Deutsche Comicforschung 2019

sackmann-comicforschung 2019Dafür, dass Herausgeber Eckart Sackmann im vorigen Band der Comicforschung angekündigt hat, künftig kürzer zu treten und sich aus dem Herausgeber-Team zurückziehen zu wollen, hat er in der aktuellen Ausgabe ziemlich viele Beiträge geschrieben. Neun von elf Artikeln, um genau zu sein. In einigen davon beleuchtet er die Rolle der Comics im Dritten Reich. Daneben gibt es Beiträge zu den Bildern auf dem Zittauer Fastentuch, sowie über seltene und rare Comics von oft unbekannt gebliebenen Zeichnern, wie zum Beispiel über Ludwig Beckers Australisches Lied aus dem Jahr 1860, über frivole Bildergeschichten aus der Wilhelminischen Zeit, über die an Max und Moritz angelehnten Bösen Buben von Fritz Steub in den Fliegenden Blättern und über J. Friedrich Entelmann, dessen Hauptwerk Der lange Lulatsch hierzulande weitgehend unbekannt ist. Einige Episoden daraus werden in dieser Ausgabe nachgedruckt.

In den Artikeln über Comics im Dritten Reich untersucht Sackmann die oft kolportierte Behauptung, damals habe es deshalb kaum Comics gegeben, weil sie von den Nazis als undeutsch verboten worden wären. Hitler und Goebbels waren allerdings große Fans von Mickey Mouse und sahen die Filme gerne. Dass die Hefte in Deutschland – zumindest vor dem Krieg – in den 1930er Jahren keine Verbreitung gefunden haben, leitet Sachmann aus dem finanziellen Durcheinander im Reich ab, das keine kontinuierliche Tantiemenüberweisungen an ausländische Rechteinhaber ermöglicht hat. Vorgestellt werden in diesem Zusammenhang auch Arbeiten des Zeichners Philipp Rupprecht (alis Fips), der die Nazipresse fleißig mit Strips über degenerierte Juden versorgte.

Abgeschlossen wird der aktuelle Band mit einem Beitrag von Helmut Kronthaler über Kunst-Comics im Schatten der Pop Art und einem Artikel von Sackmann über den ersten deutschen Computercomic von Michael Götze (Das Robot-Imperium). Neben dieser Vielfalt an gut recherchierten Informationen besticht der aktuelle Band wie seine Vorgänger durch viele vierfarbig gedruckte Beispiele der besprochenen Comics. Dadurch werden Antiquitäten und historische Comics zumindest teilweise wieder lesbar.

Eckart Sackmann (Hg.): Deutsche Comicforschung Band 15 (2019)
144 Seiten, gebunden, 39,- Euro, comicplus+, ISBN 978-3-89474-307-9
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Comic!-Jahrbuch 2019

icom-comicjahrbuch-2019In diesem Jahr geht es im neuen Comic-Jahrbuch auf den ersten Seiten kontrovers zu. Es geht um den Streit in der Jury, die alljährlich den ICOM Independent Comic Preis vergibt. Anscheinend tobte in den sozialen Netzwerken eine heftige Debatte inklusive Shitstorm über die Besetzung dieses Teams, das hauptsächlich aus Männern besteht, weshalb es zu Verwerfungen, Rücktritten, Rauswürfen oder was auch immer gekommen ist, was wiederum die Comic-Comunity wochenlang in Atem gehalten hat. Da freut man sich, dass man diese Netzwerke aus gutem Grund nicht nutzt, und einem so jede Menge unsachliches Geschwafel erspart geblieben ist. Die wesentlichen – und konträren – Standpunkte fassen Burkhard Ihme und Stefan Pannor im Jahrbuch noch einmal zusammen.

Richtig los geht es dann mit einem Rückblick auf den 18. Comicsalon in Erlangen, der diesmal aus technischen Gründen nicht in der Halle, sondern mitten in der City in verschiedenen Zelten stattgefunden und viele Besucher gerade deshalb erfreut hat. Björn Bischoff lotet im Gespräch mit Bodo Birk, dem Leiter des Salons, aus, ob man diese Art der Präsentation auch in den kommenden Jahren wiederholen kann. Thorsten Hanisch beleuchtet Kunst und Kommerz auf der Stuttgarter Comic Con, und Christian Muschweck diskutiert mit Lisa Frühbeis über sexistische Klischees in Comics. Interessant ist auch das Gespräch, das Burkhard Ihme mit verschiedenen Cartoonisten über die zunehmende Zensur im Cartoon-Bereich geführt hat.

Daneben spricht Andreas Alt mit Stefan Dinter über 30 Jahre Zwerchfell-Verlag, Thorsten Krings stellt mit Polle ein neues Comicmagazin für Kinder vor, Dietrich Grünewald sucht eine Antwort auf die Frage Was ist ein Comic?, Ihme interviewt Eckard Sackmann über dessen 15 Jahre Deutsche Comicforschung, Frank Pfeifer stellt den neuen ICOM-Ratgeber Honorare Verträge Urheberecht vor, und damit habe ich nicht mal ein Drittel aller Artikel und Interviews erwähnt. Jede Menge spannender Lesestoff also, bei dem auch Gespräche mit den diesjährigen ICOM-Preisträgern nicht fehlen. Ausgezeichnet wurden unter anderem JAZAM!12 und Eva Müller für ihren Erstling Sterben ist echt das Letzte.

Burkhard Ihme (Hrsg.): Comic!-Jahrbuch 2019
254 Seiten, 15,25 Euro, ICOM, ISBN 9783888349491

Die wilde Schönheit der Auslegeware

pfarr-wilde-schönheit-auslegwareMit den Arbeiten des 2004 verstorbenen deutschen Zeichners Bernd Pfarr kann ich inhaltlich wenig anfangen. Seinen Humor finde ich ziemlich platt. Was soll daran witzig sein, wenn unter einem Bild, auf dem ein Pfeife rauchender Mann neben einem kleinen Erdhaufen sitzt, steht: Niemand war zuverlässiger als Hermann Wolfertz, wenn es galt, geheimnisvolle kleine Erdhäufchen zu bewachen. Oder wenn ein Bankräuber vor der Bank auf einem Vogel Strauß sitzt, der seinen Kopf in den Gully steckt. Untertitel: Bei der Wahl seiner Fluchtfahrzeuge hatte Paul Schölle wahrlich kein glückliches Händchen. Ist das noch Satire, oder kann das weg?

Wenn ich diesen Band trotzdem als ausgesprochen schöne Zusammenstellung bezeichne, meine ich damit Zweierlei: Auf der einen Seite Pfarrs wirklich originelle und abwechslungsreiche Zeichnungen. Von krakelig bis plastisch ist alles dabei. Manches erinnert an Gerorge Harrimans Krazy Cat, anderes an Cliff Sterrets Poly, und doch hat Pfarr aus all diesen Einflüssen seinen ganz eigenen Stil kreiert.

Zum anderen gefällt mir die liebevolle Aufmachung. Der Sammelband beinhaltet eine gelungene Mischung aus Pfarrs Schaffensperioden von Sondermann bis Dulle, dazu Cartoons, die Pfarr für das ZEITmagazin gezeichnet hat und enthält zudem viele kleine, oft skurrile Einleitungen von anderen Künstlern, wie beispielsweise von Ralf König, der der Meinung ist: Bernd Pfarrs Name kann unter den Vertretern deutschen Zeichenhumors gar nicht fett genug geschrieben werden.

Wie auch immer man dazu stehen mag: Wer auf die Comics von Bernd Pfarr steht, bekommt hier eine Zusammenfassung, die man sich nicht entgehen lassen sollte. Wobei man sich allerdings die Frage stellt, weshalb dieser sehr wertig layoutete Katalog, der begleitend zur gleichnamigen Ausstellung im Deutschen Museum für Karikatur & Zeichenkunst in Hannover publiziert wurde, nicht in Hardcover erschienen ist.

Bernd Pfarr: Die wilde Schönheit der Auslegeware – Das komische Universum des Bernd Pfarr
160 Seiten, 25,00 Euro, Carlsen, ISBN 978-3-551-72879-1
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