Israel verstehen

Der Palästina-Konflikt ist verwirrend. Obwohl Israelis wie Palästinenser immer wieder erklären, einen friedlichen Weg einschlagen zu wollen, ist dieser Weg nicht zu erkennen. Die US-Amerikanerin Sarah Glidden ist Jüdin, aber Israel gegenüber kritisch eingestellt. Um die israelische Politik besser verstehen zu können, entschließt sie sich, ein Angebot von Brightright anzunehmen. Brightright ist eine Organisation, die von Israel finanziert und von befreundeten Unternehmen gesponsert wird, um Juden in aller Welt kostenlose Bildungsreisen durch Israel zu ermöglichen. Zusammen mit ihrer Freundin Melissa macht Sarah sich auf den Weg.

Im Laufe der Tour wird die Brightright-Gruppe zu so ziemlich allen relevanten Orten des Landes gefahren: Golanhöhen, See Genezareth, Tel Aviv, Negev, Totes Meer, Masada, Jerusalem, Holocaustmuseum. Überall müssen sie Referate über sich ergehen lassen, die Sarah als reine Propaganda empfindet. Sie vermisst die Objektivität in den Berichten der Veranstalter. Fast alles wird aus der Sicht der Israels geschildert.

Doch trotz ihrer Kritik fängt sie langsam an, ein Zugehörigkeitsgefühl zu Israel zu entwickeln. Das verwirrt sie nur noch mehr. Ihr fällt ein Satz von Melanie Kaye ein: „Mancher von uns erlebt Israel wie einen verrückten Onkel. Man hat keine Kontrolle über ihn, trotzdem ist man irgendwie für ihn verantwortlich. Ihn öffentlich zu verstoßen, würde Schande über die Familie bringen.“

Am Ende ist sie zwar schlauer, aber nicht klarer im Kopf als vorher. Von außen ist alles einfach. In Israel selber aber, im praktischen Leben dort, gibt es keine einfachen Antworten auf ihre Zweifel und Fragen. Ein Album, das aufgrund seiner Informationsfülle auch für den Schulunterricht geeignet ist – zum Beispiel in Zusammenhang mit Palästina von Joe Sacco.

Sarah Glidden: Israel verstehen in 60 Tagen oder weniger
208 Seiten, 24,-, Euro, Reprodukt, ISBN 978-3-95640-133-6
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Aufzeichnungen aus Birma

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Nachrichten aus dem südostasiatischen Birma (Burma, Myanmar) sind meist wenig erfreulich. Seit den sechziger Jahren wird das Land von Militärs regiert. Als 1990 die „Nationale Liga für Demokratie“ eine Wahl gewann, wurde sie kurzerhand für ungültig erklärt. Aung San Suu Kyi, Trägerin des Friedensnobelpreises, wird seit Jahren kriminalisiert. Nach den Überflutungen 2004 behinderte die Militärregierung die Arbeit der internationalen Hilfsorganisationen. Und wo Selberdenken verboten und Zensur Alltag ist, geht auch das Bildungswesen den Bach runter. Viele Universitäten sind geschlossen.

Da ist es sehr schön, dass es den 1966 im kanadischen Québec geborenen und in Frankreich lebenden Zeichner Guy Delisle samt Familie ein gutes Jahr lang nach Birma verschlagen hat. Während seine Frau dort für die Hilfsorganisation „Ärzte ohne Grenzen“ tätig war, machte er in Birma den Hausmann und kümmerte sich um ihr gemeinsames Kind. Natürlich nicht ohne seinen Zeichenblock.

So entstand nach seinen Alben über „Shenzhen“ und „Pjöngjang“ jetzt ein Album über Birma – 270 unterhaltsame Seiten lang. Delisle nimmt darin keine Wertungen vor. Er beobachtet, er staunt, er zeichnet. Nicht nur politische, sondern auch ganz alltägliche Situationen: Einen Supermarkt für Touristen. Klimaanlagen bei Stromausfall. Vorsintflutliche Zensurmethoden. Mönche und Bombenleger. Tourismus in Bagan. Die Kinderliebe der Birmanen. Die Arbeit von „Ärzte ohne Grenzen“. Protest-T-Shirts für rebellische Jugendliche. Und und und…

Das Ergebnis ist ein sehr abwechslungsreiches Album, das Einblick in die sozialen, politischen und kulturellen Strukturen eines Landes gibt, über dessen Bewohner und deren Leben man sonst wenig authentisches erfährt. Präzise beobachtet und mit einer wunderbaren Portion Selbstironie erzählt. Da kann man nur wünschen, dass es ihn noch in viele andere exotische Länder dieser Welt verschlagen wird.

Top 10 2008

Guy Delisle: Aufzeichnungen aus Birma
272 Schwarzweiß- Seiten, 20,- Euro, Reprodukt, ISBN 978-3-941099-01-2
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