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Wika

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Wieder mal so eine typische Fantasy-Operette: Der Herzog Grimm und seine angetraute Frau Titania, beides Feen, leben glücklich mit ihrer kleinen Tochter Wika, ebenfalls eine Fee, auf Burg Grimm. Leider gönnt der böse Prinz Oberon ihnen das traute Familienglück nicht, denn Oberon war lange Zeit selber in Titania verknallt. Dass die Holde sich für einen anderen entschieden hat, kann er nicht verwinden, also erobert er die Burg mit seinen Heeren und massakriert die Bewohner samt Herzog und Herzogin. Doch die haben den Schrecken kommen sehen und die kleine Wika vor Oberons Rache bei einem Ehepaar auf dem Land in Sicherheit gebracht. Keine Frage, was Wika tut, als sie erwachsen wird.

Wer Comickunst öfter liest, weiß, dass ich mit dieser Art Fantasy nichts anfangen kann. Es ist im Grunde die immer gleiche Story, und wer am Ende gewinnt, weiß man jetzt schon. Wenn ich die auf vier Bände angelegte Reihe hier trotzdem vorstelle, dann deshalb, weil die Bilder von Ledroit (Die Chroniken des schwarzen Mondes, Xoco, Requiem) wirklich üppig sind. Eine ebenso bunte wie wilde Mischung aus Märchenbuch, Steampunk, Feenwelt und Opernkitsch, in der es auf jeder einzelnen Seite viel zu sehen und zu entdecken gibt.

Magie und Hexerei, Rosen und Stahl, grausame Zähne und sinnliche Lippen, elegantes Flechtwerk und Stickereien, silberne Schwerter und Klappzylinder, süße Feen und wilde Trolle, finstere Mörder und zärtliche Liebende, hilfreiche Verbündete und ruchlose Verräter – hier findet man alles, was eine verwunschene Welt braucht, und mit Farbe wird auch nicht gegeizt. Schade zwar, dass die einzige Figur, die ein bisschen Lockerheit in die Story bringt, bereits kurz vor Schluss gemeuchelt wird – aber es sind ja noch drei Bände angekündigt. Inhaltlich purer Kitsch, aber das Artwork ist zum Augendrinbaden: bombastisch, üppig und expressiv.

Olivier Ledroit, Thomas Day: Wika
72 Seiten, gebunden, 15,80 Euro, Splitter, ISBN 978-3-95839-005-8
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Sherlock Fox

yu-sherlock-foxUnter dem Begriff Zoophagie versteht man das Verspeisen von lebenden Tieren. Das ist das schlimmste Verbrechen, das man in diesem Album, in dem Tiere wie Menschen agieren, begehen kann. Der Fuchs Ney Quitsou, alias Sherlock Fox, der hier als Polizeikommissar arbeitet, geht davon aus, dass Zoophagie seit Jahrhunderten ausgemerzt ist. Deshalb ist Fox ebenso erstaunt wie entsetzt, als im Wald nahe der Hauptstadt Knochen gefunden werden, an denen sowohl Messer-, wie auch Bissspuren zu erkennen sind.

Fox nimmt die Ermittlungen auf. Das ist nicht einfach, denn im Hintergrund scheint eine Bande zu agieren, die Beziehungen bis in höchste Polizeikreise hat. Nicht genug damit, überrascht der Gerichtsmediziner den Kommissar mit der Nachricht, dass die gefundenen Knochen keinem bislang bekanntem Lebewesen zuzuordnen sind.

Szenarist Jean-David Morvan hat sich eine Kriminalgeschichte ausgedacht, die spannend erzählt wird und nur den einen Nachteil hat, dass dies der erste Band einer Serie ist, von der man nicht weiß, nach dem wievielten Band sie endet. Man kann nur hoffen, dass die Geschichte nicht wie andere Serien, die ebenfalls stark gestartet sind, irgendwann inhaltsleer vor sich hin dümpelt.

Das wäre nicht zuletzt wegen der Zeichnungen des Chinesen Du Yu schade, die wirklich klasse sind. Das Figurenkabinett erinnert entfernt an Blacksad, ist aber filigraner ausgeführt. Manche Seiten – vor allem die Landschaften – haben eine fast märchenhafte Atmosphäre. Stark ist Yu auch mit dem Wechsel von Licht und Schatten. Wenn die Reihe das Niveau hält, könnte sie zu einer der gegenwärtig schönsten Kriminalgeschichten auf dem Comicmarkt werden. Das Potenzial dazu hat sie jedenfalls.

Du Yu, Jean-David Morvan: Sherlock Fox
64 Seiten, gebunden, 14,80 Euro, Splitter, ISBN 978-3-95839-037-9
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Barry Hoden

koenig-barry-hodenjpgKonrad und Paul, die beiden Lieblingsfiguren von König, in einem SF-Abenteuer. Wobei genau genommen lediglich Paul im Weltall unterwegs ist, und zwar als Barry Hoden. So nennt er in dem Roman, den er gerade schreibt, den ihm ähnlich sehenden Piloten des Raumschiffs Libido XL. Und wenn Paul einen Roman schreibt, kann man sich vorstellen, um was es dabei hauptsächlich geht.

Doch vor der grenzenlosen Lustentfaltung steht eine Irrfahrt durch die Galaxis. Die Libido ist vom Kurs abgekommen. Schlecht, denn das verschlägt Barry in eine Welt, deren Bewohner sich aus Schnapfgacken, Nacktschnecken, Schuppenflechten und ähnlich unerotischen Wesen zusammensetzen. Allesamt intelligente Viecher, die Paul aufgrund seiner Körperbehaarung als Primaten einstufen und ihm einen Job an der Kasse eines Alien-Pornokinos zuweisen. Aber dann lernt Barry endlich die Brants kennen, und nie für möglich gehaltene schwule Erotikspiele werden Wirklichkeit.

Das Album ist eine Fortsetzung von Raumstation Sehnsucht – kann aber auch gut für sich alleine gelesen werden. Im Gegensatz zu Raumstation Sehnsucht, das bei Rowohlt verlegt wurde, ist Barry Hoden bei Männerschwarm erschienen – was bedeutet, dass es hier in den Zeichnungen klar zur Sache geht. Auch inhaltlich hat Barry Hoden mehr zu bieten. Es ist nicht alles logisch, was hier passiert, aber das ist auch nicht wichtig. Seltsame Kreaturen und eine ziemlich abgefahrene Story sorgen dafür, dass man nach langer Zeit mal wieder richtig Spaß an einem neuen König-Album hat.

Das typische Personal der Konrad und Paul-Geschichten ist ebenfalls dabei. Pauls Schwester Edeltraud ist die Schnapfgacke Trulla, Konrad wird zu dem Wissenschaftler Gon Rath, und Brigitte ist die Brant-Forscherin Igitte. Freude machen auch die Dialoge (darin ist König eh erste Sahne) zwischen Paul, der relaxed auf dem Sofa lümmelt, und Konrad, der den Roman erstmals liest.

“Es geht”, fasst Paul den Inhalt seines Meisterwerks zusammen, “um das Tier im Hosenstall und um seine Existenzberechtigung im Universum!”. “Ja, ich glaub”, bescheinigt ihm Konrad, “das kommt rüber.”

Ralf König: Barry Hoden – Im Weltall hört dich keiner grunzen
224 Seiten, gebunden, 22,- Euro, Männerschwarm Verlag,
ISBN 978-3-86300-180-3

Violette Nozière

benyamina-violette-noziereViolette Nozière – ein monströses Kind von 18 Jahren titelte die Presse anlässlich ihres Prozesses im Herbst 1934. War sie das? War sie wirklich ein Monster? Violette wird 1915 in Burgund geboren. Ihr Vater ist Lokführer, ihre Mutter kümmert sich um das Kind, das zunächst einen kranken und schmächtigen Eindruck macht. Aufgrund seiner Leistungen wird der Vater nach Paris versetzt – die Familie zieht um. In dieser bunten, flirrenden Metropole ist plötzlich alles anders als in der Enge der Provinz. Hier pulsiert das Leben Tag und Nacht, und Violette, die in die Pubertät kommt, möchte daran teilhaben.

Das geht natürlich nicht, wenn man ein Kind aus einer bürgerlichen Familie ist, das nicht mehr zu bieten hat, als alle anderen auch. Also erfindet Violette kurzerhand eine neue Identität. Im Grunde sogar mehrere. Je nach Verehrer ist sie Modeschöpferin und ihre Mutter die rechte Hand eines Konzernchefs, während der Vater von ihr zum Ingenieur befördert wird. So turtelt sie durch die Bars von Mann zu Mann, fängt sich die Syphilis ein, turtelt weiter, lässt sich gelegentlich auch für ihre Liebkosungen bezahlen, aber das Geld reicht trotzdem nicht. Also fängt sie an, ihre Eltern zu bestehlen. Als auch das nicht reicht, besorgt sie Gift.

Eddy Simon hat das Szenario dieses Albums nach einer wahren Geschichte geschrieben. Er schildert Violette als kaltes, berechnendes Wesen. Ein möglicher sexueller Missbrauch durch Vater oder Großvater wird zwar angedeutet, aber schnell wieder negiert. Claude Chabrol hatte die Geschichte bereits 1978 verfilmt und unterschiedliche Motive für Violettes Handeln angedeutet, sich aber auch nicht festgelegt.

Die Zeichnerin Camille Benyamina hat den Kriminalfall, der 1934 ganz Frankreich aufwühlte, in Bilder gepackt, die viel Atmosphäre rüberbringen. Manchmal scheinen die Proportionen ihrer Figuren nicht zu stimmen, wodurch sie hölzern und puppenhaft wirken. Davon angesehen ist es ein ansprechend gezeichnetes Album, an dem vor allem die gefühlvolle Ton-in-Ton-Kolorierung gefällt.

Camille Benyamina, Eddy Simon: Violette Nozière – Der verruchte Engel
96 Seiten, gebunden, 22,- Euro, Knesebeck, ISBN 978-3-86873-760-8
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Gauguin

gaultier-gauguinGleichzeitig mit dem Phantom der Oper legt Knesbeck ein weiteres Album von Christophe Gaultier auf. Diesmal geht es um den französischen Maler Paul Gauguin, der 1901 nach Hiva Oa auswanderte, um fern von zivilisatorischen Zwängen leben und malen zu können. Es ist keine Biografie im strengen Sinn, sondern mehr ein paar ausgesuchte Momente aus Gauguins Leben in den Tropen. Dabei kam es Szenarist Le Roy darauf an, Gauguin als konsequenten Aussteiger zu zeigen – als jemanden, der nicht nur gemalt und mit Minderjährigen geschlafen, sondern sich auch mit Kirche und Obrigkeit angelegt hat. Es geht, wie Le Roy im Vorwort schreibt, nicht um den Maler, den man von bunten Postkarten kennt, sondern um den Kirchenfeind, den Anti-Kolonialisten, den Pazifisten und Anti-Monarchisten.

Keine Angst: Le Roy macht Gauguin nicht zum Revolutionär mit politischen Ambitionen. Es ist der Boheme in Gauguin, dessen Abscheu vor Heuchelei und Konventionen nicht im Kulturellen stehen bleibt, sondern sich auch in den Alltag der Menschen auf der Insel einmischt. Etwa, wenn Gauguin ihnen erklärt, dass sie das Recht haben, ihre eigenen Traditionen zu leben, und sich nicht an die Doppelmoral der Kirche anpassen müssen. Oder wenn er sich weigert, Steuern zu zahlen.

Die Zeichnungen von Gaultier sind ein bisschen grober als im Phantom der Oper, treffen aber das Leben auf der Insel recht gut. Kein Album, das viel Spannung zu bieten hat, und inhaltlich kommt auch nicht viel rüber, aber für Gauguin-Fans und Kunstfreunde sind diese kleinen Tupfer aus dem Leben des Auswanderers nicht uninteressant.

Christophe Gaultier, Maximilien Le Roy: Gauguin – Paradies und Wildnis
88 Seiten, gebunden, 22,- Euro, Knesebeck, ISBN 978-3-86873-751-6

Das Phantom der Oper

gaultier-phantom-der-operGaston Leroux ist vor allem durch zwei Romane bekannt geworden: Das Geheimnis des gelben Zimmers gilt auch heute noch als ein Klassiker der locked-room-mystery. Der zweite Klassiker aus seiner Feder ist Das Phantom der Oper. Diese tragische Romanze hat diverse Adaptionen als Film, Musical und Theaterstück erlebt – jetzt hat Christophe Gaultier auch einen Comic aus dem Stoff gemacht. Von Gaultier gab es in deutscher Übersetzung bislang nur den Donjon-Band Der letzte Ritter. Erstaunlich, denn seine Zeichnungen sind wirklich sehenswert. Sie erinnern – zumindest in diesem Album – ein bisschen an den Stil von Christophe Blain.

Die Geschichte selber dürfte bekannt sein: Im Jahr 1869 lebt ein Mann namens Eric in den Katakomben der Pariser Oper, der allgemein als Phantom bezeichnet wird. Er lässt sich nicht sehen, er lebt versteckt, denn er ist verunstaltet. In dem Roman von Leroux fehlt ihm die Nase – Gaultier zeichnet ihn gleich als Totenkopf mit Ledermaske. Eric ist hochmusikalisch und in das Chormädchen Christine verliebt. Er fordert vom Operndirektorium, dass sie tragende Rollen singen soll, sonst… Und natürlich gibt es den Nebenbuhler in Gestalt des jungen Vicomte de Chagny, in den Christine verliebt ist.

Die Mischung aus Mystery und Schmonzette ist spannend und anrührend zugleich. Gaultier macht erst gar nicht den Versuch, der Handlung mehr Tiefgang zu geben, als sie hat. Hier ein bisschen Opernglanz, da ein paar unheimliche Kellergewölbe, dazwischen Menschen, die versuchen, zueinander zu finden oder einander auszuweichen – fertig ist eine unterhaltsam in Szene gesetzte Schauergeschichte, die anzusehen sich lohnt. Wer den Zeichenstil von Blain mag, sollte auf jeden Fall mal reinschauen.

Christophe Gaultier, Gaston Leroux: Das Phantom der Oper
112 Seiten, gebunden, 22,- Euro, Knesebeck, ISBN 978-3-86873-777-6
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Sin Titulo

stewart-sin-tituloFür Alex läuft es nicht gerade gut. Er arbeitet in einer Zeitungsredaktion, hängt mit vier Artikeln hinterher, und seine Chefin ist auch nicht gut auf ihn zu sprechen, seit er ihre Annäherungsversuche abgelehnt hat. Seine Freundin wiederum ist genervt, weil er zu wenig Zeit mit ihr verbringt. Das liegt unter anderem daran, dass Alex gerade in eine Geschichte verstrickt ist, die sein ganzes Leben auf den Kopf zu stellen droht.

Sein Großvater ist gestorben. Im Nachlass findet Alex eine Fotografie, die den Großvater mit einer gut aussehenden, aber unbekannten Frau zeigt. Im Prinzip könnte Alex die unbekannte Schöne egal sein, aber sein Großvater hat auf dem Bild ein so seliges Lächeln auf den Lippen, dass Alex sich fragt, wer diese Frau wohl sein könnte. Mit dem Foto in der Hand forscht er bei den Insassen des Altersheims, in dem sein Großvater untergebracht war. Niemand kann ihm helfen. Doch da ist ein Pfleger, der sich seltsam benimmt, und vom Grab des Großvaters entfernt sich, als Alex kommt, gerade die Frau, die auf dem Foto zu sehen ist. Damit beginnt eine düstere Geschichte, in der sich Traum, Realität und Kindheitserinnerungen immer stärker miteinander vermischen.

Cameron Stewart, der unter anderem die Batman und Robin-Serie bei DC Comics gezeichnet hat, liefert damit eine spannende Mystery-Story ab. Ursprünglich im Internet als Online-Comic veröffentlicht (da kann man ihn sich, allerdings nur auf englisch, immer noch komplett ansehen), legt ihn Panini jetzt als gebundene Ausgabe in Querformat vor. Das Album wurde mit dem Eisner Award als bester digitaler Comic des Jahres 2010 und mit dem kanadischen Shuster Award ausgezeichnet. Das geht okay, denn neben der Spannung überzeugen auch die Zeichnungen, die Stewart in einem monochromen Braun ausgeführt hat. Auch am Storyaufbau mit seinen fast schon chirurgisch präzisen Wechseln zwischen Gegenwart, Traum und Vergangenheit gibt es nichts zu meckern. Der Plot ist für meinen Geschmack etwas zu mystisch, aber die Idee dahinter ist originell.

Cameron Stewart: Sin Titulo
172 Seiten, gebunden, monochrom, 24,99 Euro, Panini, ISBN 9783862019588