Unfollow

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Lukas Jüliger mag es mysteriös. Irgendwie ist man immer ein bisschen am rätseln, worauf die Story am Ende hinauslaufen wird, und – wenn man sie dann gelesen hat – was genau er damit sagen will. Ob in seinem Erstling Vakuum oder in seiner E.A.Poe-Adaption Berenice – ganz sicher kann man sich bei ihm nie sein. Das ist auch in seinem neuen Album so. Verlagstext: “Nature‘s Own Youtuber” titelt das TIME Magazine über den mysteriösen Social-Media-Star Earthboi, dessen Videos und Posts ein Zeitalter des neuen, bewussteren Leben einzuläuten scheinen. Fernab der menschlichen Zivilisation teilt Earthboi im Internet sein Wissen und seine Erinnerungen, die zum Ursprung allen Lebens zurückreichen. Er kennt sämtliche Facetten der Natur und ihrer Schöpfungen, er war Zeuge ihrer Entstehung. Er weiß, welche Rolle ihm dabei zukommt, die Erde zu heilen. Und welche den Menschen… Mit unterschwelligem Suspense spinnt Lukas Jüliger in “Unfollow” eine moderne Fabel über alternative Lebensentwürfe, die Klimakrise und die bizarren Auswüchse der Influencer-Kultur.

Ein menschliches Wesen als Hauptfigur, das irgendwie schon im Kambrium gelebt hat – also vor rund 500 Millionen Jahren? Oder sich zumindest bis dahin zurück erinnern kann? So eine Art Öko-Jesus? Warum nicht. Jüliger präsentiert eine Mischung aus Umweltbibel, Sektenwahn, zarter Lovestory und Massenmanipulation via Internet, die wie immer bei ihm sehr vielschichtig angelegt und wunderschön gezeichnet ist. Viele Bilder wirken sehr organisch. Alles wächst und sprießt aus irgendetwas heraus, oder ist sonstwie miteinander verbunden. Die monochromen Kolorierungen bringen viel Ruhe auf die Seiten, und seine Hauptfiguren würden – wie in seinen bisherigen Alben – jeden Anorexie-Contest gewinnen. Alles ist leicht fragil und zerbrechlich und irgendwie nicht ganz von dieser Welt. Und wie in seinen bisherigen Alben endet eine seiner Figuren durch Selbstmord.

In einer Rezension über Oesterles Album Kopfsachen hatte ich geschrieben: Es gibt Köpfe, in denen möchte man nicht stecken. Wenn man seine Geschichten liest, gehört der von Oesterle definitiv dazu. Das gilt auch für Jüliger. Man möchte nicht in seinem Kopf stecken – aber man möchte seine Comics lesen. Ein bisschen krank wirken seine Geschichten immer – doch genau das ist es, was sie spannend macht. Man kann nie vorhersagen, was als nächstes passiert. Alles scheint möglich. Und so wandelt sich auch diese Geschichte vom Öko-Paradies zu einem Ende, das man so nie und nimmer erwartet. Originelle Story, Artwork vom Feinsten, und trotz des Umwelt-Themas kein Album für friedliebende Vegetarier.

Top 10 2020  Lukas Jüliger: Unfollow
168 Seiten, 18,- Euro, Reprodukt, ISBN 978-3-95640-217-3
> Leseprobe

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