Burma

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Nein, das ist kein Comic über Myanmar, wie das frühere Burma heute heißt, sondern – die Fans wissen es – eine Sammlung der Comics, in denen Jacques Tardi Krimis von Léo Malet adaptiert hat. Darin spielt ein Privatdetektiv namens Nestor Burma die Hauptrolle. Verlagstext: „120, Rue de la Gare“, „Die Brücke im Nebel“, „Kein Ticket für den Tod“ und „Wie steht mir Tod?“ als Gesamt­ausgabe der Nestor-Burma-Reihe! Ein Meilenstein der Comic-Geschichte und Must-have für alle Fans (wer es noch nicht ist, wird es nach der Lektüre sein).

Kommt drauf an, ob man das sein wird. Und zwar darauf, ob man solche Krimis mag. Malets Geschichten weisen allerlei Verwicklungen und ein umfangreiches Figurenkabinett auf. Man muss sich nicht nur die Namen der Protagonisten merken, sondern nicht selten auch noch die Pseudonyme, unter denen sie früher agiert haben. Und obwohl es auch Action gibt, werden die meisten Fälle durch Nachdenken und das Entwirren und Neuzusammensetzen komplizierter Fäden gelöst.

Wer aber glaubt, hier wäre lediglich Kopfkino am Werk, der täuscht sich. Die Gestalten, die Klamotten, die Häuser, die Wohnungen, die Autos, die Straßen, selbst der Regen – das alles ist in Tardis Bildern so authentisch in die jeweilige Zeit eingepasst, dass man locker in deren Atmosphäre eintauchen kann. Die Brücke im Nebel beispielsweise ist eine Story aus den 1950er Jahren. Sie bezieht sich aber auch auf Ereignisse, die sich 30 Jahre vorher eignet haben. Tardi bringt beides überzeugend auf die Seiten. Immer vor dem Hintergrund von Streifzügen durch die (nächtlichen) Straßen von Paris in unterschiedlichen Arrondissements (meist in den eher schäbigen).

Die vier Bände sind früher bereits einzeln erschienen. Manche bei Carlsen, später alle in der Edition Moderne. Die neue Gesamtausgabe hat ein etwas kleineres Format (19 × 26 cm) als die früheren Alben. Das stört aber nicht – im Gegenteil: die Geschichten wirken kompakter, die typische Noir-Atmosphäre kommt intensiver rüber. Grafisch ein Prachtband. Ob euch die Stories gefallen, müsst ihr selber rausfinden.

Top 10 2021  Jacques Tardi, Léo Malet: „Burma“
Aus dem Französischen von Martin Budde, Kai Wilksen, Wolfgang Bortlik
408 SW-Seiten, gebunden, 39,- Euro, Edition Moderne, ISBN 978-3-03731-225-4
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Ghost Kid + New York Cannibals

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Zweimal Action in starken Bildern – ein Western und ein Krimi. Und beide arbeiten zudem ein bisschen mit mystischen Elementen. Verlagstext: Ambrosius »Old Spur« Morgan ist ein Cowboy alter Schule. Die Jahre harter Arbeit auf der Ranch gingen nicht spurlos an ihm vorüber, aber noch will er die Sporen nicht an den Nagel hängen. Bis ein unerwarteter Brief sein Leben komplett umkrempelt. Er erfährt von Liza Jane, seiner Tochter, von der er seit 21 Jahren nichts weiß, und auch, dass sie vermisst wird. Old Spur beschließt, sich auf die Suche nach dem Mädchen zu machen. Begleitet wird er nur von seiner treuen Winchester und einem geisterhaften Apachenjungen, den anscheinend nur er sehen kann. Cowboys und Indianer, Schießereien und die endlose Prärie – für Puristen und Liebhaber des Wilden Westens bietet »Ghost Kid« alles, was das zeitlos beliebte Genre ausmacht, vor allem da Tiburce Oger (»Buffalo Runner«, »Canoe Bay«) unumstritten ein Meister seines Fachs ist.

Was er ohne Zweifel ist. Das hat er auch in seinem Album Überleben in Dachau gezeigt, wo er die Leidensgeschichte seines Großvaters Guy-Pierre Gautier in erschreckend realistische Bilder gepackt hat.

Ghost Kid spielt wieder in der Prärie. Im Gegensatz zu seinem Buffalo Runner, in dem Oger die Historie des Westens aufblättert, ist Ghost Kid inhaltlich weniger tiefgründig. Mehr eine Aneinanderreihung typischer Action-Szenen, die sich zu einer Story verbinden, deren Abläufe nicht immer realistisch sind (Old Spur zieht trotz Rheuma schneller als seine Gegenüber). Wer sich daran nicht stört findet hier wieder Bilder, die echte Charaktere auf die Seiten bringen – von Ogers genialen Landschaftsaufnahmen gar nicht zu reden. Auch Licht und Schatten kann er super verteilen, und ab und zu streut er ein starkes ganzseitiges Motiv ein. Da kann man als Western-Fan beim Kauf nichts falsch machen. Splitter hat den Band zudem als bibliophile Ausgabe mit Goldprägung auf dem Cover aufgelegt.

Tiburce Oger: Ghost Kid
Übersetzung: Harald Sachse
80 Seiten, gebunden, 22,- Euro, Splitter, ISBN 978-3-96792-066-6
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Und hier der Krimi. Der Verlag schreibt: New York, 1990. Zwanzig Jahre nach dem blutigen Showdown von »Little Tulip« ist die kleine Azami zur jungen Frau herangewachsen und obendrein Lieutenant der New York Police. Als volltätowierte Bodybuilderin verschafft sie sich in den dunklen Ecken des Big Apple spielend Respekt. Aber als sie in einer dieser Ecken ein verlassenes Baby findet, regt sich dennoch eine zartere Emotion in ihrer Seele, und sie will das Kind adoptieren. Mit der Hilfe ihres Ziehvaters, des Tätowierers Pawel, will sie dem Jungen eine Zukunft bieten. Pawel wird derweil jedoch von den Dämonen aus seiner Vergangenheit im Gulag eingeholt… Nachdem sie mit »Teufelsmaul« und »Little Tulip« in der Comicszene für Aufsehen sorgten, kehren Charyn und Boucq mit einem neuen Thriller Noir reinsten Wassers zurück.

Man muss Little Tulip nicht gelesen haben, um diesen Band zu verstehen. Beide sind inhaltlich in sich abgeschlossen und auf üblichem Boucq-Niveau gezeichnet. Sein Strich ist einzigartig und passt prima zu der Story, in der es, wie immer, wenn Charyn das Szenario geschrieben hat, klar zu Sache geht.

Auch hier liegt der Schwerpunkt mehr auf Action und Bildern, als auf Logik, aber vielleicht hat Charyn sich von den Vorstellungen inspirieren lassen, die zur Zeit von Corona-Leugnern in die Welt gesetzt werden – der Weltverschwörung mächtiger Männer, die sich vom Blut anderer Menschen ernähren. Die Fäden der Story werden von ebenso schrägen wie originellen Figuren im Hintergrund gezogen. An Spannung und rätselhaften Verwicklungen mangelt es nicht, und wenn es ganz eng wird, mischen auch mal mystische Kräfte mit.

François Boucq, Jerome Charyn: New York Cannibals
Übersetzung: Tanja Krämling
152 Seiten, gebunden, 35,- Euro, Splitter, ISBN 978-3-96219-527-4
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Shangri-La

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In der Zukunft leben die Menschen auf einer Raumstation, wo ein perfekter Kreislauf ihr Dasein bestimmt: Der gütige Konzern Tianzhu kümmert sich um jedes ihrer Bedürfnisse, von Nahrung und Unterkunft bis hin zur Unterhaltung. Danke, lieber Konzern Tianzhu! Von einigen Querdenkern abgesehen ist diese Gesellschaft so perfekt, dass die Menschen sich bald zu Göttern erheben werden, indem sie selbst Leben aus dem Nichts erschaffen… Konsumkapitalismus, Genmanipulation, Xenophobie, Zeitparadoxien – Mathieu Bablet vereint in »Shangri-La« alle Themen, die das Herz von Science-Fiction-Fans höher schlagen lassen. Bei allem Futurismus verliert er jedoch nie den Bezug zu unserer Lebensrealität und reichert seinen farbenfrohen Cocktail sogar durch augenzwinkernde Querverweise auf die Popkultur an… So weit der Verlagstext.

Es ist ein orwellscher Kosmos, in den Mathieu Bablet uns entführt. Alles ist geregelt, alles wird überwacht, alles ist gut und alles funktioniert prima. Zumindest an der Oberfläche. Wer sich mit den Dienstleistungen von Tianzhu zufrieden gibt, hat nichts zu befürchten. Wer sein Leben selbst in die Hand nehmen und auch mal Alternativen entwickeln will, hat Probleme. Selberdenker sind unerwünscht.

Die haben sich in einer Widerstandsgruppe organisiert. Wer genau dahinter steckt, weiß man allerdings nicht. Ab und an sieht man Videos von ihnen über Leinwände flimmern. Sind die echt, oder bloß ein Fake von Tianzhu, um Oppositionelle in die Irre zu führen? Und wie soll man, wenn man mitmachen möchte, Kontakt zu der konspirativen Gruppe bekommen? An Spannung mangelt es hier nicht.

Leider sind die Zeichnungen weniger prickelnd. Kleine Gestalten in meist engen Panels, dazu oft seitenweise monochrome Kolorierung in Gelb-grün oder Blautönen – das schafft wenig optische Akzente und wirkt oft eintönig. Es gibt auch einige starke Motive in diesem Album, aber die Qualität der Grafik hinkt der Spannung der Story doch ziemlich hinterher.

Mathieu Bablet: Shangri-La
224 Seiten, gebunden, 39,80 Euro, Splitter, ISBN 978-3-96792-065-9
(E-Comic: ISBN 9783967928983, 19,99 Euro)
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