Der alte Mann und das Meer

murat-der-alte-mann-und-das-meerDer US-amerikanische Autor Ernest Hemingway (1899 – 1961), 1954 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet, hat viele Romane geschrieben, die ich eigentlich eher trocken und oft langweilig finde. Eine Ausnahme bildet Der alte Mann und das Meer – eine rundum geniale Geschichte über einen kubanischen Fischer, der auf seinem kleinen Boot weit auf das Meer hinausfährt, um endlich mal wieder einen wirklich großen Fisch zu angeln. Mit dieser Novelle gewann Hemingway 1953 den Pulitzer-Preis.

Der Grafiker und Illustrator Thierry Murat (Der Mörder weinte, Lauras Lied), 1966 im französischen Périgueux geboren, hat die Geschichte dieses Kampfs zwischen dem alten Mann und dem Fisch als Comic adaptiert. Thematisch erinnert die Story an Moby Dick, denn auch da kämpft ein Seemann gegen einen übermächtigen Meeresbewohner. Während in Moby Dick aber eher Ehrgeiz und Rachedurst die Motivation bilden, geht es in diesem Fall um eine rein existenzielle Angelegenheit. Der alte Mann muss von etwas leben, und als Fischer lebt er nun einmal vom Fischfang.

Was Murat daraus macht, ist einfach klasse. Großformatige Bilder, gefühlvolle Ton-in-Ton-Kolorierung und sparsame Texte verbinden sich zu atmosphärisch dichten Seiten, auf denen das Wesen des Kampfes zwischen dem alten Mann und dem Fisch kongenial eingefangen wird. Wer auf ruhig und kraftvoll erzählte Geschichten steht, liegt hier richtig.

Thierry Murat, Ernest Hemingway: Der alte Mann und das Meer
130 Seiten, gebunden, 19,95 Euro, Knesebeck, ISBN 978-3-86873-927-5
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Ein Ozean der Liebe

panaccione-ozean-der-liebeWenn man in Frankreich eine Buchhandlung betritt, bekommt man leuchtende Augen: Im Gegensatz zu deutschen Läden präsentieren dort meterlange Regale die neuesten Comicalben, und man macht sich schon Sorgen um das für den Abend geplante Vier-Gänge-Menü in diesem netten Restaurant, denn wenn man alle Comics kaufen würde, die einem gefallen, würde die Kohle am Abend bestenfalls noch für eine Tüte Pommes mit Majo reichen. Da ist es fast ein Segen, wenn eine sinnvolle Lektüre aufgrund mangelhafter Französischkenntnisse ohnehin nicht möglich ist, und so entscheidet man sich für die sparsame Variante: Einen der seltenen Comics, die ganz ohne Sprache auskommen. In meinem Fall war das Un Océan d´ Amour.

Jetzt gibt es dieses Album bei Splitter in deutscher Übersetzung – was aber nur den Titel und den Rückseitentext betrifft, denn Szenarist Wilfried Lupano (Alim der Gerber, Die alten Knacker, Azimut) lässt seine famose Geschichte, wie bereits erwähnt, von Grégory Panaccione ganz ohne Worte illustrieren. Der bebildert die Irrungen und Wirrungen eines Fischers und seiner Frau in einem fast karikativen Stil. Vor allem der alte Fischer ist einfach klasse.

Mit von der Partie sind (unter anderem): Ölsardinen in der Dose. Eine aus Pfannkuchen lesende Wahrsagerin. Eine wegweisende Heiligenstatue. Eine umweltbewusste Möwe. Ein explodierender Öltanker. Ein Piratenschiff und ein Luxusliner. Karl Lagerfeld und gehäkelte Deckchen. Fidel Castro und Che Guevara. Eine liebende Frau und ein verlorener Mann. Schicksalhafte Begegnungen und dramatische Wendungen. Also im Grunde alles, was man zu einer leicht schrägen, unterhaltsamen Geschichte braucht.

Mehr soll hier nicht verraten werden. Dieser Ozean der Liebe ist eine vergnügliche Lektüre für jedes Alter. Viel Spaß dabei.

Top 10 2016Grégory Panaccione, Wilfrid Lupano: Ein Ozean der Liebe
224 Seiten, gebunden, 29,80 Euro, Splitter, ISBN 978-3-95839-231-1
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Moby Dick

chaboute-moby-dickChristophe Chabouté gehört zweifellos zu den interessantesten Zeichnern im Bereich Graphic Novel. In seiner ebenfalls bei Ehapa erschienen Trilogie Fegefeuer hat er eine amüsante Geschichte über das Leben nach dem Tod abgeliefert. In Ganz allein erzählt er vom Leben eines Mannes, der seit Jahren einsam in einem Leuchtrum lebt. Dort wurde er als Kind einer Leuchtturmwärterfamilie geboren. Weil er missgestaltet war, hat er den Turm bis ins hohe Alter nicht verlassen.

Auch in Moby Dick dreht sich alles um einen alten Mann – um Kapitän Ahab nämlich, einen Walfänger, dem ein weißer Wal ein Bein abgebissen hat. Und der deshalb ganz versessen darauf ist, das Biest zu erlegen.

Die weltbekannte Geschichte von Melville ist schon einmal als Comic adaptiert worden – und zwar von Pierre Alary und Olivier Jouvray. Die beiden haben ein starkes Album mit rundum erstklassigen Zeichnungen abgeliefert, die allerdings, weil als Book-Ausgabe erschienen, in dem engen Format nicht genug Raum hatten, um zu wirken. Die Adaption von Chabouté erscheint in einem Format irgendwo zwischen Book und Album. Da passen sich die Zeichnungen gut ein.

Chabouté arbeitet komplett in Schwarzweiß mit harten Konturen. Grautöne gibt es bei ihm nicht, was dazu führt, dass es ein sehr düsteres Album geworden ist. Diese Düsterheit kann gelegentlich nerven, weil sie wenig Abwechslung bietet. Dafür gibt es ab und zu Seiten, die einfach nur genial strukturiert sind – mit viel Atmosphäre in den Panels und viel Ausdruck in Mimik und Gestik. Das kann er ohnehin gut.

Die Story selbst gibt nicht viel her, weil sie bekannt ist und deshalb inhaltlich keine Spannung mehr bieten kann. Grafische Spannung gibt es dafür umso mehr. Ein Album für Freunde starker, akzentuierter Schwarzweiß-Zeichnungen.

Christophe Chabouté, Herman Melville: Moby Dick
256 SW-Seiten, gebunden, 29,99 Euro, Egmont Graphic Novel, ISBN 978-3-7704-5523-2
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