Frida

vinci-fridaMit sechs Jahren an Kinderlähmung zu erkranken und dadurch zeitlebens ein verkürztes Bein (und Schmerzen) zu haben, sollte eigentlich reichen. Für Frida Kahlo (1907 – 1954) war das jedoch mehr eine Art Vorspiel zu dem, was danach kam. Mit 18 Jahren wurde sie bei einem Autounfall schwer verletzt. Die Diagnose: Wirbelsäule in drei Stücke gebrochen, Schlüsselbein, Rippen und rechtes Bein mehrfach gebrochen, rechter Fuß ausgerenkt und zertrümmert, linke Schulter ausgekugelt, Becken in drei Teile zerbrochen, und zu allem Überfluss hatte sich eine Metallstange diagonal durch ihren Unterleib gebohrt. Wer das überlebt geht einen lebenslangen Flirt mit dem Tod ein – und so war es bei ihr auch. Über Jahre hinweg immer wieder Operationen, Schmerzen und Betäubungsmittel. Das fesselte sie immer wieder ans Bett und schränkte sie in vielen Bereichen ein.

Dazu kam ihre Liebe zu dem 20 Jahre älteren Maler Diego Rivera, den Kahlo dann auch heiratete. Keine einfache Geschichte, denn Rivera vögelte alles, was nicht bei drei auf den Bäumen war. Allerdings war Kahlo erotischen Abenteuern auch nicht abgeneigt. Im Grunde gingen beide sehr natürlich damit um – Sex gehörte für sie so selbstverständlich zum Leben wir essen und atmen – aber Eifersüchteleien blieben trotzdem nicht aus. In diesem Spannungsfeld zwischen Krankheit und Erotik, mexikanischer Kultur und kommunistischen Ideen entwickelt Kahlo ihre Bilder. Heute gilt sie als eine der bedeutendsten Malerinnen Lateinamerikas.

Die Autorin und Illustratorin Vanna Vinci hat Kahlos Leben in diesem Buch beschrieben, das sich zwar Graphic Novel nennt, aber eher wenig mit diesem Medium zu tun hat. In einer Graphic Novel erzählen die Bilder – in diesem Album erzählt Vinci. Das tut sie sehr geschickt, indem sie Kahlos Lebensgeschichte in einen Dialog zwischen Kahlo und dem Tod packt und das Gespräch mit Illustrationen – sie ist nun mal Illustratorin und keine Comiczeichnerin – auflockert.

Die Dialoge sind flüssig und unterhaltsam geschrieben, und in ihren Illustrationen verarbeitet sie viele Motive aus Kahlos Werken: Meine Amme und ich, Meine Geburt, Der Selbstmord von Dorothy Hale, Die zwei Fridas, Die gebrochene Wirbelsäule, Selbstporträts in allen Variationen, Bilder ihrer Liebhaber, und natürlich immer wieder Todesmotive. Das alles kommt sehr bunt, farbenfreudig und so lebensfroh daher, wie Kahlo trotz aller Krankheit auch war. Abgesehen davon, dass es nervt, dass man heutzutage auf alles, was irgendwie bunt ist, das Label Graphic Novel draufpappt, ein sehr schönes Album.

Top 10 2017Vanna Vinci: Frida – Ein Leben zwischen Kunst und Liebe
160 Seiten, gebunden, 22,- Euro, Prestel, ISBN: 978-3-7913-8387-3
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Die Adoption

monin-die-adaptionWas ich an der Aufmachung von Splitter-Alben unter anderem mag, sind neben den gediegenen Hardcover-Ausführungen auch die Informationen für den Leser. Lange, bevor andere Verlage sich diese Selbstverständlichkeit ebenfalls angewöhnten, hat Splitter immer angegeben, welche anderen Alben von Texter und Zeichner wo erschienen sind – selbst wenn es Publikationen aus konkurrierenden Verlagen waren. In diesem Fall haben sie leider vergessen, Zidrous wunderhübsches Album Lydie anzuführen. Wem also Die Adoption gefällt, sollte auch in Lydie reinschauen.

Dass Die Adoption gefällt, daran kann es eigentlich keinen Zweifel geben, denn dieser erste Band des Zweiteilers um ein adoptiertes Kind ist einfach nur rührend erzählt und von Monin, der schon das ebenfalls von Zodrou geschriebene Merci bebildert hat, allerliebst gezeichnet. Es geht um ein kinderloses Ehepaar, beide Mitte vierzig, das gerne Kinder hätte. Als ein Erdbeben in Peru zahlreiche Häuser einstürzen lässt und viele Kinder zu Waisen macht, entschließen sich die beiden, eins von ihnen zu adoptieren.

Nun macht es einen Unterschied, ob man sich ein Kind wünscht, oder ob man ein Kind hat. Im zweiten Fall gibt es oft Terminprobleme – aber wozu sind eigentlich die Großeltern da? Oma ist begeistert, Opa weniger. Die quirlige Vierjährige bringt sein geruhsames Leben durcheinander, und überhaupt weiß er nicht, was er mit Kindern anfangen soll.

Ok – rührigen Putziges-Kind-schmilzt-Griesgramherz-Kitsch kann man jeden zweiten Abend bei ZDF + Co sehen. Allerdings nicht so. Die Bilder sind wirklich erlesen und treffen Mimik und Bewegung von Kind und Großvater hundertprozentig auf den Punkt, und auch Zidrous geschliffene Dialoge sind wieder ein Genuss. Das pure Leben. Bleibt zu hoffen, dass der abschließende zweite Band bald erscheint, denn der Cliffhanger, den Zidrou sich am Ende dieses ersten Bandes ausgedacht hat, ist wirklich finster.

Top 10Arno Monin, Zidrou: Die Adoption Bd. 1: Qinaya
72 Seiten, gebunden, 16,80 Euro, Splitter, ISBN 978-3-95839-529-9
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Irgendwo zu Hause

obata-irgendwo-zuhauseDie Globalisierung führt dazu, dass immer mehr Menschen in Ländern leben, in denen sie nicht aufgewachsen sind. Viele gezwungenermaßen, weil sie auf der Flucht vor Krieg oder Verfolgung sind, viele aber auch freiwillig, weil sie Bock auf neue Erfahrungen und andere Kultur haben oder einfach in einem anderen Land Möglichkeiten, die sie zu Hause nicht hätten.

Die junge Japanerin Yumiko gehört zur letzten Sorte. Sie ist nach England gezogen, um dort als Designerin zu arbeiten und fühlt sich in der Hektik von London pudelwohl. Die Heirat mit ihrem englischen Freund steht vor der Tür, die Karriere läuft prima, und auch sonst gefällt ihr das neue Leben ausgezeichnet.

Als ihr Vater stirbt, fliegt sie nach Tokio. Im Grunde ist es wie im vorigen Sommer, als sie ihren Vater besucht hat und – weil sie längst an das verregnete London gewöhnt war – von der brütenden Hitze in Tokio ganz erschlagen war. Aber diesmal ist etwas anders. All die Traditionen und Rituale, die mit der Beerdigung verbunden sind, führen sie zurück in ihre Kindheit, und ein Besuch bei ihrer Mutter in Kyoto macht ihr klar, wie unterschiedlich ihre Möglichkeiten der Lebensgestaltung im Gegensatz zu denen ihrer Mutter sind.

Das klingt ein bisschen nach Sentimentalität und Heimatgedusel – ist es aber nicht. Verschiedene Kulturen bringen verschiedene Sphären in Menschen zum Klingen, und die Unterschiedlichkeit regt zum Nachdenken an. Oder zum Mischen. Zeichner Obata kommt aus Japan, hat in England studiert, im französischen Angoulême gearbeitet und lebt jetzt wieder in London. Er kennt das Leben in verschiedenen Welten also aus eigener Erfahrung, und in seinen Zeichnungen trifft französische Eleganz auf japanische Reduzierung und Strenge, was ihr streckenweise aparte Kontraste verleiht. Eine leise Geschichte in weichen Bilder und gefühlvollen Aquarellkolorierungen. Das hat was.

Fumio Obata: irgendwo zu Hause
160 Seiten, gebunden, 19,99 Euro, Carlsen, ISBN 978-3-551-72819-7