Auf nach Matha

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Na, wer erinnert sich noch an die Zeit, als man zarte 16 Jahre jung war und andere Probleme im Kopf hatte als Mathe und Deutsch? Die meisten dieser Probleme trugen Jungen- oder Mädchennamen, waren rasend süß und irgendwie schwer zu kriegen. Jedenfalls wusste man nicht, wie. Dumm auch, dass die Eltern meist überhaupt kein Verständnis dafür hatten, dass man unbedingt zu dieser endlich doch irgendwie zustande gekommenen Verabredung gehen musste, weil sonst die Welt untergehen würde. Mit Sicherheit. Jedenfalls die eigene. Im Gegensatz dazu waren Eltern der Meinung, die Welt ginge unter, wenn man nicht für die nächste Prüfung lernt, weshalb die Zeit für Freizeitaktivitäten diktatorisch begrenzt wurde.

Der sechzehnjährige Antione jedenfalls würde gerne mit seinen Freunden zum Camping fahren. Nicht zuletzt deshalb, weil Christelle ebenfalls dort ist. Und das wäre doch die Gelegenheit, sich endlich mal unbeobachtet von argwöhnischen Erziehungsberechtigten näher zu kommen. Doch Antoines Vater besteht darauf, in einem 15 Klometer vom Campingplatz entfernten Ort Urlaub zu machen. Da muss sich Antoine etwas einfallen lassen. Und auch auf dem Campingplatz läuft nicht alles nach Plan. Die örtlichen Platzhirsche legen sich mit Antoines Freunden an.

Jean C. Denis lässt in diesem Album Freud und Leid der Jugend in den 1960er Jahren auferstehen. Das macht er so authentisch, dass Assoziationen an den ein oder anderen eigenen Urlaub aufkommen können. Wer also Lust auf einen Nostalgie-Trip in die Zeit seiner Jugend hat, kann mit dieser unterhaltsam zu lesenden Gesamtausgabe in Erinnerungen schwelgen.

Top 10 2013

Jean C. Denis: Auf nach Matha (Gesamtausgabe)
128 Seiten, gebunden, 29,- Euro, Salleck, ISBN 978-3-89908-530-3
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Geschichten aus dem Viertel

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Mallorca war nicht immer eine Hochburg für europäische Pauschalurlauber. In den 1980er Jahren war es nichts als eine kleine Insel, auf der die Menschen sich recht und schlecht durchschlugen, ohne viele Möglichkeiten zu haben, aus ihrem Leben etwas zu machen. Im Barrio Chino, dem Chinesenviertel der Hauptstadt, trafen sich die Jugendlichen – die Möglichkeiten ringsum von Wasser begrenzt. Einer von ihnen war Gabi Beltrán. Seine Erinnerungen sind in den Geschichten dieses Albums versammelt.

Gabi ist mitten in der Pubertät. Irgendwie, schreibt er, war mir bewusst, dass manche Türen als Eingang dienten, nicht aber als Ausgang. Er hängt mit Freunden ab, kifft, frönt dem Wodka und lässt sich auch mal von Älteren zum Schmierestehen bei einem kleinen Überfall oder zu einer Spritzfahrt in einem geklauten Cabrio überreden. Was nicht immer gut ausgeht. Sein Vater ist Alkoholiker, manche Mütter seiner Freunde gehen auf den Strich – weshalb er seinen ersten Bordellbesuch so planen muss, dass er von denen nicht erwischt wird.

Es sind Alltagsgeschichten von Mitgliedern einer Jugendclique, die ohne große Hoffnung auf ein besseres Leben ihren Träumen nachhängen, typische Coming of Age-Geschichten, die Bartolomé Seguí in feine, ausdrucksstarke Bilder packt, in denen vor allem die Gesichter und die Stadtansichten faszinieren – von der Atmosphäre her vielleicht vergleichbar mit Larcenets Comic Der alltägliche Kampf. Ein starkes Album – abwechslungsreich, unterhaltsam, spannend und voller Leben – und mit dem Premi Ciutat de Palma de Còmic ausgezeichnet.

Top 10 2013

Bartolomé Seguí, Gabi Beltrán: Geschichten aus dem Viertel
152 Seiten, 19,95 Euro, avant, ISBN 978-3-939080-76-3
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Update 28.3.106: Es gibt ein neues Album vom gleichen Team: Wege aus dem Viertel. Genauso klasse wie der erste Band.

Vakuum

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Also dieses Album hat etwas tiefgreifend Verstörendes und nicht minder Verwirrendes. Lukas Jüliger, Student (Illustration) an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg, legt ein Comicalbum vor, das superspannend erzählt und einfühlsam gezeichnet ist, den Leser allerdings mit einer Menge Fragezeichen zurücklässt.

Es geht um drei Jugendliche, die während der Pubertät erste Erfahrungen mit Drogen und – vor allem – mit Beziehungen und Sexualität machen, und davon mehr als verwirrt sind. Die typischen Unsicherheiten dieses Alters im Umgang mit dem anderen Geschlecht, dem Rest der Welt und vor allem mit sich selber bringt Jüliger wunderbar rüber: Ein schüchterner Junge, ein geheimnisvolles Mädchen, ein abgedrehter Freund, eine Vergewaltigung und ein Selbstmord sind die Zutaten, die er zu einer Story anrührt, die einen schon nach wenigen Seiten nicht mehr loslässt.

Ein Thriller mit surrealen Elementen (deren Deutung Jüliger allerdings dem Leser überlässt). Eine Geschichte über Freundschaft und Verwirrung. Eine flockenzarte Lovestory. Ein Album im Stil der autobiografischen Arbeiten von Sascha Hommer und Chester Brown. Eine Coming-of-Age-Story, die ziemlich reinhaut, nachdem man das Album zugeklappt hat. Und die lange nachwirkt.

Ein echter Knaller, irgendwie. Auch, wenn man manchmal genau hinsehen muss, um zu erkennen, ob eine Figur männlich oder weiblich sein soll.

Top 10 2013

Lukas Jüliger: Vakuum
128 Seiten, 20,- Euro, Reprodukt, ISBN 978-3-943143-15-7
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