Aquablue

vatine-aquablueAls in den 1990er Jahren die ersten Bände von Aquablue erschienen, kam das prima an. Eine spannende Mischung aus Science Fiction, Action und Abenteuer, die noch dazu nicht nur dumpfes Geballer und Schlägereien zu bieten hatte, sondern auch Aspekte wie Kolonialismus und Monopolismus thematisierte. Wenn man es heute wieder liest, ist die Faszination nicht mehr ganz so groß. Das Medium Comic hat sich weiterentwickelt, und wie so oft ist das, was früher der letzte Schrei war, heute eher Mainstream.

Das sollte aber niemanden davon abhalten, sich die Reihe zuzulegen, wenn man auf SF und Abenteuercomics steht. Es geht um Nao – ein Baby, das von einem Raumgleiter ins All befördert wird. Die Rundreise, auf die es mit seinen Eltern in einem Luxus-Raumschiff aufgebrochen war, fand ein jähes Ende, als das Schiff im All mit etwas kollidierte. Das Kind wurde von Cybot, einem Babysitter-Robot, in dem Gleiter in Sicherheit gebracht.

Nao und Cybot landen schließlich auf dem Planet Aquablue – eine Welt voller Wasser, auf deren wenigen Inseln blauhäutige Wesen leben. Mit ihnen wächst Nao 17 Jahre lang harmonisch auf. Alles läuft prima, bis ein Konzern Techniker und Söldner nach Aquablue sendet, um Rohstoffe auszubeuten. Und dann sind da auch noch diese mystischen Riesenfische.

Die Zeichnungen von Vatine und Tota kommen sehr flott und plastisch daher. Alles wirkt sehr lebendig. Splitter hat den ersten Zyklus der Serie (die Bände 1 bis 5) als Gesamtausgabe publiziert. Zwei weitere sollen folgen.

Olivier Vatine, Ciro Tota, Thierry Cailleteau: Aquablue GA 1 (Bände 1-5)
248 Seiten, gebunden, 39,80 Euro, Splitter, ISBN 978-3-96219-043-9
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Der Ursprung der Welt

stroemquist-ursprung-der-weltDie schwedische Politikwissenschaftlerin Liv Strömquist präsentiert die Kulturgeschichte der Vulva – und das auf amüsante Weise. Wenn auch die historischen Fakten alles andere als amüsant sind, denn in einer patriarchalen Welt wird auch die weibliche Sexualität aus männlicher Sicht definiert. Das führte zu ebenso absurden wie lustfeindlichen Ansichten, die noch dazu im Laufe der Geschichte immer wieder auf abenteuerliche Weise wechselten.

Nehmen wir das Thema Fortpflanzung. Zeitweise vertrat die Medizin die Auffassung, ein Kind könne nur empfangen werden, während die Frau einen Orgasmus hat. Später wiederum war der Orgasmus völlig unwichtig für die Empfänglichkeit. Als frigide galt frau aber grundsätzlich immer, wenn sie während des vaginalen Geschlechtsverkehrs keinen Orgasmus bekam – selbst wenn sie während der Selbstbefriedigung juchzend von einem in den anderen fiel. Onanie galt als schädlich und als Ursache für so ziemlich alle körperlichen Übel von Krebs bis Epilepsie. Aber das war ja auch bei den Männern so.

Manchmal erinnert Strömquists Album an Flemings Das Problem mit den Frauen – in beiden wird männliche Beschränktheit süffisant vor- und ad ab surdum geführt. Wobei es bei Strömquist nicht allgemein um die Rolle der Frau in der Gesellschaft, sondern konkret um weibliche Sexualität von Menstruation bis Orgasmus geht. Das liest sich nicht nur hochgradig spannend und informativ, das ist streckenweise auch witzig und verblüffend. Die Zeichnungen reißen nicht vom Hocker, Text lettert sie aber so unterschiedlich groß klein quer dick zart fett und sonstwie durcheinander, dass man schon das Layout als Gesamtkunstwerk sehen kann. Ein must-have für alle Männer, Frauen und sonstigen Geschlechter.

Top 10 2017Liv Strömquist: Der Ursprung der Welt
140 Seiten, 19,95 Euro,  avant, ISBN 978-3-945034-56-9
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JAZAM! 12

jazam12Zwischen den Jahren hat man Zeit, die Comics zu lesen, die man vorher übersehen hat, oder von deren Existenz man nichts wusste. Die jährlich erscheinende Anthologie JAZAM! beispielsweise, in der sich die deutschsprachige Independent-Szene ein Stelldichein gibt, gehört dazu. Eine echte Bildungslücke, wie ich nach der Lektüre des aktuellen Bandes feststellen musste, denn was die 44 Künstler und Künstlerinnen hier abliefern, ist Lesestoff vom Feinsten.

Wie Bangebüxe, der Independent-Sammelband der School of Design in Münster, kommt auch JAZAM! nicht mehr im Schmuddel-Design der selbst kopierten Fanzines früherer Jahre, sondern in rundum professionellem Druck und Layout daher. Und die Zeichnungen der 44 Geschichten sind in den meisten Fällen so stark, dass keine Unterschiede zu Profis erkennbar sind. Hier gibt es viel zu sehen. Die Verschiedenartigkeit der Zeichenstile bietet zusätzliche Abwechslung.

Das gilt auch für die Inhalte. Thema des aktuellen Bandes 12 ist „Spiel“, und dieses Thema wird vielfältig interpretiert: Sucht, Erotik, Fantasy, Psychothriller, originelle letzte Stunden, humorvolle Schachspiel-Variationen, schräge Geschichten und vieles mehr. Wer abwechslungsreiche und gut gemachte Comicunterhaltung mag, liegt hier goldrichtig. Die Reihe wurde mit dem „Sonderpreis der Jury für bemerkenswerte Comicpublikationen“ des ICOM ausgezeichnet.

JAZAM! VOL. 12 – Spiel
236 Seiten, 18,- Euro, JAZAM!, ISBN 9783981869408