Psycho Investigator

Ein Detektiv, der sich in der Psyche und verdrängten Erinnerungen von Verdächtigen bewegen kann: Simon Radius ist Psychoanalytiker der besonderen Art: Er verfügt über die Fähigkeit, in das Gedächtnis seiner Patienten zu reisen und sich wortwörtlich in deren Geist umzuschauen… Vonseiten seiner Kollegen erntet er für seine Methoden nichts als Spott, und die Justiz, die er mit seinen Erkenntnissen unterstützen möchte, belächelt ihn als Spinner. Zumindest bis er sich an einen mysteriösen Dreifachmord heranwagt, wobei er sich tiefer und tiefer in seinen mentalen Experimenten verstrickt und unweigerlich mit dem Geheimnis konfrontiert wird, das er in der Tiefe seiner eigenen Seele verborgen hält: das Verschwinden seiner Ehefrau. Grafisch genial, klug komponiert und mitreißend ab der ersten Seite: Benoit Dahans Krimi »Psycho Investigator« steht seinem Meisterwerk »Im Kopf von Sherlock Holmes« in keiner Weise nach! (Verlagstext)

Finde ich nicht. Dem Album fehlt ein wichtiges Element, um mit Sherlock Holmes mithalten zu können: das genial geometrisch angelegte Layout, das fast jede Seite dominiert hat. Davon ist im Investigator kaum noch etwas zu sehen. Man konnte das – bei aller Hoffnung, es wäre doch so – realistischerweise auch nicht erwarten. Dazu war Holmes zu aufwändig, zu einzigartig, grafisch zu sehr durchkomponiert, um sich solch einen Arbeitsaufwand noch einmal anzutun.

Das ist schade, macht aber nichts. Denn davon abgesehen steht es dem Holmes-Album tatsächlich in nichts nach. Da ist zunächst wieder eine originelle Idee: Einen Analytiker, der quasi direkt in das Gehirn seines Gegenübers eindringen, dort verdrängte Traumata entwirren und dadurch Tatmotive entdecken kann, hat es noch nicht gegeben. Ein bisschen Küchenpsychologie ist dabei, aber es ist ein Krimi und kein Fachbuch – farbenfroh und spannend inszeniert, und das Layout macht zusätzlich Tempo. So gesehen also auch schön zu lesen. Ein zweiter Band mit dem Psycho Investigator ist für November geplant.

Benoit Dahan, Erwan Courbier: Psycho Investigator 1 – Die Genese
Aus dem Französischen von Harald Sachse
144 Seiten, gebunden, 35,- Euro, Splitter, ISBN 978-3-96792-378-0
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Algernon Woodcock

Der kleine Mann mit den wundersamen Fähigkeiten ist wieder da. Wobei ihm die nichts nutzen, denn er hat sich gerade eine magische Krankheit geholt: Er hat eine Gabe. Auf der Suche nach Antworten dringt unser Held in Welten ein, die weit jenseits der Vorstellungskraft seiner Mitmenschen liegen. Mythen, Legenden und Aberglaube, das ist der Stoff, den der Mann mit dem großen Hut sammelt, um ihn für die Nachwelt zu erhalten. Doch was passiert, wenn diese alten Geschichten tatsächlich Gestalt annehmen? (Verlagstext)

Ja, dann wirds eng. Es ist ein ebenso geheimnisvoller wie spannender Fantasy, der hier vorliegt. Es fängt schon damit an, dass Woodcock mit seinem Freund – einem Arzt – dringend zu einem Patienten gerufen wird. Dazu müssen sie ein Moor durchqueren, in dem Gestalten lauern, denen man nicht mal tagsüber begegnen möchte. Jetzt ist düsterste Nacht. Soll man da wirklich in der Kutsche…? Und was ist mit der alten Frau in der abgelegenen Hütte: Ist sie wirklich eine Hexe? Was ist das für ein rätselhaftes Kind, das bereits nach sechs Monaten völlig gesund zur Welt gebracht wurde? Wieso sieht man die Mutter immer nur verschleiert? Und wieso ist Woodcock plötzlich verschwunden? Ist er überhaupt noch am Leben?

Der erste Band dieser Mystik-Reihe ist vor Jahren bei Arboris erschienen. Sechs Bände gibt es insgesamt, und die will Finix nach und nach auf den Markt bringen. Die ersten zwei Bände gehören inhaltlich zusammen, weshalb Finix sie hier gleich als Double publiziert. Auch die Bände drei und vier gehören zusammen. Sie sind als Double für Januar geplant. Die letzten zwei kommen im Frühjahr.

Das Schönste an dieser Reihe sind die Zeichnungen von Guillaume Sorel. Der hat schon Shakespeares Macbeth in einen bildgewaltigen Heroic-Fantasy verwandelt, Die letzten Tage von Stefan Zweig in düsteren Bildern visualisiert und in seinem Appartement 23 Tote zum Leben erweckt. Auch in diesem Album leuchtet er die dunklen Ecken der Geschichte wieder geheimnisvoll aus. Die Story ist nicht immer logisch – die Optik ein Genuss.

Guillaume Sorel, MathieuGaillé: Algernon Woodcock 1 – Das Feenauge
Aus dem Französischen von Saskia Funke
126 Seiten, gebunden, 29,80 Euro, Finix, ISBN 978-3-948057-67-1
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L’état Morbide

Eine ziemlich abgefahrene Horrorgeschichte in schrägem Design – die Trilogie des belgischen Comiczeichners Daniel Hulet: Charles Haegeman besichtigt eine zu vermietende Wohnung in einem gutbürgerlichen Viertel von Brüssel. Das düstere Äußere des Gebäudes ist nur ein Vorbote für die unheimliche Hausmeisterin Madame Spiegel, die ihn darin erwartet, sowie die verschrobenen Mieter, denen er begegnet. In Charles‘ Augen bietet das Haus das perfekte Klima, um sein Comicprojekt – eine makabre Story in einer postapokalyptischen Welt – endlich zu beenden. Doch der Fund eines Tagebuchs, das einem früheren Bewohner gehörte, wirft ihn nachhaltig aus der Bahn und führt ihn auf den Weg in einen krankhaften Wahn, der in den Mauern dieses unseligen Ortes zu hausen scheint. (Verlagstext)

Daniel Hulet war ein belgischer Comiczeichner (1945 – 2011), der unterschiedliche Alben gemacht hat. Neben eher konventionellen Abenteuerreihen hat er u.a. mit den Trilogien Extra Muros und Immondys immer fantastischere Werke abgeliefert. Dazu gehört auch sein Dreiteiler L’état morbide, in dem er dem Irrsinn freie Bahn lässt. Man fragt sich beim Lesen unwillkürlich, wie er aus dieser Story, die von Seite zu Seite mysteriöser wird, jemals wieder logisch rauskommen will. Aber er schafft es am Ende tatsächlich. Zumindest halbwegs.

Noch schräger als die Story sind die Bilder. Seine diagonal-dreieckig angeordneten Panels bringen durch die permanente Perspektivverschiebung Unruhe auf die Seiten. Und dann die Zeichnungen: Verschwommen skizzierte Körper, abgetrennte Köpfe, sich auflösende Wesen, schräge Gestalten und alles in einem modrigen Grün, gerne auch mal in düsterem Rot oder Grau. Eine Atmosphäre, streckenweise surreal und morbide bis zum Ekel.

Es ist eine im Grunde ziemlich kranke Geschichte, die Hulet hier vorlegt, und sicher nicht jedermanns Geschmack. Trotzdem erfreulich, dass die drei Alben, die 1988 bei Feest erschienen sind, jetzt als Gesamtausgabe vorliegen, denn sie sind in ihrer Art einzigartig. Ergänzt von einem 16-seitigen Nachwort von Verleger Paul Herman über Leben und Werk von Hulet, das im Gegensatz zu vielen anderen Vor- und Nachworten in Comics rundum informativen Charakter hat.

Daniel Hulet: L’état Morbide (Gesamtausgabe)
Übersetzung von Klaus Jöken und Tanja Krämling
160 Seiten, gebunden, 39,80 Euro, Splitter, ISBN 978-3-96792-366-7
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