The Artist: Ode an die Feder

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Der Artist in Nöten: Alles, was mir lieb und teuer / dieses Übermaß an Dingen / wird mir langsam ungeheuer / Wohlstand stutzte mir die Schwingen. Im Leben von The Artist hat sich vieles verändert. Er ist jetzt maximal erfolgreich, hat Museumsausstellungen und ist wohlhabend, kurz: Er hat alles, was er sich immer gewünscht hat. Und doch ist sein Leben ein einziges Drama, denn er ist eben immer noch ein weinerlicher, sensibler Künstler. Er fühlt sich vom Kunstmarkt ausgenommen, seine Liebe verlässt ihn und er trauert seiner Schaffenszeit in Armut hinterher. Ein Dasein zwischen Größenwahn und Nervenzusammenbruch – was könnte dieser Existenz gerechter werden als eine große dramatische Oper? Anna Haifisch erzählt in Liedern und Gedichten vom kometenhaften Aufstieg und tiefen Fall von The Artist. (Verlagstext)

Es gibt Comics, mit denen kann man nichts anfangen. Man findet keinen Zugang zu ihnen. Findet sie schlecht gezeichnet oder umständlich erzählt oder inhaltsleer und im Grunde völlig überflüssig. Aber irgendwie… irgendwie… man weiß nicht warum, irgendwie… haben sie etwas, das einen nicht loslässt. So geht es mir mit Anna Haifischs Artist – einem Möchtegern-Künstler mit hohem Selbstzweifel-Faktor, dessen Geschichte als Satire auf den Kulturbetrieb gedacht ist. Allzu viel Satire kann ich darin nicht entdecken – schon gar keine pointierte.

Aber dieser Vogel! Dieses seltsam dürre Vieh! Wie Haifisch ihn mit wenigen Strichen zeichnet und dabei immer den exakten Ausdruck trifft. Vor allem nackt ist er Kult. Auch wenn die Story für meinen Geschmack wenig hergibt – das Flattervieh ist einfach klasse. Schon alleine die Seite, auf der er den Maulwurf erschießen will.

In diesem – inzwischen dritten – Band (eine Vogeloper in drei Akten) kommen auch noch Reime dazu, die in ihrer Struktur unwillkürlich an die schrägen Verse eines Edward Gorey erinnern. Das ergibt alles in allem zwar auch nicht mehr Sinn, macht aber stellenweise richtig Spaß. Ein Album für Freunde von eher schräger Kunst.

Anna Haifisch: The Artist – Ode an die Feder
Aus dem Englischen von Marcel Beyer
128 Seiten, gebunden, 24,- Euro, Reprodukt, ISBN 978-3-95640-220-3
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Moebius Collection

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Verlagstext: Was gibt es über Moebius zu sagen, was nicht bereits gesagt wurde? Zahllos sind die Monographien und Biographien, Analysen und Anamnesen, Vorworte und Nachrufe, die sich am Genie dieses Mannes abarbeiten, dessen künstlerisches Werk nicht nur einen, sondern gleich drei Namen zu Weltruhm brachte. Ein Werk, das bis heute ein nicht versiegender Quell der Inspiration ist. Die »Moebius Collection« macht Meilensteine aus Moebius‘ Arbeiten der »Schwermetall«-Ära in den 70er- und 80er-Jahren endlich wieder verfügbar.

In der Tat: Denjenigen, denen der Name Schwermetall noch geläufig ist, braucht man tatsächlich nichts mehr über Moebius zu erzählen. Für die jüngeren Leser: Moebius (alias Giraud, alias Gir) ist einer der Zeichner, die in den 1970er Jahren maßgeblich dazu beigetragen haben, dem Medium Comic neue Ausdrucksformen abzugewinnen.

Nun sind Experimente hauptsächlich in der Zeit spannend, in der sie entstehen. Sie sind Grundlage für Weiterentwicklungen, die logischerweise durchdachter und professioneller wirken, als die Erstversuche der alten Meister. Hitchcocks Krimis beispielsweise sind Kult. Und ja, man kann sie immer noch ansehen. Aber aktuelle Thriller sind spritziger.

Das trifft auch auf die Arbeiten von Moebius zu. Mit seiner hermetischen Garage kann man, wenn man sie heute erstmals liest, wohl nur noch wenig anfangen (falls man sich nicht gerade für Kunstgeschichte interessiert). Damals war ihre völlig freie Erzählweise allerdings ein Grundstein auf dem Weg zu neuen Ufern. Arzach, die zweite Geschichte des Albums, macht logisch auch nicht viel her, ist aber aufgrund ihrer Farbgebung und Figuren auch heute noch faszinierend. Wobei das Problem von assoziativ erzählten Geschichten darin besteht, dass man die Ideen des Autors nachempfinden können muss, wenn man die Story verstehen will, ohne erst in einem 15seitigen Nachwort, wie dem des Moebius-Experten Daniel Pizzoli in diesem Band, darüber aufgeklärt zu werden.

Trotz allem aber sind die Zeichnungen auch heute noch so originell, dass diese Comics immer wieder neu aufgelegt werden. Splitter bringt jetzt also ausgesuchte Moebius-Arbeiten aus Schwermetall in zweimonatlichem Rhythmus auf den Markt. Fünf Bände sollen es werden, und das, wie immer, in bewährter Splitter-Qualität, was bedeutet: Es gibt in der Regel keine qualitativ hochwertiger produzierten Ausgaben dieser Comics. Für Moebius-Fans damit ein must have. Für alle anderen? Vielleicht vor dem Kauf erst mal reinschauen…

Moebius Collection: Arzach / Die hermetische Garage
160 Seiten, gebunden, 35,- Euro, Splitter, ISBN 978-3-96792-085-7
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Update 6.8.21: Der zweite Band mit dem Untertitel Chaos – Metallische Chroniken ist da. Er beinhaltet Illustrationen, Skizzen, Gemälde, Plakate und Anzeigen aus über 20 Jahren – ein umfassender Einblick in das phantastische Universum von Mœbius, erstmals in einem Band. Mit einer ausführlichen Einleitung des Mœbius-Experten Daniel Pizzoli. Eine komplette Inhaltsangabe findet sich in der Leseprobe. Ein schöner Band mit jeder Menge Motiven, allerdings wirklich nur für Moebius-Fans interessant (38,80 Euro).

Der Archivar

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In ihrer Reihe über Die geheimnisvollen Städte entwickeln Schuiten und Peeters ganz eigene Welten. Früher bei Feest, werden die Alben seit einiger Zeit bei Schrieber & Leser (neu) aufgelegt. Jetzt liegt der Band Der Archivar vor. Verlagtext: Isidor Louis ist Experte für Mythen und Sagen im Zentralarchiv und seine Aufgabe ist es, absurde Theorien und urbane Legenden zu erforschen bzw. zu entkräften. Denn immer mehr Menschen glauben an eine Parallelwelt: die der Geheimnisvollen Städte. Also sammelt er Informationen über Xhystos, Calvani, Brüsel, Pahry. Und je tiefer er in die Materie eintaucht, desto mehr wächst in ihm die Überzeugung: dieses andere Universum existiert wirklich!

Die Alben des Teams Schuiten/Peeters wirken sehr kafkaesk. Im Grunde ist das alles nicht wirklich, oft auch nicht möglich, was die beiden an urbanen Fantasien entwerfen – aber es fasziniert ungeheuer. Da ist die beispiellose Dominanz der Architektur, die im Prinzip alles Leben erschlägt. Daneben gibt es, wie in der Sandkorntheorie, streng wissenschaftliche Prinzipien, die als Grundlage für die Entwicklung kommender Katastrophen dienen. Hinzu kommen völlig verrückte Ideen, wie das riesige Gitter, das plötzlich allerorten auftaucht, und vieles mehr. All das macht ihre Alben originell und einzigartig.

Im Archivar sitzt ein alter Mann an seinem Schreibtisch und grübelt über diese Welt. Er hat verschiedene Unterlagen zur Begutachtung, und er beschäftigt sich intensiv damit. Das Album ist allerdings nicht als Comic, sondern mehr als Bildband konzipiert: Auf der linken Doppelseite schreibt der Archivar seine Gedanken nieder, die rechte Doppelseite wird komplett von einem Motiv der jeweiligen Stadt ausgefüllt. Inhaltlich gibt das so gut wie nichts her, denn wo die Geschichten in den Comics oft schon unverständlich sind, sind die Notizen des Archivars bestenfalls für eingefleischte Kenner dieses Universums nachvollziehbar.

Für die Fans der Reihe (und für die von Schuitens Zeichnungen) lohnt sich dieser Band aber auf jeden Fall, denn die ganzseitigen Motive sind sehr stylisch und absolut sehenswert. Auch das etwas breitere Format war eine gute Idee. Wer Die geheimnisvollen Städte bislang nicht kennt sollte zum Einstieg aber besser ein anderes Album aus der Reihe wählen. Auf ihre Art sind fast alle interessant – und sehr eigen.

François Schuiten, Benoît Peeters: Der Archivar
64 Seiten, 22,80 Euro, Schreiber & Leser, ISBN 978-3-96582-046-3
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