erscheinen.

Emil Ferris: Am liebsten mag ich Monster
420 Seiten, 39,- Euro, Panini, ISBN 9783741608087
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Lanfeust von Troy

tarquin-lanfeust-von-troy1Splitter schreibt: Klassische Heroic-Fantasy höchster Güte: »Lanfeust von Troy« ist das Magnum Opus des französischen Comic-Starautors Christophe Arleston (»Ekhö — Spiegelwelt«, »Die Schiffbrüchigen von Ythaq«). Nach Jahrzehnten der Unvollständigkeit bringt Splitter alle drei Lanfeust-Hauptserien zurück. Auf »Lanfeust von Troy« folgen ohne Unterbrechung »Lanfeust der Sterne« sowie »Lanfeust Odyssee«, und auch die Nebenserie »Cixi von Troy« erhält im typischen Splitter-Format ein neues Gewand.

Die achtteilige Serie Lanfeust von Troy erschien um die Jahrhundertwende bei Carlsen, genau wie (fast) alle anderen Reihen (Troll von Troy) und Nebenreihen aus dem Troy-Universum. Das Schöne daran ist, dass hier Fantasy wieder mit Fantasie zu tun hat, und sich nicht in endlosen Gemetzeln muskelstrotzender Helden erschöpft, die irgendwelche doofen Königreiche samt Prinzessin zurückerobern müssen. Zwar gibt es auch in Troy Gemetzel zur Genüge – dafür sorgt schon alleine der ewig hungrige Troll, der zwar durch Zaubersprüche gezähmt wurde, aber ab und zu aus seiner Verzauberung erwacht. Vor allem aber gibt es hier jede Menge Magie, denn jeder Bewohner der Troy-Welt ist mit einer besonderen Fähigkeit ausgestattet.

In unserem Fall ist das zunächst Lanfeust, der alleine durch seinen Blick Eisen zum Schmelzen bringen kann. Dann gibt es Can, seine Verlobte, die Wunden heilen, und deren leicht bekleidete Schwester Cixi, die Wasser gefrieren und verdampfen lassen kann und Lanfeust mit ihrer unkonventionellen Art und Anmache gern durcheinander bringt. Im Grunde die klassische Femme fatal, wie sie Bourgeon beispielsweise mit Mariotte in seinen Gefährten der Dämmerung oder Loisel mit Pelissa im Vogel der Zeit eingesetzt hat. Die drei sind in der magischen Welt von Troy unterwegs, um ein Schwert zu finden, das seinem Träger viel Macht verleiht und deshalb nicht in die falschen Hände fallen darf.

Die Splitter-Ausgabe wurde komplett neu koloriert. Nicht einfach ein bisschen aufgehübscht, sondern von Matteo Livi komplett neu gestrichen. Das sieht prima aus und ist für alle, die die Carlsen-Ausgabe bereits im Regal stehen haben und sich fragen, ob sie sich die Neuauflage zulegen sollen, ein echtes Kaufargument. Dazu kommt, dass Splitter die Reihe, in der auch der Humor nicht zu kurz kommt, in gewohntem Hardcover auflegt. Auch schön: Die acht Bände erscheinen in monatlichem Rhythmus. Weniger schön: Bei Carlsen gab es zwei sehr liebevoll gestaltete Bände der Enzyklopädie von Troy, in denen Hintergrundinfos über Städte, Figuren und Fähigkeiten der Bewohner enthalten waren. Splitter hängt jetzt immer Teile aus der ersten Enzyklopädie als Bonusmaterial an die Lanfeust-Alben an. So transportiert man zwar die Zusatzinformationen, aber es wirkt doch sehr zerstückelt. Als separate Bände kamen die Enzyklopädien besser.

PS: Abseits der großen Reihen ist bereits 2011 der Einzelband Das Schattenreich von Troy bei Splitter erschienen. Nicht typisch für Troy, aber mit das witzigste und am elegantesten gezeichnete Album aus dieser Welt.

Didier Tarquin, Christophe Arleston, Matteo Livi: Lanfeust von Troy
56 Seiten, HC, 15,80 Euro, Splitter, ISBN 978-3-96219-094-1
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