Berlin

lutes-berlinLutes schildert in seiner Berlin-Trilogie auf rund 600 Seiten Leben und Atmosphäre im Berlin der Weimarer Republik. Er beginnt im September 1928 und endet mit der Ernennung Hitlers zum Kanzler. Am Beispiel von Menschen aus unterschiedlichen Schichten zeigt er, wie Deutschland sich in diesen fünf Jahren verändert. Die Lebensbedingungen verschlechtern sich, es gibt nicht mehr genug zu essen, die Unzufriedenheit wächst, die politischen Strömungen von rechts bis links auch.

Während Hunger und Perspektivlosigkeit steigen, amüsieren sich diejenigen, die es sich leisten können, in Nachtclubs und Bars, während es für die jüdischen Bewohner langsam eng wird. Gut herausgearbeitet wird, dass die politischen Risse nicht nur durch die Gesellschaft, sondern auch durch ganze Familien gehen. Besonders treffend skizziert Lutes die Entwicklung des Journalisten der Kurt Severing, der anfangs engagiert zur Feder greift, angesichts des zunehmenden Irrsinns um ihn herum aber immer mehr verstummt. Das alles in Zeichnungen, die prima zu den 1920er Jahren passen.

Gut 20 Jahre hat Lutes daran gesessen. Musste er auch. Denn wenn jemand, der in Seattle lebt, irgendwann aus heiterem Himmel auf die Idee kommt, einen 600-Seiten-Comic über ein Thema zu machen, von dem er eigentlich keine Ahnung hat, ist intensive Recherche die Voraussetzung dafür, dass etwas Sinnvolles dabei rumkommt. Das Ergebnis wird zur Zeit vom Feuilleton mit Superlativen bejubelt (opus magnum, Comic-Sinfonie, große Kunst…).

Doch bei allem Positiven, das man diesem Album abgewinnen kann: Es ist eine reine Kopfgeburt. Es zu lesen ist oft mehr Arbeit als Vergnügen. Die Geschichte wird zwar schlüssig erzählt, die Handlung tröpfelt aber mehr oder weniger vor sich hin. Spannung und Dynamik sind selten. Und 600 Seiten Ligne claire, allesamt in Schwarzweiß und vorwiegend in kleine Panels gepresst, können auf Dauer auch ermüden.

Jason Lutes: Berlin (Gesamtausgabe)
608 SW-Seiten, gebunden, 46,- Euro, Carlsen, ISBN 978-3-551-76820-9

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Der Traum

march-DerTraum1Verlagstext: Jude ist der Traum aller Frauen und vieler Männer. In einem exklusiven und sehr extravaganten Club am Broadway facht er, zusammen mit seiner Partnerin Ona, Nacht für Nacht mit einer Sex-Liveshow die Lust der dekadenten Gäste an. Er hat viele Fans, und ihm werden permanent unmoralische Avancen gemacht, denen er nicht unbedingt abgeneigt ist. An einem Abend macht ihm die schöne, mysteriöse Megan jedoch ein ganz spezielles Angebot: Er soll in einem Film mitspielen, der ihn aus seinem jetzigen Leben reißen und zu einem Star machen soll. Für diesen Traum riskiert Jude alles und wird zum Spielball höherer Mächte. Die erste Zusammenarbeit von Jean Dufaux und Guillem March ist eine faszinierende, erotische, rauschhafte Reise in die Träume und Albträume der Menschen, bei der vieles nicht ist, wie es anfangs erscheint …

In diesem Album ist tatsächlich vieles nicht, was es zu sein scheint. Dufaux hält die Spannung extrem hoch, und wie in den meisten seiner Szenarien (beispielsweise in Giacomo C.) spielt Erotik eine große Rolle. In dem vorliegenden Album machen sich gleich mehrere Frauen die Hauptrolle streitig: Da ist Ona, Judes Partnerin im Nachtclub, mit der er durch die gemeinsamen Shows seinen Lebensunterhalt verdient. Das allerdings mag Sina nicht, die sich gerne mit Jude vergnügen würde. An sich kein Problem, aber Sina ist es nicht gewohnt, zu teilen. Und es ist besser, auf sie zu hören, denn ihr Vater hat viel Geld, viel Einfluss und nur diese eine Tochter.

Das wiederum ist ein Problem für Megan. Sie möchte Jude für das Filmprojekt begeistern. Aber da er dauernd mit Sina abhängt, muss diese lästige Affäre aus der Welt geschafft werden. Aus einer Welt, die in der Wahl ihrer Mittel nicht zimperlich ist. Und dann ist da noch The Strange – eine über und über tätowierte junge Frau, die den Männern alle Wünsche erfüllt, aber am Ende auch tödlich sein kann. Und was genau es mit diesem Filmprojekt auf sich hat, ist auch nicht ganz klar. Jede Menge Fragezeichen also, die für genug Spannung sorgen, um sich auf die Fortsetzung zu freuen.

Guillem March, Jean Dufaux: Der Traum (Band 1: Jude)
56 Seiten, gebunden, 17,- Euro, Panini, ISBN 9783741608032

Deutsche Comicforschung 2019

sackmann-comicforschung 2019Dafür, dass Herausgeber Eckart Sackmann im vorigen Band der Comicforschung angekündigt hat, künftig kürzer zu treten und sich aus dem Herausgeber-Team zurückziehen zu wollen, hat er in der aktuellen Ausgabe ziemlich viele Beiträge geschrieben. Neun von elf Artikeln, um genau zu sein. In einigen davon beleuchtet er die Rolle der Comics im Dritten Reich. Daneben gibt es Beiträge zu den Bildern auf dem Zittauer Fastentuch, sowie über seltene und rare Comics von oft unbekannt gebliebenen Zeichnern, wie zum Beispiel über Ludwig Beckers Australisches Lied aus dem Jahr 1860, über frivole Bildergeschichten aus der Wilhelminischen Zeit, über die an Max und Moritz angelehnten Bösen Buben von Fritz Steub in den Fliegenden Blättern und über J. Friedrich Entelmann, dessen Hauptwerk Der lange Lulatsch hierzulande weitgehend unbekannt ist. Einige Episoden daraus werden in dieser Ausgabe nachgedruckt.

In den Artikeln über Comics im Dritten Reich untersucht Sackmann die oft kolportierte Behauptung, damals habe es deshalb kaum Comics gegeben, weil sie von den Nazis als undeutsch verboten worden wären. Hitler und Goebbels waren allerdings große Fans von Mickey Mouse und sahen die Filme gerne. Dass die Hefte in Deutschland – zumindest vor dem Krieg – in den 1930er Jahren keine Verbreitung gefunden haben, leitet Sachmann aus dem finanziellen Durcheinander im Reich ab, das keine kontinuierliche Tantiemenüberweisungen an ausländische Rechteinhaber ermöglicht hat. Vorgestellt werden in diesem Zusammenhang auch Arbeiten des Zeichners Philipp Rupprecht (alis Fips), der die Nazipresse fleißig mit Strips über degenerierte Juden versorgte.

Abgeschlossen wird der aktuelle Band mit einem Beitrag von Helmut Kronthaler über Kunst-Comics im Schatten der Pop Art und einem Artikel von Sackmann über den ersten deutschen Computercomic von Michael Götze (Das Robot-Imperium). Neben dieser Vielfalt an gut recherchierten Informationen besticht der aktuelle Band wie seine Vorgänger durch viele vierfarbig gedruckte Beispiele der besprochenen Comics. Dadurch werden Antiquitäten und historische Comics zumindest teilweise wieder lesbar.

Eckart Sackmann (Hg.): Deutsche Comicforschung Band 15 (2019)
144 Seiten, gebunden, 39,- Euro, comicplus+, ISBN 978-3-89474-307-9
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