Auf der Suche nach dem Vogel der Zeit – Erster Zyklus

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Es gibt Serien, die setzen Maßstäbe, und diese gehört dazu. Als die Reihe in den 1980er Jahren erschien, avancierte sie schnell zur Kult-Serie für Fantasy-Fans. Nicht nur die Leser waren begeistert – auch Zeichner orientierten sich an dem flirrenden Stil von Loisel. Das besondere an dieser Reihe waren aber nicht nur die eigenwilligen Zeichnungen – die Handlung hob sich auch wohltuend von den Fantasyserien ab, in denen sich hirnlose Helden der Angebeteten stereotyp entgegen metzelten. Auch im Vogel der Zeit wurde gekämpft, und das nicht wenig, aber hier war auch Köpfchen gefragt. Dazu kamen all die fantastischen Figuren wie Pelzchen (Pelissas blauer Schultergnom), die Hüter des Tempels und viele andere schräge Viecher, die Abwechslung und Witz in eine Handlung brachten, in der Pelissa, die Tochter der Zauberprinzessin Mara, zusammen mit dem Ritter Bragon und einem maskierten Unbekannten durch verwunschene Landschaften ritten, um einen magischen Vogel zu finden.

Es ist eine Reihe, die ursprünglich nach vier Alben abgeschlossen war, aber – weil sie sich gut verkaufte – später immer weiter und weiter und weiter fortgesetzt wurde. Carlsen hat jetzt die ersten vier Bände dieser kultigen Serie (Schatten über Akbar, Der Tempel des Vergessens, Grauwolfs letzter Kampf und Das Ei der Finsternis) in einer soliden Gesamtausgabe neu aufgelegt. Wenn man sie heute wieder liest fallen auch die Schwächen der Erzählung auf, die – vor allem in den ersten zwei Bänden – darin bestehen, dass die Spannung ebenso schnell wieder abgebaut wird, wie sie aufgebaut wurde. Le Tendre hetzt seine Figuren von einem Abenteuer ins nächste, ohne zwischendrin wenigstens mal kurz Luft zu holen. Aber der Storyaufbau bessert sich im Laufe der Zeit, und auch die Zeichnungen von Loisel werden von Band zu Band filigraner. Man kann seine zeichnerische Entwicklung in den ersten vier Alben gut verfolgen.

Die obligatorische Frage, ob man die Gesamtausgabe braucht, wenn man die Bände bereits im Regal stehen hat, lässt sich in diesem Fall einfach beantworten: Die Übersetzung wurde grundlegend überarbeitet, und die ersten zwei Alben von Francois Lapierre neu koloriert, wodurch Figuren und Landschaften besser zur Geltung kommen. Wem diese Reihe also am Herzen liegt: Die neue Ausgabe lohnt sich. Wer sie noch nicht kennt und gerne Fantasy liest: Lohnt sich sowieso.

Bislang sind sechs Fortsetzungen erschienen. Sie schildern die Jugend von Bragon und Pelissa. Leider werden sie von Album zu Album schwächer. In Band fünf hat sich Loisel den Zeichenjob immerhin noch mit Lidwine geteilt, in Band sechs hat dann Mohamed Aouamri den Stift übernommen, und in Band sieben steht Loisel zwar noch auf dem Cover, die Zeichnungen sind aber von Vincent Mallié, und die Farben von Lapierre. Im Vergleich zu Loisels Stil wirkt das alles sehr glatt und leer, und spätestens ab Band zehn zerfasert die Story in Beliebig- und Belanglosigkeit. Man kann darüber streiten, ob es Sinn macht, erfolgreiche Serien immer weiter aufzublähen. Die ersten vier Bände sind das in sich abgeschlossene Herzstück der Erzählung und reichen im Grunde völlig. Der Rest ist nette Zugabe.

Loisel, Le Tendre: Auf der Suche nach dem Vogel der Zeit – 1. Zyklus: Die Suche
240 Seiten, gebunden, 40,- Euro, Carlsen, ISBN 978-3-551-73896-7
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Das Nest

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Acht Jahre hat es gedauert – jetzt liegt die neunteilige Serie endlich komplett vor. Als 2007 der erste Band erschien, deutete sich schon an, dass Das Nest alles andere als eine durchschnittliche Reihe werden wird. Dazu waren die Zeichnungen zu gut, und das Figurenkabinett war zu originell.

Erstaunlich war das nicht. Régis Loisel ist ein begnadeter Zeichner, der mit Auf der Suche nach dem Vogel der Zeit und Peter Pan schon zwei geniale Fantasy-Serien abgeliefert hat. Die Zusammenarbeit mit Jean-Louis Tripp macht seine Bilder noch besser. Loisel entwirft die ersten Skizzen und legt mit dem ihm eigenen Strich die Charaktere der Figuren fest. Tripp veredelt den Entwurf in den Details und sorgt mit seinem Gefühl für Licht und Schatten für die optimale Ausleuchtung der Szene. Es wirkt, als ob er einen Apfel, den Loisel ihm gereicht hat, noch einmal kräftig nachpoliert hätte.

Erzählt wird die Geschichte eines kleinen Dorfes in der kanadischen Provinz zur Zeit der 1920er Jahren. Der Inhaber des einzigen Gemischtwarenladens ist gestorben. Seine Frau Marie überlegt, ob sie das Dorf verlassen, oder das Geschäft alleine weiterführen soll. Die Ankunft eines Fremden, der auf der Durchreise ist, dann aber doch den ganzen Winter über bleibt, weil er auf den zugeschneiten Wegen nicht weiterkommt, sorgt für Tratsch. Der Pfarrer muss die bigotten Gemüter von drei Jungfern beruhigen, denn der Fremde hat sich bei Marie einquartiert.

Gerade die eigenwilligen Charaktere der Dorfbewohner machen den Charme dieser Reihe aus. Neben den drei alten Schwestern, Marie und dem Fremden, mit dem Marie gerne anbandeln würde, gibt es den neu ins Dorf versetzten Pfarrer, der aber lieber ein Gläschen Pflaumenschnaps mit dem alten Noël leert, als die Messe zu lesen oder die Beichte abzunehmen. Konflikte brechen auf, als traditionelle (Geschlechter)rollen in Frage gestellt werden. Als sich schließlich für die anstehende Bürgermeisterwahl nicht mal ein Kandidat findet, müssen die Bewohner des kleinen Dorfes mehr oder weniger ohne weltliche und geistliche Autorität auskommen – wodurch sich die Sitten der bis dahin in verstaubten Konventionen verhafteten Einwohner sichtbar lockern.

Loisel und Tripp präsentieren ihre Charaktere mit liebevollem Humor und lassen sich viel Zeit dabei. Diese Ruhe überträgt sich auf den Leser, der schnell anfängt, sich in die Figuren zu verlieben. Die Bilder werden so atmosphärisch dicht auf die Seiten gebracht, dass man einzelne Panels wieder und wieder ansehen kann, weil in ihnen einfach alles stimmt. Das ist grafisch erste Sahne, und die Kolorierung von Francois Lapierre rundet die unterhaltsam erzählte Geschichte gefühlvoll ab. Eine der schönsten Serien, die derzeit zu haben sind.

Top 10 2015

Régis Loisel, Jean-Louis Tripp, Francois Lapierre: Das Nest
8 Bände, je 70 – 80 Seiten, gebunden, 18,00 Euro, Carlsen
Band 9: 128 Seiten, gebunden, 26,99 Euro, ISBN 978-3-551-76059-3

Update 25.9.2020: Carlsen veröffentlicht diese rundum empfehlenswerte Serie jetzt in drei HC-Bänden als Gesamtausgabe (Band 1 mit 256 Seiten für 36,- Euro).

Kraa

Irgendwo im Nirgendwo zwischen Alaska und Sibirien leben ein paar Indianer in einem abgelegenen Tal. Ansonsten ist die Landschaft unberührt. Das ändert sich, als Rohstoffvorkommen entdeckt werden. Um die zu erschließen braucht man keine Indianer, sondern Minen, Städte und Staudämme. Die einen müssen also weg, alles andere muss her.

Was die Wahl der Mittel angeht, sind die Vertreter der Zivilisation unterschiedlicher Meinung. Die einen glauben an Gesetze, andere an Gewehre. Letztere setzen sich durch. Sie haben die Rechnung ohne Yuma gemacht. Das Kind eines Schamanen ist telepathisch mit einem Adler verbunden. Als eine Gruppe von Weißen ein Massaker unter den Indianern anrichtet, beginnen sie, ihr Tal zu verteidigen. Und erledigen das ziemlich gnadenlos.

Nachdem seine Canardo-Alben zunehmend an Originalität verlieren, legt Sokal hier eine rundum starke Trilogie vor, die inzwischen komplett erschienen ist. Überzeugende Charaktere, tolle Landschaften und viel, viel Raum für die Bilder. In den Hintergründen mal ein Hauch Bilal, mal auch Loisel, hauptsächlich erinnern Gesichter und Mimik aber an die Figuren aus Canardo. Eine Serie mit viel Atmosphäre – spannend zu lesen, wunderschön bebildert, und obwohl es hier um Schamanismus und damit auch ein bisschen um Mystik geht, ist die Reihe weit entfernt von jeglichem Esoterik-Geschwurbel. Hier ist alles sehr geerdet. Wer Indianer-, Abenteuergeschichten oder einfach nur Comics mit einer klasse erzählten Story mag, sollte hier mal reinsehen.

Benoît Sokal: Kraa
je Band  64 -96 Seiten, gebunden, 14,80 – 19,80 Euro, Splitter,
ISBN 978-3-86869-209-9 (Band 1)
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