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Violette Nozière

benyamina-violette-noziereViolette Nozière – ein monströses Kind von 18 Jahren titelte die Presse anlässlich ihres Prozesses im Herbst 1934. War sie das? War sie wirklich ein Monster? Violette wird 1915 in Burgund geboren. Ihr Vater ist Lokführer, ihre Mutter kümmert sich um das Kind, das zunächst einen kranken und schmächtigen Eindruck macht. Aufgrund seiner Leistungen wird der Vater nach Paris versetzt – die Familie zieht um. In dieser bunten, flirrenden Metropole ist plötzlich alles anders als in der Enge der Provinz. Hier pulsiert das Leben Tag und Nacht, und Violette, die in die Pubertät kommt, möchte daran teilhaben.

Das geht natürlich nicht, wenn man ein Kind aus einer bürgerlichen Familie ist, das nicht mehr zu bieten hat, als alle anderen auch. Also erfindet Violette kurzerhand eine neue Identität. Im Grunde sogar mehrere. Je nach Verehrer ist sie Modeschöpferin und ihre Mutter die rechte Hand eines Konzernchefs, während der Vater von ihr zum Ingenieur befördert wird. So turtelt sie durch die Bars von Mann zu Mann, fängt sich die Syphilis ein, turtelt weiter, lässt sich gelegentlich auch für ihre Liebkosungen bezahlen, aber das Geld reicht trotzdem nicht. Also fängt sie an, ihre Eltern zu bestehlen. Als auch das nicht reicht, besorgt sie Gift.

Eddy Simon hat das Szenario dieses Albums nach einer wahren Geschichte geschrieben. Er schildert Violette als kaltes, berechnendes Wesen. Ein möglicher sexueller Missbrauch durch Vater oder Großvater wird zwar angedeutet, aber schnell wieder negiert. Claude Chabrol hatte die Geschichte bereits 1978 verfilmt und unterschiedliche Motive für Violettes Handeln angedeutet, sich aber auch nicht festgelegt.

Die Zeichnerin Camille Benyamina hat den Kriminalfall, der 1934 ganz Frankreich aufwühlte, in Bilder gepackt, die viel Atmosphäre rüberbringen. Manchmal scheinen die Proportionen ihrer Figuren nicht zu stimmen, wodurch sie hölzern und puppenhaft wirken. Davon angesehen ist es ein ansprechend gezeichnetes Album, an dem vor allem die gefühlvolle Ton-in-Ton-Kolorierung gefällt.

Camille Benyamina, Eddy Simon: Violette Nozière – Der verruchte Engel
96 Seiten, gebunden, 22,- Euro, Knesebeck, ISBN 978-3-86873-760-8
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Gauguin

gaultier-gauguinGleichzeitig mit dem Phantom der Oper legt Knesbeck ein weiteres Album von Christophe Gaultier auf. Diesmal geht es um den französischen Maler Paul Gauguin, der 1901 nach Hiva Oa auswanderte, um fern von zivilisatorischen Zwängen leben und malen zu können. Es ist keine Biografie im strengen Sinn, sondern mehr ein paar ausgesuchte Momente aus Gauguins Leben in den Tropen. Dabei kam es Szenarist Le Roy darauf an, Gauguin als konsequenten Aussteiger zu zeigen – als jemanden, der nicht nur gemalt und mit Minderjährigen geschlafen, sondern sich auch mit Kirche und Obrigkeit angelegt hat. Es geht, wie Le Roy im Vorwort schreibt, nicht um den Maler, den man von bunten Postkarten kennt, sondern um den Kirchenfeind, den Anti-Kolonialisten, den Pazifisten und Anti-Monarchisten.

Keine Angst: Le Roy macht Gauguin nicht zum Revolutionär mit politischen Ambitionen. Es ist der Boheme in Gauguin, dessen Abscheu vor Heuchelei und Konventionen nicht im Kulturellen stehen bleibt, sondern sich auch in den Alltag der Menschen auf der Insel einmischt. Etwa, wenn Gauguin ihnen erklärt, dass sie das Recht haben, ihre eigenen Traditionen zu leben, und sich nicht an die Doppelmoral der Kirche anpassen müssen. Oder wenn er sich weigert, Steuern zu zahlen.

Die Zeichnungen von Gaultier sind ein bisschen grober als im Phantom der Oper, treffen aber das Leben auf der Insel recht gut. Kein Album, das viel Spannung zu bieten hat, und inhaltlich kommt auch nicht viel rüber, aber für Gauguin-Fans und Kunstfreunde sind diese kleinen Tupfer aus dem Leben des Auswanderers nicht uninteressant.

Christophe Gaultier, Maximilien Le Roy: Gauguin – Paradies und Wildnis
88 Seiten, gebunden, 22,- Euro, Knesebeck, ISBN 978-3-86873-751-6

Das Phantom der Oper

gaultier-phantom-der-operGaston Leroux ist vor allem durch zwei Romane bekannt geworden: Das Geheimnis des gelben Zimmers gilt auch heute noch als ein Klassiker der locked-room-mystery. Der zweite Klassiker aus seiner Feder ist Das Phantom der Oper. Diese tragische Romanze hat diverse Adaptionen als Film, Musical und Theaterstück erlebt – jetzt hat Christophe Gaultier auch einen Comic aus dem Stoff gemacht. Von Gaultier gab es in deutscher Übersetzung bislang nur den Donjon-Band Der letzte Ritter. Erstaunlich, denn seine Zeichnungen sind wirklich sehenswert. Sie erinnern – zumindest in diesem Album – ein bisschen an den Stil von Christophe Blain.

Die Geschichte selber dürfte bekannt sein: Im Jahr 1869 lebt ein Mann namens Eric in den Katakomben der Pariser Oper, der allgemein als Phantom bezeichnet wird. Er lässt sich nicht sehen, er lebt versteckt, denn er ist verunstaltet. In dem Roman von Leroux fehlt ihm die Nase – Gaultier zeichnet ihn gleich als Totenkopf mit Ledermaske. Eric ist hochmusikalisch und in das Chormädchen Christine verliebt. Er fordert vom Operndirektorium, dass sie tragende Rollen singen soll, sonst… Und natürlich gibt es den Nebenbuhler in Gestalt des jungen Vicomte de Chagny, in den Christine verliebt ist.

Die Mischung aus Mystery und Schmonzette ist spannend und anrührend zugleich. Gaultier macht erst gar nicht den Versuch, der Handlung mehr Tiefgang zu geben, als sie hat. Hier ein bisschen Opernglanz, da ein paar unheimliche Kellergewölbe, dazwischen Menschen, die versuchen, zueinander zu finden oder einander auszuweichen – fertig ist eine unterhaltsam in Szene gesetzte Schauergeschichte, die anzusehen sich lohnt. Wer den Zeichenstil von Blain mag, sollte auf jeden Fall mal reinschauen.

Christophe Gaultier, Gaston Leroux: Das Phantom der Oper
112 Seiten, gebunden, 22,- Euro, Knesebeck, ISBN 978-3-86873-777-6
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Sin Titulo

stewart-sin-tituloFür Alex läuft es nicht gerade gut. Er arbeitet in einer Zeitungsredaktion, hängt mit vier Artikeln hinterher, und seine Chefin ist auch nicht gut auf ihn zu sprechen, seit er ihre Annäherungsversuche abgelehnt hat. Seine Freundin wiederum ist genervt, weil er zu wenig Zeit mit ihr verbringt. Das liegt unter anderem daran, dass Alex gerade in eine Geschichte verstrickt ist, die sein ganzes Leben auf den Kopf zu stellen droht.

Sein Großvater ist gestorben. Im Nachlass findet Alex eine Fotografie, die den Großvater mit einer gut aussehenden, aber unbekannten Frau zeigt. Im Prinzip könnte Alex die unbekannte Schöne egal sein, aber sein Großvater hat auf dem Bild ein so seliges Lächeln auf den Lippen, dass Alex sich fragt, wer diese Frau wohl sein könnte. Mit dem Foto in der Hand forscht er bei den Insassen des Altersheims, in dem sein Großvater untergebracht war. Niemand kann ihm helfen. Doch da ist ein Pfleger, der sich seltsam benimmt, und vom Grab des Großvaters entfernt sich, als Alex kommt, gerade die Frau, die auf dem Foto zu sehen ist. Damit beginnt eine düstere Geschichte, in der sich Traum, Realität und Kindheitserinnerungen immer stärker miteinander vermischen.

Cameron Stewart, der unter anderem die Batman und Robin-Serie bei DC Comics gezeichnet hat, liefert damit eine spannende Mystery-Story ab. Ursprünglich im Internet als Online-Comic veröffentlicht (da kann man ihn sich, allerdings nur auf englisch, immer noch komplett ansehen), legt ihn Panini jetzt als gebundene Ausgabe in Querformat vor. Das Album wurde mit dem Eisner Award als bester digitaler Comic des Jahres 2010 und mit dem kanadischen Shuster Award ausgezeichnet. Das geht okay, denn neben der Spannung überzeugen auch die Zeichnungen, die Stewart in einem monochromen Braun ausgeführt hat. Auch am Storyaufbau mit seinen fast schon chirurgisch präzisen Wechseln zwischen Gegenwart, Traum und Vergangenheit gibt es nichts zu meckern. Der Plot ist für meinen Geschmack etwas zu mystisch, aber die Idee dahinter ist originell.

Cameron Stewart: Sin Titulo
172 Seiten, gebunden, monochrom, 24,99 Euro, Panini, ISBN 9783862019588

Herr Lehmann

dinter-herr-lehmannMan kann mit dem Leben zufrieden sein, wenn man keine Ansprüche stellt. Sogar dann, wenn man keinen anderen Job hat, als in einer Kneipe hinter dem Tresen zu stehen. Und sogar dann, wenn man tatsächlich nur in einer Kneipe hinter dem Tresen steht, ohne, dass man eigentlich Musiker, Maler oder sonstwas vorgeblich Kreatives ist, und den Job nur vorübergehend macht.

Nein, Ansprüche inhaltlicher Art hat Frank Lehman nicht. Er ist schon zufrieden, wenn die Leute ihn zufrieden lassen. Das tun sie in der Regel auch, nur in letzter Zeit kommt einiges durcheinander. Wieso beispielsweise kommen seine Eltern plötzlich auf die Idee, ihn besuchen zu wollen? In Berlin-Kreuzberg im Jahr 1989 – kurz vor einem Mauerfall, von dem noch niemand etwas ahnt. Und was meint Katrin, wenn sie ihm nach der ersten Nacht sagt, dass sie ihn zwar liebt, aber nicht in ihn verliebt ist? Wieso bekommt sein Kumpel Karl, der kurz davor steht, endlich seine zusammengeschweißten Kunstwerke ausstellen zu können, plötzlich nichts mehr auf die Reihe? Und weshalb muss er sich eigentlich um all das kümmern?

Sven Regener hat mit Herr Lehmann einen Roman geschrieben, der in der Kreuzberger Kneipenszene der 1980er Jahre spielt. Leander Haußmann hat den Roman mit Christian Ulmen verfilmt. Jetzt hat Tim Dinter ihn als Comic adaptiert, und das Ergebnis sieht gut aus. Dinter hat sich die Originalschauplätze angesehen und mit seinen Schwarzweißzeichnungen und den Grauabstufungen viel Lokalkolorit auf die Seiten gezaubert. Seine Figuren haben Charakter, sind klar zu unterscheiden, und ihre Mimik sagt oft mehr als eine halbe Seite Text.

Im Verlagsinfo berichtet Dinter, dass er sich zwar weitestgehend, aber nicht sklavisch an die Vorlage gehalten, sondern die Welt gezeichnet hat, “die ich beim Lesen des Romans imaginiert und dann genau recherchiert habe… Meine Version ist etwas düsterer.”. Ich kenne weder den Roman, noch den Film, kann also nicht beurteilen, inwieweit die Adaption der Vorlage gerecht wird. Aber als Graphic Novel funktioniert Dinters Lehmann absolut prima.

Tim Dinter, Sven Regener: Herr Lehmann
238 Seiten, gebunden, 19,99 Euro, Eichborn, ISBN 978-3-8479-0581-3
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Robert Moses

balez-robert-mosesPierre Christin hat sich in den 1980er Jahren als Szenarist für Bilal, Mézières, Tardi und Goetzinger einen Namen gemacht. Seine Themen waren meist sozialpolitischer Natur. Robert Moses – Der Mann, der New York erfand, ist die Biographie eines Mannes, der Mitte des 20. Jahrhunderts die Stadt New York auf den Kopf gestellt hat. Als Sohn einer großbürgerlichen deutsch-jüdischen Familie erlebte er als Kind und Jugendlicher beides: das behütete, finanziell sorgenlose Leben des gehobenen Bürgertums, und die Ausgrenzung, die er als Halbjude von der besseren Gesellschaft der Stadt erfuhr.

Doch Moses machte Karriere. Er schuf im Laufe seines Lebens die wichtigsten Brücken und Autobahnen New Yorks, dazu ländliche Parkways, Strände und Gärten in Hülle und Fülle, 600 Spielplätze, 700 Baseballfelder, 17 Schwimmbäder, einen Zoo, Bibliotheken, Wohnungen, neue Kanalisation und Staudämme. Das Problem dabei war: Platz war knapp. Wer in New York bauen wollte, musste bereits existierende Gebäude abreißen. Das tat Moses ohne Gnade, wenn es galt, eines seiner ehrgeizigen Projekte zu verwirklichen. Er ließ ganze in Jahrzehnten gewachsene Viertel plattmachen – und es traf, wie meist in solchen Fällen, vor allem die Armen und die Farbigen. Allein für den Durchstoß des Cross-Bronx-Expressways ließ er 1.500 Wohnungen niederreißen.

Christin schildert dieses Leben anhand einiger Eckdaten, und so wurde es mehr eine journalistische Recherche als eine spannende Erzählung. Die Konflikte zwischen Moses und denjenigen, die, wie Jane Jacobs, gegen seine Projekte protestierten (und sich damit später auch durchsetzten), werden erwähnt. In die Tiefe geht Cristin aber weder hier, noch bei anderen Auseinandersetzungen, die Moses führt. So bleibt es eine mehr oder weniger informative, aber wenig spannende Aneinanderreihung von Ereignissen, die von Balez in gefällige Bilder umgesetzt wurde.

Olivier Balez, Pierre Christin: Robert Moses – Der Mann, der New York erfand
122 Seiten, gebunden, 17,90 Euro, Carlsen, ISBN 978-3-551-76499-7

Hotal Hades

greve-hotel-hadesAls Imbissbudenbesitzer Peter, Schriftstellerin Martha und ihr Geliebter Florian gleichzeitig erschossen werden, beginnt für sie eine seltsame Reise. Sie schippern in ein bürokratisches Jenseits, das zu einer Mega-City angewachsen ist. Schon das Einreiseformular gleicht einem absurden Witz. Doch während Peter sein Glück in der Hades-Küche findet, muss Martha büßen, obwohl sie einst ein VIP-Ticket für das Paradies löste. Diesen Betrug kann Peter nicht mit ansehen. Er versucht, sie zu retten…  Katharina Greve spinnt mit viel Humor die antike Vorstellung des Jenseits weiter. Ihre Seitenhiebe auf das moderne Leben und Sterben treffen die schlimmsten Monster der Weltgeschichte ebenso wie vermeintliche Lichtgestalten.

Soweit der Verlagstext. Was die 1972 geborene Katharina Greve, Trägerin des ICOM Independent Comic Preises für Herausragendes Artwork, des Deutschen Cartoonpreises und des Sondermann-Förderpreises für Komische Kunst hier abliefert, ist als Grundidee durchaus interessant, hat aber trotz 127 Seiten wenig Tiefgang. Die Gags plätschern mehr vor sich hin, als zu treffen. Dass Hitler in der Hölle dazu verdammt ist, immer wieder seinen Schäferhund Blondie zu schlachten und als Goulasch zu essen, ist eher Klamauk, als Satire. Dass eine Schriftstellerin als Höllenstrafe jede einzelne Zeile aus ihren Romanen eigenhändig ausradieren muss, fand ich da schon origineller.

Die Zeichnungen sind präzise und naturgemäß mehr Cartoon als Comic, was heißt, dass Greve sich mit Hintergründen nicht lange aufhält und die Seiten relativ leer wirken. Ein Album, aus dessen Thema man mehr hätte machen können, das sich streckenweise aber trotzdem unterhaltsam liest.

Katharina Greve: Hotel Hades
127 Seiten, 19,99 Euro, Egmont Graphic Novel, ISBN 978-3-7704-5507-2
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