Sondermann kommt groß heraus

pfarr-sondermannMit Sondermann wurde 1987 eine der wohl denkwürdigsten deutschen Comicfiguren auf den Seiten des Satiremagazins „Titanic“ geboren. Ihm zu Ehren solle man alle Glocken läuten und in allen Straßen tanzen, forderte damals der Dichter Robert Gernhardt. In den folgenden 17 Jahren schuf Bernd Pfarr rund um den vermeintlich unscheinbaren Buchhalter ein poetisch-absurdes Universum, das in der Welt der komischen Kunst seinesgleichen sucht. Hier muss sich Sondermann nicht nur seines garstigen Chefs erwehren und Büroritualen wie das „Negerschrubben“ pflegen, hier erteilen Ameisenbären Skiunterricht, der liebe Gott dilettiert auf dem Tennisplatz und die Gebrüder Strittmatter – drei bewaffnete Pinguine – sprengen in ihrer Freizeit Saurier.

Anlässlich des 60. Geburtstages des großen Künstlers, Comiczeichners und Dichters Bernd Pfarr legt Carlsen seine bekannteste Schöpfung in zwei prachtvollen Bänden im Schuber neu auf. Neben sämtlichen „Sondermann“-Episoden finden sich bislang unveröffentlichte Zeichnungen sowie erstmals umfangreiche Einblicke in Bernd Pfarrs Skizzenbücher, ein ausführlicher Anmerkungsapparat sowie Textbeiträge von Wegbegleitern und Experten wie Simon Borowiak, Andreas Platthaus und Christian Gasser.

Soweit der Verlagstext, den ich in diesem Fall etwas ausführlicher zitiere, weil ich Pfarrs Zeichnungen zwar klasse finde, mit seinem Humor aber (Die wilde Schönheit der Auslegeware) nichts anfangen kann. Weshalb mir inhaltlich wenig dazu einfällt. Was man aber sagen kann ist, dass diese Gesamtausgabe (zwei gebundene Bände in schönem und stabilem Schuber) ein Leckerbissen für jeden Sondermann-Fan ist. Sie erscheint anlässlich des 60. Geburtstags des 2004 mit 45 Jahren verstorbenen Künstlers, der 1998 mit dem Max-und-Moritz-Preis ausgezeichnet wurde.

Bernd Pfarr: Sondermann kommt groß heraus
788 Seiten, gebunden, 98 Euro, Carlsen, ISBN 978-3-551-72950-7

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Reise ins Innere der Stadt

tan-reise-ins-innere-der-stadtEin neues Buch von Shaun Tan, der mit Ein neues Land einen der schönsten Comics der letzten Jahren abgeliefert hat. Allerdings zeichnet Tan nicht nur Comics, sondern auch Kinderbücher, illustriert Märchen und schriebt surreale Geschichten wie die Geschichten aus der Vorstadt der Universums, die er mit seinen fantasievollen Zeichnungen anreichert. Die Reise ins Innere der Stadt ähnelt vom Aufbau her den Geschichten aus der Vorstadt des Universums – es ist also kein Comic, sondern ein 288 Seiten dickes Buch mit 25 Geschichten und den genialen, Tan-typischen, doppelseitigen Bildern. Allerdings fehlen die collagenartigen, verspielten Elemente aus dem Universum in dem neuen Album völlig.

Verlagstext: Während eines Meetings verwandeln sich alle Vorstandsmitglieder in Frösche. Kurz vor seiner Operation findet ein Patient im Krankenhaus Zuspruch bei einer Eule. Das letzte Nashorn wird unter Applaus auf einem Zebrastreifen erschossen. Im 87. Stock führen Krokodile unbemerkt ein sehr komfortables Leben. Der Ausnahmekünstler Shaun Tan beleuchtet in seinem neuesten Werk das sonderbare Verhältnis zwischen Mensch und Tier und schildert in traumartigen Sequenzen, wie Liebe und Fürsorge nicht selten Gleichgültigkeit und Grausamkeit gegenüberstehen.

So surreal wie seine Bilder sind auch die Inhalte seiner Geschichten. Es ist nicht alles logisch, was hier passiert (genau genommen ist so gut wie gar nichts logisch, was hier passiert). Wer auf nachvollziehbare Handlungsabläufe steht, wird also wenig Freude daran haben. Wer aber seine Fantasie gerne durch unbekannte Welten schweifen lässt, kann Tans Figuren dabei zusehen, wie sie auf einem Hochhausdach Mondfische fangen, wie (und weshalb) Bären sich Rechtsanwälte nehmen oder wie unzählige Schmetterlinge für einen flüchtigen Moment die Welt verzaubern. Doch so sonderbar sich das Leben in diesem Buch auch darstellt – am Ende hat Tan uns damit auf leisen Sohlen so sehr von unserem eigenen Leben entfernt, dass uns all die geschäftige Wichtigkeit, die wir ihm täglich beimessen, am sonderbarsten erscheint.

Shaun Tan: Reise ins Innere der Stadt
288 Seiten, gebunden, 28,- Euro, Aladin-Verlag, ISBN 978-3-8489-2118-8

Das kommunistische Manifest + El Che

rowson-kommun-manifestEs hat sich mittlerweile eingebürgert, dass an historischen Jahrestagen nicht nur Bücher, sondern auch Comics zum Ereignis erscheinen – natürlich unter dem Label Graphic Novel, denn es geht ja um ein wichtiges Ereignis. Knesebeck hat sich anlässlich des 200. Geburtstags von Karl Marx dazu entschieden, Das Kommunistische Manifest (eine Marx-Biografie haben sie schon im Programm) und eine Biografie von Che Guevara zu verlegen (die ebenfalls angekündigte Orwell-Biografie wurde auf Februar verschoben).

Der Verlag schreibt: Das im Jahr 1848 von Karl Marx und Friedrich Engels verfasste Manifest der Kommunistischen Partei ist eine machtvolle Kritik am Kapitalismus, eine prägnante Einführung in die Ideen des Kommunismus und die klarste Darstellung seiner Ziele. Viel von dem, was Marx und Engels vorschlugen, bestimmt auch heute noch politische und wirtschaftliche Debatten. Es überrascht nicht, dass das Kommunistische Manifest das am zweithäufigsten verkaufte Buch aller Zeiten ist, nur übertroffen von der Bibel. Der Guardian-Cartoonist Martin Rowson hat es nun zum 200. Geburtstag von Karl Marx modern und lebhaft als Graphic Novel adaptiert.

Ja, hat er. Modern und lebhaft stimmt. Das Gute daran: Die Zeichnungen sind ziemlich schräg. Das Schlechte daran: Einige Bilder wirken austauschbar, ohne direkten Zusammenhang zum Text. Rowson arbeitet hauptsächlich mit ganz- und doppelseitigen Illustrationen, über die er den Originaltext des Manifests legt. Erst gegen Ende wird es etwas lebendiger. Mehr ein Album für Freunde abgefahrener Grafik, aber auch ein schöner Anlass, mal wieder im Kommunistischen Manifest zu blättern.

Martin Rowson: Das kommunistische Manifest
80 Seiten, gebunden, 20,- Euro, Knesebeck, ISBN 978-3-95728-207-1
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cattaneo-el-cheVerlagstext: Ernesto Rafael Guevara de la Serna, der eigentlich Arzt werden sollte, lernt bei einer Motorrad-Reise durch Südamerika die Armut kennen und Menschen ohne Chancen auf Bildung oder Wohlstand. Empört will er die Zustände ändern und ruft zum Aufstand auf. An der Seite seines Freundes Fidel Castro landet er auf Kuba und befreit die Insel von der Diktatur. Die Legende „Che Guevara“ ist geboren. Nach Konflikten mit Castro zieht er in den Kongo und nach Bolivien, um seine Revolution zu verbreiten. Schlecht ausgerüstet, schlecht bewaffnet aber glühend vor Überzeugung beginnt hier sein letzter Kampf gegen die Ungerechtigkeit.

Im Grunde ist diese Geschichte gut angelegt: kein Revolutionskitsch, kein billiger Heldenmythos, sondern klar an der Sache erzählt. Ein Problem ist: Orte und Zeiten wechseln sehr sprunghaft. Die Frage ist, ob jemand, der Ches Biografie bislang nicht kannte, sich in diesem Durcheinander zurechtfindet. Auch die Gründe, weshalb Guevara sich in der Welt herumtreibt, obwohl er auf Cuba gebraucht würde, und welche politischen Differenzen zwischen ihm und Castro die Ursache dafür waren, werden nicht herausgearbeitet. So bleibt vieles an der Oberfläche, und die schwachen Zeichnungen laden auch nicht gerade zur Lektüre ein. Allerdings: Wenn man einmal angefangen hat, liest es sich spannend und flüssig runter.

Stefano Cattaneo, Giuliano Ramella: El Che
Che Guevara – Die Comic-Biografie
128 Seiten, gebunden, 22,- Euro, Knesebeck, ISBN 978-3-95728-221-7
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