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crumb-tribute-toDer US-Zeichner Robert Crumb, der heute mit Frau und Tochter im Frankreich lebt, ist einer der wichtigsten Comickünstler der Gegenwart. Er revolutionierte den Comic in den 1960er Jahren, und sein Album Fritz the Cat gehörte zur Grundausstattung jeder Wohngemeinschaft. Seine Arbeiten und die erotischen Obsessionen treffen nicht jedermanns Geschmack und wurden oft als frauenfeindlich kritisiert. Trotzdem war er  Vorbild für die nachfolgende Generation von Zeichnern. 1999 erhielt er den Preis des Comic-Festivals in Angoulême für sein Lebenswerk.

Was lag also näher, also die beim Münchner Comicfestival ins Leben gerufene Tradition, einflussreiche Künstler mit Tribut-Bänden zu würdigen, diesmal mit einem Crumb-Tribute-Album fortzusetzen. 80 Zeichner aus aller Welt haben dazu beigetragen. Schwarzweiß und bunt, in deutsch und englisch (die englischsprachigen Beiträge wurden nicht übersetzt, sind aber nicht schwer verständlich). Unterhaltsam wie immer sind die Beiträge von Harm Bengen, Ralf König, Hansi Kiefersauer und Ivo Kircheis, very crumby die Zeichnungen von Tom Bunk und Gilbert Shelton, und schöne ganzseitige Kompositionen haben unter anderem Frank Cmuchal, R.M. Guera und Rudi Hurzlmaier beigesteuert.

Mit von der Partie sind außerdem Aline Kominsky-Crumb, Arne Bellstorf, Eckart Breitschuh, Juan Diaz Canales, Calle Claus, Burkhard Ihme, Jamiri, Laska, Nicolas Mahler,  Joe Matt, Christian Moser,  José-Luis Munuera, Peter Petri, Peter Puck, Erich Rauschenbach, Volker Reiche, Jan Reiser, Simon Schwartz, Gerhard Seyfried, Wittek, Timo Würz, Zep und viele andere. Und obwohl ich von Vorworten nichts halte und das von Fil in diesem Band maßlos übertrieben ist, liest es sich witzig und passt zum Thema (auch der Meister hat ja oft und gerne übertrieben).

Wie immer bei solchen Alben gibt es auch schwächere, manchmal auch einfach nur einfallslose Beiträge. In der Summe überwiegt aber die Kreativität. Für Crumb-Fans ein amüsantes Album – denjenigen, die mit Crumbs Arbeiten weniger vertraut sind, werden viele der darin enthaltenen Anspielungen auf sein Werk naturgemäß weniger sagen.

A Tribute to Robert Crumb
100 Seiten, 20,- Euro, Edition 52, ISBN 978-3-935229-84-5

Reportagen

sacco-reportagenJoe Sacco ist Comic-Journalist. Er hat Reportagen über den Krieg in Bosnien und Palästina (und Gaza) gezeichnet, die allesamt hochdekoriert wurden. In dem neuen Band berichtet er über den Krieg im Kaukasus und im Iran, über afrikanische Flüchtlinge, die auf Malta gestrandet sind und über eine Kaste in Indien, deren Status so sehr unter dem anderer Kasten liegt, dass diese Menschen wahrscheinlich in naher Zukunft schlichtweg vor Hunger aussterben werden. Außerdem gibt es ein paar kleinere Beiträge über das Kriegsverbrechertribunal in Den Haag und Begegnungen in Palästina – gezeichnet für Zeitungen wie Time, Guardian und Globe.

Was mir an seinen bisherigen – durchaus interessanten – Alben weniger gefallen hat, war, dass seine Geschichten immer ein bisschen in der Luft zu hängen schienen. Was bringt es, ein Interview mit Kriegsopfern an das andere zu reihen? In seinen Alben wimmelt es von ermordeten, vergewaltigten, verschleppten, gefolterten und vertriebenen Menschen. Das anzuprangern ist okay – aber was sagt es über die Ursache eines Konflikts? Die Bestialitäten, die Menschen in (Bürger)kriegen einander antun, sind immer die gleichen – egal an welchem Ort oder in welchem Land.

Das ist in diesem Album insofern anders, als es nicht auf ein Thema beschränkt ist, und auch nicht versucht, ein Thema erschöpfend abzuhandeln. Sacco pickt sich einzelne Aspekte heraus, schildert die aber so präzise, dass man dadurch einen Einblick in die Gesamtsituation bekommt. Ihm reichen vier Seiten, um den Hass zwischen jüdischen Siedlern und palästinensischen Bewohnern in Hebron auf den Punkt zu bringen – und damit, ohne es auszusprechen, klar zu machen, dass es in solchen Strukturen niemals Frieden geben kann. Die Kaukasus-Reportage ist dann wieder nach oben beschriebenen Muster gestrickt, aber die Geschichten aus dem Irak zeigen sehr gut, wie ignorant die westliche und islamische Welt aneinander vorbei leben (und bomben), und der lange Bericht über das Elend der afrikanischen Flüchtlinge in maltesischen Lagern macht einmal mehr den Rassismus der Europäer gegenüber Afrikanern deutlich. Auch die Indien-Reportage ist interessant. Ein Album, das mit von allen bisher hier erschienen Sacco-Alben am besten gefällt.

Joe Sacco: Reportagen
192 Seiten, schwarzweiß, 24,- Euro, Edition Moderne, ISBN 978-3-03731-107-3
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Konrad und Paul

koenig-konrad+paulKonrad und Paul sind wohl das bekannteste schwule Pärchen der Republik. Die zwei von Ralf König geschaffenen Figuren erschienen erstmals 1990 in der Zeitschrift Magnus. Seitdem hat König viele Geschichten mit den beiden gezeichnet, in denen er einen schwulen Beziehungsalltag karikiert, der manchmal gar nicht so weit vom Hetero-Alltag entfernt ist.

Konrad ist der eher introvertierte Typ. Er spielt gerne Klavier, liebt Chopin und legt Wert auf Kultur. Paul ist in erster Linie eine geile Sau. Er lässt keine Gelegenheit aus und steht auf stämmige Bauarbeiter mit Muskeln und behaartem Oberkörper. Das Starke an diesen Geschichten ist, dass trotz aller Triebhaftigkeit, die König Paul völlig ungeniert ausleben lässt, immer auch die Zärtlichkeit zwischen Konrad und Paul zu spüren ist. Auch das Thema AIDS bindet König realitätsnah und ohne Pathos ein. Das alles macht seine Figuren lebendig und echt. Dazu kommt, dass König wunderbar pointierte Dialoge schreiben und zeichnen kann. Schon alleine die Blicke seiner Figuren sind ein Genuss für sich.

Der vorliegende Sammelband vereint die drei Konrad und Paul-Bände, die zwischen 1990 und 1998 bei Carlsen erschienen und später in der B&L-Edition von Carlsen in kleinerem Format neu aufgelegt worden sind. Wer diese Alben hat, braucht den Sammelband nicht. Der enthält zwar – wie könnte es anders sein – eine zusätzliche (farbige) Geschichte von König, aber die kann man auch, bis auf eine Seite, in der Leseprobe ansehen. Wer Konrad und Paul allerdings noch nicht kennt, bekommt hier einige der besten Geschichten von König in einer schönen Hardcover-Ausgabe. Aber Achtung: Es ist keine Konrad und Paul-Gesamtausgabe, sondern beinhaltet nur die Schwarzweiß-Geschichten – also die oben erwähnten Bände.

Ralf König: Konrad und Paul – Ist der Ruf erst ruiniert …
160 Seiten, gebunden, 25,- Euro, Ehapa, ISBN 978-3-7704-3725-2
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LiverFool

vanders-liverfoolÜber die Beatles wurde viel geschrieben. Auch gezeichnet. Arne Bellstorf hat mit Baby’s in Black die Geschichte von Astrid Kirchherr und Stuart Sutcliffe als Comic verarbeitet, Hervé Bourhis in seinem Album Das kleine Beatles-Buch das Leben und die Karriere der Fab Four zu Papier gebracht. In LiverFool erzählen Damien Vanders und Gihef die Geschichte von Allan Williams, der sich lange vor Brian Epstein um die Beatles gekümmert hat – beziehungsweise um das, was sie anfangs waren: Eine laute Band ohne Schlagzeuger, die mittelmäßige Musik gespielt hat. Williams hatte Ende der 1950er Jahre einen kleinen Club in Liverpool, in dem viele junge Leute verkehrten. Auch John Lennon und Stuart Sutcliffe waren oft zu Gast. Sie wollten Williams überreden, sie im Club auftreten zu lassen. Der fand sie zu lärmig und lies sie lieber die Bude aufräumen und saubermachen, damit sie ein bisschen Geld verdienen konnten.

Als John zu sehr nervte, verschaffte ihnen Williams einen Gig in einem anderen Lokal. Obwohl sie musikalisch immer noch nicht besser waren, kamen sie gut an. Das lag weniger am Sound, als an ihrer Bühnenpräsenz. Da Williams auch andere Bands managte, entstanden Kontakte nach Hamburg, und als die dortigen Clubbesitzer immer stärker nach britischen Bands mit Mersey Beat lechzten, schickte Williams auch die Beatles über den Kanal.

Es ist eine unterhaltsame und launige Geschichte, die Gihef hier erzählt. Die Mischung aus Fakten und Legende liest sich locker runter und ist nicht nur für Beatles-Fans interessant. Die monochromen Bilder von Vanders wirken auf mich manchmal etwas ungelenk, andererseits bringt er aber auch wirklich schöne Seiten zu Papier und die Atmosphäre der damaligen Zeit gut rüber. Man kann das Album, wenn man mit den Beatles nix am Hut hat, auch als eine Art Sozialreportage lesen, in der man viel von der Aufbruchstimmung und der Quirligkeit der damaligen Zeit mitbekommt.

Damien Vanders, Gihef: LiverFool – Die (wahre) Geschichte des ersten Managers der Beatles
116 Seiten, 18,00 Euro, Edition 52, ISBN 9783935229999
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Millennium-Trilogie

homs-millennium-trilogie1Die Millennium-Trilogie von Stieg Larsson war einer der großen Krimi-Knaller der letzten Jahre. Vordergründig dreht sich alles um die junge Harriet Vanger, die vor langer Zeit während eines Unfalls verschwunden ist. Doch ihr Onkel Henrik erhält noch Jahre nach ihrem Verschwinden regelmäßig an seinem Geburtstag ein Päckchen, in dem eine gepresste Blüte in einem Glasrahmen liegt. Exakt solch ein Geschenk hat Harriet ihm immer gemacht. Lebt sie also noch? Oder ist das der markabre Scherz ihres Mörders? Henrik engagiert den Journalisten Mikael Blomkvist. Der soll herausfinden, was es mit ihrem Verschwinden auf sich hat.

Aber auch Blomkvist hat Probleme. Er arbeitet bei Millennium, einer kritischen Zeitung, und ist gefeierter Star-Reporter – wurde aber gerade verklagt und wegen Verleumdung verurteilt. Seine Story war korrekt. Jemand hatte ihm eine Falle gestellt. Und dann ist da die Punkerin Lisbeth Salander, die zu Computern eine harmonische Beziehung unterhält und als eine der besten Hackerinnen des Landes gilt, gegenüber Leuten, die ihr Übles wollen, aber absolut gnadenlos ist. Sie wird von Blomkvist als Recherche-Hilfe engagiert. Je mehr sich die beiden in die Story reinknien, desto unglaublichere Dinge treten an den Tag.

Der Triller erschien in drei Bänden mit jeweils 680 bis 860 Seiten. Ein echter Pageturner, in dem der Autor den Leser gekonnt über die Seiten jagte. Die Fülle an Material in insgesamt sechs Comicbände zu packen (pro Buch zwei Alben), ist sicher nicht einfach, aber der erste Band zeigt, dass es nicht unmöglich ist. Die Adaption von Runberg beschränkt sich auf das Wesentliche und hält die Spannung hoch. Die Zeichnungen von Homs passen gut in die in Schweden spielende Szenerie und transportieren die unterschiedlichen Charaktere wunderbar. Man darf gespannt sein, ob die Folgebände halten, was der erste Band verspricht. Band 2 erscheint in Frankreich im November, bei Splitter spätestens im Frühjahr 2014.

José Homs Sylvain Runberg, Stieg Larsson: Millennium 1
64 Seiten, gebunden, 14,80 Euro, Splitter, ISBN 978-3-86869-600-4
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Marzi 1989

savoia-marzi2Schon der erste Band von Marzi war klasse. Der zweite, der die Ereignisse des Jahres 1989 beschreibt, steht dem in nichts nach. Die in Polen geborene und inzwischen in Brüssel lebende Autorin Marzena Sowa schildert darin die Erlebnisse ihrer Kindheit in einer polnischen Kleinstadt. Wobei das Jahr 1889 ein besonderes war, denn in diesem Jahr entstand in Polen die Gewerkschaft Solidarność, die durch Streiks und zähe Verhandlungen das Ende des Sozialismus in Polen einläutete.

Marzi erinnert sich an die Nächte, in denen ihr Vater mit seinen Kollegen in der Fabrik übernachtete, um den Streik am Laufen zu halten. Man war nie sicher, wie die Regierung reagieren wird: Belässt sie es bei Einschüchterungsversuchen, oder lässt sie die Streikenden ins Gefängnis werfen? Die wirtschaftliche Situation des Landes verschlechtert sich zusehends. In den Läden gab es kaum noch etwas zu kaufen.

Wie im ersten Band geht es nicht nur um große Politik, sondern auch um den Alltag. Die kleine Marzi berichtet von ihrer Abneigung gegen Rühreier, von Ferientagen auf dem Erdbeerfeld, von der Möglichkeit, aus Fensterkit Kaugummi herzustellen, von Problemen mit unterschiedlich großen Füßen und unbeliebten Nachbarn. Alles wird aus der – oft rührend naiven – Sicht eines Kindes erzählt und wunderbar pointiert gezeichnet.

Im Anhang des Bandes erzählt sie von einer Reise, die sie 20 Jahre später als Erwachsene gemacht hat, um ihre Familie in Polen wiederzusehen. Einer ihrer Kinderfreunde beschreibt den Unterschied zwischen damals und heute so: “Früher hatten wir nichts. Jetzt haben wir alles, oder wir könnten es zumindest haben, wenn wir genug Geld dafür hätten.” Ein informatives, unterhaltsames und vergnügliches Album, in dem auch die Situationskomik nicht zu kurz kommt.

Sylvain Savoia, Marzena Sowa: Marzi (1989)
228 Seiten, gebunden, 24,95 Euro, Panini, ISBN 978-3862014682
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abirached-spiel-der-schwalbenZeina Abirached wurde 1981 während des Bürgerkriegs in Beirut geboren. Fünf Jahre später – der Krieg sollte noch weitere fünf Jahre dauern – kommen ihre Eltern von einem Besuch bei der Großmutter nicht zurück. Ihre Wohnung liegt am Rand der Demarkationslinie, die den christlichen Westen vom muslimischen Ostteil der Stadt trennt. In den Straßen wüten Militärs und Scharfschützen. Die Häuser der Eltern und der Großeltern sind nicht weit voneinander entfernt, aber die Heckenschützen machen die Strecke lebensgefährlich. Man kann sich dort nur nach einem ausgeklügelten System bewegen. Auch das bietet keine Garantie, dass man lebend ankommt.

Um die kleine Zeina von ihrer Angst um das Leben der Eltern abzulenken, versammeln sich die Nachbarn in ihrer Wohnung. Die ist, um sich vor Kugeln zu schützen, immer kleiner geworden. Ein Zimmer nach dem anderen wurde aufgegeben. Am Ende bleibt nur noch ein einziger halbwegs sicherer Raum, in dem sich alle versammeln. Auch sonst zwingt der seit Jahren anhaltende Bürgerkrieg zur Improvisation. Als die Stromausfälle häufiger werden, besorgt sich einer der Hausbewohner einen Generator. Der erlaubt es, gemäß einer komplizierten Berechnung der Amperezahlen aller angeschlossenen Geräte, entweder einen Teil der Wohnung zu beleuchten, oder den Fernseher und eine Lampe anzuschalten, oder den Staubsauger, oder das Bügeleisen zu benutzen.

Abirached liefert die exakte Beschreibung eines Lebens im Bürgerkrieg, und die vielen Details, die sie aufzählt, lassen sogar Situationskomik aufkommen. Die holzschnittartig wirkenden Zeichnungen sind präzise, aber statisch, und wirken, weil sie manche Motive mehrmals auf einer Seite wiederholt, streckenweise eintönig. Trotzdem ist es kein schlechtes Album. Es zeigt, wie Menschen ihr Leben auch unter widrigsten Umständen organisieren. Zu Abiracheds Zeiten im Libanon – heute in Syrien, im Irak und überall sonst, wo ähnliche Zustände herrschen.

Zeina Abirached: Das Spiel der Schwalben
182 Seiten, schwarzweiß, 19,95 Euro, avant, ISBN 978-3-939080-77-0
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