Der Archivar

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In ihrer Reihe über Die geheimnisvollen Städte entwickeln Schuiten und Peeters ganz eigene Welten. Früher bei Feest, werden die Alben seit einiger Zeit bei Schrieber & Leser (neu) aufgelegt. Jetzt liegt der Band Der Archivar vor. Verlagtext: Isidor Louis ist Experte für Mythen und Sagen im Zentralarchiv und seine Aufgabe ist es, absurde Theorien und urbane Legenden zu erforschen bzw. zu entkräften. Denn immer mehr Menschen glauben an eine Parallelwelt: die der Geheimnisvollen Städte. Also sammelt er Informationen über Xhystos, Calvani, Brüsel, Pahry. Und je tiefer er in die Materie eintaucht, desto mehr wächst in ihm die Überzeugung: dieses andere Universum existiert wirklich!

Die Alben des Teams Schuiten/Peeters wirken sehr kafkaesk. Im Grunde ist das alles nicht wirklich, oft auch nicht möglich, was die beiden an urbanen Fantasien entwerfen – aber es fasziniert ungeheuer. Da ist die beispiellose Dominanz der Architektur, die im Prinzip alles Leben erschlägt. Daneben gibt es, wie in der Sandkorntheorie, streng wissenschaftliche Prinzipien, die als Grundlage für die Entwicklung kommender Katastrophen dienen. Hinzu kommen völlig verrückte Ideen, wie das riesige Gitter, das plötzlich allerorten auftaucht, und vieles mehr. All das macht ihre Alben originell und einzigartig.

Im Archivar sitzt ein alter Mann an seinem Schreibtisch und grübelt über diese Welt. Er hat verschiedene Unterlagen zur Begutachtung, und er beschäftigt sich intensiv damit. Das Album ist allerdings nicht als Comic, sondern mehr als Bildband konzipiert: Auf der linken Doppelseite schreibt der Archivar seine Gedanken nieder, die rechte Doppelseite wird komplett von einem Motiv der jeweiligen Stadt ausgefüllt. Inhaltlich gibt das so gut wie nichts her, denn wo die Geschichten in den Comics oft schon unverständlich sind, sind die Notizen des Archivars bestenfalls für eingefleischte Kenner dieses Universums nachvollziehbar.

Für die Fans der Reihe (und für die von Schuitens Zeichnungen) lohnt sich dieser Band aber auf jeden Fall, denn die ganzseitigen Motive sind sehr stylisch und absolut sehenswert. Auch das etwas breitere Format war eine gute Idee. Wer Die geheimnisvollen Städte bislang nicht kennt sollte zum Einstieg aber besser ein anderes Album aus der Reihe wählen. Auf ihre Art sind fast alle interessant – und sehr eigen.

François Schuiten, Benoît Peeters: Der Archivar
64 Seiten, 22,80 Euro, Schreiber & Leser, ISBN 978-3-96582-046-3
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Donjon Zenit 7 + Donjon Antipoden -10.000

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Es gibt Serien, die kauft man oft nur noch, weil man die Figuren mag, obwohl die Story selbst immer dünner wird. Den Machern fällt nicht mehr viel ein – aber wer ist schon in der Lage, sich Band für Band neue und originelle Geschichten auszudenken. Nein, auch Joann Sfar und Lewis Trondheim nicht, denn mit ihrem Donjon ist es bald ähnlich. Man freut sich auf neue Ausgaben, muss aber feststellen, dass längst nicht mehr alle Bände so unterhaltsam sind wie ihre Vorgänger. Dazu kommt, dass die beiden immer neue Nebenreihen eröffnen: Morgengrauen, Abenddämmerung, Parade, Monster, und inzwischen auch noch Antipoden.

Jetzt liegen zwei neue Alben vor. Zunächst aus der Reihe Donjon Zenit (Band 7: Jenseits der Mauern). Verlagstext: Der Donjon ist in die Hände von Guillaume de la Cour gefallen. Um ihn zurückzuerobern, gibt es einen einfachen Plan: Marvin, Isis und Herbert müssen Rotterpilze finden, die Fels zu Staub zerfallen lassen, um damit die derzeitigen Bewohner der Festung zu vertreiben. Hier gibt es also ein Wiedersehen mit Marvin, Isis und Herbert, was im Grunde ein klares Kaufargument für dieses Album ist. Zudem ist Marvin verliebt, und zwar in Prisunde. Allerdings bringt er es nicht fertig, ihr seine Liebe zu gestehen. Kann man lesen, gibt aber im Gegensatz zu vielen anderen Bänden der Reihe als Einzelband nichts her, ist also nur für Kenner der Serie interessant.

Boulet, Joann Sfar, Lewis Trondheim: Donjon 7 (Jenseits der Mauern)
48 Seiten, 13,- Euro, Reprodukt, ISBN 978-3-95640-229-6
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Die neue Nebenserie Antipoden startet mit dem Titel Die Armee des Schädels, der die Nummer -10.000 trägt. Der Verlag schreibt: Die fortdauernden Kriege zwischen Elfen und Orks hinterlassen nur wenige Überlebende. Allein auf dem Schlachtfeld trauert der Hund eines Orks um das Verschwinden seines Herrn. Aber die Verzweiflung ist von kurzer Dauer. Er trifft auf ein Tier, das dazu bestimmt ist, sein Feind zu sein: einen gut ausgebildeten Elfenhund mit Schleifchen im Fell und hängender Zunge. Um in der Wildnis zu überleben, müssen sich diese ungleichen Partner zusammenschließen…

Was passiert? Es gibt die üblichen Verfolgungsjagden und Gemetzel, und ja: Der Gegensatz zwischen dem grobschlächtigen Ork-Hund und der filigraneren Elfen-Version stellt einen schönen Kontrast dar. Wirklich witzig ist das aber nicht – die Geschichte kalauert so vor sich hin. Schön sind allerdings die Zeichnungen von Grégory Panaccione, der bereits Lupanos wunderbaren Ozean der Liebe bebildert hat. Schön ist auch, dass man dieses Album durchaus als in sich abgeschlossenen Einzelband lesen kann. Insgesamt entsteht aber der Eindruck, dass Sfar und Trondheim die wirklich guten Ideen für diese kultige Serien langsam ausgehen. Wäre schade, wenn es so bliebe. Da wäre weniger wirklich mehr.

Panaccione, Sfar, Trondheim: Donjon Antipoden (Die Armee des Schädels)
48 Seiten, 13,- Euro, Reprodukt, ISBN 978-3-95640-230-2
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Grönland Odyssee

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Lust auf ein paar wirklich gute Geschichten? Hier kommen sie. Verlagstext: Aus dem Eis Grönlands, in dem er 16 Jahre lang gelebt hat, erzählt Jørn Riel die köstlichen Geschichten einer Truppe fröhlicher Burschen, Jäger und Fallensteller, Drecksäcke oder Schriftsteller ohne Bleistift, um nur einige seiner Charaktere zu benennen. Sie alle eint die Sehnsucht nach dem im Packeis am meisten vermissten Wesen: einer Frau. „Ja was zum Teufel soll man machen, wenn das nächste leichte Mädchen Tausende von Kilometern weit weg ist?“ „Zuerst ziehst du die Hose aus, hab ich ihm gesagt, und dann rennst du gegen den Südostwind an, so gut du kannst. Danach ist wieder alles im Lot.“ So reihen sich die vom arktischen Wind getragenen verrückten Abenteuer und absurden Erfahrungen aneinander und werden zu wärmenden Geschichten die sogar Eisberge zum schmelzen bringen!

Eigentlich erscheint dieses Album zur völlig falschen Jahreszeit. Herbst und Winter hätten besser zu einem Album gepasst, in dem sich alles um Eisberge, Eisbären, kauzige alte Männer und um Geschichten dreht, die man sich in langen dunklen Polarnächten in einsam gelegenen Hütten beim Schein der Petroleumlampe erzählt. Und von denen man nie weiß, was davon Wahrheit, und was erfunden ist. Oder was anders wahrgenommen wurde, als es war. Wie die Sache mit Emma – eine Frau, die von den vereinsamten Männern heiß begehrt wird.

Andere dagegen begnügen sich mit einem Huhn als Gesellschaft – es ist ja sonst niemand da, mit dem man quatschen kann. Hahn Alexander hat darüber hinaus den Vorteil, dass er nicht zum Widerspruch neigt. Als einer der Männer stirbt setzen die anderen – jeder Einzelne ein Original – ein feucht-fröhliches Begräbnis an, bei dem der Verstorbene verloren geht. Und dann sind da noch jede Menge andere Geschichten. Die schräge Mischung aus Fabulierkunst und absurden Situationen wird von Hervé Tanquerelle (Die falschen Gesichter, Professor Bell) in Zeichnungen gepackt, die die unterschiedlichen Charaktere treffend auf die Seiten bringen. Ein Album für Freunde wunderlicher, aber trotzdem lebensnaher Geschichten, ideal zum Schmökern an trüben Novemberabenden. (Kommt aber auch im Sommer gut.)

Top 10 2020  Hervé Tanquerelle, Gwen de Bonneval, Jørn Riel: Grönland Odyssee
384 SW-Seiten, gebunden, 39,- Euro, avant, ISBN 978-3-96445-024-1
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