Bartleby, der Schreiber + Moby Dick

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Zwei starke Adaptionen von Geschichten des US-Autors Herman Melville (1819 – 1891). In einem Büro an der Wall Street wird ein junger Mann als Schreibhilfe eingestellt. Sein Name ist Bartleby, und als gewissenhafter, strebsamer und unermüdlicher Angestellter ist er beliebt bei Arbeitgeber und Kollegen gleichermaßen. Doch aus heiterem Himmel verweigert Bartleby sich jeder weiteren Arbeit mit der höflichen Begründung: »Ich möchte lieber nicht«. Und er weigert sich nicht nur zu arbeiten, schon bald verlässt er auch das Büro nicht mehr… (Verlagstext).

Warum weigert er sich? Melville schrieb diese Geschichte als eine Art Parabel auf einen expandierenden Kapitalismus, der Menschen lediglich auf ihre gewinnbringenden Funktionen degradiert. So beginnt das Album auch mit einem Auszug aus Henry David Thoreaus Essay Pflicht zum Ungehorsam: Die Masse der Menschen dient dem Staat, nicht jedoch in erster Linie als Menschen, sondern als Maschinen… Bartleby will sich dieser reinen Funktionalität verweigern. Nicht wild und gewalttätig, sondern ruhig, aber entschlossen.

Die grafische Umsetzung übernimmt hier José Luis Munuera, der nicht nur Spirou-Alben bebildert, sondern auch den ebenso schönen wie schaurigen Fantasy Das Zeichen des Mondes in Szene gesetzt hat. Im vorliegenden Album zeigt er wieder seine Vorliebe für großzügige Seitenaufteilungen und große Figuren. Und weil in diesem Album viel spazieren gegangen wird, gibt es auch schöne Stadtansichten von New York. Für Literatur- und Comicfans gleichermaßen interessant.

José Luis Munuera, Herman Melville: Bartleby, der Schreiber
Aus dem Französischen von Tanja Krämling
72 Seiten, gebunden, 18,- Euro, Splitter, ISBN 978-3-96792-168-7
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Melvilles Moby Dick scheint ein Lieblingsbuch von Comiczeichnern zu sein. Es gibt Adaptionen von Pierre Alary, von Christophe Chabouté und – eine ausführlichere – von Isaac Wens. Jetzt also auch Bill Sienkiewicz, und es dürfte keine Überraschung sein, dass das die abgefahrenste von allen ist (wobei die anderen auch nicht schlecht sind). Die Geschichte ist bekannt: Kapitän Ahab jagt den großen Wal, der ihm vor Jahren ein Bein abgebissen hat. Und wo ist hier der Unterschied zu den anderen Adaptionen?

Mit seiner Fassung von Melvilles Meisterwerk »Moby Dick« beweist der legendäre Comic-Künstler Bill Sienkiewicz seinerseits eine unerreichte Meisterschaft der Neunten Kunst. Scheinbar spielerisch oszilliert er zwischen Karikatur und Realismus, zwischen Montagetechnik und Schraffur und verleiht seiner Reduktion des literarischen Stoffes einen unwiderstehlichen Sog. Soweit der Verlagstext, dem man inhaltlich rundum zustimmen kann (von dem verschwenderischen Umgang mit Adjektiven einmal abgesehen).

Wobei der mit diversen Preisen geehrte Sienkiewicz kein Comiczeichner im eigentlichen Sinne ist – er ist mehr Illustrator. So gibt es in diesem Album keinerlei Interaktion zwischen den Figuren, weder Sprechblasen, noch Panels. Es gibt einen erzählenden Fließtext, der in kleinen Happen in, über, unter und zwischen die Illustrationen gelegt wird, mit denen der US-Amerikaner die Geschichte bebildert. Diese Illustrationen sind es, die den Reiz dieses Albums ausmachen. Im Grunde könnten die meisten von ihnen für sich alleine stehen. Klasse konzipiert und stark layoutet, und zusammen mit den anderen Adaptionen ein Beispiel dafür, wie unterschiedlich man literarische Vorlagen grafisch interpretieren kann, ohne dass eine schlechter wäre als die andere.

Bill Sienkiewicz, Herman Melville: Moby Dick
Aus dem amerikanischen Englisch von Gerlinde Althoff
48 Seiten, gebunden, 16,- Euro, Splitter, ISBN 978-3-96792-167-0
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Verbrechen und Strafe + Auf der Suche nach Moby Dick

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Einmal Fjodor Dostojewski, einmal Herman Melville – in diesem Monat erscheinen zwei Literaturadaptionen bei Knesebeck. Fangen wir mit Dostojewski an. Verlagstext: Der begabte, aber in Armut lebende Jurastudent Rodion Raskolnikow begeht in einem Gefühl von Überlegenheit einen Mord. Nach der Tat gleitet er immer tiefer in Schuldgefühle ab und stellt sich schließlich selbst. Diesen wohl bekanntesten Roman Dostojewskis von 1866 adaptierte der Comic-Künstler Bastien Loukia nun erstmals als Graphic Novel. Eindrücklich werden die ärmlichen Lebensverhältnisse im Sankt Petersburg zur Mitte des 19. Jahrhunderts in Szene gesetzt; die intensive Farbpalette und die kraftvollen Pinselstriche führen dem Leser die Abgründe des menschlichen Daseins vor Augen, die auch 150 Jahre nach der Veröffentlichung noch den Menschen faszinieren.

Abgründe des menschlichen Daseins: Kaum jemand kann so düstere und hoffnungslose Gespenster aus dem Innenleben von Menschen heraufbeschwören wie russische Autoren. Von Dostojewski, der das besonders gut konnte, ist bislang sein Roman Der Spieler als Comic erschienen, und mit FMD – Leben und Werk von Dostojewski eine Comic-Biografie. In Verbrechen und Strafe quält sich die Hauptperson so sehr mit Schuldgefühlen, dass aus Angst Paranoia, und aus Paranoia Verzweiflung wird. Eine Verzweiflung, deren Ursache weniger aus den Ermittlungsergebnissen der Polizei, als aus den Selbstvorwürfen des Akteurs resultiert. Die 700 Romanseiten auf 160 Comicseiten zusammenzufassen war sicher nicht leicht, aber Bastien Loukia hat das ganz gut hinbekommen. Die moralischen Skrupel und die Angst, mit denen Raskolnikow sich herumquält, werden gut rausgearbeitet, und die Zeichnungen sind auch nicht schlecht.

Bastien Loukia, Fjodor Dostojewski: Verbrechen und Strafe
160 Seiten, gebunden, 25,- Euro, Knesebeck, ISBN 978-3-95728-442-6
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Von dem Roman Moby Dick gibt es bereits zwei Comicadaptionen: eine von Pierre Alary und Olivier Jouvray und eine von Christophe Chabouté. Die neue von Isaac Wens und Sylvain Venayre verfolgt einen anderen Ansatz. Verlagstext: „Moby Dick oder: Der Wal“, der weltberühmte Roman von Herman Melville aus dem Jahre 1851, handelt nicht nur von Kapitän Ahabs Jagd nach dem riesigen weißen Pottwal, der einst sein Beine abriss und dem er Rache schwor. Neben der Erzählung der Reise seiner Hauptfigur taucht Melville in zahlreiche Exkurse über komplexe philosophische, gesellschaftliche oder auch mythologische Themen ab, wie den sozialen Status, das Gute und das Böse oder die Existenz von Gott. Diese innovative Graphic-Novel-Adaption verwebt die Geschichte rund um Moby Dick mit der Erzählung eines jungen Journalisten, der sich dem monumentalen Werk, seinem Autor und seinen komplexen Ansichten aus heutiger Sicht nähert.

Das tut sie. Wobei man sich allerdings fragt, wozu das gut sein soll. Eine gute Geschichte ist eine gute Geschichte. Der Versuch, sie durch philosophische Abschweifungen kulturell aufzuwerten führt meist dazu, dass der Erzählfluss leidet. So ist es auch hier. Es ist nicht uninteressant, was Sylvain Venayre rund um die Story an gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Erkenntnissen einflechtet, aber bestenfalls von akademischem Interesse, und die Spannung geht dabei flöten. Das ist schade, denn die Zeichnungen von Isaac Wens sind echt klasse und passen wunderbar in die raue Welt der Seefahrt. Was immerhin zur Folge hat, dass man diesen Band auch allein der Zeichnungen wegen lesen kann – die lohnen sich nämlich wirklich (wobei man sich fragt, weshalb Knesebeck immer nur briefmarkengroße Leseproben online stellt, auf denen kaum etwas zu erkennen ist).

Isaac Wens, Sylvain Venayre, Herman Melville: Auf der Suche nach Moby Dick
224 Seiten, gebunden, 28,- Euro, Knesebeck, ISBN 978-3-95728-440-2
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Cixi von Troy

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Splitter hat in diesem Monat die SF-Reihe TER und die Abenteuer-Serie Die Treibjäger mit dem jeweils dritten Band vervollständigt, und mit Cixy von Troy außerdem eine Art Zwischenalbum zum Troy-Universum vorgelegt. Verlagstext: Nach ihrem extravaganten Abschied aus dem Palast von Xingdu (am Ende von »Lanfeust von Troy« Band 5) kehrt die forsche Cixi nach Eckmül zurück. Nachdem der Pirat Thanos die Macht an sich gerissen hat, ist die Hauptstadt von Troy jedoch nicht mehr das, was sie mal war. Und als Lanfeust das nächste Mal auf Cixi trifft, ist auch sie nicht mehr das freche Mädchen von einst: Tagsüber ist sie die Geliebte von Thanos, nur um nachts zur Widerstandskämpferin gegen seine Herrschaft zu werden. Der Sammelband »Cixi von Troy« vereint alle drei Teile des »Lanfeust«-Spin-offs um Cixi. Wie immer brillant und humorvoll erzählt von Christophe Arleston und gezeichnet vom unvergleichlichen Olivier Vatine (»Aquablue«) und dem außergewöhnlichen Adrien Floch (»Die Schiffbrüchigen von Ythaq«).

Ja, die Zeichnungen von Adrien Floch und Olivier Vatine sind okay, allerdings nicht so detailreich wie die von Didier Tarquin in Lanfeust von Troy. Cixy von Troy ist zwischen Band fünf und sieben der ersten Lanfeust-Serie einzuordnen. Cixi ist auf einem Handelsschiff unterwegs, das Römp-Kokons transportiert. Ausgewachsene Römps eignen sich hervorragend als gehorsame Flugtiere, weshalb die noch nicht geschlüpften Jungtiere in ihren Kokons viel Geld bringen. Was Cixi allerdings gerade wenig interessiert. Denn nicht genug damit, dass ihr die Seekrankheit übel zusetzt – das Schiff wird zu allem Überfluss auch noch von Piratinnen überfallen, die keine Gefangenen machen.

Glücklicherweise ist deren Anführerin von Cixi sehr angetan, was allerdings zu gefährlichen Eifersuchtsszenen führt. Trotzdem schließt sich Cixi den Piratinnen an. In Eckmül, der Hauptstadt von Troy, hat derweil der finstere Thanos die Macht an sich gerissen. Cixi kann sich nicht entscheiden: Soll sie gegen ihn kämpfen und dabei helfen, Eckmühl wieder zu befreien? Oder soll sie seine Geliebte werden und mit ihm die Vorteile und den Luxus der Macht genießen?

Es geht ein bisschen hin und her mit unserer Heldin, und man hat den Eindruck, dass sich Autor Christophe Arleston nicht recht entscheiden kann, ob er ihr die Rolle der Guten oder der Bösen zuordnen soll. Schließlich endet das Album, das als Gesamtausgabe alle drei Bände von Cixis Geheimnis enthält, bevor die Geschichte komplett abgeschlossen ist, und verweist als Fortsetzung auf Band sieben von Lanfeust von Troy. Einzeln macht dieses Album also wenig Sinn, und man muss sich die Frage stellen, ob solche in sich nicht abgeschlossenen Spin-offs überhaupt Sinn machen. Wer allerdings fleißiger Sammmler der Troy-Reihen ist, der findet in dieser Ausgabe wieder eine spannende Mischung aus Fantasy und Abenteuer, die unterhaltsam zu lesen ist.

Adrien Floch, Olivier Vatine, Christophe Arleston: Cixi von Troy (Cixis Geheimnis)
152 Seiten, gebunden, 29,80 Euro, Splitter, ISBN 978-3-96219-519-9
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