Der Junge lebt im Brunnen

gach-junge-im-brunnenDas Cover kommt etwas blass und unscheinbar rüber, aber im Innenteil sind die Zeichnungen farbig und plastisch. Sie erinnern vom Ambiente her ein bisschen an die ländlichen Atmosphären in den Alben von J. C. Servais. Dazu passt, dass Autor Alexander Kaschte 1978 in Wetzlar geboren wurde und seine Kindheit dort in ländlicher Umgebung verbracht hat. Zeichner Jaroslaw Gach, Jahrgang 1973, kommt aus Polen und ist Absolvent der Hochschule der Schönen Künste in Olsztyn. Er hat sich auf Comics und Illustrationen spezialisiert und bereits einige Preise für seine Arbeiten eingeheimst.

In ihrem Album erzählen sie die Geschichte von zwei Kindern – einem Mädchen und einem Jungen. Das Mädchen findet im Wald einen Wunschbrunnen. Wer hier eine Münze hineinwirft, darf sich etwas wünschen, und der Wunsch, so heißt es, geht in Erfüllung. Doch das Mädchen wirft nichts, sondern blickt hinein – und entdeckt den Jungen am unteren Ende des Brunnenschachts. Wer kann das sein? Und wie ist er dort kommt hineingekommen?

Die kleine Geschichte über Freundschaft kommt fast ohne Worte aus. Die Bilder erzählen sie beinahe alleine. Gedruckt wurde auf Munken-Polar-Papier mit rauer Oberflächenstruktur. Das Ergebnis haben die Herausgeber in eine rückenlose Bindung mit einem soliden Cover aus unbehandeltem Karton gesteckt. Das macht das Blättern zu einem haptischen Erlebnis. Ein poetisches Album für Freunde von leise erzählten Geschichten und liebevoll gestalteten Büchern.

Jaroslaw Gach, Alexander Kaschte: Der Junge lebt im Brunnen
48 Seiten, gebunden, 19,95 Euro, Insektenhaus, ISBN 9783981951806
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Frida

vinci-fridaMit sechs Jahren an Kinderlähmung zu erkranken und dadurch zeitlebens ein verkürztes Bein (und Schmerzen) zu haben, sollte eigentlich reichen. Für Frida Kahlo (1907 – 1954) war das jedoch mehr eine Art Vorspiel zu dem, was danach kam. Mit 18 Jahren wurde sie bei einem Autounfall schwer verletzt. Die Diagnose: Wirbelsäule in drei Stücke gebrochen, Schlüsselbein, Rippen und rechtes Bein mehrfach gebrochen, rechter Fuß ausgerenkt und zertrümmert, linke Schulter ausgekugelt, Becken in drei Teile zerbrochen, und zu allem Überfluss hatte sich eine Metallstange diagonal durch ihren Unterleib gebohrt. Wer das überlebt geht einen lebenslangen Flirt mit dem Tod ein – und so war es bei ihr auch. Über Jahre hinweg immer wieder Operationen, Schmerzen und Betäubungsmittel. Das fesselte sie immer wieder ans Bett und schränkte sie in vielen Bereichen ein.

Dazu kam ihre Liebe zu dem 20 Jahre älteren Maler Diego Rivera, den Kahlo dann auch heiratete. Keine einfache Geschichte, denn Rivera vögelte alles, was nicht bei drei auf den Bäumen war. Allerdings war Kahlo erotischen Abenteuern auch nicht abgeneigt. Im Grunde gingen beide sehr natürlich damit um – Sex gehörte für sie so selbstverständlich zum Leben wir essen und atmen – aber Eifersüchteleien blieben trotzdem nicht aus. In diesem Spannungsfeld zwischen Krankheit und Erotik, mexikanischer Kultur und kommunistischen Ideen entwickelt Kahlo ihre Bilder. Heute gilt sie als eine der bedeutendsten Malerinnen Lateinamerikas.

Die Autorin und Illustratorin Vanna Vinci hat Kahlos Leben in diesem Buch beschrieben, das sich zwar Graphic Novel nennt, aber eher wenig mit diesem Medium zu tun hat. In einer Graphic Novel erzählen die Bilder – in diesem Album erzählt Vinci. Das tut sie sehr geschickt, indem sie Kahlos Lebensgeschichte in einen Dialog zwischen Kahlo und dem Tod packt und das Gespräch mit Illustrationen – sie ist nun mal Illustratorin und keine Comiczeichnerin – auflockert.

Die Dialoge sind flüssig und unterhaltsam geschrieben, und in ihren Illustrationen verarbeitet sie viele Motive aus Kahlos Werken: Meine Amme und ich, Meine Geburt, Der Selbstmord von Dorothy Hale, Die zwei Fridas, Die gebrochene Wirbelsäule, Selbstporträts in allen Variationen, Bilder ihrer Liebhaber, und natürlich immer wieder Todesmotive. Das alles kommt sehr bunt, farbenfreudig und so lebensfroh daher, wie Kahlo trotz aller Krankheit auch war. Abgesehen davon, dass es nervt, dass man heutzutage auf alles, was irgendwie bunt ist, das Label Graphic Novel draufpappt, ein sehr schönes Album.

Top 10 2017Vanna Vinci: Frida – Ein Leben zwischen Kunst und Liebe
160 Seiten, gebunden, 22,- Euro, Prestel, ISBN: 978-3-7913-8387-3
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Die Adoption

monin-die-adaptionWas ich an der Aufmachung von Splitter-Alben unter anderem mag, sind neben den gediegenen Hardcover-Ausführungen auch die Informationen für den Leser. Lange, bevor andere Verlage sich diese Selbstverständlichkeit ebenfalls angewöhnten, hat Splitter immer angegeben, welche anderen Alben von Texter und Zeichner wo erschienen sind – selbst wenn es Publikationen aus konkurrierenden Verlagen waren. In diesem Fall haben sie leider vergessen, Zidrous wunderhübsches Album Lydie anzuführen. Wem also Die Adoption gefällt, sollte auch in Lydie reinschauen.

Dass Die Adoption gefällt, daran kann es eigentlich keinen Zweifel geben, denn dieser erste Band des Zweiteilers um ein adoptiertes Kind ist einfach nur rührend erzählt und von Monin, der schon das ebenfalls von Zodrou geschriebene Merci bebildert hat, allerliebst gezeichnet. Es geht um ein kinderloses Ehepaar, beide Mitte vierzig, das gerne Kinder hätte. Als ein Erdbeben in Peru zahlreiche Häuser einstürzen lässt und viele Kinder zu Waisen macht, entschließen sich die beiden, eins von ihnen zu adoptieren.

Nun macht es einen Unterschied, ob man sich ein Kind wünscht, oder ob man ein Kind hat. Im zweiten Fall gibt es oft Terminprobleme – aber wozu sind eigentlich die Großeltern da? Oma ist begeistert, Opa weniger. Die quirlige Vierjährige bringt sein geruhsames Leben durcheinander, und überhaupt weiß er nicht, was er mit Kindern anfangen soll.

OK – rührigen Putziges-Kind-schmilzt-Griesgramherz-Kitsch kann man jeden zweiten Abend bei ZDF + Co sehen. Allerdings nicht so. Die Bilder sind wirklich erlesen und treffen Mimik und Bewegung von Kind und Großvater hundertprozentig auf den Punkt, und auch Zidrous geschliffene Dialoge sind wieder ein Genuss. Das pure Leben. Bleibt zu hoffen, dass der abschließende zweite Band bald erscheint, denn der Cliffhanger, den Zidrou sich am Ende dieses ersten Bandes ausgedacht hat, ist wirklich finster.

Update 26. April 2018: Der abschießende Band 2 ist da – und völlig anders als erwartet. Zidrou quält hier erfreulicherweise kein abgelutschtes Klischee zu Tode, sondern gibt der Geschichte eine völlig neue Wendung. Das wahre Leben ist eben doch anders als eine ZDF-Vorabendserie.

Arno Monin, Zidrou: Die Adoption Bd. 1: Qinaya
72 Seiten, gebunden, 16,80 Euro, Splitter, ISBN 978-3-95839-529-9
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