Der Dschungel

Verlagstext: gehrmann-der-dschungelKristina Gehrmanns Begeisterung für historische Stoffe und ihre Zeichenfertigkeit brachten ihr schon für ihre erste Graphic Novel Im Eisland, die von der Franklin-Expedition handelt, den Deutschen Jugendliteraturpreis ein. Nun hat sie Upton Sinclairs Roman „Der Dschungel“ adaptiert.
Hoffnungsvoll kommt Ende des 19. Jahrhunderts eine litauische Auswandererfamilie in Amerika, dem Land ihrer Träume, an. Sie finden Arbeit in den Schlachthöfen von Chicago, aber nichts wird gut: Die hygienischen Zustände sind unbeschreiblich, Korruption scheint ein Naturgesetz zu sein, die Arbeitsbedingungen führen zum frühen Tod Erwachsener und Kinderarbeit wird für die Familie überlebensnotwendig.
Das Buch zeigt deutlich wie unsere Industriegesellschaft aussah, bevor es Errungenschaften wie Krankenkassen, Schulpflicht, Renten u.ä. gab. Und es erinnert durchaus an die aktuellen Zustände in Niedriglohnländern.

Gehrmann erzählt die – im Original doch sehr komplexe – Geschichte geradlinig und zielstrebig über fast 400 Seiten, ohne sich in Nebenkriegsschauplätze zu verirren. Das Elend und die Unmöglichkeit, im Rahmen der bestehenden Strukturen etwas zu ändern, wird sehr klar. Wie bereits in Eisland zeichnet sie mit nüchternem, präzisen Strich. Das haut grafisch nicht vom Hocker, aber Mimik und Gesichter ihrer Protagonisten fängt sie prima ein.

Von den in Sinclairs Roman geschilderten Lebensbedingungen sind wir nicht weit entfernt. Man muss sich nur die – im Grunde rechtlosen – Migranten ansehen, die in spanischen Gewächshäusern für einen Hungerlohn schuften. Und auch in Deutschland arbeitet inzwischen fast jeder Vierte wieder in prekären Verhältnissen. Schon heftig, dass man die soziale Realität des Jahres 2018 aus einem Roman des Jahres 1899 herauslesen kann. Es scheint, als würden wir uns wieder genau da hin bewegen. Sinclairs Dschungel hat damit leider nichts von seiner Aktualität verloren.

Kristina Gehrmann, Upton Sinclair: Der Dschungel
384 SW-Seiten, gebunden, 28,- Euro, Carlsen, ISBN 978-3-551-71438-1

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Zenobia

hornemann-zenobiaDer Verlag schreibt: „Zenobia“ wurde ursprünglich in Dänemark veröffentlicht und avancierte zum Bestseller. Die Graphic Novel erzählt Aminas Geschichte, ein Mädchen aus Syrien, welches vor dem Krieg flüchtete. Sie hofft auf eine neue Chance, aber auf der rauhen See geht etwas schief. In Rückblenden wird über ihr bisheriges Leben in Syrien und während des Krieges erzählt. Ein einfacher, aber präziser Blick auf eines der wichtigsten Themen unserer Zeit. Das Buch gewann bereits den Nationalen Illustrationspreis 2017 des Dänischen Kulturministeriums, den „Deuleran Prisen“ für das beste dänische Comic des Jahres 2017 und wurde mittlerweile auf Arabisch, Englisch, Französisch, Koreanisch, Türkisch, Schwedisch und Spanisch übersetzt und herausgegeben.

Die Preisflut ist verständlich, denn dieses Album ist nicht nur klasse gezeichnet, sondern entwickelt durch seine im Grunde schlichte Erzählweise eine emotionale Wucht, der man sich schwer entziehen kann. Hornemann und Dürr brauchen nicht viel Text, um den Leser in die Geschichte hineinzuziehen – sie überlassen ihn meist ganz der Sprache der Bilder. Auch die halten sich nicht mit Nebensächlichkeiten auf. Sie sind recht einfach gezeichnet – mit wenigen Strichen und wechselnder monochromer Kolorierung bringt Hornemann die Ereignisse auf den Punkt.

Ein Kind auf der Flucht vor dem Krieg – das ist in unserer Welt inzwischen so alltäglich und tausendfach publiziert, dass man diesem Thema keine neuen Aspekte abgewinnen kann. Aber gerade dadurch, dass hier nichts hinzugedichtet oder künstlich dramatisiert, sondern das, was für uns der pure Horror wäre, relativ emotionslos als selbstverständlicher Alltag dargestellt wird, wirkt dieses Album intensiver als langatmige politische Abhandlungen.

Lars Hornemann, Morten Dürr: Zenobia
100 Seiten, gebunden, 18,- Euro, bahoe, ISBN 978-3-903022-76-8

Primo Levi + Die Stärkeren

ranghiasci-primo-leviZwei neue Alben über die Hölle von Auschwitz bei bahoe-Books: Herbst 1986. Wenige Monate vor seinem Tod traf Primo Levi die Schüler der Volksschule Rignon in Turin. Es war die gleiche Schule, die er als Kind besuchte. So begann die lange Reise des Wissens, in dem der Schriftsteller die Kinder an der Hand nahm und sie ruhig in sein persönliches Drama begleitete und mit sanfter Festigkeit zu erklären versuchte, was der Holocaust war, und wie er es geschafft hat, die Hölle von Auschwitz zu überleben. Fragen über Fragen: Die Schüler öffneten ihre Augen und sahen die schwärzeste Seite der menschlichen Geschichte…

Soweit der Verlagstext. bahoe Books ist ein Verlag in Wien, der vor allem politische Bücher und Graphic Novels publiziert. Sie machen schöne Alben wie Verdad,  manchmal ist der Enthusiasmus über die Wichtigkeit des Themas aber auch größer als die Qualität des Produkts. So wichtig beispielsweise das Thema Faschismus und Auschwitz ist – allein dass es Thema einer Publikation ist, macht sie noch nicht gut. In Primo Levi sind die dünnen Zeichnungen ebenso gewöhnungsbedürftig wie die etwas unbeholfenen Dialoge zwischen den Schülern und dem Vortragendem. Davon abgesehen gibt das Album einen starken Einblick in die industrielle Struktur von Auschwitz und die barbarischen Methoden, mit der die deutschen Faschisten die Menschen behandelt haben. Auch für den Schulunterricht nicht uninteressant.

Alessandro Ranghiasci, Matteo Mastragostino: Primo Levi
128 SW-Seiten, gebunden, 15,- Euro, bahoe, ISBN 978-3-903022-60-7

fatzinek-die-staerkerenDer Wiener Hermann Langbein (1912–1995) kämpfte in den Internationalen Brigaden in Spanien gegen Francos Militärputsch. Nach der Niederlage der spanischen Republik wurde er in Frankreich interniert und 1941 nach Deutschland ausgeliefert. Im KZ Auschwitz gehörte er der Leitung des internationalen Widerstandes an. 1947 schrieb Hermann Langbein Die Stärkeren – Bericht aus Auschwitz und anderen Konzentrationslagern. Während der Lektüre von Die Stärkeren machte sich Thomas Fatzinek Notizen und Skizzen, die er dann als Linolschnitte umsetzte und zu einer graphischen Erzählung verdichtete. Soweit der Verlag.

Wer Linolschnitt-Technik mag, sollte einen Blick in dieses Album werfen. Thomas Fatzinek, in Linz geboren, machte nach einer Lehre als Lithograph seine Diplomprüfung an der Wiener Kunstschule und beteiligte sich seither an mehreren Ausstellungen in Österreich, Deutschland und China. Während Primo Levi eher leise und moralisierend daherkommt, transportiert dieses Album schon allein durch die Linolschnitt-Technik Power und Willen zum Widerstand – verlangt vom Leser aber durch eben diese, oft assoziative Technik auch mehr Bereitschaft zum Mitdenken. Klar wird durch beide Alben nicht nur, wie menschenverachtend Faschismus ist, sondern auch: Wer Vernichtung überleben will, muss sich solidarisch organisieren und bewusst und aktiv dagegen ankämpfen. Wer sich nur als unschuldiges Opfer begreift, geht hoffnungslos unter.

Thomas Fatzinek: Die Stärkeren – Ein Bericht von Hermann Langbein
40 SW-Seiten, gebunden, 10,- Euro, bahoe, ISBN 978-3-903022-49-2