Intisars Auto

casanova-intisars-autoDas Cover ist langweilig, der Titel ist auch nicht besser, und wenn man es aufklappt und durchblättert kommen einem blasse, auf den ersten Blick unfertig wirkende Bilder entgegen. Dieses Album wird es schwer haben im Buchladen. Leider, wie man sagen muss, denn der erste Blick täuscht. Was hier geboten wird, ist nicht nur vergnüglich und unterhaltsam, sondern auch in höchstem Grade informativ.

Der spanische Autor Pedro Riera ist viel herumgekommen im Leben. Er hat unter anderem zwei Jahre in Bosnien gearbeitet und mit seiner Frau ein Jahr im Jemen gelebt. Der Jemen ist nicht nur ein sehr malerisches, sondern auch ein sehr armes Land, dessen Kultur von patriarchalen Stammestraditionen geprägt wird. Frauen haben nichts zu sagen und dürfen ohne Einwilligung eines Mannes (Ehemann, Vater, Bruder) weder arbeiten, noch Auto fahren oder überhaupt das Haus verlassen. Und wenn sie es verlassen, wird erwartet, dass sie den Nikab tragen – den Schleier, der das Gesicht bedeckt und nur die Augen freilässt.

Natürlich gibt es immer die Möglichkeit, Grenzen auszuloten, zu erweitern oder zu überschreiten – wenn man den Mut und ein paar pfiffige Ideen hat. Intisar ist so eine Frau. Sie fährt gerne Auto (was ihr Vater nicht wissen darf), arbeitet als Ärztin in einem Krankenhaus (wovon ihr Vater wenig begeistert ist) und ist auch sonst nicht auf den Kopf gefallen. Das gilt auch für ihre Freundinnen. So ist der Nikab zwar stickig und lästig, bietet aber Anonymität: Wer soll einen darunter schon erkennen, wenn man sich beispielsweise heimlich mit einem Lover trifft.

Pedro Riera hatte Gelegenheit, während seiner Reise mit unterschiedlichen Frauen zu sprechen. Ihre Geschichten hat er in der Figur von Intisar und ihren Freundinnen zusammengefasst. Das Ergebnis ist ein interessanter, informativer und oft humorvoller Einblick in eine Kultur, über die man wenig weiß, und in den Widerstandsgeist von Frauen, die ihre Situation nicht einfach hinnehmen. Nicht nur wer die Comics von Satrapi oder Delisle mag, wird an diesem Album Freude haben. Auch in Hinblick auf die Islamdebatte, die hier gerade geführt wird, ein empfehlenswertes Album.

Top 10 2014Nacho Casanova, Pedro Riera: Intisars Auto – Aus dem Leben einer jungen Frau im Jemen
224 Seiten, zweifarbig, 19,99 €, Egmont Graphic Novel, ISBN 9783770455102
> Leseprobe

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3 Gedanken zu “Intisars Auto

  1. Danke für den tollen Tipp 🙂
    Vom Cover her wäre ich tatsächlich niemals auf diesen schönen Comic gekommen. Vor allem die Titelschriftart lässt es aussehen wie irgendein Rennfahrer-Action-Ding… Aber es ist tatsächlich ein Delisle-ähnlicher Einblick in Sanaa und die Lage der Frauen im Jemen. Mit Humor und überraschenden Fakten.

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