Der letzte Ansturm

tardi-der-letzte-ansturmTardi und der Erste Weltkrieg: Kein anderer hat so viele Alben über diese Gemetzel gezeichnet wie der Franzose: Elender Krieg, Soldat Varlot, StalagIIB, Grabenkrieg – und jetzt wieder ein Comic zu dem Thema.

In Der letzte Ansturm wird keine Geschichte erzählt, die einen Anfang und ein Ende oder überhaupt irgendeine Handlung hätte. Tardi lässt einen Sanitätssoldaten zwischen den Toten, Verwundeten und Sterbenden umherirren, lässt ihn durch Bombentrichter, Gräben, Schlamm, zerschossene Ruinen und dutzendfach von Granaten umgepflügte Landschaften waten. Er hängt seinen Gedanken nach. Über die vielen Afrikaner aus den Kolonien, die von der französischen Regierung als Kanonenfutter an der Front verheizt werden. Über Industriebosse in Deutschland und Frankreich, die sich an den Waffen und dem Giftgas eine goldene Nase verdienen: Dass kein Ende des Krieges abzusehen war, hatte auch damit zu tun, dass es noch große Mengen von Gas und Material gab, die man nicht umsonst hergestellt hatte. Das macht streckenweise richtig wütend – vor allem, wenn man überlegt, das wir inzwischen auch hierzulande wieder soweit sind, Krieg als legitimes Mittel der Außenpolitik anzusehen.

Tardis Szenen sind düster, die Bilder bieten wenig Abwechslung, sind aber, wie immer bei ihm, stark gezeichnet und bringen den Volk- und Vaterlands-Irr-Sinn erschreckend klar rüber. Beigelegt ist eine CD mit Antikriegsliedern. Auch, wenn sie nicht schlecht klingt – ohne wäre auch okay gewesen.

Dominique Granges Version von „Petits Morts du Mois d’Août“. Die Zeichnungen sind Illustration des Textes und stammen nicht aus dem Album.

Jacques Tardi, Dominique Grange: Der letzte Ansturm
112 Seiten, gebunden, 32,- Euro, Edition Moderne, ISBN 978-3-03731-158-5
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Bella Ciao

quarello-bella-ciaoBella Ciao – dieses Partisanenlied fehlte in den 1970er Jahren auf keiner LP von Hannes Wader + Co, und auch auf Demos oder am Lagerfeuer wurde es oft gespielt und gesungen. Seinen Ursprung hat es in den Kämpfen der italienischen Partisanen, die in den 1940er Jahren das faschistische Regime Mussolinis bekämpften. Der Text variierte je nach Interpret, aber im Grunde geht es darum, dass man in dieser Auseinandersetzung auch den Tod finden kann.

Maurizio A. C. Quarello hat den Titel dieses Liedes für sein Album gewählt, weil seine Geschichte – das ist in dem Fall die seines Großvaters – exakt zu dieser Zeit spielt. Nachdem eine Gruppe von Partisanen 1944 erfolgreich Widerstand gegen Mussolinis Soldaten und deren deutsche Unterstützer geleistet hat, durchstreift die Armee die Gegend auf der Suche nach den Widerstandskämpfern. Von denen hat sich einer – er wurde während der Aktion verletzt – auf einem Bauernhof versteckt. Ausgerechnet diesen Hof wollen die Soldaten jetzt unter die Lupe nehmen.

Der 1974 geborene Grafiker und Architekt Quarello, der seit 2007 Illustration an der Akademie der Künste in Macerata unterrichtet, braucht keine Worte, um seine Geschichte zu erzählen. Ganz ohne Text schildert er diese Episode in starken Bildern, die sehr lebensnah rüberkommen. Im Anhang kann man den Originaltext (italienisch) und die deutsche Übersetzung des Liedes nachlesen.

Maurizio A. C. Quarello: Bella Ciao
96 Seiten, gebunden, 20,- Euro, Jacoby & Stuart, ISBN 978-3-946593-26-3

Freedom Hospital

sulaiman-freedom-hospitalAus dem Verlagstext: Syrien im Jahr 2012: Der Bürgerkrieg wütet immer heftiger. Die Pazifistin Yasmin betreibt ein Untergrund-Krankenhaus zur Versorgung verwundeter Rebellen. Im Freedom Hospital kreuzen sich die unterschiedlichsten Lebenswege: Die französische Journalistin Sophie will einen Dokumentarfilm über den Konflikt drehen; Dr. Fawaz, ein Alawit, hilft aufständischen Verwundeten; Zahabiah, die Köchin des Krankenhauses, ist vor ihrer konservativ-sunnitischen Familie geflohen; Dr. Yazan steht den Muslimbrüdern nahe, und einer der Patienten entpuppt sich als Spion Assads. Hamid Sulaimans aufrüttelnde Graphic Novel mit ihren ausdrucksstarken Schwarzweißbildern spiegelt die komplexe und zerrissene syrische Gesellschaft wider.

Das tut sie, in der Tat. Allerdings ziemlich konfus, und genau mit diesem Durcheinander spiegelt sie eine Entwicklung, in der man am Ende nicht mehr weiß, wer Freund oder Feind, wer Islamist oder Friedenskämpfer ist, obwohl die Rollen am Anfang mehr oder weniger klar verteilt sind. Aber Kriege entwickeln ihre eigene Dynamik, Bürgerkriege sowieso, und bei den Gemetzeln in Syrien mit ihrem halben Dutzend mit- und gegeneinander kämpfenden Parteien, die zudem noch alle paar Wochen die Seiten wechseln, sind klare Struktur nicht nur für Außenstehende kaum mehr wahrnehmbar.

Ansonsten bietet der 1986 geborene syrische Illustrator Hamid Sulaiman, der 2011 aus Syrien geflohen ist und jetzt in Paris lebt, wenig Informatives. Tiefergehende Analysen findet man nicht, Hintergrundinfos sind ebenfalls rar, und so bleibt alles vorwiegend an der Oberfläche. Die gnadenlos schwarzen (man möchte fast schreiben: dunkelschwarzen, denn es gibt nicht mal winzige Grauabstufungen) Bilder sind gut gezeichnet, aber gewöhnungsbedürftig. Ein Comic über das Chaos eines Krieges, der so oder ähnlich zur Zeit an vielen Orten stattfindet – im Jemen, in Syrien, in Afghanistan, in Mali, in Libyen und anderswo.

Hamid Sulaiman: Freedom Hospital
288 Seiten, schwarzweiß, 24,- Euro, Hanser Berlin, ISBN 978-3-446-25508-1
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