Junker

spruyt-junkerDer Begriff Junker kennt viele Interpretationen. In diesem Fall – die Geschichte spielt kurz vor dem Ersten Weltkrieg – steht er für Offiziersanwärter aus gutem Hause. Oder was sich so für ein gutes Haus hielt. Im Preußen zu Beginn des 20. Jahrhunderts war das eine Familie, die vor lauter Konvention immer Gefahr lief, an der eigenen Steifheit zu ersticken. Als Selbstverständlichkeit galt, das Vaterland kritiklos zu lieben, dem Kaiser devot zu dienen, dem Vater widerspruchslos zu gehorchen und sich klappehaltend hochzudienen, wenn man es im Leben zu etwas bringen wollte. Eine ranzige Männergesellschaft, die ihre Kleinkariertheit für den Gipfel kultureller Entwicklung hielt.

In dieser Atmosphäre gepflegter Dumpfbackigkeit wächst Ludwig mit seinem älteren Bruder Oswald auf. Oswald ist bereits Kadettenanwärter – sehr zur Freude des Vaters, der ein Bein für Kaiser und Vaterland gegeben hat und stolz darauf ist. Oswald ist der aktivere der Brüder – doch auch Ludwig soll Karriere bei den Kadetten machen. Die Mutter ist kränkelnd und meist abwesend, der Haushalt der Familie hat schon bessere Zeiten gesehen, das Personal musste drastisch reduziert werden – aber was macht das, wenn man die Ehre hat, dem Kaiser seine Kinder für den nächsten Krieg zur Verfügung stellen zu dürfen.

Der niederländische Zeichner Simon Spruyt bringt die nationalistische Atmosphäre gut auf den Punkt. Das Beste an dem Album sind aber die Zeichnungen (von denen Carlsen – zumindest bis heute – leider keine Leseprobe online gestellt hat). Die Hintergründe in eher blassen, grüngrauen Wasserfarben, davor die Akteure in akkuraten schwarzen Linien, wobei die Hauptpersonen deutlich herausgearbeitet werden, während die Masse mit anonymen, kalkweißen Strichmännchengesichtern skizziert wird. Das hat was. Ausgezeichnet als Bester Niederländischer Comic 2014.

Simon Spruyt: Junker – Ein preußischer Blues
192 Seiten, gebunden, 24,99 Euro, Carlsen, ISBN 978-3-551-76320-4

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