Die lebende Tote

varanda-lebende-toteVerlagstext: Nach dem tödlichen Unfall ihrer Tochter bei Ausgrabungen auf dem verheerten Planeten Erde zerbricht Marthas Leben in tausend Scherben. Sie will nichts unversucht lassen, um ihren Verlust rückgängig zu machen – und ihre Mittel sind beträchtlich. Sie lässt den brillanten Wissenschaftler Joachim vom Mars einfliegen, der dort wegen verbotener Studien verurteilt wurde. Mit Feuereifer begibt sich Joachim an seine Arbeit, frei von moralischen Schranken und mit unbegrenzten finanziellen Mitteln. Doch wer den Toten Leben einhauchen will, muss die Konsequenzen tragen… Autorenlegende Olivier Vatine (»Aquablue«) wandelt mit dieser düsteren Graphic Novel auf den Spuren von Mary Shelleys »Frankenstein«. Alberto Varanda (»Die Legende der Drachenritter«) verleiht der dicht gewebten, bedrückenden Story ein angemessenes Gewand, das durch viktorianischen Horror und präzise Strichführung besticht.

Wobei der Vergleich mit Mary Shelleys Frankenstein nur insofern zutreffend ist, als beide das gleiche Ergebnis hervorzurufen versuchen. In der Wahl ihrer Methoden ist der Wissenschaftler vom Mars dem ollen Frankenstein allerdings um Jahrhunderte voraus.

Seit Shelley ist das Thema in den unterschiedlichsten Variationen durchgekaut worden, aber spannend zu lesen ist dieses Album trotzdem, denn Vatine fügt der Geschichte neue Aspekte hinzu. Dazu mixt er einiges zusammen: Ein bisschen SF, ein bisschen mehr Fantasy, und jede Menge Horror. Modrig-grüne Kolorierung sorgt dafür, dass die Atmosphäre stimmt, und die Hintergrundschraffuren erinnern bisweilen an die Bilder von Schuiten. Schön ist auch, dass Varanda und Vatine ihre Story nicht über mehrere Bände zerren, sondern kompakt in einem Album präsentieren. Wer solche Geschichten mag, kann hier nichts falsch machen.

Alberto Varanda, Olivier Vatine: Die lebende Tote
72 Seiten, gebunden, 18,- Euro, Splitter, ISBN: 978-3-96219-312-6
> Leseprobe

Werbeanzeigen

Stehaufmännchen

koenig-stehaufmännchenVerlagstext: Afrika vor sechs Millionen Jahren. Grüner Urwald weicht der Savanne, und die Affen beschließen: „Runter vom Baum!“ Aber auf dem Boden der Tatsachen wächst mit dem aufrechten Gang das Gehirn, und Flop, der Australopithecus, denkt den ersten bewussten Gedanken der Menschheit: „Ach du Scheiße…“ Er behält recht, denn egal, ob Homo Habilis Faustkeile kloppt oder Homo Erectus mit Feuer zündelt, jeder neue Handgriff führt tiefer ins Desaster! Und gerade als die Männchen anfangen, Gammelfleisch zu fressen, und sich als Herren der Welt fühlen, beschließen die Weibchen, ihren Eisprung zu verstecken, so dass beim Balzen keiner mehr weiß, woran er ist. Flop stört’s nicht weiter, er steht ohnehin mehr auf den stämmigen Homo Robustus, der mit seiner Horde friedlich in der Steppe grast. Aber „friedlich“ hat die Hominisation offenbar nicht im Programm. Genauso wenig wie „Zurück auf die Bäume!“. Trotzdem beschließt Flop, sich mutig der Evolution entgegenzustellen. Hat nicht geklappt, wie wir heute wissen. Aber den Versuch war es wert.

Auf einen neuen Comic von Ralf König freut man sich immer. Auch wenn man weiß, dass er gelegentlich Alben abliefert, bei denen man sich fragt, ob die Welt sie wirklich braucht. Wie dieses hier. Diesmal hat er sich die Evolutionsgeschichte der Menschheit vorgenommen. Das kann man machen. Auch kritisch. Und gerne schräg. Ist es aber nicht. Hier tröpfelt der Humor so spärlich vor sich hin wie der Regen über die afrikanische Savanne, in der behaarte Wesen, irgendwo zwischen Affe und Mensch, die meiste Zeit über irgendwas diskutieren. Was auch optisch für wenig Abwechslung sorgt.

Klar, es ist stark gezeichnet. Das kann er. Und natürlich ist selbst ein schwaches Album von Ralf König immer noch unterhaltsamer als vieles, was sonst so unter dem Humor-Label in den Regalen steht. Aber man sehnt sich zurück nach den Zeiten, als er noch Geschichten Prall aus dem Leben schrieb…

Ralf König: Stehaufmännchen
200 Seiten gebunden, 24,- Euro, Rowohlt, ISBN 9783 498 03581 5

Africa dreams

bihel-africa-dreamsVerlagstext: Von 1885 bis 1908 existierte in Zentralafrika der Kongo-Freistaat unter der souveränen Herrschaft und im persönlichen Besitz von König Leopold II. von Belgien. Nachdem er das Land unter dem Deckmantel der Philanthropie und der wissenschaftlichen Forschung hatte erkunden lassen, lenkte Leopold um auf einen politischen Kurs der aggressiven Ausbeutung. Mehrere Millionen Afrikaner starben durch diese sogenannten »Kongogräuel«. Ihr feines Gespür für historische Comics an exotischen Orten hat das Szenaristen-Ehepaar Charles spätestens mit »India Dreams« eindrucksvoll unter Beweis gestellt. »Africa Dreams« hat ein ungleich ernsteres Thema, das aus den Perspektiven verschiedener Zeitgenossen wie des jungen Missionars Paul Delisle oder des Forschers Henry Morton Stanley aufgefächert wird. Zeichner Frédéric Bihel illustriert aber auch die Magie von Land und Leuten und lässt den Zauber Afrikas aus den Seiten strahlen.

Das tut er. Und wie! Während India Dreams ursprünglich in kleinem Book-Format erschienen ist (und erst später als Album neu aufgelegt wurde), kommt Africa Dreams gleich im Alben-Format daher, wodurch die Bilder genügend Raum haben, um wirken zu können. Ob königlicher Palast in Brüssel oder Regenwald und Dschungel in Afrika – es lohnt, dieses Album schon alleine seiner Zeichnungen wegen zu lesen. Und während die Story von India Dreams reichlich konstruiert (und teilweise auch kitschig) wirkte, haben Maryse und Jean-François Charles ihre afrikanische Erzählung voll im Griff.

Sie ist mit ihren insgesamt vier Bänden, die hier in einer Gesamtausgabe zusammengefasst sind, ein echter Schmöker, der immer wieder zwischen dem Leben in den kleinen kongolesischen Siedlungen und den Regierungsstellen in Belgien pendelt. Auch die Kirche hat ihre Hand im Spiel – möchte sie doch aus unzivilisierten Wilden ehrbare Christen machen. Mit welchen Mitteln auch immer.

Die Mittel sind auch dem König und seinen Expeditionen egal. Wer zu wenig Kautschuk sammelt, wird zu Tode gepeitscht, wer sich weigert, sich versklaven zu lassen, dem werden Frau und Kinder entführt, und wieder einmal wird deutlich, dass sich zwar einzelne Priester und Diplomaten gegen diese Barbarei, die die christlich-zivilisierte Welt über die Afrikaner bringt, wehren, die Institutionen, denen sie angehören, aber alles versuchen, um diese Proteste im Keim zu ersticken. Ein Album, das ebenso informiert wie unterhält und einen starken Einblick in koloniale Strukturen bietet, die sich bis heute nicht wesentlich geändert haben, sondern nur anders heißen.

Frédéric Bihel, Maryse Charles, Jean-François Charles: Africa Dreams
200 Seiten, gebunden, 36,- Euro, Splitter, ISBN 978-3-96219-190-0
> Leseprobe