Die Unheimlichen

kreitz-die-unheimlichen4Lange nicht mehr gegruselt? Isabel Kreitz (Hinter Türen) gibt bei Carlsen eine Reihe heraus, in der unterschiedliche Comiczeichner klassische und moderne Schauergeschichten neu interpretieren. Die Reihe nennt sich Die Unheimlichen. Bislang liegen vier gebundene Bände im Format 12,50 x 19,50 cm vor.

Kreitz hat sich die Geschichte Den Nachfolgern im Nachtleben von Sarah Khan vorgenommen, in der Toten mit geheimnisvollen Elixieren neues Leben eingeträufelt wird. Nicolas Mahler interpretiert Elfriede Jelineks Prosadebüt Der Fremde. Lukas Jüliger (Vacuum), Meister des Surrealen, setzt Berenice von Edgar Ellen Poe in eine verstörende Geschichte um, und Barbara Yelin (Irmina) lässt Das Wassergespenst von Jahn Kendrick Bangs feucht und kalt durch die Hallen von Harrowby Hall tropfen.

Die Qualität der Alben ist, die Namen der Zeichner/innen lassen es vermuten, recht hoch – zumindest, was die Bilder angeht. Die Geschichten sind unterschiedlich. Wirklich gruselig ist nur einer der Bände, nämlich Jüligers Berenice – und zwar deshalb, weil er die Story von Poe in die Gegenwart, genauer gesagt: in das Internet, verlegt. Wir treffen Anime-Figuren, Camgirls und ihre Bewunderer und erleben eine Liebesgeschichte, die deshalb so herzzerreißend tragisch ist, weil sie durch ihren Gegenwartsbezug absolut realistisch wirkt.

Bei den anderen Bänden übersteigt der Unterhaltungsfaktor den Gruseleffekt um Längen. Der lebende Tote von Isabel Kreitz ist eigentlich ein recht netter Geselle, Barbara Yelin zeichnet ihr Wassergespenst so allerliebst verhuscht, dass man mehr Mitleid mit ihm, als mit dem Schlossherrn hat, und Mahler bleibt in seinem Band so nebulös wie Jelinek in ihren Texten. Das ist nicht unheimlich, aber schön zu lesen.

Im Mai soll die Reihe mit Unterm Birnbaum von Birgit Weyhe fortgesetzt werden, im November soll Band sechs erscheinen. Zehn Bände sollen es insgesamt werden. Wenn sie weiter so viel zeichnerische Qualität und inhaltliche Abwechslung bieten, kann das eine interessante Serie werden.

Isabel Kreitz, Sarah Khan: Den Nachfolgern im Nachtleben | > Leseprobe
Nicolas Mahler, Elfriede Jelinek: Der Fremde | > Leseprobe
Lukas Jüliger, Edgar Allen Poe: Berenice | > Leseprobe
Barbara Yelin, John Kedndrick Bangs: Das Wassergespenst | > Leseprobe
je Band 64 Seiten, gebunden, 12,- Euro, Carlsen

Advertisements

Alexander Nikopol

bilal-alexander-nikopolEinige der drei Alben von Bilals Nikopol-Trilogie (Die Geschäfte der Unsterblichen, Die Frau in der Zukunft und Äquatorkälte) erschienen in den 1980er Jahren zunächst im Volksverlag (der allerdings keine Lizenz dafür hatte), bei Carlsen und bei Ehapa. Anfangs nirgendwo alle drei, was ziemlich nervig war, bis Ehapa die drei Bände in eine teure Gesamtausgabe packte. Jetzt gibt es wieder eine, diesmal von Carlsen.

In den 1980er Jahren wurde viel mit Themen, Stilen, Layouts und sonstwas experimentiert. Enki Bilal gehörte zu den Zeichnern, die die kreativsten Ideen dabei hatten. Anfangs hat er mit Pierre Christin sozialkritische Themen in Comicform präsentiert und immer einen Schuss Phantastik dazu gegeben (Legenden der GegenwartFins de Siècle). Bei Nikopol hat Bilal erstmals auch das Script geschrieben. Was in seinen späteren Soloarbeiten (Animal´z) zu schönen Bildern, aber inhaltlicher Langeweile führte, hatte in Nikopol noch die Unbekümmertheit, um aus SF, Phantastik, Politthriller und Action eine absolut schräge Story in avantgardistischem Design zu basteln.

Da parken die Götter in einer altägyptischen Pyramide über Paris, weil ihnen etwas so Banales wie der Triebstoff ausgegangen ist, während Nikopol – in Gestalt von Bruno Ganz – in einer uralten Raumkapsel zur Ende schwebt. Dort angekommen wird er von einem der Unsterblichen für eine Intrige missbraucht, während in Frankreich gerade ein Präsidentschafts-Wahlkampf über die Bühne geht, bei dem auch nicht alles koscher ist. Dazu kommt Jill Bioskop, wohl eine der coolsten Frauenfiguren der Comicwelt, und der Sohn von Nikopol, der exakt so alt ist wie sein Vater (und auch so aussieht), weil der Vater die Zeit in der Raumkapsel im Kälteschlaf verbracht hat.

Die Geschichte ist manchmal etwas versponnen, aber spannend und originell. Wie die Zeichnungen, in denen die Mutationen einer niedergehenden Gesellschaft aus allen Ritzen quellen. Sicherlich eine der besten Arbeiten von Bilal – außerdem kann man in den im Abstand von mehreren Jahren entstandenen Bänden auch seine zeichnerische Entwicklung verfolgen. Diese neue und definitive Ausgabe (Carlsen) beinhaltet einige zusätzliche Grafiken aus Bleu Sang.

Trotz aller Genialität trifft Nikopol sicher nicht jedermanns Geschmack. Wer aber auf abgefahrene Stories in nicht minder originellem Design steht, sollte zugreifen. Und die ewige Frage, ob die Anschaffung der Gesamtausgabe auch Sinn macht, wenn man die Bände schon einzeln im Regal stehen hat, kann man nur so beantworten: Nö, muss nicht sein. Aber schön ist sie schon…

Enki Bilal: Alexander Nikopol (Gesamtausgabe)
184 Seiten, gebunden, 40,- Euro, Carlsen, ISBN 978-3-551-73878-3

Reise ins Innere der Stadt

tan-reise-ins-innere-der-stadtEin neues Buch von Shaun Tan, der mit Ein neues Land einen der schönsten Comics der letzten Jahren abgeliefert hat. Allerdings zeichnet Tan nicht nur Comics, sondern auch Kinderbücher, illustriert Märchen und schriebt surreale Geschichten wie die Geschichten aus der Vorstadt der Universums, die er mit seinen fantasievollen Zeichnungen anreichert. Die Reise ins Innere der Stadt ähnelt vom Aufbau her den Geschichten aus der Vorstadt des Universums – es ist also kein Comic, sondern ein 288 Seiten dickes Buch mit 25 Geschichten und den genialen, Tan-typischen, doppelseitigen Bildern. Allerdings fehlen die collagenartigen, verspielten Elemente aus dem Universum in dem neuen Album völlig.

Verlagstext: Während eines Meetings verwandeln sich alle Vorstandsmitglieder in Frösche. Kurz vor seiner Operation findet ein Patient im Krankenhaus Zuspruch bei einer Eule. Das letzte Nashorn wird unter Applaus auf einem Zebrastreifen erschossen. Im 87. Stock führen Krokodile unbemerkt ein sehr komfortables Leben. Der Ausnahmekünstler Shaun Tan beleuchtet in seinem neuesten Werk das sonderbare Verhältnis zwischen Mensch und Tier und schildert in traumartigen Sequenzen, wie Liebe und Fürsorge nicht selten Gleichgültigkeit und Grausamkeit gegenüberstehen.

So surreal wie seine Bilder sind auch die Inhalte seiner Geschichten. Es ist nicht alles logisch, was hier passiert (genau genommen ist so gut wie gar nichts logisch, was hier passiert). Wer auf nachvollziehbare Handlungsabläufe steht, wird also wenig Freude daran haben. Wer aber seine Fantasie gerne durch unbekannte Welten schweifen lässt, kann Tans Figuren dabei zusehen, wie sie auf einem Hochhausdach Mondfische fangen, wie (und weshalb) Bären sich Rechtsanwälte nehmen oder wie unzählige Schmetterlinge für einen flüchtigen Moment die Welt verzaubern. Doch so sonderbar sich das Leben in diesem Buch auch darstellt – am Ende hat Tan uns damit auf leisen Sohlen so sehr von unserem eigenen Leben entfernt, dass uns all die geschäftige Wichtigkeit, die wir ihm täglich beimessen, am sonderbarsten erscheint.

Shaun Tan: Reise ins Innere der Stadt
288 Seiten, gebunden, 28,- Euro, Aladin-Verlag, ISBN 978-3-8489-2118-8