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Omni-Visibilis

Ein Tag, der damit anfängt, dass man sich auf der Toilette aus Versehen auf die Schuhe pinkelt, kann nicht gut enden. Das weiß auch Hervé, ein junger Büroangestellter, der gern die Blonde am Nebentisch anbaggern würde, aber nicht weiß, wie. Und auch die schöne Chloé, mit der er verbandelt ist, hat heute keine Zeit, weil sie zur Theaterprobe muss. No sex today.

Noch schlimmer wird es am nächsten Tag. Auf dem Weg zum Büro wird Hervé ständig von Leuten angequatscht, die er nie gesehen hat. Und die ihm erzählen, dass er gerne vier Stück Zucker in seinen Tee nimmt. Was stimmt. Zu allem Überfluss ruft ihn auch noch seine esoterisch angehauchte Mutter an: Halt mich nicht für verrückt, sagt sie, aber wir sind geistig miteinander verbunden. Ich sehe das, was du siehst, Hervé. Meine meditativen Gebete haben uns vereint. Und tatsächlich: Sie sieht, dass vor ihm eine Frau mit einem Hund an der Leine die Straße überquert.

Leider nicht nur sie. Alle Menschen auf der Welt können plötzlich sehen, was Hervé sieht. Und hören, was er hört. Und fühlen, was er fühlt. In dem Zustand ist an Sex nicht zu denken. Und an vieles andere auch nicht. Denn plötzlich wollen alle seine Fähigkeit für ihre Zwecke einspannen, und dadurch wird sein Leben zur Hölle.

Lewis Trondheim hat sich da eine Geschichte ausgedacht, die jede Menge Situationskomik bietet. Eine Burleske, die von Bonhomme (Esteban) in klare, eingängige Bilder umgesetzt wurde. Unterhaltsam, originell und flott zu lesen. Macht Laune, dieses Album.

Matthieu Bonhomme, Lewis Trondheim: Omni-Visibilis
160 Seiten, zweifarbig, gebunden, 20,- Euro, Salleck, ISBN 978-3-89908-416-0

Jeanne und Cécile

Gibrat gibt zu, dass die Frauen in seinen Comics sich ähnlich sehen. Und dass sein Kollege Juillard, als er Jeanne in dem Album Von Dieben und Denunzianten sah, Jeanne mit Cécile aus Der Aufschub verwechselte. Im vorliegenden Band gibt es sogar eine Skizze, von der Gibrat selbst nicht sagen kann, ob sie Cécile oder Jeanne darstellt. Aber was macht das schon. Sie sind Schwestern. Da kann es schon mal zu Verwechslungen kommen. Außerdem sind sie bildhübsch.

Der sehr liebevoll gemachte Band enthält eine Auswahl von Zeichnungen und Illustrationen, die Gibrat ursprünglich für Ex-Libri, Poster und Festivalplakate entworfen hat. Und Bilder, die extra für diesen Band gezeichnet wurden. Ganz- und doppelseitig. Die Motive sind immer die gleichen: Jeanne und Cécile. Die da auch mal mit General de Gaulle, Winston Churchill oder dem Chefredakteur des Magazins Spirou zusammentreffen. In dem vorangestellten Essay Portraits von schönen Damen im Krieg erklärt Eric Verhoest die Arbeitsweise von Gibrat – vorzugsweise mit dessen eigenen Worten. Auch zu den einzelnen Bildern gibt es jeweils zwei, drei Sätze des Zeichners.

Schwer zu sagen, ob man mit dem Band etwas anfangen kann, wenn man die Alben, aus denen die Figuren stammen, nicht kennt. Für Fans von Gibrat – oder genauer: für Fans von Jeanne und Cécile – ist dieser Band jedenfalls ein Muss. Ganzseitige Bilder, wunderhübsch und mit dem für Gibrat typischen Feingefühl für die Situationen, in die er seine Figuren setzt, gezeichnet – und nicht selten weht im Hintergrund ein leiser Hauch von Juillard. Très français.

Jean-Pierre Gibrat: Jeanne und Célile
120 Seiten, gebunden, 49,- Euro, Salleck, ISBN 978-3-89908-415-3

Der Aufschub

Was ist das für ein Gefühl, aus einem sicheren Versteck heraus, seine eigene Beerdigung zu beobachten? Julien jedenfalls gefällt es gut. Denn eigentlich müsste er jetzt – wir schreiben das Jahr 1944, und Frankreich ist von deutschen Truppen besetzt – in Hitlers Fabriken für den Endsieg des 1000jährigen Reiches schuften. Er war auch schon auf dem Weg dorthin, konnte aber aus dem Zug fliehen, in dem er nach Deutschland gebracht werden sollte. Ein zweifaches Glück, weil der Zug kurze Zeit später bombardiert wurde. Wäre Julien nicht geflohen, wäre er jetzt wirklich tot. Der arme Teufel, der dort unten ins Grab gelegt wird, ist ein Dieb, der ihm im Zug die Papiere geklaut hat und dessen Leiche, wegen der Papiere, für die von Julien gehalten wurde.

Der versteckt sich bei seiner Tante in seinem Heimatdorf Cambeyrac – und wie in jedem Ort im besetzten Frankreich gibt es auch in Cambeyrac drei Arten von Menschen: Kollaborateure, die mit den Deutschen zusammenarbeiten, Widerstandskämpfer, die ihnen das Leben schwer machen, und diejenigen, die einfach nur hoffen, dass das möglichst schnell vorbei geht. Julien nimmt eine Art Beobachterstatus ein. Von seinem Versteck aus hat er einen guten Blick auf den Dorfplatz. Er kann sehen, wer wo ein und aus geht. Außerdem kann er seine Jugendliebe Cécile beobachten. Doch nach und nach wird auch er in die Ereignisse des Dorfes verstrickt.

Der Aufschub erschien erstmals 1998/99 in zwei Bänden bei Salleck – später folgten Von Dieben und Denunzianten und Mattéo – und liegt mit diesem Album als Gesamtausgabe vor. Wer die Einzelbände hat und sich fragt, ob er sich die Gesamtausgabe zulegen soll: Die Gesamtausgabe ist gebunden, lesbarer gelettert und auf besseren Papier gedruckt. Sie enthält im Anhang ein paar schöne Skizzen, dafür fehlen die Vorworte aus den Einzelbänden, in denen Gibrat die Entstehung des Albums beschreibt. Aber für welche Version man sich auch entscheidet: Wer gut erzählte Geschichten mit viel Atmosphäre in den Bildern mag wird dieses Album lieben. Und wer danach mehr Motive von Cécile sehen möchte, sollte mal in Gibrats Bildband Jeanne und Cécile reinschauen.

Jean-Pierre Gibrat: Der Aufschub
104 Seiten, 29,- Euro, gebunden, Salleck, ISBN 978-3-89908-366-8

Kleines Wunder

Mit Mit fremder Feder, Quintos, Wer Wind sät und Cryozone hat Finix in seiner Edition Solitaire sehr abwechslungsreiche Alben produziert. Diese Tradition wird mit dem Zweiteiler Kleines Wunder fortgesetzt, den der Verlag als Gesamtausgabe herausbringt. Ohne Ergänzungen oder Anhänge. Kleines Wunder sind 96 Seiten Comic pur.

Worum geht es? Der arme Adlige de la Barre wird kurz vor der französischen Revolution wegen Gotteslästerung zum Tode verurteilt. Die Einzelteile des enthaupteten Freidenkers werden in ein Kloster verbracht, um dort begraben zu werden. Allerdings ist der gut aussehende Mann zwar tot, nicht aber seiner Manneskraft beraubt – wodurch eine Nonne in Versuchung gerät. Neun Monate später kommt das Unglück zur Welt: ein Kopf und ein Rumpf – beide fein säuberlich voneinander getrennt, aber beide am Leben.

Nun war das 18. Jahrhundert eine denkbar ungünstige Zeit, um in zwei Teilen geboren zu werden. Erst recht in einem Kloster. Solcherlei Dinge wurden als Auswüchse von Dämonen begriffen – und die Inquisition war nicht weit. Doch kleine Babys, selbst zweiteilige, sind putzig, und so finden sich Menschen, die Denis helfen, der, als er älter wird, nur noch eines im Sinn hat: blutige Rache für die Enthauptung seines Vaters zu nehmen.

Valérie Mangin schickt den Leser auf eine Reise in die Wirren der französischen Revolution. Man begegnet allerlei historischen Persönlichkeiten – von Charles-Maurice de Talleyrand-Prigord über Joseph-Ignace Guillotin und den Marquis de Sade bis hin zu Marie-Antoinette und Ludwig XVI. Die Story ist in der Folge nicht ganz so originell, wie man das von der Eingangssituation erwarten könnte und rutscht streckenweise zu konventioneller Abenteuerkost ab. Sie enthält aber viele humorvolle und komische Elemente, die Figuren sind klar charakterisiert und die Bilder von Griffo eingängig wie immer. Eine Mischung, die Kleine Wunder zu einem unterhaltsamen Album für Anhänger historischer Abenteuercomics macht. Atmosphärisch vielleicht mit der ebenfalls von Griffo gezeichneten Serie Giacomo C. vergleichbar.

Griffo, Valérie Mangin: Kleines Wunder
96 Seiten, gebunden, 19,80 Euro, Finix, ISBN 978-3-941236-52-3
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Zwielicht

Wölfel von Ulf wird als Baby in einem Wald gefunden, der als Zuflucht von Untoten gilt. Das Kind ist eine Mischung aus Mensch und Vampir, erträgt aber das Tageslicht. Der Bürgermeister des Ortes adoptiert es und zieht Wölfel zusammen mit seinem Sohn Clodwig groß. Als die beiden älter werden, führen sie Gruppen von Vampirjägern an. Wölfel ist beliebt, aber natürlich gibt es Neider. Wie seinen Bruder Clodwig. Und als dann ein renommierter Vampirforscher die These aufstellt, dass Zwielicht-Vampire – also solche, die das Tageslicht ertragen können – genauso gefährlich sind wie die anderen, bekommt Wölfel Probleme.

Ein bisschen Horror, ein bisschen Steampunk, viele Vampire und jede Menge Abenteuer – aus dieser Mischung besteht der erste Band der neuen Triologie Zwielicht. Eine kleine Lovestory gehört auch dazu. Spannend und unterhaltsam erzählt, mit stimmungsvollen Seitenlayouts und Kolorierungen, deren dichte Atmosphären durch die Steampunk-Elemente noch verstärkt werden. Das sieht gut aus und macht Lust auf die Fortsetzungen. Wann die erscheinen sollen steht allerdings noch nicht fest.

Neben FVZA also ein weiterer Vampir-Comic bei Splitter im gleichen Monat. Welcher ist besser? Wer mehr auf US-Zeichenstil, Action und morbide Gestalten steht, wird FVZA mögen. Wer eine atmosphärisch wärmere und vielschichtigere Geschichte mag, wird Zwielicht bevorzugen. Aber für echte Fans des Genres sind sicher beide interessant.

Tihomir Celanovic, Eric Corbeyran: Zwielicht
56 Seiten, gebunden, 13,80 Euro, Splitter, ISBN 978-3-86869-434-5
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