Da wird sich nie was ändern!

loge-da-wird-sich-nie-was-aendernEs gibt Comics, die sind öde, es gibt Comics, die sind perfekt, es gibt Comics, von denen man nicht weiß, was man von ihnen halten soll, und es gibt Comics, die einfach Laune machen. Dieser Comic aus der Wendezeit gehört definitiv zur letzten Sorte. Wie unbekümmert die Neubrandenburgerin Ulla Loge hier das Leben von sieben Personen darstellt, die 1989 in einem kleinen Ort in der DDR vor sich hin leben und sich entweder Änderungen erhoffen, oder sich wegducken, um die Karriere nicht zu gefährden, während die Jugendlichen im Ort der Meinung sind, hier ändere sich eh nichts mehr, ist einfach herzerfrischend.

Loge, die zum Zeitpunkt der Ereignisse im Wendejahr 1989 gerade mal zehn Jahre alt war, hat ihre Erinnerungen aufgepeppt, indem sie Freunde und Bekannte nach deren Wahrnehmung der Geschehnisse gefragt und einen sehr lebendigen Comic daraus gemacht hat. Da sind zunächst die Friedensbewegten. Allesamt ältere Semester, die zwar etwas ändern, sich dabei aber nicht wirklich unbeliebt machen wollen und vor allem viel reden. Immerhin trauen sie sich, nachts mit Kreide Wahlfälschung auf das Pflaster zu schreiben und heimlich zu Demos aufzurufen. Die 17jährige Klara ist radikaler. Sie fotografiert das jährliche 1. Mai-Ritual und hängt die Bilder in ihrer Schule unter der Überschrift Da wird sich nie etwas ändern! aus. Dass sie sich damit ihre Chance auf ein Journalistik-Studium versaut, ist ihr egal. Ihrem Vater, Angestellter des Kreisrates der SED, ist es das nicht.

Die zwischenmenschlichen Konflikte, die das mit sich bringt, entwickelt Loge nicht weiter, sondern lässt sie einfach nebeneinander stehen. Und das ist ein bisschen das Manko dieses Albums: Vieles wird angerissen, nichts vertieft. Macht aber nichts. Es sind Augenblicksituationen, die Loge hier gekonnt in Szene setzt – und das mit voller Wucht und viel Gefühl. Die Zeichnungen sind nicht perfekt, eher ein bisschen ruppig, aber immer voller Leben. Dass die Autorin ein Drehbuchstudium absolviert hat, merkt man dem Album an. Macht Spaß, es zu lesen.

Ulla Loge: Da wird sich nie was ändern!
160 SW-Seiten, 18,- Euro, Jaja-Verlag, ISBN 978-3-943417-72-2
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drüben!

Der Jahrestag des Falls der Mauer, der sich in diesen Tagen zum zwanzigsten Mal jährte, gehört zu den nervigsten Gedenktagen überhaupt. Inzwischen war ja, glaubt man den auf allen TV-Kanälen wieder und wieder interviewten Ex-DDRlern, jeder zweite ein Widerständler, der den realen Sozialismus mehr oder weniger im Alleingang zu Fall gebracht hat.

Erfreulich unspektakulär dagegen schildert Simon Schwartz in diesem Album die Ausreise seiner Eltern Anfang der achtziger Jahre. Er selber war damals ein Kleinkind im Vorschulalter, seine Eltern keine typischen Dissidenten, sondern Menschen, die trotz aller Kritik auch weiter in der DDR geblieben wären, wenn der Apparat sie nicht mehr oder weniger rausgemobbt hätte.

Der Vater, treues SED-Mitglied, wächst in einem antifaschistisch und sozialistisch orientiertem Elternhaus auf – nicht zuletzt deshalb, weil einige Familienmitglieder in den 1940er Jahren dem Terror der Nazis zum Opfer gefallen sind. Simons Mutter dagegen ist nicht in der Partei, aber in der Kirche, und durch die Westkontakte ihrer Familie kulturell ein bisschen hippiemäßig orientiert. Der Vater hat einen Lehrauftrag an der Kunsthochschule Erfurt, die Mutter möchte als Jugendliche unbedingt Mick Jagger heiraten, zweifelt aber nicht am Sinn des Systems.

Die Probleme fangen an, als öffentliche Diskussionen über die Ausbürgerung Wolf Biermanns dazu führen, dass Kollegen ihren Job und Freunde ihren Studienplatz verlieren. Dann marschiert die UdSSR in Afghanistan ein, und Simons Vater soll an der Hochschule einen Vortrag über gerechte und ungerechte Kriege halten. Das an sich ist ihm schon suspekt, aber als ihm ein Parteifunktionär einen Tag vorher einen von sonstwem geschriebenen Text der von ihm zu haltenden Rede überreicht, reicht es auch Simons Vater: Die Familie stellt einen Ausreiseantrag.

Schwartz legt mit diesem Album, das die Kleingeistigkeit der SED-Funktionäre und ihre Hilflosigkeit im Umgang mit Kritik erfreulich nüchtern und ohne erhobenen Zeigefinger schildert, seine Diplomarbeit als Illustrator vor. Er ist Teil der Illustratorengruppe “Die Krickelkrakels” und arbeitet für Zeitschriften und Magazine.

Simon Schwartz: drüben!
110 Seiten, schwarzweiß, 14,95 Euro, avant, ISBN 978-3-939080-37-4
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