Kein Blick zurück

„Die Idee für die Kerngeschichte“, schriebt Montero im Nachwort dieses Albums, „kam mir an einem Winternachmittag, als ich in den Straßen spazieren ging. An einer Ecke saß ein Typ unbestimmten Alters, der viele Lagen von Kleidungsstücken übereinander trug. Sein Bart war lang und verfilzt, und neben ihm saß ein magerer Hund mit Schlappohren, mit dem er sich ausführlich unterhielt. Dieses Bild blieb mir lange im Gedächtnis. Ich überlegte eine Geschichte, in der ich die Vergangenheit dieser beiden Figuren erzählen wollte.“ Und die geht so:

Der junge Jaime sieht seine Freundin an und stellt fest, dass Menschen immer eine Art emotionale Stabilität suchen. Hat man sie gefunden, sehnt man sich aber schon wieder nach Veränderung. Also beendet er kurz entschlossen die Beziehung mit ihr, setzt sich in sein Auto und macht sich mit seinem Hund auf den Weg. Einfach weg. Einfach mal wieder was anderes sehen. Das Ergebnis ist ein dynamisches Roadmovie, in dem das Leben teilweise hart zuschlägt.

Dieses Erstlingswerk von Montero wurde mit dem Internationalen Comicpreis Castelao ausgezeichnet. Verständlich, wenn man das Album liest. Der Ausdruck in Mimik und Haltung der Figuren ist absolut stark. Schon alleine der Hund ist ein Genuss – seine Interaktion mit Jaime auch. Aggressive Szenen unterlegt Montero mit Rot, ansonsten bleibt er bei Schwarzweiß. Und damit kann er prima umgehen. Die Story ist vielleicht etwas an den Haaren herbei gezogen, aber der Zeichner Dani Montero ist sicher eine der Entdeckungen des Jahres.

Dani Montero: Kein Blick zurück
96 Seiten, meist schwarzweiß, 15,- Euro, Edition 52, ISBN 3935229852

Heute ist der letzte Tag …

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Die Macht der Männer liegt in der Geduld der Frauen. Diese Erkenntnis der Frauenbewegung aus den 70er Jahren war in den 80ern unter Punkfrauen nicht mehr sehr verbreitet. Sie dachten, ihr schräges Aussehen sei für Typen abschreckend genug.

Falsch, wie Ulli, die nach ihrem siebzehnten Geburtstag zusammen mit Freundin Edi ohne Geld und Ausweispapiere ins sonnige Italien trampt, um der spießigen Enge von Wien zu entfliehen, feststellen muss. Der Preis für eine Übernachtung bei Straßenbekanntschaften ist ein klebrig-schwitzender Männerkörper im Bett, den frau nur schwer – und manchmal gar nicht – los wird. Dass sie daraus keine Konsequenzen zieht und sich wochenlang auf dieses entwürdigende Spiel einlässt, lässt sich nicht nur damit erklären, dass eine Übernachtung im Regen keine besonders angenehme Alternative darstellt, sondern eben auch damit, dass bei jeder neuen Bekanntschaft die immer neue Hoffnung aufkeimt, hier endlich einmal eine Spezies Mann getroffen zu haben, die nicht zum Testosteronmonster mutiert, sobald sie Brüste sieht.

Ganz schwierig wird das auf Sizilien, wo die beiden den Winter verbringen möchten. Dort gehen pubertierende Mädchen nicht ohne brüderliche Begleitung aus dem Haus, von wegen der Jungfräulichkeit und so. Was dazu führt, dass pubertierende Jungen sich zwangsläufig an Touristinnen halten.

Auf Hilfe von Edi kann Ulli nicht rechnen, denn Edi geht gerne mit Männern ins Bett. Weshalb, fragt Edi, soll frau sich nicht prostituieren, wenn sie damit das Nützliche mit dem Angenehmen verbinden kann? So reduziert sich der Traum von der Flucht in die Sonne immer öfter auf nervige Abwehrkämpfe, die ein relaxtes Genießen unmöglich machen. Vom Stress mit der Mafia gar nicht zu reden.

Die Geschichte von Ulli und Edi ist ein spannendes, unterhaltsames und gut gezeichnetes Roadmovie, das fette 460 Seiten stark ist. Eine autobiografische Geschichte, die viele Jugendliche damals wahrscheinlich ähnlich erlebt haben. Denn wer ist damals nicht quer durch Europa Richtung Mittelmeer getrampt und hatte einen Haufen Probleme, wenn die Kohle alle war? Vor allem als Frau ohne männliche Begleitung. Aber ein Trost bleibt: So schlecht die Dinge manchmal auch laufen – man kann eben immer noch eine gute Geschichte daraus machen.

Ulli Lust: Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens
460 Seiten, schwarzweiß, 29,95 Euro, avant, ISBN 978-3-939080-36-7
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