Lenore

Mal wieder Lust auf schwarzen Humor und markabre Geschichten? Auf Goth- und Twilight-Atmosphäre? Auf unschuldige Gemeinheiten und gemeine Unschuld? Okay – hier kommt Lenore. Ein kleines Mädchen, zehn zarte Jahre jung. Süß, putzig und tot. Was sie aber nicht davon abhält, nicht nur in der Welt der Toten, sondern auch in der der Lebenden für Chaos zu sorgen. In den von dem gleichnamigen Gedicht von E. A. Poe inspirierten Geschichten des Albums entführt Autor und Zeichner Roman Dirges den Leser in eine Welt voller Menschen und Monster, Kuschelkatzen und Vampir-Teddybären, Hamster und – Lenore. Was für die armen Hamster leider nicht gut ausgeht.

Mit den Hamstern ist das nämlich so: Eine Tages trifft Lenore einen Jungen, der mit einer Puppe spielt, die quietscht und die Augen raushängen lässt, wenn man sie fest auf die Brust drückt. Lenore möchte auch so eine. Leider glaubt der Verkäufer im Laden, sie meine die Hamster. Doch als Lenore einen nach dem anderen fest auf die Brust drückt, quietschen sie zwar auch und lassen die Augen hängen, aber danach sind sie alle kaputt.

Geschmacklos? Oder subversiver Humor? Jedenfalls kann man der kleinen Lenore nie richtig böse sein, wenn einem ihr unschuldiger Blick aus großen Augen entgegenkullert. Die Zeichnungen erinnern entfernt an Mousli, die mit ihrem Grusel-Alphabet bereits 1991 die taz-Leser in den Wahnsinn getrieben hat. Bei Lenore machen nicht alle Geschichten des Albums Sinn, aber die tiefere Bedeutung des Wortes Tragikomik wird durchaus deutlich. Und die Zeichnungen sind ausdrucksstark und sehenswert.

Update 18.3.2013: Band 2 ist da. Er trägt den Titel Hirnrisse und steht Band 1 in nichts nach.

Roman Dirge: Lenore
je 128 Seiten, 16,95 Euro, Panini, ISBN 978-3862012954 (Band 1)

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Der Spieler

Sucht ist listig. Gegen sie zu argumentieren ist sinnlos, weil sie immer die besseren Argumente hat. Wie süß klingt der Satz Nur eine Zigarette nach dem Essen, wenn man sich gerade das Rauchen abgewöhnen will. Wer dieser Logik nachgibt, stellt schnell fest, dass es plötzlich sehr viele Situationen gibt, die man irgendwie mit nach dem Essen umschreiben kann. Und dann gibt es noch die Suchtverlagerung. Wer nicht auch sein Suchtverhalten, sondern nur den Suchtstoff ändert, befriedigt sein Bedürfnis nach oraler Zufuhr später nicht mehr mit Zigaretten, sondern mit dem Kühlschrankinhalt.

Der russische Autor Fjodor Dostojewski kann ein Lied davon singen. Er war hochgradig spielsüchtig. Sein Roman Der Spieler beschreibt diese Leidenschaft ausführlich. Und auch in diesem Roman spielt Suchtverlagerung eine Rolle: Vor der Spielsucht steht die Liebe zu einer Frau. Die schöne (und berechnende) Polina behandelt den sie anhimmelnden Alexej wie ihren Schoßhund. Alexej nimmt alle Demütigungen in Kauf, um ihr nahe sein zu können. Das Schema wiederholt sich, als er anfängt zu spielen: Auch da nimmt er jede Demütigung in Kauf, um am Roulettetisch sitzen zu können.

Miquel hat die wesentlichen Aspekte des Romans für seine Comicadaption herausgearbeitet. Godart hat sie in Zeichnungen umgesetzt, die die Dekadenz der Feudalgesellschaft in stimmige Bilder packt. Im fiktiven Ort Roulettenburg trifft sich der europäische Adel in teuren Hotels und an den Spieltischen der Casinos. Doch der schöne Scheint trügt. Einige Besucher sind hoch verschuldet und leben von der Hoffnung auf eine baldige Erbschaft – stets umkreist von jungen Frauen, die für eine lukrative Heirat gerne jede Moral über Bord werfen. Allerdings nur, so lange die Erbschaft realistisch erscheint.

Splitter hat den ansprechend gestalteten Band in seiner Book-Reihe publiziert. Aufgrund der detailreichen Bildhintergründe stellt sich die Frage, ob hier das Albenformat nicht die bessere Lösung gewesen wäre. Für meinen Geschmack haben die Panelinhalte sehr wenig Raum. Alles wirkt ein bisschen Kleinklein. Trotzdem ist es ein schönes Album, in dem Godart mit seinem Strich, der an eine Mischung aus Boucq, Bezian und Sorel erinnert, jede Menge Ausdruck in die Gesichter seiner Akteure zaubert. Auch die meist in Ocker- und Grüntönen gehaltene Kolorierung trägt viel zu einer stimmigen Atmosphäre bei.

PS: Dirk Schulz vom Splitter-Verlag schreibt mir zum Thema Format: Das Buch ist auch im Original im kleinen Format erschienen. Die Reihe Noctambule, in der auch Der letzte Mohikaner und demnächst Der Selbstmörderclub erscheint, erscheint bei Soleil in diesem kleineren Buchformat.

Loic Godart, Stephane Miquel, Fjodor Dostojewski: Der Spieler
96 Seiten, gebunden, 19,80 Euro, Splitter, ISBN 978-3-86869-443-7
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Schönes neues Jahr

Während ökonomischer Krisen wachsen soziale Unruhen. Statt mit einer sinnvollen Sozialpolitik zu reagieren, wird der Protest meist niedergeknüppelt und die Beteiligten kriminalisiert. Angesichts von Finanz- und Eurokrise ein Thema, das auch in Europa zunehmend Relevanz bekommt. In den Vorstädten von Paris, London und anderen Metropolen brodelt es seit langem.

Baru (Elende Helden / Hau die Bässe rein, Bruno!) ist ein Zeichner, der wie kaum ein anderer solche Probleme thematisiert. Und sich dabei oft als Prophet entpuppt. Von den drei Geschichten dieses Albums beschäftigen sich zwei mit den Lebensbedingungen der Menschen in den Banlieues der französischen Großstädte, in denen es 2005 zu Aufständen kam, die sich über ganz Frankreich ausbreiteten. Interessant daran ist, dass Baru seine Geschichten schon zehn Jahre vorher geschrieben hat.

In seinem Album hat die Regierung eine einfache Lösung gefunden: Rund um die Wohngebiete der Erwerbslosen und Migranten wurde eine Mauer gezogen, der Zugang zum Stadtzentren gesperrt. Bewaffnete Posten sorgen dafür, dass niemand passieren kann. Das führt  zu Versorgungsengpässen in vielen Bereichen. Selbst Kondome kann man nur noch unter Lebensgefahr besorgen. Eine Clique Jugendlicher versucht, das Problem auf ihre Weise zu lösen. Ein starkes, im Grunde auch sehr aktuelles Album, in dem Baru sich auch in der dritten Geschichte, die von dem Konflikt zwischen Katholiken und Protestanten in Nordirland handelt, wieder als Meister spannender Storys mit sozialem Hintergrund zeigt.

Baru: Schönes neues Jahr
144 Seiten, schwarzweiß, 15,- Euro, Edition 52, ISBN 978-3935229890