
Seit Langem gilt Orlando als Klassiker der feministischen und queeren Literatur. Die fiktive Biografie erzählt die Geschichte eines leidenschaftlichen jungen Adligen, der durch die Zeit und durch seine Geschlechteridentität reist. Der scheinbar zeitlose Orlando durchlebt drei außergewöhnliche Jahrhunderte: Er reist – auf der Flucht vor Liebeskummer und einer unerwünschten Verehrerin – vom elisabethanischen Hof ins osmanische Konstantinopel. Hier verwandelt er sich nach einer Revolte gegen den Sultan in eine Frau und schließt sich einer Gruppe Roma in den anatolischen Bergen an. Nach einem Streit packt ihn – bzw. sie – das Heimweh und sie segelt zurück ins viktorianische England. Schließlich kommt sie im frühen 20. Jahrhundert an und findet im Kapitän Shelmerdine einen Seelenverwandten, der genauso wie sie zu keinem Geschlecht gehört. (Verlagstext)
Virginia Woolf hat ihren Roman immer als heiter und schnell lesbar charakterisiert, und das ist er auch. Da bewegt sich eine Fantasiegestalt durch gut 300 Jahre Zeitgeschichte und wechselt mittendrin das Geschlecht. Im Prinzip jede Menge Stoff für Reflexionen über Geschlechterrollen. Vor allem, weil die Sitten zur elisabethanischen Zeit anders waren als in der viktorianischen. Aber allzu sehr in die Tiefe geht Woolf nicht. Sie schwebt eher heiter über den Rollen – was nicht zuletzt deshalb einfach ist, weil Orlando jede Menge Geld hat. Das Buch liefert also keine Analysen, sondern mehr Fantasy als Feminismus, aber immerhin Erkenntnisse wie: Als junger Mann habe ich darauf bestanden, dass Frauen gehorsam, keusch, parfümiert und exquisit gekleidet zu sein hatten. Jetzt – als Frau – merke ich, dass Frauen nicht von Natur aus gehorsam, keusch, parfümiert und exquisit gekleidet sind.
Die Grafikerin und Illustratorin Susanne Kuhlendahl nimmt Woolfs Faden auf und lässt ihren Helden ebenso heiter durch die Zeiten gleiten. Was ihr durch die bunte, der jeweiligen Zeit angepassten Kolorierung und die wechselnden Moden und Sitten nicht schwerfällt. Und wie stark sie mit Aquarell ist, hat sie schon in ihrer Adaption von Thomas Manns Tod in Venedig gezeigt. Auch ihre kreativen, abwechslungsreichen Seitenlayouts tragen zur Lockerheit des Albums bei. Das macht Lust zu lesen und wird, obwohl es keinen rechten Spannungsbogen gibt, nie langweilig.
Susanne Kuhlendahl, Virginia Woolf: Orlando
Aus dem Englischen von Susanne Kuhlendahl
208 Seiten, HC, 27.- €, Helvetiq, ISBN 9783039641000
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