Herz aus Stein

almanza-herz-aus-steinDieses Album ist zum Herzerweichen tragisch und durch und durch rührend. Verlagstext: Das Mädchen mit dem Artischockenherz hat genug Liebe für die ganze Welt, aber ganz besonders liebt sie den Jungen mit dem Herz aus Stein. Darum schenkt sie ihm jeden Tag ein Stückchen ihres Herzens, und jeden Tag reißt er es in kleine Fetzen. Das Herz des Mädchens wird kleiner und kleiner, und eines Tages verliert sie die Freude am Leben. Warum nur will der Junge mit dem Herz aus Stein sich nicht lieben lassen? … Diese lyrische Graphic Novel erkundet tiefe Gefühle mit klugen Metaphern und visueller Poesie in wunderschönen Aquarellen.

Stimmt. Aber Vorsicht: Wer nah am Wasser gebaut ist, sollte seine Taschentücher bereithalten, bevor er dieses Album aufklappt. Es ist zuckersüß und todesbitter, hat kein Happyend und wird komplett in Reinem erzählt:

Das Mädchen konnt´ es kaum glauben und verstand nicht, warum
er ein so schönes Geschenk schnöde verschmähte.
Sie packte ihr Herz ein und stand noch ein Weilchen herum,
sah zu, wie der raue Wind die Fetzen verwehte.

Die Reime sind gelegentlich etwas holprig. Aber französische Reime so zu übersetzen, dass das Versmaß stimmt, ist schwierig. Die Story selbst ist im Grunde simpel: Zwei gegensätzliche Charaktere treffen aufeinander und leben aufgrund dieser Unterschiedlichkeit aneinander vorbei. Und genau genommen ist es auch kein Comic, sondern eine Art Bilderbuch in großzügig angelegter Panel-Struktur. Die Reime erzählen die Geschichte.

Was diesen Band herausragend macht, sind die traumhaft schönen Aquarelle von Jérémie Almanza. Da könnte sich mancher Fantasy-Zeichner eine Scheibe von abschneiden. Auch die Kolorierung ist wunderhübsch. Die Geschichte wurde sicher für eine jüngere Zielgruppe geschrieben, aber die Bilder sind ein Augenschmaus für jeden Fantasy-Fan – egal wie alt.

Jérémie Almanza, Séverine Gauthier: Herz aus Stein
32 Seiten, gebunden, 13,95 Euro, Toonfish, ISBN: 978-3-95839-984-6
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Weites Land

meurisse-weites-landDie französische Illustratorin Catherine Meurisse hat schon in ihrem Album Die Leichtigkeit die Flucht in Natur und Bücher angetreten, um ihr Gleichgewicht wiederzufinden. Auch Weites Land handelt von Gärten, Bäumen und Kultur. Meurisse erzählt von ihrer Kindheit in der Provinz. Obwohl es keine Handlung gibt, die den Leser durch irgend eine Art von Spannungsbogen zum Weiterlesen zwingen würde, macht es Spaß, dieses Album zu lesen.

Es sind nicht nur die Bilder, die das Landleben mit all seinen Farben und Gerüchen transportieren. Meurisse kann auch unterhaltsam erzählen. Ihre Eltern waren der Meinung, es sei gut, wenn Kinder auf dem Land aufwachsen, weshalb sie einen alten, verfallenen Hof kauften: ein paar Mauern und jede Menge Wiese drumrum. Fast alles musste neu gebaut werden. Für die kleine Catherine ein großes Abenteuer.

Sie sammelt fossile Schneckenhäuser, Vasen, Scherben – kurz: alles, was sie aus der Erde buddelt und einigermaßen historisch aussieht. Das stellt sie in ein Regal, nennt es Museum und nimmt 50 Centimes Eintritt. Später kommen andere Dinge hinzu: Kuhpfladen zum Beispiel (getrocknet, aus verschiedenen Epochen). Sie begeistert sich für Bäume und Blumen, weiß, weshalb Kuhdung früher besser roch, freundet sich mit einem Gartenzwerg an, fühlt sich pudelwohl, und dieses Gefühl von Sorglosigkeit überträgt sich nach und nach auch auf den Leser. Ein Album wie ein Spaziergang an einem hellen Frühlingstag – mit einem Schuss Selbstironie in Szene gesetzt und klasse gezeichnet.

Catherine Meurisse: Weites Land
96 Seiten, gebunden, 18,- Euro, Carlsen, ISBN 978-3-551-73427-3

Reise ins Innere der Stadt

tan-reise-ins-innere-der-stadtEin neues Buch von Shaun Tan, der mit Ein neues Land einen der schönsten Comics der letzten Jahren abgeliefert hat. Allerdings zeichnet Tan nicht nur Comics, sondern auch Kinderbücher, illustriert Märchen und schriebt surreale Geschichten wie die Geschichten aus der Vorstadt der Universums, die er mit seinen fantasievollen Zeichnungen anreichert. Die Reise ins Innere der Stadt ähnelt vom Aufbau her den Geschichten aus der Vorstadt des Universums – es ist also kein Comic, sondern ein 288 Seiten dickes Buch mit 25 Geschichten und den genialen, Tan-typischen, doppelseitigen Bildern. Allerdings fehlen die collagenartigen, verspielten Elemente aus dem Universum in dem neuen Album völlig.

Verlagstext: Während eines Meetings verwandeln sich alle Vorstandsmitglieder in Frösche. Kurz vor seiner Operation findet ein Patient im Krankenhaus Zuspruch bei einer Eule. Das letzte Nashorn wird unter Applaus auf einem Zebrastreifen erschossen. Im 87. Stock führen Krokodile unbemerkt ein sehr komfortables Leben. Der Ausnahmekünstler Shaun Tan beleuchtet in seinem neuesten Werk das sonderbare Verhältnis zwischen Mensch und Tier und schildert in traumartigen Sequenzen, wie Liebe und Fürsorge nicht selten Gleichgültigkeit und Grausamkeit gegenüberstehen.

So surreal wie seine Bilder sind auch die Inhalte seiner Geschichten. Es ist nicht alles logisch, was hier passiert (genau genommen ist so gut wie gar nichts logisch, was hier passiert). Wer auf nachvollziehbare Handlungsabläufe steht, wird also wenig Freude daran haben. Wer aber seine Fantasie gerne durch unbekannte Welten schweifen lässt, kann Tans Figuren dabei zusehen, wie sie auf einem Hochhausdach Mondfische fangen, wie (und weshalb) Bären sich Rechtsanwälte nehmen oder wie unzählige Schmetterlinge für einen flüchtigen Moment die Welt verzaubern. Doch so sonderbar sich das Leben in diesem Buch auch darstellt – am Ende hat Tan uns damit auf leisen Sohlen so sehr von unserem eigenen Leben entfernt, dass uns all die geschäftige Wichtigkeit, die wir ihm täglich beimessen, am sonderbarsten erscheint.

Shaun Tan: Reise ins Innere der Stadt
288 Seiten, gebunden, 28,- Euro, Aladin-Verlag, ISBN 978-3-8489-2118-8