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Bäche und Flüsse

rabate-baeche-und-fluesseEin typisches Album aus dem Hause Reprodukt: Eine eher leise und zurückhaltend, in literarischer Dichte erzählte Geschichte, die sich mit viel Ruhe und Sensibilität ein Thema vornimmt, über das man sonst wenig erfährt: Sexualität im Alter.

Der Rentner Émile hat nicht viel zu tun. Eine seiner Lieblingsbeschäftigungen besteht darin, mit seinem besten Freund Edmond angeln zu gehen. Eines Tages erzählt ihm Edmond, dass er trotz seines hohen Alters erotischen Freunden nicht abgeneigt ist. Durch Kontaktanzeigen lernt er Frauen kennen. Außerdem malt er heimlich Frauenakte.

Émile findet das sehr spannend. Doch als Edmond kurze Zeit später stirbt, verliert auch Émile die Lebensfreude. Er begibt sich auf eine letzte Reise entlang der Loire, um vor seinem Freitod, für den er sich Schlaftabletten besorgt hat, noch einmal die Orte seiner Jugend zu besuchen. Was er dabei erlebt, trägt nicht dazu bei, seinem Leben ein Ende zu setzen. Ein erster Joint, eine Wohngemeinschaft, die der freien Liebe huldigt, und eine völlig unerwartete Erektion geben ihm neue Impulse. Eine nicht in allen Punkten realistische, aber klasse und mit sehr viel Feingefühl erzählte Geschichte.

Den Zugang zu den auf den ersten Blick etwas fahrig wirkenden Zeichnungen findet man leicht. Rabaté kann erstaunlich viel Charakter in Mimik und Bewegung legen. Selbst das kleine Auto, mit dem Émile durch die Gegend gurkt, scheint ein Eigenleben zu besitzen. Sicherlich einer der schönsten Comics des Jahres.

Das Album wurde 2007 in Angoulême mit dem Prix de la critique ausgezeichnet. Bleibt zu wünschen, dass Reprodukt mehr Alben von Rabaté ins Programm nimmt.

Pascal Rabaté: Bäche und Flüsse
96 Seiten, 18,- Euro, Reprodukt, ISBN 978-3-941099-21-0
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Inspektor Canardo 11 + 18

sokal-canardo-11Als 1983 das erste Canardo-Album bei Carlsen erschien, war diese Art der Erzählung ziemlich ungewöhnlich. Ein Privatdetektiv im Bogart-Trenchcoat – okay. Aber dass es sich nicht um einen Mensch, sondern um eine Ente handelte, und auch alle anderen Figuren Tiere waren, das war neu. Und spannend. Und klasse gemacht.

Denn die Ente agierte absolut cool, hatte oft mehr beobachtenden als ermittelnden Status, und manche Dinge liefen einfach auch komplett an ihr vorbei. Die Geschichten waren teils zynisch, oft tragisch, und immer melancholisch. Ein Hauch von Vergeblich- und Vergänglichkeit umwehte Figuren wie Szenarien. Dramen ohne Ende, aber doch auch nicht wirklich wichtig. Wie das Leben – ebenso sinnlos und stumpfsinnig wie wunderbar. Und die Ente in ihrem alten Cadillac sokal-canardo-18Eldorado Biarritz 1956 gab den Loser so überzeugend, das sie schnell zur Kultfigur wurde.

Die Serie lief bei Carlsen und wurde später von Schreiber & Leser fortgesetzt. Jetzt wurde mit Band 11 die letzte Lücke geschlossen und mit Band 18 gleichzeitig der aktuelle Band publiziert.

In Band 11 wird Canardo ans Sterbebett eines alten Mannes gerufen, der nur noch wenige Stunden zu leben hat. Das stört seine Familie weniger als die Tatsache, dass er bislang nicht verraten hat, wo er den Schatz versteckt hat, den er während des Krieges mitgehen lassen hat. Canardo soll ihn finden. Glücklicherweise hat ein befreundeter Techniker gerade eine Zeitmaschine entwickelt. Was liegt also näher, als dass die Ente sich ins Jahr 1944 begibt.

In Band 18 schlägt sich der männliche Nachwuchs der Dynastie von Belgamburg mit seinen Hormonen und den Ansprüchen seiner Mutter herum, die immer wieder mit viel Geld dafür sorgen muss, dass die sexuellen Verirrungen ihres Sohnes keinen Weg auf die Titelseiten der Klatschpresse finden. Als der Filius eines Tages eine junge Frau bei einem Verkehrsunfall so schwer verletzt, dass ihr Gesicht aussieht wie eine mit dem Belag nach unten gefallene Pizza, fangen die Probleme erst richtig an. Nicht ganz so originell wie Band 11, aber doch ein echter Canardo.

Benoît Sokal: Inspektor Canardo (11: Sterbenswörtchen)
48 Seiten, 12,95 Euro, Schreiber & Leser, ISBN 978-3-941239-17-3
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Benoît Sokal: Inspektor Canardo (18: Die Frau ohne Gesicht)
48 Seiten, 12,95 Euro, Schreiber & Leser, ISBN 978-3-941239-22-7
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Jeronimus

pendanx-jeronimus-1Am 4. Juni 1629 lief die Batavia, ein Schiff der Vereenigde Oostindische Compagnie (VOC), 60 Kilometer vor der australischen Westküste auf ein Riff. 341 Personen waren an Bord, darunter 38 Frauen und Kinder. Die gerade im Jahr zuvor nach modernsten Techniken gebaute Batavia war auf dem Weg von Amsterdam nach Java, um dort für die VOC Gewürze an Bord zu nehmen. Die VOC war die erste Aktiengesellschaft der Welt – und wie alle späteren Aktiengesellschaften auch vor allem darauf bedacht, so viel wie möglich Profit aus ihren Unternehmungen zu schlagen. Die Matrosen waren schlecht bezahlt, wurden schlecht behandelt und waren schlecht untergebracht.

Bis auf etwa 20 Personen überlebten die meisten Passagiere die Havarie. Sie konnten sich auf benachbarte Inseln retten. Der Kapitän unternahm den waghalsigen Versuch, mit ein paar Matrosen in einem geretteten Beiboot die rund 900 Meilen entfernte Niederlassung im damaligen Batavia zu erreichen, um Hilfe zu holen. Er schaffte es tatsächlich.

Unter denen, die auf den Inseln zurück geblieben waren, befand sich der Apotheker Jeronimus Cornelisz. Er war mehr oder weniger aus Amsterdam geflüchtet, nachdem seine Apotheke Bankrott und seine Ehe in die Brüche gegangen war. Auf der Insel der Gestrandeten riss er alle Befehlsgewalt an sich und errichtete ein blutiges Terrorregime, um sich die Ladung der Batavia zu sichern, unter der sich Gold, Silber und Edelsteine befanden.

Christophe Dabitch erzählt in dieser Trilogie die Geschichte von Jeronimus. Jean-Denis Pendanx malt die dazu gehörigen Bilder ein bisschen im Stil der der damaligen Zeit, was der Reihe eine sehr authentische Atmosphäre gibt. Erfreulich zurückhaltend erzählt und prima gezeichnet beschreibt der jetzt erschienene Band 1 die Schiffsreise bis kurz vor der Havarie. Band zwei soll im März 2010 erscheinen, der abschließende dritte Band erscheint in Frankreich im Frühjahr, bei Schreiber & Leser dann gegen Ende 2010.

Jean-Denis Pendanx, Christophe Dabitch: Jeronimus
Bd 1: 80 Seiten, A5, gebunden, 18,80 Euro, Schreiber & Leser, ISBN 978-3-941239-24-1
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lust-letzter-tagDie Macht der Männer liegt in der Geduld der Frauen. Diese Erkenntnis der Frauenbewegung aus den 70er Jahren war in den 80ern unter Punkfrauen nicht mehr sehr verbreitet. Sie dachten, ihr schräges Aussehen sei für Typen abschreckend genug.

Falsch, wie Ulli, die nach ihrem siebzehnten Geburtstag zusammen mit Freundin Edi ohne Geld und Ausweispapiere ins sonnige Italien trampt, um der spießigen Enge von Wien zu entfliehen, feststellen muss. Der Preis für eine Übernachtung bei Straßenbekanntschaften ist ein klebrig-schwitzender Männerkörper im Bett, den frau nur schwer – und manchmal gar nicht – los wird. Dass sie daraus keine Konsequenzen zieht und sich wochenlang auf dieses entwürdigende Spiel einlässt, lässt sich nicht nur damit erklären, dass eine Übernachtung im Regen keine besonders angenehme Alternative darstellt, sondern eben auch damit, dass bei jeder neuen Bekanntschaft die immer neue Hoffnung aufkeimt, hier endlich einmal eine Spezies Mann getroffen zu haben, die nicht zum Testosteronmonster mutiert, sobald sie Brüste sieht.

Ganz schwierig wird das auf Sizilien, wo die beiden den Winter verbringen möchten. Dort gehen pubertierende Mädchen nicht ohne brüderliche Begleitung aus dem Haus, von wegen der Jungfräulichkeit und so. Was dazu führt, dass pubertierende Jungen sich zwangsläufig an Touristinnen halten.

Auf Hilfe von Edi kann Ulli nicht rechnen, denn Edi geht gerne mit Männern ins Bett. Weshalb, fragt Edi, soll frau sich nicht prostituieren, wenn sie damit das nützliche mit dem angenehmen verbinden kann? So reduziert sich der Traum von der Flucht in die Sonne immer öfter auf nervige Abwehrkämpfe, die ein relaxtes Genießen unmöglich machen. Vom Stress mit der Mafia gar nicht zu reden.

Die Geschichte von Ulli und Edi ist ein spannendes, unterhaltsames und gut gezeichnetes Roadmovie, das fette 460 Seiten stark ist. Eine autobiografische Geschichte, die viele Jugendliche damals wahrscheinlich ähnlich erlebt haben. Denn wer ist damals nicht quer durch Europa Richtung Mittelmeer getrampt und hatte einen Haufen Probleme, wenn die Kohle alle war? Vor allem als Frau ohne männliche Begleitung. Aber ein Trost bleibt: So schlecht die Dinge manchmal auch laufen – man kann eben immer noch eine gute Geschichte daraus machen.

Ulli Lust: Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens
460 Seiten, A5, sw, 29,95 Euro, avant, ISBN 978-3-939080-36-7
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Das kleine Rockbuch

bourhis-rockbuchAlso das hier ist wirklich eine tolle Sache. Es gibt unzählige Rock-Enzyklopädien, in denen die Bands fein säuberlich nach Alphabet aufgelistet sind. In der Regel lesen sie sich in etwa so rockig wie ein Kammerkonzert klingt.

Bourhis ist anders. Er versucht erst gar nicht, irgendeine Art von Seriosität aufkommen zu lassen. Er schreibt und zeichnet so, wie gute Rock-Musiker spielen: hemmungslos subjektiv, anarchisch und lustbetont. Süffisant grinsend kramt er das ein oder andere (peinliche) Detail der Rockgeschichte aus und verewigt es in diesem Album, das mit dem Jahr 1915 beginnt (da kam die erste Jukebox auf den Markt) und 2009 endet.

Viele geniale Musiker fehlen. Über Santana, Johnny Winter, Joe Cocker, Supertramp oder Ten Years After erfährt man nichts – um nur einige zu nennen. Aber das ist nicht so wichtig, denn hier geht es nicht um kleinkrämerische Buchhaltung, sondern um Rock ´n Roll. Um die Entwicklung der Musik und ihrer verschiedenen Stilrichtungen. Und um die Kuriositäten am Rande.

So erfährt man, dass der Auftritt von Johnny Ace ausfallen musste, weil er vor dem Konzert russisches Roulette mit einem geladenen Revolver gespielt hat. Dass Ozzy Osbourne (Ex-Black Sabbath) gegen Tollwut behandelt werden musste, nachdem er auf der Bühne einer Fledermaus den Kopf abgebissen hat. Dass Little Richard, damals der Inbegriff von Erotik, heute als Adventisten-Prediger tingelt.

Respekt vor großen Namen ist Bourhis fremd. Unter den sechs Platten, die seiner Meinung nach die Entstehung des Punkt rechtfertigten, listet er unter anderem „Hotel California“ von den Eagles und „Oxygene“ von Jarre auf. Und über Michael Jackson lästert er: „Michael Jackson ist mit seinem Album ´Thriller´ der absolute Crossover gelungen. Er erreicht das Rock-, Funk- und Pop-Publikum, das schwarze, weiße, aber auch gelbe, grüne, jugendliche, erwachsene, kindliche Publikum, kurz, er erreicht alle.“

Dieser Comic wird alle diejenigen erreichen, die Rockmusik lieben. Man kann ihn von vorne nach hinten lesen, man kann ihn auch von hinten nach vorne oder einfach quer lesen. Eins ist auf jeden Fall garantiert: ein mehrstündiges Lesevergnügen mit hohem Unterhaltungsfaktor. Und viele Erinnerungen, die bei der Erwähnung der einen oder anderen Geschichte aufkommen. Ein klasse Album – einfach herzerfrischend anders.

Herve Bourhis: Das kleine Rockbuch
208 Seiten, A5, 19,90 Euro, Carlsen, ISBN 978-3-551-75040-2

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