Das Nest

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Acht Jahre hat es gedauert – jetzt liegt die neunteilige Serie endlich komplett vor. Als 2007 der erste Band erschien, deutete sich schon an, dass Das Nest alles andere als eine durchschnittliche Reihe werden wird. Dazu waren die Zeichnungen zu gut, und das Figurenkabinett war zu originell.

Erstaunlich war das nicht. Régis Loisel ist ein begnadeter Zeichner, der mit Auf der Suche nach dem Vogel der Zeit und Peter Pan schon zwei geniale Fantasy-Serien abgeliefert hat. Die Zusammenarbeit mit Jean-Louis Tripp macht seine Bilder noch besser. Loisel entwirft die ersten Skizzen und legt mit dem ihm eigenen Strich die Charaktere der Figuren fest. Tripp veredelt den Entwurf in den Details und sorgt mit seinem Gefühl für Licht und Schatten für die optimale Ausleuchtung der Szene. Es wirkt, als ob er einen Apfel, den Loisel ihm gereicht hat, noch einmal kräftig nachpoliert hätte.

Erzählt wird die Geschichte eines kleinen Dorfes in der kanadischen Provinz zur Zeit der 1920er Jahren. Der Inhaber des einzigen Gemischtwarenladens ist gestorben. Seine Frau Marie überlegt, ob sie das Dorf verlassen, oder das Geschäft alleine weiterführen soll. Die Ankunft eines Fremden, der auf der Durchreise ist, dann aber doch den ganzen Winter über bleibt, weil er auf den zugeschneiten Wegen nicht weiterkommt, sorgt für Tratsch. Der Pfarrer muss die bigotten Gemüter von drei Jungfern beruhigen, denn der Fremde hat sich bei Marie einquartiert.

Gerade die eigenwilligen Charaktere der Dorfbewohner machen den Charme dieser Reihe aus. Neben den drei alten Schwestern, Marie und dem Fremden, mit dem Marie gerne anbandeln würde, gibt es den neu ins Dorf versetzten Pfarrer, der aber lieber ein Gläschen Pflaumenschnaps mit dem alten Noël leert, als die Messe zu lesen oder die Beichte abzunehmen. Konflikte brechen auf, als traditionelle (Geschlechter)rollen in Frage gestellt werden. Als sich schließlich für die anstehende Bürgermeisterwahl nicht mal ein Kandidat findet, müssen die Bewohner des kleinen Dorfes mehr oder weniger ohne weltliche und geistliche Autorität auskommen – wodurch sich die Sitten der bis dahin in verstaubten Konventionen verhafteten Einwohner sichtbar lockern.

Loisel und Tripp präsentieren ihre Charaktere mit liebevollem Humor und lassen sich viel Zeit dabei. Diese Ruhe überträgt sich auf den Leser, der schnell anfängt, sich in die Figuren zu verlieben. Die Bilder werden so atmosphärisch dicht auf die Seiten gebracht, dass man einzelne Panels wieder und wieder ansehen kann, weil in ihnen einfach alles stimmt. Das ist grafisch erste Sahne, und die Kolorierung von Francois Lapierre rundet die unterhaltsam erzählte Geschichte gefühlvoll ab. Eine der schönsten Serien, die derzeit zu haben sind.

Top 10 2015Régis Loisel, Jean-Louis Tripp, Francois Lapierre: Das Nest
8 Bände, je 70 – 80 Seiten, gebunden, 18,00 Euro, Carlsen
Band 9: 128 Seiten, gebunden, 26,99 Euro, ISBN 978-3-551-76059-3

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Die Rückkehr aufs Land

Frische Luft, grüne Wiesen, Ruhe! Von wegen. Als Manu und Marietta mit ihrer Katze Speed aus Paris aufs Land ziehen, entpuppt sich die vermeintliche Idylle als bisher größte Herausforderung ihres Lebens: Nicht ausgepackte Umzugskartons verwandeln das neue Heim in ein Labyrinth aus Pappe, schweigsame Nachbarn kommen gern auf ein Gläschen selbst gebrannten Schnaps vorbei oder laden zum gemeinsamen Holzfällen ein; und kaum hat sich Manu endlich eingewöhnt und im Wald in dem bärtigen Eremiten, der auf einem Baum haust, den perfekten Ersatz für seinen Pariser Psychiater gefunden, wartet die nächste Aufgabe auf ihn: Marietta möchte ein Kind. Soweit der Verlagstext.

Zusammen mit dem Texter Jean-Yves Ferri wirft Manu Larcenet mit reduziertem Stil und treffenden Pointen einen liebevollen Blick auf die Tücken des Landlebens, in dem kalte Jahreszeiten, kauzige Ureinwohner und komische Tiere die Sehnsucht nach dem Großstadtleben neu erwecken. Witzig, amüsant und unterhaltsam. Keine durchgehende Geschichte, sondern pro Seite ein Kurzstrip.

Update 13.8.2013: Band 2 ist da. Mariette ist schwanger, und als die kleine Capucine endlich auf der Welt ist, kommt der Vater nicht mehr zum schlafen. Die Cartoons, die im Laufe der Menschheitsgeschichte über dieses Thema angefertigt worden sind, sind so zahlreich, dass auch Ferri & Larcenet kaum Neues dazu einfällt. So sind dann viele Gags in diesem Album vorhersehbar und im Gegensatz zu denen des ersten Bandes nur mäßig originell. Allerdings geht es hin wieder auch um andere Dinge, und die Zeichnungen von Larcenet sind nach wie vor allerliebst.

Jean-Yves Ferri + Manu Larcenet: Die Rückkehr aufs Land
2 Bände, je 192 Seiten, gebunden, 22,- Euro, Reprodukt, ISBN 978-3-938511-82-4
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