JAZAM! 12

jazam12Zwischen den Jahren hat man Zeit, die Comics zu lesen, die man vorher übersehen hat, oder von deren Existenz man nichts wusste. Die jährlich erscheinende Anthologie JAZAM! beispielsweise, in der sich die deutschsprachige Independent-Szene ein Stelldichein gibt, gehört dazu. Eine echte Bildungslücke, wie ich nach der Lektüre des aktuellen Bandes feststellen musste, denn was die 44 Künstler und Künstlerinnen hier abliefern, ist Lesestoff vom Feinsten.

Wie Bangebüxe, der Independent-Sammelband der School of Design in Münster, kommt auch JAZAM! nicht mehr im Schmuddel-Design der selbst kopierten Fanzines früherer Jahre, sondern in rundum professionellem Druck und Layout daher. Und die Zeichnungen der 44 Geschichten sind in den meisten Fällen so stark, dass keine Unterschiede zu Profis erkennbar sind. Hier gibt es viel zu sehen. Die Verschiedenartigkeit der Zeichenstile bietet zusätzliche Abwechslung.

Das gilt auch für die Inhalte. Thema des aktuellen Bandes 12 ist „Spiel“, und dieses Thema wird vielfältig interpretiert: Sucht, Erotik, Fantasy, Psychothriller, originelle letzte Stunden, humorvolle Schachspiel-Variationen, schräge Geschichten und vieles mehr. Wer abwechslungsreiche und gut gemachte Comicunterhaltung mag, liegt hier goldrichtig. Die Reihe wurde mit dem „Sonderpreis der Jury für bemerkenswerte Comicpublikationen“ des ICOM ausgezeichnet.

JAZAM! VOL. 12 – Spiel
236 Seiten, 18,- Euro, JAZAM!, ISBN 9783981869408

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Lila

mitringer-lilaAlbert Mitringers Debüt ist mutig: Ganz ohne Text erzählt Lila die Geschichte eines kleinen Mädchens, das sich eines Tages aufmacht, das Weltall zu erkunden. Auf ihren Reisen zu fremden Planeten, die von seltsamen Wesen bevölkert werden, gerät Lila in so manch brenzlige Situation. Doch mit ihren beiden Freunden, einem Außerirdischen und einem kleinen Jungen, übersteht sie jedes Abenteuer, schreibt der Verlag. „Lila“ ist dabei nicht nur Comic, sondern bietet gleichzeitig intime Einblicke in den Schaffensprozess eines jungen Künstlers: Über ganze vier Jahre hinweg zeichnete sich Mitringer mit Bleistift, Buntstift, Kugelschreiber, Tusche und Aquarell durch uns unbekannte Welten.

Mitringer, Jahrgang 1991, studiert in Wien Grafik und Werbung an der Universität für Angewandte Kunst. Er behauptet, er verkleide sich in seiner Freizeit als Schaf und vergewaltige Wölfe. Gewalttätig kommt sein Debütalbum allerdings nicht daher. Natürlich gibt es Kämpfe mit Monstern, Robotern und allerlei finsteren Gestalten. Durch die quirlige Farbigkeit dieses Bandes und die kindliche Sicht der Dinge wird das allerdings sehr relativiert.

Da das Album ohne Text auskommt, ist assoziatives Denken von Vorteil, wenn man der Story folgen will, aber nicht immer entwickelt sich die Handlung schlüssig aus den Bildern. Die wiederum sind ausgesprochen abwechslungsreich. Schöne Seiten, wirre Seiten, starke Mimik und Panels, die man gerne öfter ansieht. Und wenn es eine Top 10 für die schönsten Cover des Jahres geben würde – das von Lila wäre dabei. Eine fantasievolle Flucht aus dem Alltag.

Albert Mitringer: Lila
96 Seiten, gebunden, 26,- Euro, Luftschacht, ISBN 978-3-903081-18-5
> Leseprobe

Die Stadt der träumenden Bücher

biege-stadt-der-traeumenden-buecherIn der Stadt der träumenden Bücher liegen die literarischen Werke nicht einfach faul in den Regalen herum – sie besitzen ein Eigenleben. Manche können den Leser in den Wahnsinn treiben, andere gar töten. In den unterirdischen Labyrinthen macht sich der junge Dichter Hildegunst von Mythenmetz auf die Suche nach dem Verfasser eines geheimnisvollen Manuskripts – und gerät in die Fänge hinterlistiger Gestalten und angriffslustiger Romane.

Walter Moers ist ursprünglich Comiczeichner (Das kleine Arschloch, Der Pinguin), hat sich in den vergangenen Jahren aber auch als Autor fantastischer Literatur einen Namen gemacht. Mit der in zwei Teilen veröffentlichten Adaption seines Bestsellerromans Die Stadt der träumenden Bücher kehrt er nun zu seinen Wurzeln zurück, unterstützt von Illustrator Florian Biege. Moers hat die Romanvorlage dafür gekonnt auf Comiclänge gekürzt. Man kann die Alben also auch lesen, wenn man den Roman nicht kennt – die Geschichte ist in sich schlüssig.

Was an dieser Adaption vor allem besticht, sind die Illustrationen von Florian Biege. Der hat schon in seinem Schwarz-Weiß-Album Im Bann der Hexer gezeigt, dass er Akzente mit Licht setzten kann. Hier kommt noch Farbe dazu, und auch da zeigt Biege ein sicheres Händchen für augenstreichelnde Kolorierungen, mit denen er viel Atmosphäre auf die Seiten zaubert. Dazu kommt das originelle Figurenkabinett – von den Buchlingen über die Buchjäger bis hin zum Schattenkönig, der das Reich der unterirdischen Katakomben beherrscht. Hier hat Fantasy noch mit Fantasie zu tun und erschöpft sich nicht in stereotypem Mainstream-Kitsch, in dem muskelstrotzende Helden untergehende Königreiche samt hilflosen Prinzessinnen retten.

Wie viel Arbeit in diesem Comic steckt, sieht man auf jeder Seite. Selbst die Hintergründe der Szenen sind wunderbar ausgeleuchtet und mit vielen Details angereichert. Für ein stimmiges Lettering hat Michael Hau extra eine neue Schrift entworfen. Carsten Sommer wiederum hat einige Figuren zunächst modelliert, damit sie anschließend leichter gezeichnet werden können. Das allerdings führt dazu, dass die Charaktere mehr figurativ als grafisch angelegt sind, wodurch die Bilder ein bisschen Puppenstuben-Ambiente bekommen. Die Ausdruckskraft und Intensität der Charaktere in Fieges Hexer-Album erreicht sie nicht – der Schönheit fehlt es schlicht an Tiefe. Davon abgesehen ist Die Stadt der träumenden Bücher ein liebevoll gemachtes, hübsch bebildertes und süffig zu lesendes Fantasyabenteuer, in dem es viel zu sehen und zu entdecken gibt. (Erstveröffentlichung der Rezension: Tagesspiegel, 25.1.2018)

Florian Biege, Walter Moers: Die Stadt der träumenden Bücher 1
112 Seiten, gebunden, 25,- Euro, Knaus, ISBN: 978-3-8135-0501-6