Von Mäusen und Menschen

Viele Ideen, abgefahrenes Design: 1937, kurz nach dem Ende der Weltwirtschaftskrise, veröffentlichte John Steinbeck eine Novelle mit dem Titel »Von Mäusen und Menschen«, die in die Literaturgeschichte eingehen und Millionen von Lesern auf der ganzen Welt zutiefst bewegen sollte. Durch die Augen zweier Wanderarbeiter, deren Sorgen und Nöte, Träume und Hoffnungen Steinbeck in präzisen wie eindringlichen Sätzen mit uns teilt, zerfällt der »American Dream« darin im Angesicht der Ungerechtigkeit der Welt langsam zu Staub… Jede unvollständige Adaption kann »Von Mäusen und Menschen« nicht gerecht werden. Daher nimmt Rébecca Dautremer sich des kompletten Textes an, ohne ihm eine völlig neue Lesart aufzwängen zu wollen. Stattdessen steigert die gefeierte Illustratorin die suggestive Kraft von Steinbecks Novelle auf beeindruckende Weise, wobei sie ein beachtliches Instrumentarium an grafischen Techniken ausbreitet und virtuos anwendet. (Verlagstext)

Ein beachtliches Instrumentarium an grafischen Techniken – das trifft es absolut. Was die französische Illustratorin, die die Tageszeitung Le Monde als eine der größten Illustratorinnen der Gegenwart bezeichnet, hier auf die Seiten zaubert, ist schlicht phänomenal. Es ist eins dieser Alben, die beim flüchtigen Durchblättern ziemlich konfus wirken, beim Lesen aber eine ganz eigene Wirkung entfalten.

Als Grundlage nimmt Rébecca Dautremer den Originaltext von Steinbeck (in der Übersetzung von Mirjam Pressler), den sie nicht in Panels packt, sondern einfach stückchenweise auf die Seiten legt. Zu den Fließtexten entwickelt sie Collagen, mit den sie die Texte ganz oder doppelseitig illustriert. Mal als einfaches, klares Motiv, mal als ineinander verwobene Bilder. Für die Dialoge nimmt sie zwar oft eine Art Panelstruktur, lässt die miteinander Kommunizierenden aber frei im Raum stehen. Mal geometrisch neben- und untereinander angeordnet, je nach Text aber auch so, dass eine oder zwei Personen den optischen Schwerpunkt der Seite bilden. Das ist unglaublich abwechslungsreich, und im Gegensatz zum ersten Eindruck keinesfalls chaotisch, sondern einfach nur klasse. Nicht zuletzt die Art und Weise, wie sie die Charaktere in die Gesichter der Hauptfiguren einzuweben versteht, die sie am Anfang der einzelnen Kapitel großformatig auf die Seiten packt.

Es ist kein Album für den schnellen Konsum – dazu gibt es zu viel zu sehen. Aber glücklicherweise auch kein zusammengehirnter Band, in dem die Story vor lauter kulturellem Anspruch den Bach runtergeht. Die Spannung der Geschichte lässt an keiner Stelle nach. Ein Album, das zeigt, was man mit dem Medium Comic alles machen kann – und eine Story, die rundum tragisch endet. Aufgrund des Umfangs nicht gerade billig, aber irgendeinen Sinn muss der Weihnachtswunschzettel ja machen.

Top 10 2021  Rébecca Dautremer, John Steinbeck: Von Mäusen und Menschen
424 Seiten, gebunden, 49,80 Euro, Splitter, ISBN 978-3-98721-042-6
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