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seth-vom-glanz-der-alten-tageKanada ist ein Land mit großer Zeichner-Tradition – es gibt und gab dort jede Menge guter Cartoonisten. Seth entführt den Leser in den “Great Northern Brotherhood of Canadian Cartoonist-Club”, in dem allerlei Porträts und Arbeiten vergangener Künstler zu bewundern sind. Die Bilder an den Wänden, die grafischen Ornamente an den Treppen, die Verzierungen an der Decke, all diese liebevoll geschaffene Gestaltung der Räume wird samt den Feierlichkeiten und Ehrungen des Clubs detailgetreu vorgestellt – und ist doch nur Illusion. Denn diesen Club, mit dem ein Land seinen Zeichnern ein Denkmal setzt, gibt es in Wirklichkeit nicht. Seth nutzt ihn nur als Kulisse, um kanadische Zeichner des vergangenen Jahrhunderts vorzustellen.

Das wiederum macht er sehr geschickt. Man erfährt allerlei über verschrobene Einzelgänger wie Walter Hurd, der vor allem Funnys gezeichnet und Whisky getrunken hat, und über die Schöpfer von Figuren wie Kao-Kuk, Chopper, Fuddle and Duddle oder Jack-O. Seth stellt ihre Serien vor, beschreibt die Eigenheiten ihrer Arbeit und vergisst auch Raritäten nicht, wie den ältesten Comic des Landes aus dem Jahr 1760.

Ein Album über die Geschichte der kanadischen Comics also. Aber, und da wird es problematisch: Wer kennt kanadische Comics – wenn man mal von Chester Brown, Seth selbst und dem begnadeten Jeff Lemire absieht (die zudem, weil jünger, außer einer kurzen Notiz über Chester Brown, gar nicht darin vorkommen)? Ein schönes Album zwar – aber wenn man die vorgestellten Cartoonisten nicht kennt, wenig spannend. Von Seth sind bisher in der Edition 52 die Graphic Novels Eigentlich ist das Lebens schön, Clyde Fans und Wimbledon Green erschienen, die sich ebenfalls mit dem Thema Comic, Kunst und Künstler beschäftigen.

Seth: Vom Glanz der Alten Tage – Die Blütezeit des kanadischen Cartoons
136 Seiten, gebunden, 25,- Euro, Edition 52, ISBN 9783935229159
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Das versteckte Kind

lizano-das-versteckte-kindComics über den Holocaust sind längst keine Rarität mehr. Es gibt inzwischen jede Menge starke Alben zu diesem Thema – zuletzt Die zweite Generation. Auch Das versteckte Kind handelt davon. Der Unterschied zu ähnlichen Alben ist, dass der Holocaust hier aus Kindersicht geschildert wird.

Die kleine Dounia ist Französin. Sie lebt in Paris zur Zeit der deutschen Besatzung. Ihre Eltern sind Juden. Als die Deutschen fordern, dass alle Juden ab sofort einen gelben Stern zu tragen haben, überlegen Dounias Eltern, wie sie das ihrem Kind erklären sollen. Sie erfinden ein Spiel – das Sheriffspiel. Es ist ganz einfach: Der Davidstern wird zum Sheriffstern. Dounia findet das zwar nicht logisch, denn erstens ist das was für Jungen, und zweitens gibt es in Frankreich keine Sheriffs. Aber das stört sie nicht weiter, und so geht sie stolz mit ihrem Stern in die Schule – um zu erleben, dass die Lehrerin sie begründungslos in die letzte Reihe verbannt und im Unterricht nicht mehr drannimmt. Auch ihre Freunde schneiden sie. Als kurz darauf noch die Polizei an die Tür hämmert, um sie und ihre Eltern in ein Lager zu transportieren, gehen die Probleme erst richtig los.

Die Geschichte wird aus der Sicht von Douia erzählt. Gerade diese Kindersicht bringt die demütigenden und oft auch erschütternden Szenen besser rüber als jede wissenschaftliche Abhandlung. Die Gefühlswelt von Dounia wird in jeder Situation nachfühlbar. Die Zeichnungen erinnern ein bisschen an Larcenet und bringen viel Ausdruck in die Mimik der Protagonisten. Eine klasse Idee, solch ein Album zu machen – viel lebendiger als die hölzerne Anne Frank-Adaption, die sich mit einem ähnlichen Thema beschäftigt.

Marc Lizano, Greg Salsedo, Loïc Dauvillier: Das versteckte Kind
84 Seiten, gebunden, 16,99 Euro, Panini, ISBN-13 978-3862017744
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Pawnee + Deadline

prugne-pawneeMit Pawnee legt Splitter eine Fortsetzung von Frenchman auf. Das Album spielt wie sein Vorgänger zur Zeit der Eroberung Amerikas, inmitten der Kriege zwischen Briten und Franzosen und dem Kampf beider gegen die Indianer. Während in Frenchman die zwei jungen Franzosen Alban und Louis durch die amerikanische Wildnis marschieren – Alban, weil er einen US-Bürger erschossen hat, um einem Schwarzen zu helfen, und Louis, weil er Alban sucht – ist in Pawnee Albans Schwester aus Frankreich gekommen, um beide zu suchen, weil sie seit Monaten nichts mehr von ihnen gehört hat.

Inhaltlich bietet das Album eine ähnliche Story wie Frenchman. Die Schwester muss sich mit geldgierigen Trappern und Indianern auf Kriegspfad rumschlagen, während Albain und Louis auch wieder unterwegs sind – ohne allerdings voneinander zu wissen. Die Geschichte ist nicht mehr ganz so spannend wie Frenchman, und während man Frenchman durchaus als eigenständiges Album lesen kann, macht Pawnee wenig Sinn, wenn man Frechman nicht kennt.

Die Bilder von Prugne stehen denen der Vorgängeralben allerdings in nichts nach. Viel Landschaft und viel Atmosphäre, die in den großformatigen Panels wunderschön zur Geltung kommt. Dazu eine sehr zarte, gefühlvolle Kolorierung – das kann sich sehen lassen.

Patrick Prugne: Pawnee
104 Seiten, gebunden, 22,80 Euro, Splitter, ISBN 978-3-86869-656-1
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rossi-deadlineAuch Deadline ist ein Western. Er spielt zur Zeit der Sezessionskriege. Nord gegen Süd, Menschenrechte gegen Sklaverei, und der junge Louis Paugham steht als Soldat genau an der Grenze. Die ist in dem Fall ein ausgetrocknetes Flussbett in Andersonville, Georgia. Auf der einen Seite die Armee der Südstaaten, auf der anderen ein Lager, in dem die Yankees unter erbärmlichen Bedingungen gefangengehalten werden. Sobald einer den Fluss überschreitet und zu fliehen versucht, soll er erschossen werden – so lautet der Befehl, den Louis bekommen hat. Aber da ist dieser eine Schwarze unter den Gefangenen, der ihn unentwegt voller Stolz ansieht. Und auf den Louis nicht schießen kann.

Laurent-Frédéric Bollée nimmt diesen Krieg als Kulisse für eine Geschichte über eine späte Rache und eine Abrechnung mit dem Ku-Klux-Klan, die nicht schlecht gemacht ist und spannend erzählt wird. Die Zeichnungen von Christian Rossi kommen eher konventionell daher, haben aber auch ihre starken Momente.

Christian Rossi, Laurent-Frédéric Bollée: Deadline
80 Seiten, gebunden, 17,80 Euro, Splitter, ISBN 978-3-86869-733-9
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Die Haie von Lagos

schultheiss-haie-von-lagodDer Splitter-Verlag schriebt: “Die Haie von Lagos” ist DAS Meisterwerk, das in den 80er Jahren Schultheiss‘ internationalen Ruf als wichtigster Comiczeichner Deutschlands nachhaltig festigte. Die ursprünglich 1986 veröffentlichte Trilogie erzählt eine moderne Piratengeschichte vor dem Hintergrund eines von Korruption, Machtgier und ökonomischem Raubbau zersetzten Landes. In dieser Sphäre allgegenwärtiger Gewalt setzt Patrick Lambert alles daran, die alleinige Herrschaft über das Piratensyndikat von Lagos zu erlangen – mit äußerst blutigen Folgen!

Kann man so sagen. In den 1980er Jahren war die Serie ein Knaller – Vergleichbares gab es kaum. Schultheiss ist tatsächlich einer der besten Zeichner – nicht nur Deutschlands. Leider sind seine Fähigkeiten als Zeichner um Längen besser als seine erzählerischen Möglichkeiten. Dass ich die Brutalität, die seine Arbeiten durchzieht, hirnlos finde, darauf habe ich schon bei der Rezension seines Album Die Reise mit Bill hingewiesen. Und wenn man es genau nimmt, sind Die Haie von Lagos nicht nur sinnlos brutal, sondern auch rassistisch. Beispiel: Als Lambert von einer schwarzen Prostituierten gebeten wird, ein Krabbeltier von ihrem Bein zu entfernen, drückt er eine Zigarette auf dem Tier – und damit auf ihrem Bein – aus. Oder: Lambert schießt auf einen Schwarzen und fordert ihn auf: Und jetzt krieche, Nigger! Er ist der weiße Held, der eine Meute schwarzer Piraten anführt – oft in den Tod, denn der Held fühlt sich leer, und ihm ist alles egal. Nur nicht die zwar ebenfalls schwarze, aber europäische Frau, der er hinterherkriecht, auf dass sie seine Leere fülle. Kitsch, der sich hinter vorgeschobener Coolheit versteckt.

Das ist wirklich jammerschade, denn Schultheiss´Zeichnungen sind schlicht genial. Wie er die Farben Afrikas einfängt, die Schwarzen in ihrer typischen Geschmeidigkeit durch die Szenen gleiten lässt, die flirrende Hitze und die staubigen Straßen ins Bild bringt, das ist einfach klasse. Splitter hat den ersten Zyklus der Haie von Lagos (Band 1 – 3) als Gesamtausgabe in 1000er Auflage mit Kunstdruck (Cover von Band 1) publiziert. Gleichzeitig wird die Reihe mit Band 4 fortgesetzt. Der dümpelt aber im Gegensatz zu den ersten Bänden eher langweilig vor sich hin.

Matthias Schultheiss: Die Haie von Lagos (1 – 3)
144 Seiten, gebunden, 39,80 Euro, Splitter, ISBN 978-3-86869-741-4
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Matthias Schultheiss: Die Haie von Lagos 4
48 Seiten, gebunden, 13,80 Euro, Splitter, ISBN 978-3-86869-742-1
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Kraa

Irgendwo im Nirgendwo zwischen Alaska und Sibirien leben ein paar Indianer in einem abgelegenen Tal. Ansonsten ist die Landschaft unberührt. Das ändert sich, als Rohstoffvorkommen entdeckt werden. Um die zu erschließen braucht man keine Indianer, sondern Minen, Städte und Staudämme. Die einen müssen also weg, alles andere muss her.

Was die Wahl der Mittel angeht, sind die Vertreter der Zivilisation unterschiedlicher Meinung. Die einen glauben an Gesetze, andere an Gewehre. Letztere setzen sich durch. Sie haben die Rechnung ohne Yuma gemacht. Das Kind eines Schamanen ist telepathisch mit einem Adler verbunden. Als eine Gruppe von Weißen ein Massaker unter den Indianern anrichtet, beginnen sie, ihr Tal zu verteidigen. Und erledigen das ziemlich gnadenlos.

Nachdem seine Canardo-Alben zunehmend an Originalität verlieren, legt Sokal hier eine rundum starke Trilogie vor, die inzwischen komplett erschienen ist. Überzeugende Charaktere, tolle Landschaften und viel, viel Raum für die Bilder. In den Hintergründen mal ein Hauch Bilal, mal auch Loisel, hauptsächlich erinnern Gesichter und Mimik aber an die Figuren aus Canardo. Eine Serie mit viel Atmosphäre – spannend zu lesen, wunderschön bebildert, und obwohl es hier um Schamanismus und damit auch ein bisschen um Mystik geht, ist die Reihe weit entfernt von jeglichem Esoterik-Geschwurbel. Hier ist alles sehr geerdet. Wer Indianer-, Abenteuergeschichten oder einfach nur Comics mit einer klasse erzählten Story mag, sollte hier mal reinsehen.

Benoît Sokal: Kraa
je Band  64 -96 Seiten, gebunden, 14,80 – 19,80 Euro, Splitter,
ISBN 978-3-86869-209-9 (Band 1)
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Der junge König

koenig-der-junge-koenig-11992 erhielt Ralf König beim 5. Comic-Salon in Erlangen den Max und Moritz-Preis als „Bester deutschsprachiger Comic-Künstler“. 2005 wurde er in Angoulême mit dem Prix Alph’Art  ausgezeichnet, im italienischen Lucca erhielt er den Premio miglior storia lunga. 2006 bekam er den Spezialpreis der Max und Moritz-Jury – König hatte gegen den religiösen Fundamentalismus protestiert, der sich damals wegen der Mohammed-Karikaturen breit machte und Cartoons dagegen gezeichnet. Und nächste Woche bekommt er in Erlangen den Sonderpreis für ein herausragendes Lebenswerk – mit gerade mal 54 Jahren.

In diesen 54 Jahren hat er 48 Alben veröffentlicht, von denen mehr als sechs Millionen Exemplare in zwölf verschiedenen Sprachen verkauft worden sind. Von den Verfilmungen und sonstigen Adaptionen seiner Werke gar nicht zu reden. Sein erstes Heft hieß schlicht Schwulcomix 1 und ist ebenso vergriffen wie die Folgebände zwei bis vier und andere Frühwerke des schwulen Szenechronisten. Und wenn man schon einen Preis für das Lebenswerk bekommt, sollte es auch komplett vorliegen. Also hat König sich überreden lassen, die alten Sachen neu aufzulegen, und so finden wir in diesem ersten Sammelband seiner Frühwerke die Schwulcomix 1 und 2 sowie einige Zugaben, wie Das sensationelle Comicbook aus dem Jahr 1981 und Arbeiten für Rosa Flieder und Torso. Und ja, zwei, drei bislang unveröffentlichte Fragmente aus der Zeit gibt es auch.

Das ist eine mutige Entscheidung, denn zwischen den krakeligen Zeichnungen von Schwulcomix 1 und seinen heutigen Arbeiten liegen Welten. Dazu kommt, dass auch die Gags im ersten Schwulcomix-Band ziemlich flach sind. In Schulcomix 2 kann man eine Steigerung sehen – sowohl was die Zeichnungen, wie auch, was die Pointen angeht. Schon darin wird klar, dass König Homosexualität nie losgelöst, sondern immer auch in einem politischen und gesellschaftlichen Kontext gesehen hat.

Für König-Fans ist Der junge König zweifellos ein must have, für alle anderen aber auch nicht uninteressant. Natürlich geht vieles noch wild durcheinander, aber mir hat die Lektüre dieses Bandes mehr Spaß gemacht, als seine eher zusammengehirnt wirkenden aktuellen Arbeiten wie Prototyp oder Raumstation Sehnsucht. Allerdings: Ganz so mutig war König dann doch nicht. Manche Einzelarbeiten aus der Zeit fehlen, und zwei Geschichten aus Schwulcomix 1 wollte er auch nicht mehr nachgedruckt sehen. Im kommenden Jahr ist ein Folgeband mit Schwulcomix 3 und 4 und anderen Arbeiten aus dem Zeitraum von 1985 bis 1989 geplant.

Ralf König: Der junge König | Die frühen Comix – Band 1: 1980 – 1984
176 Seiten, schwarzweiß, gebunden, 26,- Euro, Männerschwarm Verlag,
ISBN 978-3-86300-170-4

Der fünfte Beatle

robinson-der funefte-beatleWenn jemand der fünfte Beatle war, dann Brian, sagte Paul McCartney später über Beatles-Manager Brian Epstein, der bereits mit 32 Jahren starb – kurz bevor die Beatles sich auflösten. Grund genug für Vivek Tiwary, sich zwanzig Jahre lang mit Epsteins Leben zu beschäftigen, die Episoden von Epsteins Zusammenarbeit mit den Beatles zu recherchieren und schließlich dieses Szenario zu entwerfen, das von Andrew C. Robinson und Kyle Baker in Bilder umgesetzt wurde.

Tatsächlich steht hier Brian Epstein im Vordergrund – die Fab Four kommen nur am Rande vor. Epstein war der Sohn eines Kaufmanns, dem ein großer Plattenladen gehörte. Das war Epstein von Nutzen, als er endlich eine Plattenfirma für die Beatles gefunden hatte und ihre erste Single pushen wollte. Er kaufte tausende von Exemplaren für den eigenen Laden und brachte so die Platzierung in der Hitparade Stück für Stück nach oben. Doch so groß sein geschäftlicher Erfolg auch war (er managte auch andere Künstler, wie Gerry & The Pacemakers oder Cilla Black) – im Privatleben blieb er einsam. Dass seine Assistentin Moxie ihn anhimmelte, nutzte ihm nichts, denn er war schwul, und das war zur damaligen Zeit in Großbritannien verboten.

Nach dem spritzigen Kleinen Beatles-Buch, nach Arne Bellstorfs Baby’s in Black, in dem die Geschichte von Astrid Kirchherr und Stuart Sutcliffe erzählt wird, und nach dem Album Liverfool, in dem sich alles um Allan Williams dreht, der die Beatles vor Brian Epstein betreut hat, jetzt also wieder ein Comic aus dem Universum der Pilzköpfe. Ein Album für Beatles-Fans.

Andrew Robinson, Kyle Baker, Vivek J. Tiwary: Der fünfte Beatle – Die Brain Epstein Story
172 Seiten, gebunden, 24,99 Euro, Panini, ISBN 9783862017867