In der Strafkolonie

Kafkas Geschichten wirken meist surreal. Das gilt auch für seine Erzählung In der Strafkolonie. Aber in Zeiten, in denen nicht nur Diktatoren von Bananenrepubliken, sondern auch Präsidenten der USA Foltermethoden wie Waterboarding für legitim halten, bekommt die Geschichte einen anderen Charakter. In Kafkas Strafkolonie wird einem Reisenden ein Folterinstrument vorgeführt, dessen Technik der amtierende Offizier zu loben nicht müde wird. Man weiß nicht, was man widerlicher finden soll: Die perfide Technik des Instruments, das einen Menschen in zwölf Stunden systematisch zu Tode foltert, oder die Begeisterung, mit der der Offizier es anhimmelt.

Ricard hat die Erzählung glänzend adaptiert, Maël hat sie überzeugend in Szene gesetzt. Obwohl seitenlang eigentlich nichts passiert, und man immer nur zwei Personen sieht, von denen eine, der Offizier, sich mehr und mehr in Rage redet (der Gefangene und sein Bewacher bleiben im Hintergrund), obwohl also die Motive die immer gleichen sind und nicht die Inhalte der Bilder, sondern nur die Perspektiven wechseln, kommt keine Langeweile auf. Dazu wird zu lebendig erzählt. Auf mich wirkt der Comic noch intensiver als das Original.

Nach der von Crumb gezeichneten Biografie Kafka kurz und knapp und der bei Knesebeck erschienenen Adaption von Kafkas Erzählung Die Verwandlung liegt damit eine weitere Adaption des Prager Autors vor, die auch Lesern gefallen wird, die normalerweise nichts mit Literatur am Hut haben. Spannend, originell und auf widerliche Weise genial – und mit viel Ausdruck in den Zeichnungen.

Maël, Sylvian Ricard, Franz Kafka: In der Strafkolonie
48 Seiten, gebunden, 19,95 Euro, Knesebeck, ISBN 978-3-86873-459-1
> Leseprobe

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