Elender Krieg

Der Erste Weltkrieg ist ein zentrales Thema von Jaques Tardi. Soldat Verlot, Grabenkrieg und Die wahre Geschichte vom unbekannten Soldaten sind Alben, in denen er sich mit den Gemetzeln rund um Verdun beschäftigt hat. Insgesamt 10 Millionen Menschen sind in diesem Krieg ermordet worden – von den 19 Millionen Verwundeten, 10 Millionen Versehrten, 9 Millionen Waisen, 5 Millionen Witwen und 10 Millionen Flüchtlingen gar nicht zu reden.

Sicher eignet sich gerade dieser Krieg sehr gut als abschreckendes Beispiel. Zu den imperialen Eroberungsplänen gesellte sich der Größenwahn und die Unfähigkeit der Generäle, die tausende von Soldaten wieder und wieder in Angriffen verschlissen, die kaum einen Meter Raumgewinn brachten. Dazu kommt, dass der Erste Weltkrieg der erste industriell geführte Krieg war. Erstmals wurden Flugzeuge und Panzer eingesetzt, die Rüstungsindustrie beider Seiten verdiente sich dumm und dämlich, an manchen Tagen wurde in wenigen Stunden mehr Munition verschossen als früher in einem kompletten Krieg.

Tardi beschreibt vor allem das Elend in den Schützengräben. Den Hunger. Die Läuse. Die Kälte. Den Schlamm. Die Sturmangriffe. Die nächtelangen Schreie der Sterbenden im Niemandsland zwischen den oft nur wenige Meter voneinander entfernt liegenden Stellungen. Den Matsch aus Knochen, Blut, Gliedmaßen und Därmen, durch den man nach einem Artillerieangriff waten, oder in den man sich werfen musste, um solch einem Angriff auszuweichen. Das Gas. Die Gendarmen, die zurückweichende Soldaten wegen Feigheit vor dem Feind erschossen. Die erbaulichen Worte von Politikern, Priestern und Literaten: „Eine Überraschung dieses Krieges und eine der wunderbarsten ist die herausragende Rolle, die die Poesie darin spielt“, fabulierte beispielsweise der damals hoch geschätzte Literat Paul Bourget.

Tardi macht diesen Irrsinn in jedem Panel deutlich. Der erste Band beschreibt die Jahre 1914 bis 1916, der abschließende zweite Band die Jahre 1917 bis 1919. Der Unterschied zu früheren Album besteht darin, dass Elender Krieg systematischer angelegt, und nicht Schwarzweiß, sondern vierfarbig ist. Von der farbenfrohen Kriegsbesoffenheit der Bevölkerung am Anfang zum tristen Grau der Schützengräben, dass oft nur dann noch Farbe bekommt, wenn die Granateinschläge die Soldaten in blutroten Gliedermatsch verwandeln. Von Poesie ist da nichts mehr zu sehen.

Der Historiker Jean-Pierre Verney hat in jedem Album am Ende der jeweils 48 Comicseiten rund 20 weitere Seiten mit Hintergrundinfos zusammengetragen. Eine Landkarte und Fotos ergänzen diesen historischen Anhang. Zeichnerisch so genial, wie man das von Tardi gewohnt ist, und inhaltlich so informativ, dass man diesen Comic auch im Schulunterricht verwenden kann. Beide Bände sind inzwischen als Gesamtausgabe erschienen. Auf der Website der Edition Moderne kann man sich auch ergänzendes Unterrichtsmaterial downloaden.

Jacques Tardi, Jean-Pierre Verney: Elender Krieg
144 Seiten, farbig, gebunden, 34,- Euro, Edition Moderne,
ISBN 978-3-03731-119-6
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War and Dreams

Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs besuchen vier Männer die französische Nordseeküste am Ärmelkanal, weil sie dort zur Zeit der Invasion der Alliierten als Soldaten stationiert waren. Ihre Wege kreuzen sich, aber sie treffen sich nicht.

Da ist Julien, ein Franzose, der in einem kleinen Dorf an der Küste lebt. Ein verkauzter Einsiedler, der sich gerne am Küchentisch mit seiner Frau unterhält – die allerdings seit Jahren tot ist. Während der Besatzung war er Zwangsarbeiter, desertierte aus Liebeskummer und schloss sich dem französischen Widerstand an.

Archie war britischer Offizier, unter anderem als Geheimagent in Ägypten eingesetzt und für die Entschlüsselung der deutschen Enigma-Codes zuständig. Dadurch erfuhr er vom Bau einer gigantischen Raketenabschussbasis, die von den Deutschen in Frankreich mit Hunderten von Zwangsarbeitern errichtet wurde. Man könnte sie bombardieren – aber damit auch alle Zwangsarbeiter töten.

Joe war ein amerikanischer Heißsporn, Ex-Stuntman und während des Krieges ein Flieger-Ass, der mehrere deutsche Flugzeuge vom Himmel holte. Leider zeigte er wenig Moral, und das musste irgendwann nicht er, sondern sein indianischer Freund büßen. Schließlich ist da noch Erwin, ein deutscher Maler, der während des Krieges die Bunker am Strand bemalte, um sie als harmlose Wohnhäuser zu tarnen. Er verliebte sich in eine autistische Französin, die Muscheln sammelte. Aber nicht nur er – auch die anderen waren in Liebesbeziehungen verstrickt, die durch den Krieg eine sehr hoffnungslose Note bekamen.

Schon mit India Dreams hatten Jean-François und Maryse Charles ein Album abgeliefert, dessen wunderschöne, in Direktkolorierung angelegten Bilder den Leser richtiggehend in die Geschichte hinein zogen, und das auch erzählerisch zu überzeugen wusste. War and Dreams steht dem in nichts nach. Ein Album, das alles bietet, was gute Unterhaltung ausmacht: Spannung, Exotik, Erotik, Leidenschaft, Sehnsucht, Widerstand, interessante Charaktere – und das trotzdem nie kitschig wird. Und wie nebenbei zeigt, zu was für zerrissenen Biografien ein Krieg führen kann.

Jean-François Charles, Maryse Charles: War and Dreams
192 Seiten, gebunden, 24,80 Euro, Splitter, ISBN 978-3-940864-01-7
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