Knock out!

kleist-knockout Verlagstext: „Wie seltsam das ist… Ich töte einen Mann, und die meisten Leute verstehen das und verzeihen mir. Hingegen, ich liebe einen Mann, und so viele halten das für eine unverzeihliche Sünde, die mich zu einem schlechten Menschen macht. Wenn ich auch nicht im Gefängnis gelandet bin, so war ich trotzdem fast mein ganzes Leben lang eingesperrt.“ (Emile Griffith). In seiner neuen Graphic Novel „Knock Out!“ widmet sich Erfolgsautor Reinhard Kleist („Nick Cave. Mercy On Me„) dem amerikanischen Boxweltmeister Emile Griffith, der 1962 traurige Berühmtheit erlangte, als er vor laufenden Fernsehkameras seinen Gegner derart hart traktierte, dass dieser ins Koma fiel und wenige Tage später verstarb.

Ursprünglich wollte Griffith Baseball oder Pingpong spielen. Dazu hätte er aber studieren und in der Uni-Mannschaft sein müssen, denn die meisten Sportarten wurden nur an Universitäten trainiert. Als armer Schlucker aus Puerto Rico hatte er da keine Chance. So jobbte er als Lagerarbeiter in einem Kleidergeschäft und entwarf nebenbei Hüte für die Ladies, die angesichts seines muskulösen Bodys sehr – aufgrund seiner Homosexualität allerdings vergeblich – angetan von ihm waren. Zum Boxen kam Griffith durch Zufall: Als er an einem heißen Tag wieder einmal oben ohne im Lager zugange war, fand sein Chef, er habe die ideale Figur für den Boxring.

Kleist schildert Griffith im Zwiespalt zwischen Hütchen und Fights, zwischen lustvoll gelebter Homosexualität und ängstlichem Verstecken des Schwulseins, zwischen knallhartem Geschäft und der Sensibilität eines Menschen, der sich bei Problemen am liebsten von seiner Mommie trösten lässt. Es ist fast ein bisschen das Klischee einer Schwuchtel, das Kleist hier zeichnet.

Ich mag die Alben von Kleist, ich mag seinen Strich, aber dieses Album geht irgendwie an mir vorbei. Vielleicht liegt es an den harten Schwarzweiß-Kontrasten, vielleicht am kleinen Format, in dem alles etwas eng und überladen wirkt, vielleicht am episodenhaften Aufbau, der wenig Spannung aufkommen lässt –  oder daran, dass mir sein Album über Hertzko Haft (ebenfalls ein Boxer) einfach besser gefällt. Natürlich ist Knock out! stark gezeichnet, und es gibt ein paar schöne zusätzliche Skizzen am Ende des Albums. Am besten hat mir aber die Abhandlung von Tatjana Eggeling über die Probleme von Homosexuellen im Sport im Anhang des Bandes gefallen.

Reinhard Kleist: Knock Out! – Die Geschichte von E. Griffith
160 SW-Seiten, gebunden, 18,- Euro, Carlsen, ISBN 978-3-551-73363-4
> Leseprobe

Werbeanzeigen

Der große Indienschwindel

guarnido-indienschwindelVerlagstext: Er ist ein wenig vertrauenswürdiger, aber hochsympathischer Spitzbube, dieser Don Pablos aus Sevilla, der uns hier aus seinem wildbewegten Leben im Spanien des Goldenen Zeitalters erzählt – und in jenem Amerika, das man damals noch für Indien hielt. Mal versunken im Elend, mal überaus reich, mal verachtet und dann wieder verehrt, führen ihn seine unglaublichen Abenteuer aus der Gosse in Paläste, von den Gipfeln der Anden in die sumpfigen Niederungen des Amazonas und schließlich zu jenem mythischen Ort, wo alle Träume von der Neuen Welt zusammenlaufen: Eldorado! Ein wahrgewordener Traum für Comic-Liebhaber: Der Szenarist Alain Ayroles, gefeiert für »Garulfo« und »Mantel und Degen«, und der Zeichner Juanjo Guarnido, dessen »Blacksad« auf Anhieb zum modernen Klassiker wurde, haben sich zusammengetan, um ein neues, aufregendes Werk aus der Wiege zu heben. Ein raffiniertes Meisterstück der grafischen Erzählkunst.

Ja, das ist schon eine trickreiche Geschichte, die die beiden sich hier ausgedacht haben. Als Vorlage haben sie Quevedos 1626 erschienene Erzählung El Buscón oder Das Leben des Abenteurers Don Pablos von Segovia genommen. Diesem damals überaus erfolgreichen Schelmenroman in der Art des Don Quijote wollte Quevedo ursprünglich eine Fortsetzung angedeihen lassen, kam aber nicht dazu. Also nahmen sich Juanjo Guarnido und Alain Ayroles der Sache an und erfanden eine Geschichte, die durchaus der zweite Band des Romans sein könnte: Don Pablos, der Held der Geschichte, macht sich auf nach Amerika, um dort sein Glück – das heißt: vor allem Gold – zu finden. Am Ende seiner leidvollen Abenteuer findet er etwas anderes, aber nicht minder wertvolles.

Wie witzig – und spritzig – Ayroles Geschichten erzählen kann, hat er schon in seiner Reihe Mit Mantel und Degen bewiesen. Doch ganz so elegant kommt diese Story nicht daher. Manchmal zieht sie sich etwas und man fragt sich, weshalb er sie so zeitlich verschachtelt erzählt. Das hätte man auch linearer aufbauen können. Doch der letzte Teil mit seiner überraschenden Wende versöhnt mit der Mühe, den Irrungen des Abenteurers gefolgt zu sein. Und dass Guarnido geradezu prädestiniert dazu ist, solch eine Story in starke Bilder zu packen, hat er in seiner Blacksad-Reihe gezeigt. Eine gelungene Gaunerkomödie, die man auch als Satire auf gesellschaftliche Konventionen lesen kann. Ach ja, und: Chapeau für Coverbild und Covergestaltung.

Juanjo Guarnido, Alain Ayroles: Der große Indienschwindel
160 Seiten, gebunden, 35,- Euro, Splitter, ISBN 978-3-96219-360-7
> Leseprobe

Woyzeck

eikenroth-woyzeckDie schlechte Nachricht zuerst: Wer Büchners Dramenfragment Woyzeck nicht kennt, wird es schwer haben, sich in das Album reinzufinden. Die gute Nachricht: Wer es kennt, den erwartet eine interessante, teilweise eigenwillige Interpretation.

Verlagstext: Büchners nie vollendetes Drama wird hier neu interpretiert und zeitversetzt grafisch frei und moderner inszeniert. Der ohnmächtige Soldat Woyzeck verliert durch Missbrauch neben seiner Ehre und Gesundheit auch seine Partnerin, mit der er ein gemeinsames Kind hat. Krankheit und Eifersucht treiben ihn zur Verzweiflung. “Ein zeitloses Drama, dessen Thema immer wieder aktuell ist ” – so der Künstler A.E. Eikenroth über sein Werk.

Worum geht es? Wozeck hat ein uneheliches Kind mit Marie, die sich allerdings in einen Tambourmajor verguckt hat – was nicht gut ausgeht. Hinzu kommt, dass Woyzeck an Schizophrenie leidet, und von einem Arzt als Versuchsperson missbraucht wird. 1836 von Büchner geschrieben, wurde das Stück nie vollendet, weil Büchner im Februar 1837 an Typhus starb. Die Geschichte spielt Anfang des 19. Jahrhunderts. Eickenroth hat sie in seinem Album in die Weimarer Republik transportiert – lässt sie also 100 Jahre später spielen. Das passt nicht schlecht, denn verlogene Moral war auch in dieser Zeit sehr präsent.

Interessant sind die Zeichnungen. Schon in seinen bisherigen Alben Die Schönheit des Scheiterns und Hummel mit Wodka hat er sich viel Raum für seine Figuren genommen. In Woyzeck geht er noch weiter: Er verzichtet komplett auf eine Panelstruktur und hat die einzelnen Szenen ganzseitig ineinander verschachtelt. Sozusagen als, wie er schreibt, grafische Inszenierung, denn im Grunde ist das Ganze ja Theater. Das gibt ihm mehr gestalterische Möglichkeiten.

Das einzige, was nervt, ist die gelegentlich antiquiert wirkende Sprache. Ja, die Verwendung von Umgangssprache als Stilmittel ist beabsichtigt und typisch für Büchner. Das war damals in der Literatur völlig neu. Aber muss das heute noch sein?

Andreas Eickenroth, Georg Büchner: Woyzeck
64 Seiten, gebunden, 15,- Euro, Edition 52, ISBN 9783935229395
Vorzugsausgabe mit signiertem Druck 35,- Euro
> Leseprobe