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Herr Lehmann

dinter-herr-lehmannMan kann mit dem Leben zufrieden sein, wenn man keine Ansprüche stellt. Sogar dann, wenn man keinen anderen Job hat, als in einer Kneipe hinter dem Tresen zu stehen. Und sogar dann, wenn man tatsächlich nur in einer Kneipe hinter dem Tresen steht, ohne, dass man eigentlich Musiker, Maler oder sonstwas vorgeblich Kreatives ist, und den Job nur vorübergehend macht.

Nein, Ansprüche inhaltlicher Art hat Frank Lehman nicht. Er ist schon zufrieden, wenn die Leute ihn zufrieden lassen. Das tun sie in der Regel auch, nur in letzter Zeit kommt einiges durcheinander. Wieso beispielsweise kommen seine Eltern plötzlich auf die Idee, ihn besuchen zu wollen? In Berlin-Kreuzberg im Jahr 1989 – kurz vor einem Mauerfall, von dem noch niemand etwas ahnt. Und was meint Katrin, wenn sie ihm nach der ersten Nacht sagt, dass sie ihn zwar liebt, aber nicht in ihn verliebt ist? Wieso bekommt sein Kumpel Karl, der kurz davor steht, endlich seine zusammengeschweißten Kunstwerke ausstellen zu können, plötzlich nichts mehr auf die Reihe? Und weshalb muss er sich eigentlich um all das kümmern?

Sven Regener hat mit Herr Lehmann einen Roman geschrieben, der in der Kreuzberger Kneipenszene der 1980er Jahre spielt. Leander Haußmann hat den Roman mit Christian Ulmen verfilmt. Jetzt hat Tim Dinter ihn als Comic adaptiert, und das Ergebnis sieht gut aus. Dinter hat sich die Originalschauplätze angesehen und mit seinen Schwarzweißzeichnungen und den Grauabstufungen viel Lokalkolorit auf die Seiten gezaubert. Seine Figuren haben Charakter, sind klar zu unterscheiden, und ihre Mimik sagt oft mehr als eine halbe Seite Text.

Im Verlagsinfo berichtet Dinter, dass er sich zwar weitestgehend, aber nicht sklavisch an die Vorlage gehalten, sondern die Welt gezeichnet hat, “die ich beim Lesen des Romans imaginiert und dann genau recherchiert habe… Meine Version ist etwas düsterer.”. Ich kenne weder den Roman, noch den Film, kann also nicht beurteilen, inwieweit die Adaption der Vorlage gerecht wird. Aber als Graphic Novel funktioniert Dinters Lehmann absolut prima.

Tim Dinter, Sven Regener: Herr Lehmann
238 Seiten, gebunden, 19,99 Euro, Eichborn, ISBN 978-3-8479-0581-3
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Robert Moses

balez-robert-mosesPierre Christin hat sich in den 1980er Jahren als Szenarist für Bilal, Mézières, Tardi und Goetzinger einen Namen gemacht. Seine Themen waren meist sozialpolitischer Natur. Robert Moses – Der Mann, der New York erfand, ist die Biographie eines Mannes, der Mitte des 20. Jahrhunderts die Stadt New York auf den Kopf gestellt hat. Als Sohn einer großbürgerlichen deutsch-jüdischen Familie erlebte er als Kind und Jugendlicher beides: das behütete, finanziell sorgenlose Leben des gehobenen Bürgertums, und die Ausgrenzung, die er als Halbjude von der besseren Gesellschaft der Stadt erfuhr.

Doch Moses machte Karriere. Er schuf im Laufe seines Lebens die wichtigsten Brücken und Autobahnen New Yorks, dazu ländliche Parkways, Strände und Gärten in Hülle und Fülle, 600 Spielplätze, 700 Baseballfelder, 17 Schwimmbäder, einen Zoo, Bibliotheken, Wohnungen, neue Kanalisation und Staudämme. Das Problem dabei war: Platz war knapp. Wer in New York bauen wollte, musste bereits existierende Gebäude abreißen. Das tat Moses ohne Gnade, wenn es galt, eines seiner ehrgeizigen Projekte zu verwirklichen. Er ließ ganze in Jahrzehnten gewachsene Viertel plattmachen – und es traf, wie meist in solchen Fällen, vor allem die Armen und die Farbigen. Allein für den Durchstoß des Cross-Bronx-Expressways ließ er 1.500 Wohnungen niederreißen.

Christin schildert dieses Leben anhand einiger Eckdaten, und so wurde es mehr eine journalistische Recherche als eine spannende Erzählung. Die Konflikte zwischen Moses und denjenigen, die, wie Jane Jacobs, gegen seine Projekte protestierten (und sich damit später auch durchsetzten), werden erwähnt. In die Tiefe geht Cristin aber weder hier, noch bei anderen Auseinandersetzungen, die Moses führt. So bleibt es eine mehr oder weniger informative, aber wenig spannende Aneinanderreihung von Ereignissen, die von Balez in gefällige Bilder umgesetzt wurde.

Olivier Balez, Pierre Christin: Robert Moses – Der Mann, der New York erfand
122 Seiten, gebunden, 17,90 Euro, Carlsen, ISBN 978-3-551-76499-7

Hotal Hades

greve-hotel-hadesAls Imbissbudenbesitzer Peter, Schriftstellerin Martha und ihr Geliebter Florian gleichzeitig erschossen werden, beginnt für sie eine seltsame Reise. Sie schippern in ein bürokratisches Jenseits, das zu einer Mega-City angewachsen ist. Schon das Einreiseformular gleicht einem absurden Witz. Doch während Peter sein Glück in der Hades-Küche findet, muss Martha büßen, obwohl sie einst ein VIP-Ticket für das Paradies löste. Diesen Betrug kann Peter nicht mit ansehen. Er versucht, sie zu retten…  Katharina Greve spinnt mit viel Humor die antike Vorstellung des Jenseits weiter. Ihre Seitenhiebe auf das moderne Leben und Sterben treffen die schlimmsten Monster der Weltgeschichte ebenso wie vermeintliche Lichtgestalten.

Soweit der Verlagstext. Was die 1972 geborene Katharina Greve, Trägerin des ICOM Independent Comic Preises für Herausragendes Artwork, des Deutschen Cartoonpreises und des Sondermann-Förderpreises für Komische Kunst hier abliefert, ist als Grundidee durchaus interessant, hat aber trotz 127 Seiten wenig Tiefgang. Die Gags plätschern mehr vor sich hin, als zu treffen. Dass Hitler in der Hölle dazu verdammt ist, immer wieder seinen Schäferhund Blondie zu schlachten und als Goulasch zu essen, ist eher Klamauk, als Satire. Dass eine Schriftstellerin als Höllenstrafe jede einzelne Zeile aus ihren Romanen eigenhändig ausradieren muss, fand ich da schon origineller.

Die Zeichnungen sind präzise und naturgemäß mehr Cartoon als Comic, was heißt, dass Greve sich mit Hintergründen nicht lange aufhält und die Seiten relativ leer wirken. Ein Album, aus dessen Thema man mehr hätte machen können, das sich streckenweise aber trotzdem unterhaltsam liest.

Katharina Greve: Hotel Hades
127 Seiten, 19,99 Euro, Egmont Graphic Novel, ISBN 978-3-7704-5507-2
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Appartement 23

sorel-appartement23Guillaume Sorel ist bekannt als Zeichner düsterer Geschichten, in denen die Grenze zwischen Leben und Tod oft überschritten wird. Der Fluch der Kiesslings und Die Toteninsel sind Beispiele dafür. Mit der realen Welt hat er sich in Die letzten Tage von Stefan Zweig beschäftigt, aber auch da ging es eigentlich mehr um das Innenleben des zunehmend unter Depressionen leidenden Autors, als um Äußerlichkeiten. All diesen Alben gemeinsam war, dass Sorel sie nur gezeichnet hat – das Szenario stammte von anderen Künstlern. In Appartement 23 sind Zeichnungen und Story von ihm, und auch hier werden die Grenzen zwischen Leben und Tod überschritten. Sichtbares und Unsichtbares verwehen ineinander.

Es beginnt mit dem Selbstmord einer jungen Frau. Weshalb sie sich umbringt, erfährt man nicht. Vielleicht steckt eine Liebesgeschichte dahinter, denn sie fühlt sich auch nach ihrem Tod von einem Mann angezogen, der als Maler vorzugsweise damit beschäftigt ist, sich den Gerichtsvollzieher vom Leibe zu halten. In letzter Sekunde kann er einen magischen Spiegel vor den Händen des Geldeintreibers retten – und sich damit in eine andere Welt flüchten. In dieser Welt sind sonderbare Dinge möglich.

Die tote Frau beispielsweise erkundet dort als unsichtbares Wesen das Leben der anderen Hausbewohner und lernt eine – lebende – Katze kennen, mit der sie sich – im Gegensatz zu den lebenden Menschen, denen sie begegnet – auch unterhalten kann. Und a pros pos Katze: Sorel ist ohnehin ein Zeichner, der Stimmungen und Atmosphären traumhaft einfangen kann. Seine Katzen sind in diesem Album allerdings ein Genuss für sich.

Einfach macht Sorel es dem Leser dabei nicht. Der Handlungsstrang verläuft oft assoziativ. Eingestreut sind Texte von Arthur Rimbaud, Lewis Caroll, Alexander Puschkin und Charles Baudelaire, und die Namen dieser Autoren spiegeln auch die Atmosphäre der Geschichte: Irgendwo zwischen Phantastik und Totenreich, zwischen Amüsement und Verwesung erzählt Sorel die Liebesgeschichte zweier Verzweifelter, die er in stimmungsvollen Aquarellen zu Papier bringt. Als Farben reichen ihm Schwarz, Weiß und graue bis grün-braune Schattierungen in den Übergängen. Kein Album für Freunde geradlinig erzählter Stories, aber wer sich an starken Zeichnungen erfreut und gerne ein bisschen mitdenkt, wird es genießen. Grafisch auf jeden Fall erster Sahne.

Guillaume Sorel: Appartement 23
104 Seiten, gebunden, 19,80 Euro, Splitter, ISBN 978-3-86869-755-1
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Das verlorene Land

rosinski-das-verlorene-landDie vierteilige Fantasy-Serie Das verlorene Land erschien hierzulande zwischen 1994 und 2000 bei Ehapa. Neben der kultigen Thorgal-Reihe gehört Das verlorene Land zu den schönsten europäischen Fantasy-Serien – das Gespann Rosinski (Zeichnungen) und Dufaux (Szenario) garantiert für Qualität. Nachdem Splitter den Folgezyklus Ritter des verlorenen Landes bereits veröffentlicht hat, bringt der Verlag hier die vier bei Ehapa erschienenen Bände der Hauptreihe als Gesamtausgabe.

Worum geht es? Wie meist bei Fantasyalben geht es um Macht und Intrigen, eine vaterlose Prinzessin und einen finsteren Magier, Thronräuber und dunkle Ritter, und ein kleines, pfiffiges Fabelwesen, das dem von ihm genervten Koch immer wieder aus der Pfanne springt. Hauptfigur ist die jugendliche Sioban, Erbin der Krone von Sudenne. Natürlich gibt es auch den Schurken, in dem Fall Lord Blackmore, der die Macht gerne an sich reißen würde. Wozu er Siobans Mutter ehelicht – sehr zum Missfallen der Tochter, die Blackmore loswerden will.

Das alles ist im Prinzip austauschbare Fantasy-Kost, aber die Geschichte wird – obwohl auch hier viel gekämpft wird – nicht nur auf blutige Gemetzel reduziert, sondern enthält auch erzählerische und humoristische Elemente. Wirklich klasse sind die Zeichnungen von Rosinski und die sehr menschlichen Charaktere der Figuren, wodurch sich die Serie vom Heroik-Pomp vieler anderer Fantasy-Reihen unterscheidet. Dadurch ist diese Geschichte auch dann schön zu lesen, wenn man weniger auf Fantasy-, als auf Abenteuer-Serien steht.

Grzegorz Rosinski, Jean Dufaux: Das verlorene Land (Gesamtausgabe)
264 Seiten, gebunden, 44,80 Euro, Splitter, ISBN 978-3-86869-723-0
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bechdel-mutterNach dem Comic Fun Home, in dem sie sich mit ihren Vater auseinander gesetzt hat, nimmt die lesbische Zeichnerin Alison Bechdel in diesem Album ihr Verhältnis zu ihrer Mutter unter die Lupe. Ich kann dieses Buch nicht schreiben, wenn ich meine Mutter nicht aus dem Kopf kriege, erzählt sie ihrer Therapeutin. Aber ich kriege sie nur aus dem Kopf, wenn ich dieses Buch schreibe.

Wobei sie mit schreiben auch zeichnen meint, und gerade ihre Zeichnungen haben mir schon immer gefallen. Das ist auch in diesem Comic so. Ihr reichen wenige Striche, als Farbe schwarz und weiß, kombiniert mit Graustufen und einer Schmuckfarbe, die eine Art bräunliches Rot darstellt – ebenfalls in verschiedenen Schattierungen. Der Strich ist präzise, und der Ausdruck ihrer Figuren stimmt meist auf den Punkt genau.

Die Story dagegen ist weniger klar. Bechdel sucht in ihrer Psyche nach Bezügen zu ihrer Mutter, und so nehmen in diesem Album Erinnerungen und Gespräche mit ihren wechselnden Therapeutinnen großen Raum ein. Dazu kommt die Auseinandersetzung mit den Schriften von Sigmund Freud, CG Jung und Donald Winnicott, einem der wichtigsten Vertreter der Objektbeziehungstheorie, den Bechdel gerne als Mutter gehabt hätte. An dessen Theorien (So etwas wie ein Baby gibt es gar nicht) arbeitet sie sich ebenso ab wie an den Memoiren von Virginia Woolf.

Ich fand dieses endlose Gewühle in ihr selbst auf Dauer ermüdend. Wer aber an Reflektionen über Träume, Projektionen, Verdrängung und Identitätsstörungen in Zusammenhang mit einer Mutter-Tochter-Beziehung Gefallen findet, wird viele Anregungen darin finden.

Alison Bechdel: Wer ist hier die Mutter?
290 Seiten, gebunden, 22,99 Euro, KiWi, ISBN: 978-3-462-04618-2
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Süße Versuchung

grelin-suesse-versuchungAlso eins muss man Jim (alias Téhy) lassen: Ideen hat er. Vor allem, wenn es um unterhaltsame Geschichten rund um das Thema Beziehungen geht. In dem Album Sonnenfinsternis legt er drei Pärchen in einem leeren Haus in der Provinz ab, um zu sehen, welche erotischen Verwicklungen sich daraus ergeben. In Die Einladung lotet er die Grenzen einer Männerfreundschaft aus, und in Eine Nacht in Rom dreht sich alles um ein unmoralisches Angebot. Auch seinem neuen Album liegt eine originelle Idee zugrunde: Wie wäre es, wenn man sich als Frau einfach 20 Jahre Karriereplackerei spart und sich gleich ins gemachte Nest legt?

Das geht so: Calistra jobbt als Studentin nebenher als Babysitter für ein gut verdienendes Ehepaar. Entsprechend luxuriös ist deren 160 qm große Wohnung eingerichtet. Als Calistras Freundin Anna Calistra in dem Appartement besucht, hat Anna eine Idee: Wie wäre es, den 40jährigen Ehemann zu verführen, ihn zur Scheidung zu überreden und den Platz seiner Ehefrau einzunehmen? Schließlich ist die Ehefrau nicht mehr die jüngste, und da wird der Mann doch irgendwann Lust auf knackigen Nachschub haben. Oder?

Wie in seinen anderen Alben arbeitet Jim auch hier mit einem neuen Zeichner. Diesmal hat er sich Grelin ausgesucht, dessen Strich Jim im Nachwort als frisch und elegant bezeichnet, seine Frauenbilder als sexy, jung, stark und trotzdem unnahbar. Kann man so sehen. Auf den ersten Blick wirken die Zeichnungen zwar etwas leer und entfernt mangamäßig, aber sie passen gut zur Geschichte und sind in sich durchaus stimmig. Flott geschrieben, flott gezeichnet und très français.

Grelin, Jim: Süße Versuchung
160 Seiten, gebunden, 22,80 Euro, Splitter, ISBN 978-3-86869-756-8
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