Der Riss

spottorno-der-rissDer Fotograf Carlos Spottorno und der Journalist Guillermo Abril waren für spanische Zeitungen an den Außengrenzen Europas unterwegs. Dort, wo Flüchtlinge versuchen, vor den Kriegen in den afrikanischen und arabischen Ländern zu fliehen, um in Europa Schutz zu finden – u.a. in Melilla, auf dem Mittelmeer, in Griechenland und auf dem Balkan. Und dort, wo die Menschen Angst vor einer Invasion Russlands haben – in den baltischen Staaten im Norden Europas. Überall dort sehen die Autoren Risse im Gefüge der EU – Risse, an denen Europa möglicherweise zerbrechen kann.

Die Reisen fanden zwischen 2013 und 2016 statt, die entsprechenden Reportagen wurden in diversen Zeitschriften veröffentlicht, ein Video der beiden über eine Rettungsaktion im Mittelmeer mit dem World Press Photo Award ausgezeichnet. Am Ende hatten sie rund 25.000 Bilder und 15 Notizbücher und die Idee, alle Reisen und ihre Erfahrungen in einem Band zu sammeln. Ein reiner Fotoband schien ihnen nicht aussagekräftig genug – also wählten sie den Comic als Präsentationsform.

Das ist keine schlechte Idee, und die rein technische Umsetzung ist durchaus interessant. Sie haben die Bilder zunächst so bearbeitet, dass sie entfernt an Zeichnungen erinnern (ohne inhaltlich etwas daran zu ändern), einzelne Motive vergrößert, so dass auch Zoomeffekte aus den Fotos heraus entstehen, und dann ein paar – erfreulich knappe – Texte drüber gelegt.

Leider braucht man für ein solches Projekt auch einen Gesamtzusammenhang, und der ist in diesem Fall äußerst dürftig. Die Migrationswelle im Süden mit den Ängsten der Balten im Norden in Zusammenhang zu bringen schaffen sie nicht wirklich. In einem im Anhang abgedruckten Interview antwortet Spottorno auf die Frage, ob die Menschen in der EU lieber die Augen vor dem verschließen, was an den Grenzen passiert: Nein, ich glaube, die Leute wollen wissen, was passiert, aber die Berichterstattung ist zu verworren. Informationsfetzen ohne Kontext.

Und das ist leider auch eine ziemlich gute Charakterisierung dieses Albums: Informationsfetzen ohne Kontext. Eine Vielzahl – oft starker – Fotos: Flüchtlinge, Soldaten, Zäune, NATO-Draht, militärische Einsatzzentralen. Sie stehen oft isoliert nebeneinander, eine Interaktion zwischen den Bildern gibt es nicht, und ein Zusammenhang zwischen den einzelnen Geschichten erschließt sich auch nicht immer.

Andererseits: Diese Aneinanderreihung vermittelt zwar keine tiefen politischen Zusammenhänge, macht aber die Kriege, die wir an unseren Grenzen faktisch führen, sichtbar. Und damit auch den Preis für den kuscheligen Wohlstand, in dem wir in Europa leben. Carlos Spottorno: Ich habe ganz klar gespürt, wie privilegiert ich bin, zu einem Teil der Welt und einer Gesellschaft zu gehören, in der man sich frei bewegen kann. Und Guillermo Abril: Man spürt, dass die Welt zweigeteilt ist. Entweder man ist drinnen oder man ist draußen.

Carlos Spottorno, Guillermo Abril: Der Riss
184 Seiten , gebunden, 32,- Euro, avant, ISBN: 978-3-945034-65-1
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Wie ich versuchte, ein guter Mensch zu sein

lust-wie-ich-versuchteVerlagstext: Als vor acht Jahren Ulli Lusts autobiographischer Comic Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens erschien, wurde er als Meisterwerk gefeiert und mit zahlreichen internationalen Preisen ausgezeichnet. In ihrem sensationellen neuen Comic, der unmittelbar an den Vorgänger anschließt, erzählt sie die heftige Geschichte einer ménage à trois, einer utopischen Liebe, die in Besitzanspruch und Gewalt umschlägt, eine Geschichte der sexuellen Obsession, der Geschlechterkonflikte und der Selbstbefreiung – ihre Geschichte.

Ganz genau. Und die Art, wie sie ihre Geschichte (weiter)erzählt, ist einfach nur herzerfrischend lebendig. Ich mag ihren Zeichenstil nicht besonders, aber erzählen kann sie prima, und dieses fette 367-Seiten-Werk ist ein echter Pageturner. Nach ihrem Album Flughunde, das den Tod der Goebbels-Kinder im Führerbunker zum Thema hatte, hier also wieder etwas Autobiografisches.

Sie erzählt von ihrer Zeit in Wien. Mit dem Zeichnen klappts nicht so gut, an der Kunstakademie wollen sie sie nicht, und die Kohle kommt auch nicht rein, wie sie sollte. Als sie Georg kennenlernt führt die Beziehung mit ihm bei ihr zu mehr emotionaler Stabilität. Als sie Kim kennenlernt – einen afrikanischen Flüchtling – beginnt sie eine Dreiecksbeziehung. Anfangs ist es nur der Sex, aber dann verliebt sie sich in ihn. Georg hat damit kein Problem – umgekehrt ist es komplizierter. Als Kim sie schließlich bittet, ihn zu heiraten, um eine Aufenthaltsgenehmigung zu bekommen, wird es eng.

Eine junge Frau im Zwiespalt zwischen Lust und Frust, Freiheit und Bindung, Zweier- und Dreiecksbeziehung, europäischer und afrikanischer Kultur. Unterhaltsam, spannend, lebensfroh, süffig zu lesen und irgendwie schade, dass es nach 367 Seiten schon zu Ende ist.

Ulli Lust: Wie ich versuchte, ein guter Mensch zu sein
367 Seiten, monochrom 25,- Euro, suhrkamp, ISBN: 978-3-518-46813-5
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Liebe deinen Nächsten

eickmeyer-liebe-deinen-naechsten

In diesem Album berichten Peter Eickmeyer und Gaby von Bostel von einem Rettungseinsatz im Mittelmeer. Drei Wochen waren sie an Bord des von SOS Méditerranée gecharterten Rettungsschiffs Aquarius, das in den internationalen Gewässern vor der libyschen Küste kreuzt und mit anderen Schiffen hilfsbedürftige Flüchtlinge aufnimmt. Koordiniert werden die Schiffe vom Maritime Rescue Coordination Center in Rom.

Die Arbeit an Bord wird von drei unterschiedlichen Teams geleistet. Das nautisch-technische Team steuert das Schiff. Das Rettungsteam muss dafür sorgen, dass die Flüchtlinge beim Umsteigen von ihren Schlauchbooten in die Rettungsboote nicht kentern. Und das Team von Ärzte ohne Grenzen leistet an Bord Erste Hilfe und versorgt die Verletzten. Die Team-Mitglieder kommen aus gut zwei Dutzend verschiedenen Ländern. Bis zu 500 Flüchtlinge kann die Aquarius aufnehmen.

Es ist ein informatives Album, das zeigt, dass das Umsteigen der Flüchtlinge nicht in 10 Minuten erledigt ist, sondern bei gut 100 Personen durchaus auch mal drei Stunden dauern kann – nachts noch länger. Van Borstel lässt zwischendurch einzelne Flüchtlinge zu Wort kommen, Eickmeyer porträtiert sie in gewohnt starken, großformatigen Bildern. Erfreulich, dass Splitter diesen Band im Gegensatz zum vorigen nicht in dem kleinen Book-, sondern in Albenformat publiziert hat. Da hat man mehr von Eickmeyers  Arbeiten.

Allerdings gilt auch für diesen Band, was schon für ihr Projekt Im Westen nichts Neues galt: Eine Graphic Novel ist das nicht – eher eine Art Bildband mit darüber gelegten Textkästchen. Wobei dieses Album eine Art Zwitter geworden ist: In der ersten Hälfte versucht Eickmeyer sich noch an einer klassischen Panelstruktur, die er in der zweiten Hälfte zugunsten von ganzseitigen Bildern komplett aufgibt. Glücklicherweise, muss man sagen, denn: Malen, das kann er. Comics zeichnen eher nicht.

Peter Eickmeyer, Gaby von Borstel: Liebe deinen Nächsten
Auf Rettungsfahrt im Mittelmeer an Bord der Aquarius
128 Seiten, gebunden, 24,80 Euro, Splitter, ISBN: 978-3-95839-415-5
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