Geschichten aus dem Viertel

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Mallorca war nicht immer eine Hochburg für europäische Pauschalurlauber. In den 1980er Jahren war es nichts als eine kleine Insel, auf der die Menschen sich recht und schlecht durchschlugen, ohne viele Möglichkeiten zu haben, aus ihrem Leben etwas zu machen. Im Barrio Chino, dem Chinesenviertel der Hauptstadt, trafen sich die Jugendlichen – die Möglichkeiten ringsum von Wasser begrenzt. Einer von ihnen war Gabi Beltrán. Seine Erinnerungen sind in den Geschichten dieses Albums versammelt.

Gabi ist mitten in der Pubertät. Irgendwie, schreibt er, war mir bewusst, dass manche Türen als Eingang dienten, nicht aber als Ausgang. Er hängt mit Freunden ab, kifft, frönt dem Wodka und lässt sich auch mal von Älteren zum Schmierestehen bei einem kleinen Überfall oder zu einer Spritzfahrt in einem geklauten Cabrio überreden. Was nicht immer gut ausgeht. Sein Vater ist Alkoholiker, manche Mütter seiner Freunde gehen auf den Strich – weshalb er seinen ersten Bordellbesuch so planen muss, dass er von denen nicht erwischt wird.

Es sind Alltagsgeschichten von Mitgliedern einer Jugendclique, die ohne große Hoffnung auf ein besseres Leben ihren Träumen nachhängen, typische Coming of Age-Geschichten, die Bartolomé Seguí in feine, ausdrucksstarke Bilder packt, in denen vor allem die Gesichter und die Stadtansichten faszinieren – von der Atmosphäre her vielleicht vergleichbar mit Larcenets Comic Der alltägliche Kampf. Ein starkes Album – abwechslungsreich, unterhaltsam, spannend und voller Leben – und mit dem Premi Ciutat de Palma de Còmic ausgezeichnet.

Top 10 2013

Bartolomé Seguí, Gabi Beltrán: Geschichten aus dem Viertel
152 Seiten, 19,95 Euro, avant, ISBN 978-3-939080-76-3
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Update 28.3.106: Es gibt ein neues Album vom gleichen Team: Wege aus dem Viertel. Genauso klasse wie der erste Band.

Vier Augen

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Sascha Hommer, 1979 geboren, Herausgeber der Comic-Anthologie „Orang“, in der man immer wieder interessante junge Zeichner entdecken kann, hatte bereits 2006 mit „Insekt“ ein Album abgeliefert, das sich auf sehr eigene Weise mit den Themen Identität, Andersartigkeit und Toleranz beschäftigt hat. In seinem neuen Album „Vier Augen“ beschreibt er das Leben von Jugendlichen, die in den neunziger Jahren in einem Ort im Schwarzwald aufwachsen, sich auf das Abitur vorbereiten und die Freizeit vorzugsweise bekifft verbringen.

Auch in diesem Album geht es um Identität – und um die Suche danach. Psychoaktive Substanzen sollen dabei behilflich sein. Die ersten LSD-Trips sind angenehm, die Erfahrungen mit Pilzen auch nicht schlecht (und witzig gezeichnet). Aber nach und nach stellen sich erste Aussetzer ein, und mit der Freundin läuft es auch nicht, wie es sollte.

Hommer erzählt seine Geschichte lakonisch und zurückhaltend, ganz und gar nicht auf Effekte bedacht, und gerade das macht diese Pubertätserfahrungen so lebensecht. Irrungen und Wirrungen um das eigene Ich – und um die Frage, was das alles soll. „Ich muss wieder ich selbst werden,“ sagt er sich – aber dazu muss man eben wissen, wer man ist. Prima auch die Unaufgeregtheit, mit der er Drogenerlebnisse schildert und sie damit zu genau dem macht, was Drogenerlebnisse sein sollen: Eine von vielen ganz normalen Erfahrungen in der Entwicklung eines Menschen.

Insgesamt eine sehr ansprechend erzählte und gut gezeichnete Geschichte im Stil der autobiografischen Comicerzählungen von Craig Thompson, Frederic Peeters, Adrian Tomine und Chester Brown. Wer deren Alben mag, wird auch dieses mögen.

Sascha Hommer: Vier Augen
124 Seiten, schwarzweiß, 13,- Euro, Reprodukt, ISBN 978-3-938511-59-6
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