Ein Kleid von Dior

goetzinger-diorIm Februar 1947 war der Zweite Weltkrieg gerade mal eineinhalb Jahre vorbei. Die Menschen in Frankreich hatten die gröbsten Trümmer beseitigt, und nachdem die Infrastruktur und sonstigen Lebensgrundlagen halbwegs wieder hergestellt waren, konnte man sich langsam wieder den angenehmen Dingen des Lebens widmen. In diesem Monat eröffnete ein gewisser Christian Dior in der Pariser Avenue Montaigne seine erste Modenschau. Der Andrang war zahlreich, denn das Bedürfnis nach Amüsement war nach den entbehrungsreichen Kriegsjahren groß. Noch dazu wurde hier mit vielen modischen Konventionen gebrochen, wodurch sich die Chefredakteurin von Harper’s Bazaar zu dem Satz hinreißen ließ: „It’s quite a revolution, your dresses have such a new look!“

Im Publikum sitzt auch Clara, eine ebenso junge wie unbekannte Journalistin, die über diese Modenschau ihren ersten Artikel schreiben will. Mit Clara blickt der Leser hinter die Kulissen und erfährt viel über die Arbeit der Modellzeichner, Moderatoren, Picoteusen, Directricen und Lehrmädchen, über die verarbeiteten Stoffe von Alpaka über Feudel bis Samt, Taft und Tüll, und auch die Accessoires dürfen natürlich nicht fehlen.

Clara begleitet Dior auf seinem Weg nach New York, wo er Filialen eröffnen will, um in den Staaten Fuß zu fassen. Nicht alle New Yorker sind von der neuen Mode begeistert. Aber nachdem auch Hollywood-Stars und adlige Häupter sich in Gewänder von Dior schmiegen, ist seine Karriere nicht mehr aufzuhalten.

Annie Goetzinger bringt die historische Entwicklung dieser neuen Modekollektionen in ihrem typisch femininen Stil zu Papier. Und weil es hier um edle Mode und edle Stoffe geht, hat Kult Comics dieses Album in fadengeheftetem Hardcover mit edlem Leinenrücken publiziert, und gleich noch eine Luxusausgabe mit einem von Goetzinger signiertem Exlibris draufgelegt. Das passt. Ein umfangreicher Anhang mit Kleiderskizzen aus verschiedenen Kollektionen und chronologischen Daten runden diesen liebevoll gemachten Band ab.

Annie Goetzinger: Ein Kleid von Dior
152 Seiten, gebunden, 29,95 Euro, Kult Comics, ISBN 978-3-946722-10-6
Deluxe: 99 Exemplare, 49,95 Euro, mit von Goetzinger signiertem Exlibris
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Liebe auf Iranisch

deloupy-liebe-auf-iranischNach Satrapis kultigem Persepolis, nach Ein iranischer Albtraum und Zahra´s Paradise liegt mit diesem Album wieder ein Comic vor, der einen authentischen Einblick in das Land der Mullahs gibt. Thema ist das Liebesleben der unverheirateten Generation. Die hat angesichts der konservativen Moralvorstellungen der islamischen Regierung wenig Freude. Die Ehen werden nach wie vor auf höchst skurrile Weise von den Eltern arrangiert, ein intaktes Jungfernhäutchen in der Hochzeitsnacht ist Pflicht, was bedeutet, dass man seine Sexualität – falls man überhaupt einen Ort findet, an dem man dabei unbeobachtet ist – vor der Ehe nicht frei leben kann, das kleinste Stückchen Haut, das Frauen in der Öffentlichkeit außerhalb ihres Gesichts zeigen, kann nervige Konsequenzen haben, und wen die Sittenwächter nicht denunzieren, den denunzieren möglicherweise Eltern, Geschwister oder Verwandte. Also ungefähr so – und damit relativiert sich die Geschichte ein wenig – wie es bis Ende der 1960er Jahre auch in Westdeutschland der Fall gewesen ist.

Die Autoren haben zahlreiche Gespräche mit jungen Erwachsenen geführt. In deren Erzählungen wird nicht nur die politische Unterdrückung, sondern auch die erstickende Enge religiöser Traditionen spürbar. Dabei gehen die Betroffenen durchaus unterschiedlich mit ihrer Situation um. Manche sind ängstlich und bemühen sich, ihre Liebe nach außen zu verbergen, andere sind mutiger und testen Grenzen aus. Auf Veränderungen im politischen System, das wird leider auch sehr deutlich, hofft gegenwärtig kaum jemand von ihnen.

Ein bisschen nervig ist die betont konspirative Attitüde, mit der dieses Album daherkommt. Als ob diese Geschichten unter Lebensgefahr recherchiert worden wären. Davon abgesehen ist es ein sehr informativer Comic – ebenso schön erzählt wie gezeichnet.

Deloupy, Jane Deuxard: Liebe auf Iranisch
144 Seiten, gebunden, 19,80 Euro, Splitter, ISBN: 978-3-95839-543-5
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Schwarze Gedanken

franquin-schwarze-gedankenMehrfach angekündigt, und jetzt endlich da: Die Gesamtausgabe von André Franquins Schwarze Gedanken als Hardcover. Dieses Album ist bereits 1983 im Volksverlag und 2005 als SC-Ausgabe bei Carlsen erschienen, und wenn man nicht alle Vorgänger-Alben im Regal stehen hat, um sie vergleichen zu können, weiß man leider nicht, inwieweit sie identisch sind. Soweit ich das überblicke, enthält dieser Band eine bislang unveröffentlichte Geschichte, ansonsten sind alle drei Alben inhaltlich mehr oder weniger gleich. Besitzer der Vorgänger-Alben brauchen also nicht unbedingt zuzugreifen. Für diejenigen, die diesen Klassiker des Gaston-Zeichners noch nicht kennen, allerdings eine gute Gelegenheit, seine schwarzhumorigen Boshaftigkeiten in einem gediegenen Hardcover-Band zu genießen.

Franquin setzt sich darin mit allerlei politischen und gesellschaftlichen Themen auseinander. Da werden geldgeile Manager Opfer ihrer eigenen Mauscheleien, die Jägerschaft dezimiert sich durch neuartige Munition, die Waffenlobby steht ohnehin ganz oben auf Franquins Abschussliste, Befürworter der Todesstrafe guillotinieren sich unfreiwillig selber, und die Profiteure der Massentierhaltung geraten in ihre eigene Mordmaschinerie. Das ist böse, gemein und hinterhältig – also kurz gesagt: wunderschön – und jegliche steifbeinige political correctness fehlt völlig.

Trotz aller Gemeinheit, die Franquin hier genüsslich auslebt, sind seine Seiten von einer konsequent humanistischen und pazifistischen Haltung geprägt. Dazu kommt, dass nicht nur die Zeichnungen, sondern auch die Texte – und die Übersetzung – absolut pointiert daherkommen, was das Lesevergnügen zusätzlich steigert. Weshalb Carlsen diesen Klassiker aber anlässlich des 40-jährigen Jubiläums im Herbst schon wieder neu auflegen will  – als Sonderband mit unveröffentlichtem Material, Interviews und Hommagen anderer Zeichner – erschließt sich nicht wirklich. Das ist der einzige Strip, der in diesem Album fehlt – nämlich der über die endlos wiederkehrende Neuvermarktung kultiger Comicalben, mit der die Verlage die Sammler in den Wahnsinn treiben.

André Franquin: Schwarze Gedanken
72 SW-Seiten, gebunden, 14,99 Euro, Carlsen,  ISBN 978-3-551-76530-7