Evil Road

monfery-evil-roadEasy Rider mit 80? Warum nicht! Einfach mal Gas geben und ab die Post den Highway runter – immer geradeaus Richtung Sonnenuntergang. Die Brüder Helias und Helis haben genau das vor, als sie zufällig einen vor ewigen Zeiten abgesoffenen Fort-T aus einem kleinen Teich fischen. Die Karre muss natürlich noch flott gemacht werden, aber nach einigem Gefrickel kriegen sie das hin. Der Motor springt an – und rein ins Vergnügen.

Alles läuft gut, bis einer der beiden ein dringendes Bedürfnis verspürt und gegen einen riesigen Abschleppwagen pinkelt, der verlassen am Straßenrand in der Wüste steht. Das bringt Leben in die Bude, denn das stählerne Ungetüm erwacht plötzlich zum Leben. Sei es, dass der Fahrer es übel nimmt, dass da einfach jemand gegen seinen Ward G 116 uriniert, sei es, dass es überhaupt keinen Fahrer gibt, und der Koloss selbstständig agiert – jedenfalls haben die Zwillinge ihn seitdem am Hals. Und mit ihrem wackligen Ford-T keine Chance, wenn der Riese sie von der Straße abzudrängen versucht.

Kommt euch bekannt vor? Erinnert an Steven Spielbergs Duell? Ganz genau. Aber während ich den Film damals reichlich dröge fand, hat dieses Album durchaus Esprit. Unsere beiden Senioren machen zwar das, was die meisten Menschen in Stresssituationen machen – sie geben sich gegenseitig die Schuld an allem, was schief läuft – haben aber in den entscheidenden Momenten doch immer wieder eine rettende Idee. Ein prima gezeichnetes Album mit einer flotten Story, die auch humoristische Elemente enthält.

Dominique Monféry: Evil Road
48 Seiten, gebunden, 14,80 Euro, Splitter, ISBN 978-3-95839-544-2
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Herbst in der Hose

koenig-herbst-in-der-hoseTja, das ist ein hartes Album. Aber da müsst ihr jetzt durch. Der Verlag beschreibt es so: Ausgerechnet Paul Niemöser passiert völlig unvorhergesehen die Tragödie schlechthin: Er wird älter! Ab seinem 48. Lebensjahr schlägt die Andropause gnadenlos zu, und auch seine Freunde jammern und greinen. Dass die Sehkraft nachlässt und die Haare grau werden, mag noch angehen, aber bei Störungen der Libido hört der Spaß auf! Und so sitzen die gedemütigten Mannsbilder auf rückenfreundlichen Sofapolstern und sprechen sich gegenseitig Trost zu, während der Testosteronpegel allmählich abnimmt… und abnimmt… und abnimmt…

Das ist gerade für Paul, dem normalerweise komplett hormongesteuerten Teil des Pärchens Konrad und Paul, besonders schrecklich. Während Konrad sich auch mal mit einer Klaviersonate trösten kann, ist Paul ohne Erektion im Grunde nicht vorstellbar. Doch die Zeichen der Zeit beginnen unerbittlich an ihm zu nagen: Das coole Batman-Kostüm ist zu klein, die hautenge Lederhose kriegt er nicht mehr zu, überall ist ein Stück Bauch im Weg, und eine Brille braucht er ebenfalls. In dieser Aufmachung braucht man sich im Darkroom gar nicht erst blicken lassen.

Das alles bringt König wie immer mit viel Situationskomik rüber – belässt es aber nicht dabei. In die Gespräche zwischen Konrad und Paul streut er immer wieder medizinische Fakten über den Prozess des Alterns ein – was dieses Album für Männer im betreffenden Alter beängstigend realistisch macht. Denn hier wird gezeigt, was ab dieser Zeit auf sexueller Ebene passiert: nicht mehr viel.

Natürlich übertreibt König, wie immer, aber man merkt dem Album an, dass er, inzwischen selbst bald 60, sich ernsthaft mit dem Thema auseinandergesetzt hat und dabei Wahrheiten ausspricht, die nur so lange komisch sind, wie man selbst nicht davon betroffen ist. Mindestens ebenso schrecklich ist allerdings der Gedanke, dass das wohl das letzte Album mit Konrad und Paul gewesen sein dürfte, denn was soll nach dem Altersheim noch kommen? Also trotz drohender Andropause furchtlos zugreifen – lediglich die geringe Spannung in dem eher episodenhaften Storyaufbau trübt den Lesegenuss ein wenig.

Ralf König: Herbst in der Hose
176 Seiten, gebunden, schwarzweiß, 22,95 Euro, Rowohlt, ISBN: 978-3498035754
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Kobane Calling

zerocalcare-kobane-callingDie Kurden leben im Grenzgebiet von Syrien, Iran, Irak und der Türkei und werden in jedem dieser Staaten diskriminiert. Im Norden von Syrien haben sie deshalb 2013 die autonome Region Rojava gegründet, um ein selbstbestimmtes Leben nach eigenen Regeln führen zu können. Dazu gehören die Gleichberechtigung von Männern und Frauen ebenso wie die Religionsfreiheit und das Verbot der Todesstrafe. Das missfällt nicht nur den Islamisten von IS + Co – auch der Türkei ist das autonome Gebiet ein Dorn im Auge. Kobane wiederum ist die Stadt an der syrisch-türkischen Grenze, die im September 2014 vom IS angegriffen und fast eingenommen wurde. Am Ende eroberten sich die Kurden ihre Stadt zurück, wodurch sie zu einem Symbol des kurdischen Widerstands weit über die Region hinaus geworden ist.

Ein Jahr später reist der italienische Comic-Blogger Zerocalcare (Michele Rech) als Teil einer Solidaritäts-Gruppe in das Grenzgebiet. Seine Eindrücke hat er hier zusammengefasst. Er schildert Begegnungen mit Menschen unterschiedlicher Kulturen und Religionen, die Unsicherheit und Gefahren der Reise, die Mühen, die der Aufbau einer für diese Gegend so untypischen Gesellschaft – und das im Kriegszustand – mit sich bringt, und bei alledem bekommt man Informationen über den dortigen Konflikt, die man in unseren Mainstream-Medien nicht findet.

Glücklicherweise kommt das nicht als akademische Abhandlung oder in irgend einer Weise belehrend daher, sondern Zerocalcare stellt seine Erlebnisse immer wieder in Gegensatz zu seiner westeuropäisch geprägten Sicht der Dinge, und das führt zu humorvollen und selbstironischen Szenen, die dieses Album über den Informationsgehalt hinaus sehr unterhaltsam machen – vergleichbar etwa mit Delisles Aufzeichnungen aus Jerusalem oder Sattoufs genialem Araber von morgen. Spannung, Unterhaltung und politische Bildung in einem, und noch dazu klasse gezeichnet – was will man mehr. Eine der stärksten Neuerscheinungen des Jahres (und in Italien, wo Zerocalcare als Zeichner bekannt ist, ein Bestseller).

Zerocalcare: Kobane Calling
272 SW-Seiten, gebunden, 24,95 Euro, avant, ISBN 978-3-945034-63-7
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